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Wann wollt ihr durch den Kanal?

Do., 02.Nov.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1251, 11.850 sm von HH

Das ist Thema Nummer eins hier in der Marina.
Gespräche drehen sich nur noch um die ca. 70 km breite Wasser-Strecke zwischen Atlantik und Pazifik. „Wann wollt ihr durch den Kanal?“, kein Segler-Treffen ohne diese Frage.
„Mit Agenten oder ohne?“ „Habt ihr schon Leinenhandler?“
Die Fragen drehen sich im Kreis.

Wir möchten noch in diesem Jahr durch. So unser Plan.
Dafür müssen wir allerdings erst mal nach Panama. Und das ist der kleine Haken.
Die Strecke ist ein häufig windarmes Loch und wir haben nicht viel Lust, die 330 sm zu motoren. Somit sitzen wir in der Marina und warten auf unseren Wind.

In den letzten vier Monaten sind wir fast festgewachsen an unserem Steg.
Es musste einer ins Wasser und Propeller, Welle und Rumpf vom Bewuchs zu befreien. Eine eklige Angelegenheit in Santa Marta. Wenn es regnet, spült eine Menge Dreck in die Marina. Die gesamte Überflutung der Straßen von Santa Marta ergießen sich in den Hafen.
Ich erwarte eigentlich immer, dass ein toter Hund vorbei getrieben kommt.

Achim mag nicht wirklich in die Brühe steigen. Für 100 USD bekommt man zwei Jungs, die den Job übernehmen. Auch fies. Selber mag man es nicht tun, aber andere machen lassen. :shock: Eine Regenpause von einigen Tagen lässt das Wasser ganz passabel aussehen, also geht Achim selber. Zwei leere Tauchflaschen später ist er fertig. Ohne diese Maßnahme wären wir nicht einen Zentimeter voran gekommen. Der Propeller war ein Riff!

Unsere Dicht- und Lackierarbeiten sind abgeschlossen. Ein Ölwechsel ist vollbracht, der Impeller gewechselt und das Rigg ist gecheckt. Wir haben einige Dinge neu organisiert, umgeschichtet, genäht und verändert. Neben den großen Projekten sind viele Kleinigkeiten von uns abgearbeitet worden.

Ich habe eingekocht und das Schiff mit Köstlichkeiten und Notwendigkeiten, wie Shampoo, Zahnbürsten und Klopapier beladen. In Panama soll es zwar auch noch alles geben, aber hier kennen wir uns aus und haben die Zeit, da der Wind auf sich warten lässt.

Du weißt, dass Du auf einem Segelboot und in den Tropen lebst, wenn WD40 Dein bester Freund ist. Nieten in den Schuhen, Reißverschlüsse am Rucksack und die Wirbel an den Gitarren. Es gibt nichts, was nicht oxidiert.
Sogar unsere schöne Nähmaschine war am Aufblühen. :cry:

Die Marina füllt sich. Vor ein paar Wochen lagen wir hier noch alleine mit zwei Handvoll Schiffen. Jetzt kommen täglich neue Segler. Die meisten haben das gleiche Ziel wie wir: „Wann wollt ihr noch mal durch den Kanal?“

In Panama haben wir noch einen Termin, um Atanga aus dem Wasser zu nehmen. Nur zum Antifouling streichen, mehr steht nicht auf dem Programm.
In Santa Marta gibt es zwar auch einen Kran, aber den Yard können wir nicht empfehlen. Es fehlen die Erfahrungen mit Segelschiffen und wir haben viele Geschichten über Pannen anderer Segler gehört.

Am Dienstag , Mittwoch könnte es den richtigen Wind für uns geben. Auf, auf, in Richtung Kanal.

Bus fahren in Kolumbien

Mi., 18.Okt.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1237, 11.850 sm von HH

Das Bus-System in Kolumbien bringt einen in das letzte Dorf.
Man muss keine Angst haben, dass man auf einem Busbahnhof stecken bleibt. Irgendein Fahrzeug findet sich immer.
Mehrmals täglich wird auch die letzte Siedlung angefahren. Nach Fahrplan – alle 23 Minuten in ein 5.000 Seelen-Kaff zum Beispiel.

