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‚Ciudad Perdida‘ – Tag 4 – Es wird einfacher

Sa., 22.Jul.17, Kolumbien/Sierra Nevada de Santa Marta, Tag 1148, 11.850 sm von HH

Noch im Dunkeln wache ich auf.
In Camp 3 gibt es keine Notbeleuchtung für den Weg zur Toilette. Es ist stockfinster.
Neben mir schläft ein junger Mann aus Kolumbien in ‚Björn Borg‘ Unterwäsche. :lol:
Achim hat das Bett über mir.

Gegen Morgen verebbt langsam das Froschkonzert, was uns die gesamte Nacht unterhalten hat. Glühwürmchen leuchten in den Büschen. Der nahe Fluss donnert mit Getöse vorbei.

Frösche - selten zu sehen, ständig zu hören

Frösche – selten zu sehen, ständig zu hören

 

Die Klamotten vom Vortag sind noch nass. Das letzte trockene Shirt muss her.
Mein einziger BH riecht wie der einer anderen Frau. Einer sehr bösen, alten Frau.

 

Gestern Abend konnten sich die Gruppen-Mitglieder entscheiden, wer die Tour nach vier Tagen beenden möchte. Achim und ich bleiben bei fünf Tagen. Beschert uns das heute einen freien Nachmittag. Für mich klingt das wie die Vorhalle zum Himmel.

Alle anderen gehen den harten Weg.
Außer den jungen Australier Simon und Sonja. Die allerdings bleiben nur, weil sie keine Unterkunft in Santa Marta haben und der Preis für vier oder fünf Tage Wanderung identisch ist. Und natürlich die Oma. Die ist kaputt gespielt und reitet auf dem Muli die Tour zu Ende.

Auf meine eitrige Blase kommt ein ’normales‘ Pflaster, das Ciser versucht mit Tape zu sichern. Ob es hält? Ich werde sehen. Erneut müssen wir durch Flüsse waten.

Start, wie immer, um 6:00 Uhr. Die beste Zeit des Tages.
Wir sind vielleicht noch auf 600 Höhenmeter. Um 9:00 Uhr wird es heiß.

Die Aussicht bereits mittags am Ziel zu sein, bringt Schwung in meine müden Beine.
Natürlich bin ich trotzdem das Schlusslicht (mit der Alten hinten war das irgendwie besser).
Die Hacke schmerzt. Ich komme einer weiteren Lebenslüge auf die Spur – Ausdauerläufer, die behaupten: „Nach einer Weile spürst Du den Schmerz gar nicht mehr“.
Blödsinn. Es zwickt vom ersten bis zum letzten Meter.

Rechtzeitig zum Mittagessen erreichen wir das Camp der ersten Nacht.
Die ‚anderen‘ sind schon weiter. Begleitet von Ciser. Unglaublich, er kommt noch vor der Dunkelheit zu uns zurück. Mal eben 14 Kilometer am Nachmittag abgespult. :shock:

Bei Sonnenschein sieht das Camp gleich viel freundlicher aus. Ein fauler, erholsamer Nachmittag für uns. Das Leben ist doch noch schön.

‚Ciudad Perdida‘ – Tag 3 – Die Stufen

Fr., 21.Jul.17, Kolumbien/Verlorene Stadt, Tag 1147, 11.850 sm von HH

Eng in meine fragwürdige Bettdecke gekuschelt :shock: wache ich um kurz vor 5:00 Uhr auf.
Es ist frisch auf tausend Meter.
Menschen rufen und laufen vor meiner Nase herum, die Nacht ist zu Ende. Das Camp ist proppe voll. Zu voll. Es gibt keine Ablagemöglichkeiten für Rücksäcke und persönliche Sachen.
Die Stockbetten stehen eng in zwei Reihen. Dann nur vier Toiletten und drei Duschen für zu viele Gäste. Das Camp verliert deutlich hinter Nummer eins.

Es sind täglich 50 Touristen für den Treck zur ‚verlorenen Stadt‘ zugelassen – da scheint man sich leider nicht dran zu halten.

