Tag 13 =>Osterinsel – Wunderbar

Fr., 21.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1664, 14.720 sm von HH
Die letzten 24 Stunden läuft es ganz prima. Halber Wind, Stärke vier, angenehme Schiffsbewegung. Eine Art Genuss-Segeln. :lol: Mittags kommt dann der Einbruch. 10 Knoten, 8 Knoten, dann nur noch 5 Knoten Wind. Wir treiben mehr als dass wir segeln. Immerhin in die richtige Richtung. Da wir kaum noch Fahrt machen, spielt die Dünung mit uns Ping Pong. Der fehlende Druck in den Segeln lässt das Groß hilflos hin und her schlagen. Mit einem Knall beutelt sich das Tuch zur windzugewandten Seite aus und kommt mit einem neuen Knall zurück. Das ist nervig und hält aufs Material. Das Groß-Segel bergen wir und lassen uns von der Genua ziehen. Dieser schwache Wind ist eindeutig Blister Wind. „Jetzt bloß nicht hektisch werden“, stoppen wir aufkeimenden Aktionismus. Wir sitzen das erst mal aus. Die letzten Tage haben gezeigt, dass sich ein Segelmanöver kaum lohnt. Zu schnell ändern sich die Windstärken. Mal sehen, wenn es so bleibt, können wir am späten Nachmittag noch immer tätig werden.
Wetter: Es ist weiterhin kalt. Das Wasser hat seinen vorläufigen Tiefpunkt mit 20 Grad erreicht. Die Sonne scheint nur am Nachmittag. Einen glühenden Sonnenaufgang gab es bislang noch gar nicht. Die Vormittage sind garstig grau mit tief hängenden Wolken. Regen hatten wir bislang noch keinen. Das ist ja auch was. Essen: Abendessen: Gebratene Kasseler-Koteletts (zweite Hälfte aus dem Packet) mit Kartoffelsalat (Hamburger Art mit Ei, Gewürzgurke und Apfel) und Krautsalat (ein Kohlkopp musste weg) Frühstück: Ganz frisches Brot mit hartgekochtem Ei und Tomate Mittag: Milchreis mit Zimt und Zucker
Meilen: Tagesmeilen 109 , Rest 1.007 sm auf direktem Weg

Tag 12 =>Osterinsel – Halbzeit

Do., 20.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1663, 14.611 sm von HH
Die Hälfte der Strecke liegt jetzt im Kielwasser. Ob es wirklich Halbzeit oder nur Halbstrecke ist, wird sich zeigen. Leider haben wir bereits vor unserer Abreise ein langgezogenes Flautengebiet zwischen uns und der Osterinsel gesehen. Über hunderte Meilen erstreckt es sich als schmales Band von Südamerika weit in den Pazifik hinein. Ein lokales, dauerhaftes Hochdruckgebiet sorgt für Windarmut in dieser Region. In vier, fünf Tagen erreichen wir dieses Gebiet. Das wird spannend.
Der wechselhafte Wind hat sich etwas normalisiert. Die Sprünge sind nicht mehr ganz so heftig und es überwiegt seit zwölf Stunden ein konstanter Wind mit vier Windstärken. Der Wind kommt etwas vorlicher als halber Wind, so dass wir seit heute Morgen flott unterwegs sind. Daumen drücken, dass dies so bleibt.
Die Stimmung an Bord ist durchgängig gut bis sehr gut. Abgesehen von heute Vormittag. Da war der Skipper etwas unleidlich. Ein Spleiß, den er in unsere Ankertrosse arbeiten wollte, ging nicht wie gewünscht von der Hand. Da wird die Crew schon mal ungerecht angemeckert. Nur weil ich mit der Kamera vor seiner Nase gefuchtelt habe, um den schleppenden Fortschritt der Arbeit festzuhalten. :mrgreen: Mir wurde gedroht, dass ich auf Pitcairn ausgesetzt werde. Unverschämtheit.
Die Ankertrosse brauchen wir als Kettenverlängerung, um vor der Osterinsel sicher ankern zu können. Die Ankerplätze sind 20 Meter tief, da reichen unsere 50 Meter Kette nicht aus. Der Spleiß ist trotz Grummelei dann noch was geworden, so dass es jetzt los gehen kann. Von mir aus könnten wir schon da sein. So toll ist das Rumgeschippere hier draußen dann auch wieder nicht.
Essen: Abendessen: Bohneneintopf von dreierlei Bohne mit Möhren (frisch) und Speck (getrocknete Black Eye Peas, kleine weiße Bohnen und schwarze Bohnen gemischt, über Nacht eingeweicht). Der Speck ist aus Südtirol, ein Mitbring aus Deutschland und extra für diese Fahrt aufbewahrt. Frühstück: Brot mit Käse, Salami und einer Art Mortadella Mittag: Der Rest vom Bohneneintopf und zum Nachtisch eine halbe Wassermelone.
Meilen: Tagesmeilen 106 , Rest 1.115 sm auf direktem Weg