Das System ist allerdings schwer zu durchschauen.
Auf den Bahnhöfen gibt es zig Anbieter, die um ihre Gäste buhlen. Viele Anbieter haben das gleiche Ziel. In Reihen stehen mit Reklame zugekleisterte Buden.
Neon-Laufbänder zeigen blinkend diverse Ziele. Die Mitarbeiten winken mit Schildern, rufen unter den Schlitzen der Glas-Trennscheiben ihre Angebote den Suchenden zu.
Welche Linie man am besten nimmt, ist eine Art Glücks-Spiel. Sind eure Busse komfortabel? „Si, claro“, lautet die ewig gleiche Antwort. Da wird auch schon mal geschwindelt. ;-)

Der Preis ist ebenfalls kein verlässlicher Indikator für eine komfortable Reise.
Wir sind 300 Kilometer für 8,00 EUR (pro Person) im blitzsauberen Luxus-Bus mit Liegesitzen und Wifi gefahren und haben für 160 km im ausgelutschten Klapperbus fast das gleiche bezahlt.

Die Busse fahren auf die Minute pünktlich ab.
Was umso mehr verwundert, weil bei der Fahrtdauer grundsätzlich untertrieben wird. Als Faustformel kann man pro Stunde Fahrzeit 15 Minuten drauf rechnen. Klingt harmlos, macht bei versprochenen sechs Stunden bereits 1,5 Stunden mehr. :shock:

Zum Busfahren gehört eine gute Portion Mut. Es wird gefahren wie Sau.
Dagegen sind die Fahrer in Mexiko lahme mittelamerikanische Enten.
Auf dem Weg nach Silvia wäre unser Bus beinahe frontal mit einem Lkw zusammen gestoßen. Ein beherzter Schlenker des Fahrers hat uns das Leben gerettet.

In vielen Bussen zeigt eine, zu den Fahrgästen gedrehte, Digital-Anzeige die aktuelle Geschwindigkeit. Das ist praktisch. So kann man die gefahrene Geschwindigkeit prima mit den Straßenschildern abgleichen. Fast immer ist es mehr als das Doppelte. :mrgreen:

Kamikaze-Überholmanöver, dichtes Auffahren, hupen , statt bremsen.
Kurven schneiden, auch sehr beliebt. Das Beste ist, man achtet nicht drauf, sondern erfreut sich an der traumhaften Landschaft (dann hat man wenigsten noch mal was Schönes gesehen, bevor die Lichter für immer aus gehen).

Die Einfallstraßen vor großen Städten sind autobahnähnlich. Zweispurig und getrennt durch Mittelstreifen vom Gegenverkehr. Hier könnte man aufatmen, weil die unerhörten Überholmanöver eine Ende haben. Was macht der kolumbianische Busfahrer? Nun überholt rechts. Im Prinzip bleibt ihm nichts anderes übrig, da die lahmen LKWs gerne die linke Spur blockieren.
Dazwischen düsen Mopeds, die im Zick-Zack ihren eigenen Stiefel fahren.

Die Quote der Verkehrs-Toten beträgt das vier- bis sechsfache Vergleich zu Deutschland, je nachdem welche Statistik im Internet Recht haben mag.

In Summe sind wir 2.100 km Bus gefahren – wir haben es überlebt – und können es daher mit gutem Gewissen weiter empfehlen. :lol:
In Medellin endet unsere Rundreise, leider streikt eine Airline noch immer. Chaos am Flughafen, Verschiebung und Flugausfall müssen wir nicht haben. Wir entscheiden uns nach Santa Marta ebenfalls den Bus zu nehmen.

840 km! Versprochen wurden uns 15 Stunden, gebraucht haben wir 19 (logisch).

Kann man überstehen. Wichtig sind dann ausreichend Jacken, Mützen, Schals und Decken. Wir haben unterwegs eine zwei mal zwei Meter super Fluschi-Wärme-Decke auf einer Raststätte in den Bergen erstanden.

Ein Lebensretter für den kleinen Preis von vier Euro.

Essen in Kolumbien

Mi., 18.Okt.17, Kolumbien/Medellin, Tag 1237, 11.850 sm von HH

Wegen des Essens fährt wohl niemand nach Kolumbien!
Drei eiserne Regeln werden in den Restaurants eingehalten.

-Vermeide Grünzeug bei jeder Mahlzeit, wenn es geht
-Frittiere, was Du frittieren kannst
-Zucker gehört in alle Lebensmittel: Brot, Kaffee, Joghurt, einfach in alles

Im Reiseführer wird eine Vielfalt an kulinarischen Highlights in Kolumbien angepriesen.
Die Wahrheit besteht aus ‚Comida corriente‘ im gesamten Land.
Morgens, mittags, abends.
Der Geschmack variiert, die Zutaten kaum.