Um 6:00 Uhr geht es mit der Lauferei los.
Für meine Blase habe ich einen edlen Blasenpflaster-Spender gefunden. Das bringt echte Linderung als wir aufbrechen.

Anderthalb Stunden machbarer Weg bis zur breitesten Flussquerung der Tour.
Es sieht harmlos aus, aber die Strömung drückt ordentlich. Für meine trockenen Shorts, wie ein Augapfel vor Feuchtigkeit beschützt, ist der Tag hier zu Ende. Das Wasser reicht mir bis zum Hintern. Wieder alles nass.

Dann stehen wir unvermittelt vor der Treppe. Also vor der! Treppe.

1.200 Stufen. Nur 300 weniger als das Empire State Building vorzuweisen hat. Niemand käme dort auf die Idee nicht den Fahrstuhl zu benutzen.

Vor über tausend Jahren bauten die Tairona mitten in den Urwald dieses Monster. Überwiegend sind es schmale Stufen, häufig muss man quer laufen. Steil ist es fast überall.
Es gibt Stellen, da kann man zur Seite treten, um für Eilige Platz zu machen. Oder einfach nur um Atmen zu können und einen Kreislauf-Kasper zu verhindern.

Es ist voll auf der Treppe. Alle Gruppen sind gleichzeitig im Camp aufgebrochen.

Eins haben die Tairona leider vergessen: Schilder. „Ab hier noch 300 Stufen…“
Ich stoppe den Guide einer anderen Gruppe und frage, ob wir wohl schon in der Mitte seien.
Er schaut mich entgeistert an. Er zeigt mir seinen Zeigefinger und zwinkert mir zu: „No, no, Du bist schon hier“, und tippt auf seinen Fingernagel.
Erleichterung. Fünf Minuten später bin ich oben.

Zunächst nur am ehemaligen Marktplatz. Bis hierhin durften früher Besucher der Stadt gehen, um Waren zu tauschen. In die Oberstadt war Zutritt verboten. Es geht nochmals dreihundert Meter höher. Neben der Haupttreppe gibt es noch unzählige Nebentreppen, Seitentreppen, Randtreppen und sinnlose Treppen.

Überall sind runde Terrassen errichtet.
Diese waren früher bebaut mit Hütten im Stil der Kogi-Hütten. Unterhalb der Hütten begrub man seine Toten. Diese Gräber sind längst geräubert. Ein paar wenige Fundstücke sind in den Museen von Bogota und Santa Marta. Zweihundert solcher Terrassen befinden sich in der ‚Verlorenen Stadt‘. 2000 bis 8000 Menschen sollen hier gelebt haben.

Und dann liegt er vor uns, der heilige Platz. Der noch heute von den Kogi für Zeremonien im Sinne alten Traditionen verwendet wird. Ein Schamane mit seiner Frau wohnt dauerhaft in der Stadt.

Wunderschön. Sicher nicht zuletzt wegen der großen Strapazen, die dieser Aussicht voraus gegangen sind. ;-) Läge die ‚Ciudad Perdida‘ eben um die Ecke, wäre der Anblick sicherlich nicht halb so wertvoll. So versinkt man in einem wonnigen Genuss in dieser Aussicht.

die Verlorene Stadt

die Verlorene Stadt

Ciudad Perdida

Ciudad Perdida

Wir haben zwei Stunden Zeit uns zu ergötzen, zu erholen und die angebotenen Süßigkeiten von Ciser zu verputzen. Dann mahnt dieser zum Aufbruch.

Vor uns liegen, ich mag es gar nicht dran denken, noch sechs Stunden Fußmarsch.

Der Rückweg führt an weiteren Terrassen und Treppchen vorbei. Alles genau mein Ding, Moos und Mini-Farn in allen Ritzen. Überwucherte Steine, alles frisch, alles grün. Hier und da ein Coca Strauch (verflixt und zugenäht, ich komm nicht unbeobachtet zum Ernten :-) ), wilder Koriander und Bäume mit Saft zum Färben von Stoffen.