Tag 11 =>Osterinsel – Weiße Folter

Mi., 19.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1662, 14.505 sm von HH
Amnesty International und das Komitee gegen Folter haben klar gestellt, dass Folter durch Schlafentzug bestialisch ist und haben sie folgerichtig verboten. Die sogenannte ‚weiße Folter‘ erfreut sich dennoch großer Popularität, bietet sie doch eine wirksame Methode, um „den Willen des Gefangenen zu brechen“. Eine Methode sei es, die Schlafzeit auf vier bis sechs Stunden zu verkürzen.
Bereits elf Tage reichen uns, um Amnesty International Recht zu geben. Es schlaucht unerwartet schnell nur noch vier Stunden am Stück schlafen zu können. Wir sind dauermüde. In Gänze bekommen wir beide eigentlich genug Schlaf. Ich gehe um 20:00 Uhr ins Bett, schlafe bis 22:00 Uhr, habe Wache bis 2:00 Uhr und darf dann ins Bett bis 6:00 Uhr morgens. Das macht während der Nachtstunden sechs Stunden Schlaf plus eine bis anderthalb am Tag. Achim schläft von 22:00 Uhr bis 2:00 Uhr und ab 6:00 Uhr solange bis er von alleine aufwacht.
Leider sind die vier Stunden in der Nacht nur ein theoretischer Wert. Trotz extremer Müdigkeit kann ich meistens nicht sofort einschlafen. Irgendwas ist immer. Vorgestern liege ich in der Koje und dann ist es plötzlich da. Tok-tok … tok-tok. Ein ganz neues Geräusch. Wo(wtf) kommt das her? Einfach gar nicht ignorieren, ist die beste Devise. Aber das klappt nicht, ich wälze mich. Tok-tok. Sobald ich mich aufrichte zum Lauschen, ist das Geräusch verschwunden. Und sofort wieder da, sobald ich liege. Grrrr! Nach vier Lauschangriffen ist der Übeltäter gefunden. Der Zipper einer Jacke schlägt gegen die Tür. Jedoch nur bei den großen Ausschlägen des Schiffs.
Gestern war es ein leichtes Flattern, eine Art Klatschen an Deck. Ein Geräusch an Deck zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Draußen hört man das Flattern nicht. Wegen der Windgeräusche. Und was unter Deck wie Schläge mit einem Hammer klingt, kann an Deck ein Tampen sein, der zwei Zentimeter hin und her rollt. Da bleibt nur Methode ‚Kissen über den Kopf‘.
Bin ich dann mit einer Viertelstunde Verspätung eingeschlafen, kommt kurz darauf die Lokomotive. So nenne ich die Bedienung der Winschen. Die Winschen sind direkt über der Achterkoje angebaut und machen einen unglaublichen Radau. Die letzten Tage sind viele Lokomotiven unterwegs. Vorsegel kleiner: die große Lokomotive an Steuerbord. Baum dicht holen: die kleine Lokomotive, wahlweise Backbord oder Steuerbord, je nach Laune vom Chef. Eine Stunde später kommt der Güterzug: der Baum kommt rasselnd wieder raus. Morgen schreibe ich einen Brief an Amnesty International.
Wind und Wetter: Der Wind ist weiterhin flatterhaft. Innerhalb einer Stunde geht es von 12 Knoten hoch auf 22 Knoten und runter auf 7 Knoten. Der schwache Wind hält dann für 30 Minuten oder auch für drei Stunden an. Es folgt die nächste Wechselphase. Das Groß reffen wir gar nicht mehr aus. Sobald wir das nur denken, haben wir wieder über 20er Wind. Das lässt uns in den schwachen Phasen natürlich mit angezogener Handbremse unterwegs sein. Highspeed und Schneckentempo macht einen noch ganz guten Schnitt von 4 Knoten. Passt für uns.
Essen: Abendessen: gebratene Kasseler-Koteletts (in Bahía gab es eingeschweißte Koteletts im 4er-Pack) mit Röstzwiebeln und Kürbis-Kartoffel-Mus Frühstück: Brot mit Käse, Salami und einer Art Mortadella Mittag: Achim und seine Nudeln (mit den Augen roll): kalt, vom Vortag direkt aus dem Kühlschrank mit Ketchup. Ich ziehe eine Schale Müsli vor.
Meilen: Tagesmeilen 97 , Rest 1.219 sm auf direktem Weg