Mittagessen:
Vorweg gibt es eine kräftige Suppe. Sämig eingekochte Reste des Vortags. Häufig der beste Teil am ‚Comida corriente‘.
Es folgt gebratenes Fleisch (Huhn, Schwein oder Rind) – lieblos gewürzt, beigelegt mit großen, ja, riesigen Mengen Reis, dazu Bohnen oder Linsen (damit man auch wirklich satt wird) und Kochbananen.
Die Salatbeilage besteht immer aus Eisbergsalat, manchmal mit einer Scheibe Tomate drauf. Getoppt von Dressing aus der Tube. Es wird akribisch darauf geachtet, dass die Salat-Menge nicht über eine Eierbecher große Menge hinausgeht.

Zum Essen wird ein Frucht-Saft gereicht, mehr oder weniger verdünnt. Das ist lecker.

 

Typisches Corrinte

Typisches Corrinte

 

 

Abendessen:
Jetzt heißt das Essen ‚cena‘ – anderer Name, gleiches Essen.

Frühstück:
Es gibt immer Eier. Rührei oder Spiegelei. Wenn man Glück hat mit Toast. Selten Butter.
Wenn man Pech hat, und das hat man meistens, gibt es ‚Arepa‘ dazu. Ungesalzene Maisfladen in der Pfanne angebraten. Pfurztrocken.
Im Süden Kolumbiens wird geschmacksneutraler Käse dazu gereicht.
Arepa lieben die Kolumbianer. Es wird zu allem gereicht. Brot spiel kaum eine Rolle. Und wenn, dann ist es süß.

Typisches Frühstück - Ei, Arepa, Käse, Kakao

Typisches Frühstück – Ei, Arepa, Käse

 

Das reicht zum Überleben, aber ein echtes Frühstück ist das nicht.
Getrunken wird (vorgesüßter) Kaffe oder heiße ‚Chocolate‘. Die ist gut, sehr schokoladig. Passt aber nicht so gut zum Ei. :shock:

Übrigens kann der Kolumbianer spielend auch schon sei ‚Comida corriente‘ zum Frühstück verdrücken. :-)

Viel Geld braucht man fürs Essen nicht zu bezahlen.
Das preiswerteste ‚Comida‘ haben wir für 7.000 Pesos gefunden, das sind zwei Euro. Üblich sind 8.000 bis 11.000 Pesos.
Zweifellos kann man das essen und man wird auch mächtig satt. An Tag drei hat man allerdings genug davon. Die Jagd auf anderes Essen beginnt.

Jetzt wird es schwierig. Es gibt noch Hamburger-Buden, Hot-Dog Läden und Pizza. Oder frittierte, fettige, fade Empanadas, die mit den köstlichen Schweinereien aus Mexiko nichts gemein haben.

Und aus!
Auf dem Land wird man nichts anderes finden. Keine Chance.

Außer in Salento. Dort sind Forellen die örtliche Spezialität. Und ‚Patacones‘.
‚Patacones‘ sind unreife, grüne Kochbananen, die platt gedrückt und zweimal :shock: fritiert werden. Eigentlich ganz lecker. Fettig, aber lecker.
Knusprig dünn ausgebacken, etwas gesalzen, leichter Bananen-Hauch.

So und jetzt stellt Euch das mit gebratener Forelle vor. :lol: :lol:
Forelle überbacken mit Käse und Dosen-Champignons (das alleine ist schon der Hammer) und den Bananen-Patacones dazu. Der Salat (natürlich Eisberg mit Tubendressing) kommt in einem Styropor-Mikro-Schälchen plus Plastiklöffel.
Fünf Euro kostet so ein kulinarische Späßchen.

Skurril - gebratene Forelle mit Käse überbacken

Skurril – gebratene Forelle mit Käse überbacken

In den Städten ist es schon leichter etwas anderes zu Essen zu finden.
Der Hit ist es noch immer nicht. Ohne Phantasie gekocht, meistens sehr lasch gewürzt. Schärfe Fehlanzeige. Auch in ‚besseren‘ Restaurants gibt es Plastik-Besteck und Styropor-Schälchen.

