Tag 4 =>Osterinsel – Alles gemütlich

Mi., 12.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1655, 13.745 sm von HH
Grad hatte ich gestern mein Gemecker über schräge Schiffe geschrieben, da geht der Wind zurück. Zeitweise unter zehn Knoten, dann hoch auf angenehme 15 Knoten. So pendelt es jetzt seit 24 Stunden hin und her. Die Wellen sind flacher, der Kahn schön grade und die Pipi-Fontaine im Bad ist verschwunden. So muss segeln. Da bleibt mir nur noch über das Wetter zu meckern. Freunde der Sonne kommen zu kurz. Klärchen glänzt weiterhin durch Abwesenheit. Um die Mittagszeit wird die Wolkendecke etwas dünner, das war’s aber auch schon. Wir stecken noch mitten im Humboldtstrom, der 23 Grad kaltes Wasser mit sich bringt. Die Nächte sind regelrecht kalt. Im Morgengrauen muss ich unter die Decke kriechen bei meiner Wache. Ob der Humboldtstrom an den Wolken Schuld hat und wir noch immer unter dem Wolkenband vom Kontinent segeln? Oder handelt es sich um örtlich schlechtes Wetter? Fürs Ergebnis ist es egal, vom vielgepriesenen ‚Blau‘ des Pazifik haben wir noch nichts mitbekommen.
Und wo stecken wir? Auf halber Strecke zwischen Festland und Galapagos, jedoch 150sm südlicher. Der Wind kommt weiterhin aus Süd, so dass wir unseren Kurs Osterinsel noch nicht anlegen können. Das macht aber nichts, da wir ja sowieso noch weiter westlich müssen. In zwei Tagen sollten wir aber den Süd-Ost-Passat finden und mit Halbwind auf Kurs gehen können.
Und seit gestern Abend sitzen wieder mal zwei Tölpel auf unserem Bugkorb und lassen sich kutschieren. Leider nicht die Blaufußtölpel der Galapagos Inseln, aber die zwei sind auch eine nette Begleitung. Stundenlang sitzen sie auf die Rohre gekrallt und putzen sich. Jedes auf und ab wird tapfer ausgeritten. Ein perfekter Gleichgewichts-Sinn. Essen: Abendessen: Kartoffelstampf mit Tomatensalat, in Ermangelung von frischem Fisch mit Rührei statt Fischfilet Frühstück: Brot von Vorvorvorgestern. Um das Brot auch noch für Morgen zu strecken, gibt es für jeden einen Tortilla (Wraps aus der Packung, die man in der Pfanne aufbacken kann) mit kaltem Rührei vom Vorabend Mittag: Gebratener Kartoffelmus vom Vorabend mit Röstzwiebeln und Spiegelei plus Nachmittag-Snack: Obstsalat (Mango, Passionsfrucht, Banane und Limette – noch ist alles da. Die Ananas musste über Bord, die war leider faul von innen)
Meilen: Tagesmeilen 107, Rest 1.945 auf direktem Weg

Tag 3 =>Osterinsel – Hoch am Wind

Di., 11.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1654, 13.638 sm von HH
Hoch am Wind segeln ist echt Mist. In der Nacht nimmt der Wind weiter zu. Scheinbarer Wind 23 Knoten, echter Wind 18 bis 19. Ich merke in meine Koje gekuschelt nichts davon. Hinten liegen wir ruhig wie in einer Wiege. Achim weckt mich zum Reffen. Macht Sinn, wenn man mal wach ist, merkt man es auch. :mrgreen: Wir verkleinern Groß und Fock. Die Nacht ist dunkel, der Morgen grau. Irgendwie haben wir uns das anders vorgestellt. Am Vormittag wird der Wind etwas schwächer. Achim will Geschwindigkeit und refft aus. Wir liegen hart auf der Backe. Ich wünsche mir das Reff zurück. „Willst Du auch ankommen oder hier nur Kaffee-Segeln veranstalten?“ Wir einigen uns auf volles Großsegel und kleines Vorsegel. Oh, Wohltat, die Schräglage ist spontan weg, der Speed leider auch. Der Plotter scheint mit Achim im Bunde. Eben zeigt er noch Ankunft in 19 Tagen, jetzt blinken dort höhnisch 24 Tage.
Drauf gepfiffen. Mir ist das wurscht. Der dritte Tag neigt sich dem Ende, mir wachsen die Segelbeine, kann mich wieder unter Deck aufhalten. Das möchte ich dann doch bitte halbwegs bequem. Wir segeln auf dem für uns unglücklichen Steuerbord-Bug. Das Waschbecken im Bad ist bei viel Lage nicht zu benutzen, weil das Wasser nicht abläuft (der Abfluss liegt dann unterhalb der Wasseroberfläche). Die Toilette kann man benutzen. Allerdings ist das Abpumpen tückisch. Wenn man das Ventil zum Abpumpen öffnet, kann es sein, dass einem eine kleine Fontaine entgegen spritzt. Pfui. Pipi-Wasser-Gemisch. Bloß nicht den Kopf über die Brille halten. Die Pantry ist ebenfalls auf dieser Seite segelnd unglücklicher zu benutzen. Wenn wir auf der Steuerbordseite segeln, rollen Zwiebeln gegen den Schrank. Auf der Backborseite liegend, fliegen sie durch die Bude. Das alles kann mit einem kleinen Reff im Vorsegel verhindert (zumindest verbessert) werden. :-) Essen: Abendessen: Da ich Angst vor Achims Nudeln mit Ketchup habe, selber aber noch nicht kochen kann, gibt es Erbsensuppe aus der Dose und die vorletzte Dose meiner heilig bewachten Würstchen-Dosen (echte Frankfurter, yammi). Frühstück: Selbst gebackenes Brot von Vorvorgestern. Mittag: Den Rest vom Krautsalat, Rest vom Tzaziki und die restlichen Würstchen.
Meilen: Tagesmeilen 97, Rest 2.046 auf direktem Weg

