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Tag 1 und 2 – Auf nach Panama

Sa./So., 25./26.Nov.17, Karibisches Meer, Tag 1274/5, 12.007 sm von HH
Jetzt haben wir so lange auf unser Wetterfenster gewartet und werden belohnt. Eine Briese zwischen 12 und 18 Knoten (Windstärke 4 bis 5 – so wie es jeder Segler am liebsten hat) bringt uns die ersten 30 Stunden nach Westen. Direkt auf Kurs gehen, dürfen wir am Anfang nicht, dann geraten wir in ein Windloch, wie es gerne vor der Küste von Panama entsteht. Wir kommen gut voran. Kaum Welle, kein Geschüttel im Schiff. Nichts klappert und ich kann bereits am ersten Abend kochen.
Ich glaube, wir sind während unserer langen Liegezeit weich geworden: Segeln ist schön. :lol: Zur Nacht – an Tag zwei – ändern wir den Kurs auf 240 Grad. Der Wind kommt jetzt genau von achtern. Unsere große Genua ist ausgebaumt und zieht uns mit sechs Knoten vorwärts. Jetzt rollt es etwas, aber absolut gut auszuhalten.
Kleine Regenschauer verderben den Spaß. Die haben zum Glück nicht viel Wind oder gar Winddreher als Geschenk dabei.
Noch 120 Seemeilen to go. So soll es sein, so kann es bleiben.

Tag 6-Santa Marta- Segel Drückeberger

Sa., 01.Jul.17, Karibisches Meer, Tag 1127, 11.770 sm von HH
Die Ereignisse überschlagen sich. Ich beginne mit meinem persönlichen Waterloo. Ein Freiflug quer durchs Schiff. Von der Pantry bis in die Navi-Ecke. Dort bremst mich Achims Bein aus, sonst wäre ich mit dem Kopf noch aufs Holz geknallt. So ist nur das Steißbein hässlich geprellt. Sitzen ist nicht mehr so toll. Der weise Spruch ‚eine Hand fürs Schiff‘ war beim Abwasch in Vergessenheit geraten. Zum Glück hatte ich nicht noch das Kartoffelschäl-Messer in der Hand, sonst wird man bei solch einem Flug leicht zur Gatten-Mörderin. :mrgreen: Der Tag beginnt, nach der tutti Nacht, mit Flaute. Schon wieder. Ein Hauch von Wind zwingt uns den Jockel anzuschmeißen. Das hält elf Stunden bis zum Nachmittag an. Das Meer liegt glatt vor uns als jemand die Windmaschine anwirft. Innerhalb einer Stunde erst Segel setzten, dann Segel 1. Reff, Segel 2.Reff, Segel 3. Reff. 15 Knoten Wind, dann 20. Zwei Meter Welle stehen auch gleich zur Seite, um zu helfen, es ungemütlich zu machen. Es wird dunkel, wir gehen so in die Nacht. Meine Wache bis 2:00 Uhr ist noch ganz okay. Achim bekommt es dann dick: dauerhaft 25 Knoten, Boen wieder deutlich in den 30ern. Windrichtung 70 Grad, genau da wollen wir hin.
Um 6:00 Uhr, als er mich weckt, sind wir in der Nacht 34 Seemeilen gesegelt und haben 4 (in Worten vier) Meilen in die richtige Richtung gut gemacht. Es ist zum Heulen. Der aktuelle Wetterbericht legt noch einen drauf: der Wind wird zunehmen.
Irgendwann ist mal Schluss. Wir wissen wie Material und Menschen fressend noch mehr Wind sein kann. Wir brauchen einen Plan B. Mit dem Wind ablaufen und zurück segeln kommt nicht in Frage. Aber im Nord-Osten ist das Land nicht weit. Zum Greifen nah. Eine Ankerbucht nur 37 Meilen entfernt. Das klingt verlockend. Das klingt nach dem Paradies. Allerdings bedeutet dies, Segel runter und bei 25 Knoten genau gegen den Wind diese Meilen zu motoren. Wir brauchen fünf Minuten und die Entscheidung ist getroffen. Man darf uns gerne Segel-Drückeber schipfen. Ein Zuckerschlecken wird motoren ebenfalls nicht, aber es ist ein Leiden mit Ende. In zehn, zwölf Stunden sollte das abgearbeitet sein. Die Süd-Ost Strömung, die verhindert hat, dass wir heute Nacht voran gekommen sind, wird uns helfen. Wir nehmen Kurs.
Die ersten zwei Stunden läuft es gut. Der Autopilot kommt gut mit den Wellen klar. Dann nimmt der Wind zu, die Wellen werden höher, wir werden aus dem Ruder geworfen und auf den alten Kurs zurück zu gehen, schafft unser Autopilot nicht. Wir müssen per Hand Ruder gehen. Das ist etwas, was man auch im Stehen machen kann, also muss das Crew-Mitglied mit Sitzfleisch-Problemen ran. :mrgreen:
Atanga macht einen guten Job. Die meisten Wellen durchschneidet sie butterweich. Der Wind legt einen drauf, die Wellen auch. Spaß macht das nicht. Alle fünfzehn Minuten kommt ein besonderes Exemplar auf uns zu gerollt. Steil. Mit weißem, brechenden Kamm. Drei Meter hoch, vielleicht vier. Wie im Film ‚der Sturm‘ steigt Atanga die Welle hoch. Der Bug steht in der Luft. Zwei, drei Meter hängen über dem Wellen-Kamm. Wir scheinen einen Moment schwerelos zu verharren. Dann kommt der Bauchklatscher. Mit einem lauten Knall fallen wir ins Wellental. Die Gischt spritzt Meter hoch. Wir werden auf einen Knoten Speed ausgebremst. Nach sechs Stunden wird es ruhiger. Der Autopilot kann wieder ran. Die Landabdeckung drückt die Wellen auf anderthalb Meter runter. Alles wird erträglicher. Land kommt in Sicht. Jetzt ist es 17:00 Uhr und wir hoffen noch vor dem Dunkelwerden unsere Bucht zu erreichen.
Rest Meilen nach Ost: 57