Jetzt nur eben flink die Stufen runter gewieselt, den Fluss durchquert (toll, die Büx war grad wieder trocken), ein, wie immer gutes, Mittagessen im Übernachtungscamp und dann nicht faul, los, los, auf zum dritten Camp.

Schnell falle ich zurück. Achim mault.
Er mag es nicht, dass er zu Ciser und der Hauptgruppe den Anschluss verliert. Hinter uns ist schon lange keiner mehr. Die Oma ist nicht zu sehen.
Wir vermuten, dass sie sich ein Maultier organisiert hat. Für Verletzte und Abbrecher stehen ein paar Tiere zur Verfügung, die man mieten kann.

Ich biete Achim an, dass er gerne vorlaufen kann. Der Weg ist nicht zu verfehlen, verlaufen kann man sich nicht und in drei Tagen haben wir noch kein Tier gesehen, was einem Angst einjagen könnte. Er lehnt ab.

Mit seinen Dreimeilen-Schritten eilt er voraus. Ich bin dann für zehn Minuten allein bis er wieder in Sicht kommt, weil er wartet. Sobald ich knapp in Sprechweite an ihn heran bin, läuft er wieder los.
Na, toll. Wie die Möhre, die einem vor die Nase gehalten wird und die man nicht erreicht.

Achim mahnt zur Eile. Ohne die Schrittmacher-Oma bin ich wahrscheinlich wirklich langsamer als gestern. „Wer hatte die Idee mit dieser Wanderung?“
Na, toll. Schön, wenn man einen Schuldigen gefunden hat. ;-)

Um 16:00 Uhr fängt es zu nieseln an. Der Regen, der vor zwei Tagen noch von Gott gegeben hingenommen wurde, geht jetzt ebenfalls auf mein Konto.
Na, toll.

Den Killer-Anstieg von gestern geht es nun runter.
Das Abbremsen beißt in die Oberschenkel. Meine Blase sticht bei jedem Schritt in die Hacke. Für Blattschneider-Ameisen, die den Weg kreuzen wird schon lange nicht mehr gebremst. Sorry, Jungs.

Wir stapfen durch den Regen. Achim ist jetzt dauerhaft bei mir. Wir kennen zwar die Strecke vom Hinweg, haben trotzdem kein Gefühl, wie weit es noch sein könnte. Achim mahnt wieder zur Eile. Ich gebe alles.

Da kommt von vorne der Ruf: „Camp in Sicht!“ Süße Worte. Verlockung, Verheißung. Endlich sitzen, die Füße hoch, eine Dusche. Ein Kaltgetränk.
Fehlalarm. :evil: Ein paar Hütten im Rohbau haben Achim diesen Streich gespielt.

Eine halbe Stunde später ist es dann aber wirklich soweit. Himmelblaue Betten erwarten uns.

Himmelblaue Leoparden-Versuchung

Himmelblaue Leoparden-Versuchung

 

Ich bin nicht ganz so erschossen wie gestern, schaffe eine kalte Dusche und gepflegte Konversation beim Abendessen. Bis um 19:30 Uhr, dann ist die Luft raus, ich sinke in meinen blauen Traum.
Meine Blase sieht arg aus. Der Kleber vom Pflaster und Fasern der Socken haben sich vereinigt zu einer homogenen Masse und sich in die wässrige Wunde gearbeitet.

‚Ciudad Perdida‘ – Tag 2 – Die Hölle

Do., 20.Jul.17, Kolumbien/Sierra Nevada de Santa Marta, Tag 1146, 11.850 sm von HH

„Du willst aus Deiner Komfort-Zone raus?“, lautet der Werbeslogan unseres Touren-Veranstalters.

Ich bin raus.

Das erste Mal morgens um 5:30 Uhr.
Ich steige in meine nassen Klamotten vom Vortag. Das Shirt klebt kalt auf der Haut.
Meine Latzhose, die seit 20 Jahren alle Säuberungs-Aktionen des Kleiderschranks überlebt hat, erweist sich als Glücksgriff. Weit und blubberig hängt sie an mir runter, kaum Körperkontakt.