Zwischendurch findet man Snacks auf den Straßen – fettig oder süß.
Aber, der Doppel-Decker-Baiser war köstlich…

Die Märkte sind voll mit jeder Sorte Obst und Gemüse, die man sich vorstellen kann.
In den Restaurants findet man davon nichts wieder.
Die Kolumbianer essen ihre Obst-Ration im vorbeigehen (aus dem Plastikbecher) von einem der unzähligen Stände.

Der, dessen Name nicht genannt werden darf.

Di., 17.Okt.17, Kolumbien/Medellin, Tag 1236, 11.850 sm von HH

Wir befinden uns nicht in einem ‚Harry Potter‘ Film. Und die Rede ist nicht von ‚Voldemort‘ .
Wir sind in Medellin. Und der, dessen Name nicht genannt werden darf, ist ‚Pablo Escobar‘.

Wir sind Teil einer ‚Free-Walking-Tour‘ in Medellin.
“Nicht laut ‚Pablo Escobar‘ sagen“, bittet uns ‚Hernan‘ unser heutiger Guide. „Die meisten Bewohner von Medellin verstehen kaum Englisch und wenn sie uns ‚seinen‘ Namen aussprechen hören, dann wissen sie nicht, ob wir gut oder schlecht über ihn sprechen.“

Als Staatsfeind Nr.1 (für die US-Amerikaner) gilt in der 80er Jahren der ehemalige Bauernjunge, der sich vom Autodieb zum mächtigsten Mann des größten Drogenkartells der Welt hocharbeitet.

Das Kartell von Medellin, der größte Wirtschaftsfaktor Kolumbiens in den 80/90er Jahren.
15 Tonnen Koks wurden zur Blütezeit Escobars täglich (!) in die USA geschmuggelt.

Absurd reich wurde Escobar mit dem Drogenhandel.
Sein Geld wurde deckenhoch in Zimmern gestapelt. 2.500 USD sollen allein die Gummibänder monatlich verschlungen haben, um das Geld zu bündeln.

Durch das Imperium, was Escobar aufbaute, wurde das ‚Medellin- Kartell‘ zum Staat im Staate.

Dem Kampf der kolumbianischen Regierung gegen ihn, stellt sich Escobar mit roher Gewalt. Tausend USD zahlt er als Kopfprämie für den, der einen Polizisten umbringt. Zeugen, Richter, es wird jeder eliminiert, der sich ihm in den Weg stellt.

Irgendwann hat Kolumbien die Faxen dicke und beschließt die Auslieferung Escobars an die Vereinigten Staaten. Das ist seine größte Sorge: „Lieber ein Grab in Kolumbien, als eine Zelle in den USA.“

Daher bietet Escobar der Regierung Kolumbiens an, die komplette Staatsverschuldung zu übernehmen. Und um gleichzeitig die Regierung mit Bombenattentaten zu terrorisieren.
Sein Konzept geht auf – das Auslieferungsabkommen wird 1987 ausgesetzt – Escobar hat die erste Schlacht gewonnen.
Er befindet sich nun auf dem Gipfel seiner Macht.

Aber auf dem Weg nach oben hat er sich viele Feinde gemacht. In Cali wächst ein ernstzunehmender Konkurrent im Drogen-Karussell. Escobar wird mehr und mehr zum Verfolgten. Sein Lieblingswohnsitz und seine Auto-Sammlungen werden in die Luft gesprengt. Seine Leibwächter getötet. Nachts wechselt er die Wohnung, tagsüber die Mittelklassewagen.

Pablo Escobar stellt sich den kolumbianischen Behörden.
Der Staat stellt ihm 1991 ein Luxus-Gefängnis zur Verfügung. Von den Einheimischen ‚Club Medellin‘ genannt.

Von hier baut er sein Imperium neu auf. Aus dem Knast kann er in Ruhe seine Geschäfte neu regeln und ausbauen. Nach 13 Monaten ist der Geschäftsbetrieb normalisiert, Bewacher geschmiert und Aufpasser bestochen. Escobar marschiert ungehindert aus der Hintertür aus dem Gefängnis.

Die Kolumbianische Regierung stellt ein 1.600 Mann starkes Elite-Regiment zusammen. Eine Art ‚GSG 9‘ Kolumbiens. Man macht Jagd auf den geflohenen Häftling.
Er wird gehetzt, er wird in die Enge getrieben und durch eine Fangschaltung lokalisiert. Am. 2. Dezember 1993 erschießt in die Elite-Garde Pablo Escobar auf dem Dach eines Hauses in ‚Comuna 13‘.
Unmittelbar nach seinem Tod wandelt sich die Wahrheit über sein blutiges Geschäft in Legende.