Tag 5-Santa Marta- AIS Ausfall

Fr., 30.Jun.17, Karibisches Meer, Tag 1126, 11.683 sm von HH
Negatives? Wir empfangen keine AIS Signale mehr. Wahrscheinlich ein Ausfall der GPS Antenne. Der Plotter arbeitet noch normal. Jetzt bekommt das Wort ‚Nachtwache‘ wieder eine tiefere Bedeutung. Wir selber senden noch ein AIS Signal, aber das ist nur der halbe Spaß. Wie entspannt ist es, wenn man in stockdunkler oder stressiger Nacht nur auf das kleine Dreieck klicken braucht und alle Informationen sofort vor Augen hat: „Tanker Victoria zieht im Abstand von 3,5 Seemeilen in 30 Minuten vorbei.“ Coole Technik. Nur an Hand der Lichter eines Frachters die Entfernung und genauen Kurs abzuschätzen ist schwierig. Letzte Nacht hatten wir drei Nahbegegnungen. Einen Frachter anzurufen, dessen Namen man nicht kennt und dessen Position man nur schätzen kann, wird alles machen, nur nicht antworten. Erst beim dritten, vierten Mal geht, vielleicht, jemand an die Funke.
Das haben wir bislang noch nicht erlebt. Wenn mein ein Schiff beim Namen ruft, ist direkt beim ersten Funkkontakt jemand am Rohr. AIS – für uns unverzichtbar. Die Vorstellung von unbemannten Ozean-Riesen eine Horror-Vorstellung. Eine Roboter-Stimme krächzt ins Mikro: „Ich habe Sie nicht verstanden. Wenn Sie Fragen zu Ihrem Vertrag haben, wählen Sie bitte die zwei.“ :mgreen: Positives? Bevor ich jetzt als Dauer-Nörglerin abgestempelt werde: zu wenig Wind, zu viel Wind, Wind aus der falschen Richtung…die letzten 24 Stunden waren gut. Wir sind durch Strömung zeitweise mit über sieben Knoten in eine brauchbare Richtung vorwärts getrieben worden. Der Wind war zwischen 16 und 20 Knoten gut erträglich. Also, alles tutti.
Und deswegen – sensationell – nur noch Rest Meilen nach Ost: 108