Allen anderen geht es nicht besser. Keiner hat frische Klamotten für jeden Tag dabei. Das Zeug muss am Körper trocknen.

Um 6:00 Uhr brechen wir auf.
Die meisten Teilnehmer dieser Tour sind kaum 25 Jahre alt. Studenten, Backpacker aus der ganzen Welt. Unsere Gruppe ist ebenso bunt gemischt: Engländer, Franzosen, ein Mädchen aus Guadeloupe, Australier und Kolumbianer.
Alles faltenfreie Gesichter. Nur eine Frau sieht älter aus als ich. Von mir bekommen sie und ihr Mann den Zusatz „Oma und Opa“. ;-)

Die Sonne geht grade auf. Der Nebel steht noch in den Bergen. Wunderschön.
Die steifen Knochen wärmen schnell auf, die Klamotten haben Körpertemperatur.
Meine kleine Blase am linken Hacken wurde von Ciser mit Tape behandelt, das Frühstück (Eier, Toast und Berge an Früchten) war gut. Hello world!

Die Freude über leichte Wege währt nicht lange.
Bald erreichen wir wieder Modder-Strecken. Am Rand vom knietiefen Matsch gibt es meistens eine kleine Spur auf der man laufen kann. Lianen und Wurzeln werden zum Festhalten genutzt. Ciser hatte uns gewarnt: „Viele Pflanzen haben gifte Stacheln, nässelnde Blätter, es gibt unangenehme Tiere. Achtet drauf, wo ihr hin fasst.“

Das macht schon längst keiner mehr. Alles wird gegriffen, was greifbar ist. Ob sich die Liane als Schlange entpuppt, egal, Hauptsache nicht in den Matsch rutschen. Niemand möchte die Schuhe voll Schlick haben.
Diese Art der Fortbewegung ist unfassbar mühsam. Ab 9:00 Uhr kann ich mein eigenes T-Shirt riechen. :mrgreen:

ohne Worte

ohne Worte

Nach zwei Stunden wird der Weg trockener. Mal bergauf, mal bergab.
Das erste Mal sind kleine Flüsse zu durchqueren. Was nach großem Abenteuer klingt oder zumindest romantisch, ist beim dritten Mal einfach nur lästig: Schuhe aus, durch den Fluss waten, wie bekommt man jetzt die Füße trocken und sandfrei?, und Schuhe wieder an.

Mein Tape von der Blase hat sich gelöst, Pflaster hält nicht, die Blase wächst und ist zunehmend spürbar.

Wir kommen an einem Kogi-Dorf vorbei.
Die Menschen leben in ihren traditionellen Hütten streng nach Geschlechter getrennt. Die Frauen mit den Töchtern in einer Hütte, die Männer mit den Söhnen daneben. Die Kinder sollen frei von Sexualität aufwachsen. Zum Sex geht ein Paar in den Wald.

Die Kogi tragen alle weiße Kleidung. Die wohl unpraktischste Farbe hier im Busch wo alles nass, matschig und vermoost ist. Die Kinder sind ein gutes Beispiel für die schlechte Farbwahl. :lol:

Jungs und Mädchen tragen das gleiche Kleid und die gleichen langen Haare. Sie sind nur an der Perlenkette und dem unvermeidlichen ‚Mochila‘, der Umhängetasche der Kogis zu unterscheiden.
Zartgliedrige, kleine Menschen sind die Kogis mit einem ganz besonderen Gesichts-Ausdruck. Wir werden weitestgehend von ihnen ignoriert. Nur die Kogis, die für den Treck arbeiten, grüßen uns, die anderen schweigen.

Nach fünfeinhalb Stunden erreichen wir um 11:30 Uhr das Camp fürs Mittagessen. Nach meinem Empfinden bin ich für heute genug gelaufen, könnte gut hier für den Rest des Tages verweilen.

Aber nach einer Stunde geht es bereits weiter, Ciser treibt zur Eile, er erwartet am Nachmittag wieder Regen. Er hetzt uns auf die Piste, nicht ohne uns vorher wissen zu lassen, dass der schlimmste Abschnitt der gesamten Strecke jetzt vor uns liegen würde.