Eine Legende, dessen Namen nicht genannt werden darf. Auf einer Stadtführung in Medellin.

Hartnäckig halten sich die Gerüchte, er würde von den meisten Einwohnern Medellins verehrt. Hernan beteuert uns glaubwürdig das Gegenteil. „Klar, habe er Menschen Häuser geschenkt, die ihm bis heute dankbar sind. Aber die Kranken- und Waisenhäuser, die er finanziert haben soll, können nicht beim Namen genannt werden. Die meisten Menschen in Medellin verachten ihn als das, was er war, ein skrupelloser Verbrecher.“

Noch immer ist Kolumbien Haupt-Exporteur in Sachen ‚Kokain‘.
Für drei USD ist ein Gramm vor Ort zu haben. Bei Spaziergängen durch die Städte Kolumbiens bekommt man schon mal welches angeboten. :shock:

Die ‚Real-City-Tours‘ Medellin können wir unbedingt empfehlen.
Eine tolle Führung, angehäuft durch Anekdoten, kleine Geschichten und Stories, die man nicht im Reiseführer findet.

Und immer wieder Kunst in Medellin.
Botero, der berühmteste Künstler Kolumbiens hat einige seiner dicken Figuren der Stadt gestiftet. Ein kleines Vermögen steht auf der ‚Plaza Botero de Candelaria‘.
Eine Viertel Million kann so eine Skulptur schon wert sein. ‚Kunst gegen Gewalt‘ – alle, die Sprayer und die international anerkannten Künstler ziehen an einem Strang.

Graffiti-Alltag in Medellin

Graffiti-Alltag in Medellin

Medellin – die einst gefährlichste Stadt der Welt

Mo., 16.Okt.17, Kolumbien/Medellin, Tag 1235, 11.850 sm von HH

Wer hat früher auch ‚SimCity‘ gespielt?
Genau wie die virtuellen Städte des alten Spiele-Klassikers, sieht Medellin von oben aus: belebte Hochausviertel, strategisch gestreute Parks, Stadien und Basketball-Felder. Dazwischen moderne Büro-Viertel, am Rand der Stadt die Industrie und ‚malerisch‘ kriechen die Würfel-Häuser der armen Viertel die Berge hoch.

SimCity = Medellin

SimCity = Medellin

 

Medellin hat inklusive seiner Randgebiete 3,5 Millionen Einwohner und weiteres Wachstum ist begrenzt. Der Hochland-Kessel zwischen den Bergen ist voll.
Abenteuerlich stehen Wohnblocks an Stellen, die so besser nicht bebaut werden sollten.

Noch vor zehn Jahren hat sich kein Tourist in die gefährlichste Stadt der Welt getraut. Drogen-Banden und Guerillas sorgten in Spitzenzeiten für 6.500 gewaltsame Todesopfer. Jährlich!
Zum Vergleich: In Hamburg gibt es ca. 80 Tötungsdelikte im Jahr.

Dieser Schreckensherrschaft hat die Regierung ein Ende bereitet. Allerdings mit brutaler Gewalt. 2002 fiel die Armee mit 1.500 Soldaten plus Hubschraubereinsatz in die ‚Comuna 13‘ ein, dem schlimmsten Viertel von Medellin.
In vier Tagen wurden alle Guerillas aufgestöbert und dingfest gemacht. Bei Aktion ‚Orion‘ kamen leider auch einige Zivilisten ums Leben. In einer Vertuschungs-Aktion hat man den toten Zivilisten die Uniformen von Guerilla-Kämpfern angezogen.

Aktion ‚Orion‘ ist nachhaltig.
Das Viertel gilt heute als sicher und kann (tagsüber) von uns Touristen besucht werden. In der ‚Comuna 13‘ wurden Rolltreppen gebaut, die den Anwohnern das Leben erleichtern sollen. Achtundzwanzig Stockwerke werden von sechs Rolltreppen überbrückt.

Eine bunte Graffiti-Subkultur hat sich bei den Treppen entwickelt.
Mit Kunst gegen Gewalt, so lautet das durchgängige Thema in gesamt Medellin. Die Rolltreppen sind wohl eher eine Touristen-Attraktion. Schon hundert Meter rechts und links daneben sollen die Graffitis aufhören. Der Drogen-Handel, die noch immer im großen Stil in Kolumbien existiert, wird von rivalisierenden Gangs verwaltet.
Aber die Mordrate ist um 90 Prozent zurück gegangen. Die Menschen lassen wieder ihre Kinder auf der Straße spielen.

