‚Ciudad Perdida‘ – Tag 2 – Die Hölle

Do., 20.Jul.17, Kolumbien/Sierra Nevada de Santa Marta, Tag 1146, 11.850 sm von HH

„Du willst aus Deiner Komfort-Zone raus?“, lautet der Werbeslogan unseres Touren-Veranstalters.

Ich bin raus.

Das erste Mal morgens um 5:30 Uhr.
Ich steige in meine nassen Klamotten vom Vortag. Das Shirt klebt kalt auf der Haut.
Meine Latzhose, die seit 20 Jahren alle Säuberungs-Aktionen des Kleiderschranks überlebt hat, erweist sich als Glücksgriff. Weit und blubberig hängt sie an mir runter, kaum Körperkontakt.

Allen anderen geht es nicht besser. Keiner hat frische Klamotten für jeden Tag dabei. Das Zeug muss am Körper trocknen.

Um 6:00 Uhr brechen wir auf.
Die meisten Teilnehmer dieser Tour sind kaum 25 Jahre alt. Studenten, Backpacker aus der ganzen Welt. Unsere Gruppe ist ebenso bunt gemischt: Engländer, Franzosen, ein Mädchen aus Guadeloupe, Australier und Kolumbianer.
Alles faltenfreie Gesichter. Nur eine Frau sieht älter aus als ich. Von mir bekommen sie und ihr Mann den Zusatz „Oma und Opa“. ;-)

Die Sonne geht grade auf. Der Nebel steht noch in den Bergen. Wunderschön.
Die steifen Knochen wärmen schnell auf, die Klamotten haben Körpertemperatur.
Meine kleine Blase am linken Hacken wurde von Ciser mit Tape behandelt, das Frühstück (Eier, Toast und Berge an Früchten) war gut. Hello world!

Die Freude über leichte Wege währt nicht lange.
Bald erreichen wir wieder Modder-Strecken. Am Rand vom knietiefen Matsch gibt es meistens eine kleine Spur auf der man laufen kann. Lianen und Wurzeln werden zum Festhalten genutzt. Ciser hatte uns gewarnt: „Viele Pflanzen haben gifte Stacheln, nässelnde Blätter, es gibt unangenehme Tiere. Achtet drauf, wo ihr hin fasst.“

Das macht schon längst keiner mehr. Alles wird gegriffen, was greifbar ist. Ob sich die Liane als Schlange entpuppt, egal, Hauptsache nicht in den Matsch rutschen. Niemand möchte die Schuhe voll Schlick haben.
Diese Art der Fortbewegung ist unfassbar mühsam. Ab 9:00 Uhr kann ich mein eigenes T-Shirt riechen. :mrgreen:

ohne Worte

ohne Worte

Nach zwei Stunden wird der Weg trockener. Mal bergauf, mal bergab.
Das erste Mal sind kleine Flüsse zu durchqueren. Was nach großem Abenteuer klingt oder zumindest romantisch, ist beim dritten Mal einfach nur lästig: Schuhe aus, durch den Fluss waten, wie bekommt man jetzt die Füße trocken und sandfrei?, und Schuhe wieder an.

Mein Tape von der Blase hat sich gelöst, Pflaster hält nicht, die Blase wächst und ist zunehmend spürbar.

Wir kommen an einem Kogi-Dorf vorbei.
Die Menschen leben in ihren traditionellen Hütten streng nach Geschlechter getrennt. Die Frauen mit den Töchtern in einer Hütte, die Männer mit den Söhnen daneben. Die Kinder sollen frei von Sexualität aufwachsen. Zum Sex geht ein Paar in den Wald.

Die Kogi tragen alle weiße Kleidung. Die wohl unpraktischste Farbe hier im Busch wo alles nass, matschig und vermoost ist. Die Kinder sind ein gutes Beispiel für die schlechte Farbwahl. :lol:

Jungs und Mädchen tragen das gleiche Kleid und die gleichen langen Haare. Sie sind nur an der Perlenkette und dem unvermeidlichen ‚Mochila‘, der Umhängetasche der Kogis zu unterscheiden.
Zartgliedrige, kleine Menschen sind die Kogis mit einem ganz besonderen Gesichts-Ausdruck. Wir werden weitestgehend von ihnen ignoriert. Nur die Kogis, die für den Treck arbeiten, grüßen uns, die anderen schweigen.

Nach fünfeinhalb Stunden erreichen wir um 11:30 Uhr das Camp fürs Mittagessen. Nach meinem Empfinden bin ich für heute genug gelaufen, könnte gut hier für den Rest des Tages verweilen.

Aber nach einer Stunde geht es bereits weiter, Ciser treibt zur Eile, er erwartet am Nachmittag wieder Regen. Er hetzt uns auf die Piste, nicht ohne uns vorher wissen zu lassen, dass der schlimmste Abschnitt der gesamten Strecke jetzt vor uns liegen würde.

Ich falle nun häufig zurück. Es geht brutal bergauf, steil, schlechte Wege, Geröll, Steine und hohe Stufen machen mir das Leben schwer.
Nur ‚Oma und Opa‘ sind noch hinter mir.

Achim, die alte Raucherlunge, hetzt mit den Jungen vorne weg.
Dann fällt ihm ein, dass er ja noch eine Frau hat, wartet auf mich, hilft zeitweise charmant :shock: über schwierige Stein-Kombinationen an Bächen.
„So langsam wie Du kann ich nicht“, und ist im Wald verschwunden.

Ich kämpfe mich vorwärts.
Mag schon längst nicht mehr: „Ich bin ein Star, holt mich hier raaaaauuuusss…“

Achim ist jetzt immer länger verschwunden, ich stapfe weiter.
Jetzt bloß aufpassen! Die Oma rückt näher.
Sie wird zu meinem Schrittmacher. Wäre ja noch schöner.
An Bächen und abwärts bin ich schneller als sie…bergauf holt sie regelmäßig auf.
Ich lege einen Zahn zu. Zeitweise kommt sie gefährlich nah, dann kann ich ‚Nase hoch ziehen‘ hören. Nervig. Ich leg ein Brikett nach.

Die Oma fällt zurück. :-)

Noch zwei Stunden

Noch zwei Stunden

zu laufen

zu laufen

 

Um 17:00 Uhr dann die Erlösung, das Camp taucht zwischen den Bäumen auf.

Ich bin total fertig, im Arsch, kaputt. Am Ende meiner Kraft.
Zur Dusche schaffe ich es nicht mehr. Die lange Unterhose ziehe ich einfach über meine Schlammbeine, wanke so zum Abendessen und sinke um 18:30 Uhr tot ins Bett.

 

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