Ich falle nun häufig zurück. Es geht brutal bergauf, steil, schlechte Wege, Geröll, Steine und hohe Stufen machen mir das Leben schwer.
Nur ‚Oma und Opa‘ sind noch hinter mir.

Achim, die alte Raucherlunge, hetzt mit den Jungen vorne weg.
Dann fällt ihm ein, dass er ja noch eine Frau hat, wartet auf mich, hilft zeitweise charmant :shock: über schwierige Stein-Kombinationen an Bächen.
„So langsam wie Du kann ich nicht“, und ist im Wald verschwunden.

Ich kämpfe mich vorwärts.
Mag schon längst nicht mehr: „Ich bin ein Star, holt mich hier raaaaauuuusss…“

Achim ist jetzt immer länger verschwunden, ich stapfe weiter.
Jetzt bloß aufpassen! Die Oma rückt näher.
Sie wird zu meinem Schrittmacher. Wäre ja noch schöner.
An Bächen und abwärts bin ich schneller als sie…bergauf holt sie regelmäßig auf.
Ich lege einen Zahn zu. Zeitweise kommt sie gefährlich nah, dann kann ich ‚Nase hoch ziehen‘ hören. Nervig. Ich leg ein Brikett nach.

Die Oma fällt zurück. :-)

Noch zwei Stunden

Noch zwei Stunden

zu laufen

zu laufen

 

Um 17:00 Uhr dann die Erlösung, das Camp taucht zwischen den Bäumen auf.

Ich bin total fertig, im Arsch, kaputt. Am Ende meiner Kraft.
Zur Dusche schaffe ich es nicht mehr. Die lange Unterhose ziehe ich einfach über meine Schlammbeine, wanke so zum Abendessen und sinke um 18:30 Uhr tot ins Bett.

 

‚Ciudad Perdida‘ – Tag 1 – Ein garstiger Anfang

Mi., 19.Jul.17, Kolumbien/Sierra Nevada de Santa Marta, Tag 1145, 11.850 sm von HH

Ich liege in meinem Bett-Stall und lausche auf die Geräusche.
Um 20:00 Uhr ist bereits Ruhe im Camp. Alle sind fertig. Hier noch ein paar französische Worte, dort noch ein spanisches Kichern.

In zwei Etagen liegen wir in einer Art Legebatterie dicht neben einander. Nur getrennt durch zwei Schichten Moskito-Netze. Das muss an Privatsphäre reichen.

Bett-Ställe

Bett-Ställe

 

Die Decken vor denen ich so viel Grausen hatte, entpuppen sich als ‚machbar‘. Matratze und Kopfkissen sind bezogen. Wirken allerdings benutzt. Die Decke ist ein bunter Mikrofaser-Lappen.
Meine Anti-Ekel-Strategie sind lange Unterhosen und ein Shirt mit langen Ärmeln. Das wird sowieso empfohlen wegen der Moskitos. Um das Kopfkissen wickel ich ein Tuch. Das habe ich vorsorglich eingepackt, da eine aufmerksame Segel-Freundin meinte: „Bett-Wanzen bevorzugen die weiche Haut am Hals.“ :mrgreen: Danke dafür.

Hätte ich man mehr Angst vor der Strecke gehabt als vor benutzter Bettwäsche. Der als harmlos geltende erste Tag ist, ich formuliere mit Bedacht, ist beschwerlich. :lol:

Vier Stunden für sieben Kilometer liegen vor uns. Wir sind eine Truppe von dreizehn Personen plus Ciser unserem Guide vorne weg, und Carlos, dem Guide, der hinten aufpasst, dass keiner verloren geht.

Es fängt leicht an. Meistens bergauf, etwas bergab, mal ebene Strecke, gute Wege. Mein Stock, den ich mir gegriffen habe (von Rückkehreren im Start-Camp zurück gelassen), wird von Achim milde belächelt: „Ist der nicht lästig?“

Nach drei Stunden sind wir auf 600 Höhenmetern angekommen. Durchgeschwitzt, aber noch fähig zu lächeln und zu atmen. Eine kleine Pause mit Wassermelone als Snack wird dankbar angenommen.