Tag 10 =>Osterinsel – White Christmas

Di., 18.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1661, 14.408 sm von HH
Es ist kalt. Ich trage mittlerweile Sweatshirt-Jacke und dicke Fleece-Hose. Im Cockpit sind weniger als 20 Grad. Der Wind ist eisig. Geduscht wird nur noch jeden zweite Tag. :mrgreen: Kommt die Sonne raus, reicht (noch) ein Doppel-T-Shirt. Wenn es so weiter geht, stoßen wir auf Eisberge und haben Weihnachten Schnee. Die Wassertemperatur ist auf 21 Grad gesunken. Wir sind verwirrt und fragen uns, ob es wieder wärmer wird. Der Humboldtstrom sollte längst nach Westen abgebogen sein. Segeln wir im Humboldtwasser? Wir haben keine Ahnung. Hoffnung gibt uns die Vorstellung, dass die Ureinwohner auf der Osterinsel früher in Baströckchen rum gelaufen sind. Das macht man doch nicht, wenn es kalt ist.
Der Wind hält uns auf Trab. Unbeständig wechselt er fast stündlich. Eben noch 8 Knoten, dann 20 Knoten. Einreffen, ausreffen. Baum dicht holen, Baum ausstellen. Fock reffen, Fock mehr reffen, Fock ausrollen. Was für ein Theater. Bei viel Wind donnern wir mit über sechs Knoten aufs Ziel. Bei wenig Wind, fallen wir ab, eiern neben der Kurslinie mit zweieinhalb Knoten. Das macht einen schlechten Schnitt. Bei viel Wind sagt der Plotter: Restzeit noch 11 Tage, bei wenig Wind noch 18.
Wir machen das Beste draus. Uns geht’s gut und genug zu essen haben wir auch noch.
Achim besteht drauf, dass ich dieses auch noch schreibe: ICH soll versucht haben das Schiff zu versenken, weil ICH angeblich vergessen habe, das Ventil von der Toilette nach der Benutzung wieder zu schließen (da Atanga Schräglage auf der Toilettenseite hat, gerät der Abfluss unter die Wasserlinie und durch die Toilette sprudelt das Wasser ins Schiff, wenn das Ventil offen steht). Wir sind nur nicht gesunken, weil ER es bemerkt hat, dass Wasser im Bad steht. Beweisbar, dass ICH zuletzt auf dem Klo war, ist die Angelegenheit allerdings nicht. Aussage gegen Aussage. ;-)
Essen: Abendessen: Achims Klassiker ‚Nudeln mit Ketchup‘ in der Edelvariante: Nudeln mit (richtiger) Tomatensauce. Frühstück: Brot mit Schinken, Käse, Salami Mittag: Apfel-Pfannkuchen
Meilen: Tagesmeilen 98 , Rest 1.313 sm auf direktem Weg