Tag 4-Santa Marta- Sechs, in Böen sieben

Do., 29.Jun.17, Karibisches Meer, Tag 1125, 11.560 sm von HH
Mein schönes Schiff. Mein schönes, sauberes Schiff. Alles ist salzig, glitschig. Gischt fliegt uns um die Ohren, das Deck ist dauergeflutet, welcome back auf Ihrer Glücksreise hoch am Wind. Atanga nickt sich wie eine Erdölpumpe Richtung Süd-Ost. Uns kommen Wellen von drei Metern entgegen, der Wind heult, es rauscht, lärmt und gurgelt.
Meine Seekrankheit ist auch zurück. Die Pantry ist fürs erste wieder gestorben. Der Nudelkoch macht was mit Eiern. Er sagt es als erster: „Schmeckt wie eingeschlafene Füße.“
Wir fahren dreifach gerefft durch die Nacht. Eine Entscheidung von Achim, somit nicht Haussegen gefährdend. ;-) Heftige Böen und dazu Wetterleuchten. Da meint es jemand etwas zu gut mit uns, hatten wir nicht so bestellt.
Wenn wir den Kurs wechseln wollen, schafft Atanga so stark gerefft keine Wenden, wir müssen dann halsen (mit dem Hintern durch den Wind drehen). Dabei kommen wir einen kurzen Moment den Wind von hinten. Was für ein Unterschied. Nichts mehr los worüber es sich lohnen würde auch nur ein Wort zu verlieren.
Wir haben wieder Wasser im Schiff. Der Dorade-Lüfter im Salon drüppelt ein wenig vor sich hin. Das verwundet uns nicht, außer sauber, haben wir mit dem Ding nichts gemacht. Wir haben auf Selbst-Reparatur gebaut. :mrgreen: Der ‚behandelte‘ Lüfter vorne ist trocken. Na, bitte, geht doch. Die neu abgedichteten Püttinge (Beschläge an Deck für die Wanten, die mit dem Rumpf verbolzt sind) sind dicht. Darf man behaupten, 24 Stunden Dauertest sollten als Beweis genügen.
Hurra. Kein Wasser mehr hinter der Backbord Sitzbank. Dafür jetzt hinter der Steuerbord Bank. Ganz neue Erscheinung. Okay, dann bekommen die Püttinge auf dieser Seite die gleiche Behandlung. Mein schönes sauberes Schiff. Good bye Santa Marta.
Warum noch mal Kolumbien? Doch nicht nur, weil eine Entführung kostenlos wäre.
Auf uns warten ‚verlorene‘ Städte, Unesco Städte, Berge fast 6000 Meter hoch, Dschungel und traumhafte Strände. Und die mausgroßen Kakerlaken. Wehe, wenn der Reiseführer lügt.
Rest Meilen nach Ost: 200

Tag 3-Santa Marta- Flauten-Fahrt

Mi., 28.Jun.17, Karibisches Meer, Tag 1124, 11.488 sm von HH
Für den Gebrauch des Motors auf einer Segelyacht gibt es schlimme Begriffe: Flauten-Schieber, Eisen-Genua und mein negativ Favorit, Unterdeck-Genua. Erst nach 18 Stunden können wir den Jockel :lol: wieder ausstellen.
Das Meer liegt platt wie die Alster vor uns. Wir leiten bei grade zehn Knoten Wind mit zwei Knoten Speed vorwärts. Das ist langsam, aber der Motor nervt. Langsam, aber ein Traum. Ein paar Stunden können wir mit 90 Grad unser Ziel ansetzen (ah, unser Wetterfenster :lol: ).
In der Nacht ist dies mystisch. Keine Windgeräusche, keine Gischgeräusche, kein Rauschen. Lautlos ziehen wir ostwärts. Begleitet von fernen Wetterleuchten. Ein Spiel von Licht und Dunkelheit. Eben taucht die Black Perl aus den Fluten. Nein, war nur ein Schatten. ;-) Um Mitternacht nimmt der Wind weiter zu. Die Szenerie wechselt. Wetterleuchten und Gewitter rücken näher. Drohende dunkle Wolken querab. Dahinter tobt eine Elektronenkrieg. Ein Feuerwerk an Explosionen. Grell wird der gesamte Horizont erleuchtet, Lichtexplosionen, wie kurz vorm Weltuntergang. Der Wind bleibt friedlich dabei. Eine furchteinflößende Genußfahrt durch ein Licht-Theater.
Der schwache Wind macht ein normales Leben möglich, ausgiebige Duschen am Heck, aufrechter Gang und die Pantry gehört auch wieder mir. Rest Meilen nach Ost: 260