Graffiti in Comuna 13

Graffiti in Comuna 13

 

Wer bei den Rolltreppen bleibt, sei sicher, heißt es. Auch mit Kamera und vollem Portemonnaie. Aber wir gehören hier nicht her. Es bereitet ein befremdliches Gefühl als Tourist durch die ‚Columna 13‘ zu ziehen: Gaffer, Voyeur, Spanner, ja, Fremdkörper sind wir.

Es wird trotzdem auf uns aufgepasst. An einer Stelle sind wir unsicher, die Gassen sind schmaler, ob es einen Ausgang gibt. Eine Frau die auf einer Treppe sitzt, zeigt uns den Daumen nach oben zu: Si,si, aqui es correcto.“
Ein Mann vom Balkon winkt ebenfalls den Daumen: Hier könnt ihr weiter, hier kommt ihr raus.

Der Gang durch die Stadt führt an einem total schönem Friedhof vorbei.
Im Rondell sind zweistöckig Wände gebaut in denen sich Urnen-Nischen befinden. Was für eine hübsche Anlage. Fest in der Hand von Sprayern.

Graffiti macht in Medellin nicht vor dem Friedhof halt. Wie mag wohl die Flächenvergabe von Wänden erfolgen? Mit illegaler Schmiererei, wie man sie in Europa vorfindet, hat das nichts zu tun. Es ist Kunst. Sogar Gastsprayer aus Mexiko und Brasilien reisen nach Medellin an.
Als Farbendosen-Hersteller hat man in Südamerika ausgesorgt. :lol:

Ein paar Meter weiter, wieder Kunst gegen Gewalt.
Steinmauern werden von Schülern mit Pflanzkästen aus alten Kanistern begrünt. Das erregt so viel Aufmerksamkeit, dass sogar das Lokal-Fernsehen mit zwei Teams vom Ort des Geschehens berichtet.

 

Medellin hat als eine der wenigen Metropolen Südamerikas eine ‚Metro‘.
Ein modernes Verkehrs-System, das aus Zügen und Seilbahnen besteht. Auf den Bahnhöfen ist es sauberer als in Hamburg.

Die Einwohner Medellins lieben ihre Metro.
Es wird weder in Bänke geritzt noch die Wände beschmiert. Hier herrscht Graffiti-freie-Zone. Mit dem Bau dieser Metro hat Medellin Preise als innovativste Stadt Südamerikas gewonnen. Städte wie Buenos Aires schicken ihre Landesvertreter, um sich die Lösung Medellins abzugucken.

Die Metro wird von den Anwohnern als echte Bereicherung gewertet. Wer früher drei Stunden zur Arbeit brauchte, endlos den Bus wechseln und sich zu Fuß über die Hügel kämpfen musste, der schafft es heute in 30 Minuten zur Arbeit. Preiswert ist es, auch für die Einheimischen, sechzig Cent kostet ein Ticket und ist gültig für Bahn und Gondel.

Wir fahren hinauf bis zur Endstation. Von weitem ein traumhafter Blick auf ‚SimCity‘.
Treppen und Fußwege zu den Gondel-Stationen sind beleuchtet. Mit Solar-Energie werden die, in kurzen Abständen stehenden, Straßenlaternen betrieben.

In gesamt Medellin fällt eine unglaubliche Sauberkeit auf. Egal ob reiches oder armes Viertel, kaum ein Papierschnipsel liegt herum.

Die Gondeln ziehen ihre Bahnen direkt über die ’schlechen‘ Viertel. So nah dran sieht es dann nicht mehr traumhaft aus. Kilometer lang kriechen die Favela Arme die Berge hoch.
Wieder ein komisches Gefühl. Wie Zoo-Besucher, die sich in Sicherheitskäfigen über die ‚wilden Tiere‘ fahren lassen.
Mit in unserer Gondel sitzen ein paar Einheimische. Ich mag den Fotoapparat nicht zücken. Zu respektlos erscheint mir diese Geste. Auf dem Rückweg sitzen wir allein in einer Gondel. Da sind diese Bilder entstanden. :cry:

Als Voyeur unterwegs

Als Voyeur unterwegs