Sierra Nevada de Santa Marta

Sierra Nevada de Santa Marta

 

Es zieht dunkel auf. Noch eine Stunde zu laufen. Nur bergab. Wieder runter auf 400 Meter. Zehn Minuten später regnet es. Erst Landregen, dann Tropenregen.

Es gibt zwei Fraktionen in unserer Gruppe: die mit und die ohne Regenjacke. Am Ende macht es keinen Unterschied. Wer eine Regenjacke anhat, schwitzt so sehr, dass er genauso nass wird wie die ohne.
Wir gehören zu denen ohne Jacke. In den Rucksäcken ist alles wasserdicht verpackt, da kann nichts passieren.

Der Weg weicht schnell auf und wird glitschig.
Achim äugt neidisch auf meinen Stock.
Der Weg wird steiler.
Kleine Rinnsale machen aus dem Glitsch zentimeterdicken Modder.
Achim sucht in den Büschen nach einem Stock.

Der Weg weicht auf zu knöcheltiefen Morast. Jetzt bloß nicht ausrutschen. Wir kommen nur mühsam voran. Die Schuhe saugen sich im Matsch fest. Gut für den, der einen Stock hat.
Von oben der Regen, von unten der Schweiß. Wir schwitzen alle wie die Schweine, dampfen im Regen.

Achim findet einen Knüppel mit seitlichen Ästen dran, viel zu dick und ungeeignet. Egal, ohne Stock kommt man nicht mehr voran.

Der Weg wird noch steiler. Knietief ausgewaschene Rinnen.
Die ersten rutschen weg. :shock: Landen mit Hintern und Rucksack im Modder. die gesamte Kehrseite ist Lehm verschmiert.

Der rote Matsch droht von oben in die Schuhe zu quellen.
Eine gehbare Strecke zu finden, wird immer schwieriger. Ciser hilft wo er kann, zeigt bessere Wege.

Nach zwei mühsamen Stunden erreichen wir das Camp.
Nass bis auf die Unterwäsche. Kaputt und ausgepowert. Ein kräftiges Abendessen weckt die Lebensgeister, eine kalte Dusche erfrischt.

Das erste Mal, dass wir Zeit haben, die Mitglieder in der Gruppe näher kennen zu lernen.
Die lehmverschmierte Unterwäsche derer, die gerutscht sind, kennt man bereits. Die hängt zum Trocknen zwischen Esstisch und Bett.
Eine sinnlose Maßnahme. Dass hier nichts trocknen wird, erkennt jeder.

Um 20:00 Uhr ist Ruhe im Camp. Ich liege in meinem Stall und lausche dem Regen auf dem Wellblechdach.
Morgen erwartet uns der härteste Tag: fünfzehn Kilometer Marsch, geplant sind neun Stunden.

Hätte ich mir man Sorgen um die Strecke gemacht.

Trekking zur ‚Ciudad Perdida‘

Di., 18.Jul.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1144, 11.850 sm von HH

Morgen geht es ans Eingemachte.
Unser ‚Backpacking‘ in Mexiko war eine Kindergarten-Vorstellung gegen das, was kommt.
Im Grunde haben wir ja nur unseren Rucksack vom Hotel zum Bus getragen.
Jetzt erwartet uns ein anderes Kaliber.

Wir wollen zur ‚Ciudad Perdida‘ – zur ‚Verlorenen Stadt‘.

Erst 1975 wieder entdeckt, ist sie eine der größten präkolumbischen Stätten Südamerikas.
Vor über tausend Jahren von den Tairona errichtet, ist die Stadt in Vergessenheit geraten bis Grabräuber sie überwuchert in der Sierra Nevada entdeckten und plünderten.

Vor ein paar Jahren konnte man als Tourist mit dem Hubschrauber dorthin gelangen.
Den Kogi ist die ‚verlorene Stadt‘ heilig und so wurden Hubschrauber-Landungen eingestellt.