Tag 9 =>Osterinsel – die Tage vergehen

Mo., 17.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1660, 14.310 sm von HH
Der Wind kommt, wie gewünscht, etwas östlicher. Leider die Wellen auch. Dadurch rollen wir jetzt ein wenig, aber es ist aushaltbar. Die Wind-Stärken sind unverändert. Zwischen 9 und 19 Knoten, zeitweise geht es sechs Knoten hoch oder unter innerhalb von fünf Minuten. Mal scheint die Sonne, mal ist der Himmel grau mit tief hängenden Wolken.
Wir haben uns voll eingewöhnt. Die Tage verschwimmen. „Ist heute Tag 8 oder 9?“, fragt Achim mich. Ich kann nur mit den Schultern zucken. Ein Blick ins Logbuch gibt Aufklärung. Tagsüber haben wir keine festen Wachen. Unser Rhythmus wird durch die Mahlzeiten bestimmt. Dazwischen macht jeder von uns noch mal ein Nickerchen, holt fehlenden Nachtschlaf nach. Außer lesen, bleibt nicht viel Beschäftigung.
Aufs Meer schauen, macht nur bei wolkenlosem Himmel Spaß. Dann leuchtet der Pazifik tief blau. Mit der GoPro haben wir Aufnahmen vom Unterwasserschiff gemacht. Das Wasser ist unfassbar klar Keine Schwebteilchen, kein Plankton ist zu sehen. Ab und an kommt noch mal ein Tölpel vorbei. Neugierig schaut er nach den Angelködern und ins Cockpit hinein, dreht drei Runden ums Schiff und verschwindet wieder. Daneben gibt es noch kleine, schwarze See-Schwalben hier draußen. Mit vielen Flügelschlägen segeln sie nach Schwalbenart knapp über der Wasseroberfläche. Vom Festland sind wir inzwischen 700 sm entfernt. Eine erstaunliche Entfernung für so kleine Vögel.
Ansonsten sind wir allein. Zwei Schiffe auf dem AIS vor ein paar Tagen. Den letzten Fischer gesehen, haben wir vor einer Woche. Unser Kontakt zur Außenwelt beschränkt sich auf eine Funkrunde mit der Alrisha, die sich auf Galapagos befindet. Ferry schaut für uns auf die Großwetterlage im gesamten Südpazifik, ob sich da ein Zyklon zusammenbraut. Dann brauchen wir nur unsere Wetterdaten im Umkreis von 200 sm abholen. Das funktioniert ebenfalls per Funk. Die Zyklon-Saison hat bereits begonnen, allerdings gilt die Strecke von der Osterinsel, nach Pitcairn und Gambier als sicher. Aber was ist schon sicher? Daher sind wir froh, dass Ferry meldet: „Alles ruhig“.
Essen: Abendessen: Thunfischsalat (aus der Dose, wir haben noch immer keinen Fisch gefangen) mit Roter Bete (frisch gekocht), Zwiebeln, Kapern, etwas Sahne, Mayo, Tomate (schmeckt wie roter Heringssalat). Dazu Pellkartoffeln. Ohne pellen zu müssen. In Bahía gab es winzige neue Kartoffeln, die man mit Schale essen kann. Frühstück: Frisches Brot mit Schinken, Käse, Salami Mittag: Bratkartoffeln (der Rest vom Abend) mit dem restlichen Salat. Grapefruit-/Passionsfrucht-Salat
Meilen: Tagesmeilen 106 , Rest 1.409 sm auf direktem Weg