Heute ist sie nur zu Fuß zu erreichen. Über einen knapp 25 km langen Treck (und das gleiche zurück) durch den kolumbianischen Utwald.
Der Weg führt über steile Dschungelpfade, es gilt mehrfach Flüsse zu durchqueren und sich auf 1.200 Höhenmeter vorwärts zu arbeiten.
Am Ende sind noch über tausend Stufen zur ‚verlorenen Stadt‘ zu überwinden.

Ohne Handy Empfang, kein Internet, kein Strom.

Der Track gilt als mittelschwer und die häufigsten Beschreibungen lauten: „Du willst aus deiner Komfort-Zone raus…? Nichts, wirklich nichts bleibt trocken. Unglaublich anstrengend. Es gibt Millionen Mücken und zeitweise Bettwanzen.“ :shock:

Wir haben die Wahl zwischen vier oder fünf Tage Wanderung.
Wir entscheiden uns für den fünf-Tage-Track. Vor dreizehn Jahren wurden hier noch Touristen entführt, heute gilt der Weg als sicher. Mit der Farc gibt es ein Friedens-Abkommen und der Coca-Anbau hat sich in den Westen Kolumbiens verlagert.

Übernachtet wird in Hängematten oder in Gemeinschafts-Unterkünften in Stockbetten.
Nachts wird es kühl in den Bergen, aber es soll ‚Decken‘ geben.
Noch angewärmt vom Vorschläfer oder wie muss ich mir das vorstellen? Ein Laken oder Leinen-Schlafsack wird empfohlen.

Um die Verpflegung brauchen wir uns keine Gedanken machen, die wird von Eseln in den Urwald getragen. Für den ersten (halben) Wander-Tag muss man sein Trinkwasser mitbringen. Alle weiteren Tage wird durch ‚Pillen‘ Regenwasser trinkbar gemacht.

Nur :lol: seine persönlichen Sachen muss man selber schleppen: Klamotten, Waschzeug, Handtuch, Toilettenpapier, Taschenlampe und Fotoapparat.

Wie viel kann eine durchschnittlich fitte Mittel-Europäerin tragen?
Bei 30 Grad Hitze und 98% Luftfeuchtigkeit?
Ohne nach zwei Stunden nach einem Sauerstoff-Zelt zu verlangen?

Empfohlen wird nicht mehr als 10 kg mitzunehmen.
Für mich ist das zu viel. Viel zu viel.
Mein erster Stapel, den ich zusammen stelle, wiegt 7 kg. :shock:
Zu viel!

Ich handel mit Achim aus, dass er unser Waschzeug (total albern: Zahnbürsten, Shampoo, Deo und eine Haarbürste), das Mückenspray, Pflaster und Durchfall-Pillen alleine trägt.
Dann mogel ich ihm noch ein Handtuch unter – das hat zur Folge, dass er neun Kilo, inklusive drei Kilo Wasser, tragen muss.
Und ich verzichte auf frische T-Shirts für jeden Tag. Es stinken wahrscheinlich sowieso alle ab Tag zwei.

Auf ein Betttuch muss ich ebenfalls verzichten. Das ist schlimm, ekel ich mich doch in Hotel-Zimmern schon vor den Tagesdecken zu Tode.
Am Ende schaffe ich es auf 5,5 kg inklusive anderthalb Liter Wasser.

Den Kogi-Indianern ist es traditionell noch erlaubt Coca Blätter zu kauen. Vielleicht kann ich einem der Jungs (nur die Männer dürfen kauen) ein paar abschwatzen.
Gilt Coca Blätter kauen doch als Leistung steigernd. Nicht umsonst kaut die indigene Berg-Welt Südamerikas das Kraut.

Vorsichtshalber habe ich mir die Wuchs- und Blattform von Erythroxylum coca – dem Coca-Strauch eingeprägt. Nicht, dass man an seinem Glück noch planlos vorbei läuft. :mrgreen:

Ich melde uns mal ab für die nächsten fünf Tage.