Tag 2 =>Osterinsel – Grau und ruppig

Mo., 10.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1653, 13.541 sm von HH
In der zweiten Nacht nimmt der Wind zu. Nicht viel, vielleicht drei, vier Knoten (6-7 km/h). Wir schruppen noch immer gegen an. Es ist erstaunlich wie viel Komfort drei Knoten Wind kosten. Von hinten ist es egal, aber von vorn, sieht die Sache anders aus. Atanga liegt jetzt 15 bis 20 Grad auf der Seite, nichts bleibt mehr stehen, sich an Bord bewegen ist beschwerlich. Und die Wellen sind höher. HACKHACKHACKHACK, tauchen wir mit dem Bug ein. Gestern war schöner. Dazu ein steingrauer Himmel und mausgraues Wasser. Die Nacht ist dunkler als dunkel. Da ich gestern bereits den berühmten Bärenarsch bemüht habe, gehen mir jetzt die Superlative aus. Diese absolute Schwärze ist uns eine Eintragung ins Logbuch wert. Tapfer halten wir unsere Nachtwachen ein. Total sinnlos. Unbeleuchtete Fischer würden wir sowieso nicht sehen. Einhandsegler schlafen ja schließlich auch. Die Verlockung ist groß, einfach liegen zu bleiben. Der Wind kommt weiterhin südlich, so dass wir 20 Grad neben unserem Kurs liegen. Das haben wir erwartet und wird sicherlich noch ein paar Tage so bleiben.
Essen: Abendessen: Krautsalat (ebenfalls noch vorbereitet) mit kalter, gebratener Hühnchenbrust. Den Tzaziki (mangels Quark verwende ich eine Mischung aus Joghurt und Frischkäse) mache ich frisch. Ih bin froh, dass der Rest schon fertig ist. Längere Aufenthalte liegen in der Pantry für mich noch nicht drin. Es ist zu ruppig. Da wird es mir mulmig. Frühstück: Selbst gebackenes Brot Mittag: Den letzten Rest vom Nudel-China-Salat (mit Hühnchenbrust übrigens, gestern vergessen zu erwähnen)
Meilen: Tagesmeilen 110, Rest 2.141 auf direktem Weg

Tag 1 =>Osterinsel – Ein überraschender Anfang

So., 09.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1652, 13.431 sm von HH
Um 16:00 Uhr zu Hochwasser kommt Ariosto, unser Lotse, an Bord. Wir haben zwar den alten Track von der Ankunft auf dem Plotter und könnten theoretisch auf dem Kurs auch wieder raus fahren. Aber sicher ist besser. Die 35 Dollar sind gut angelegt. Und selbst mit Ariosto ist es noch aufregend genug. Heute ist die Welle, die das Hochwasser in den Chone drückt viel flacher als bei unserer Einfahrt. Zum Glück. Trotzdem brausen die Wellen weiß schäumend über die flachen Stellen. Donnernd brechen sich die Fluten an der Brandungsbauer von Bahía. Verdammt nah führt die Fahrrinne daran vorbei. Die flachste Stelle ist dann noch beruhigend 2,80 Meter tief. Nach fünfundvierzig Minuten mit feuchten Händen sind wir dann im Tiefen. Häät noch mal jut jejange. :lol: Wir übergeben Ariosto seinen Kumpels im Begleitboot: „Tschau. Amigo, war sehr nett mit dir das halbe Jahr“. Und schon sind wir ein Segelboot. Da wir hoch am Wind segeln müssen, nehmen wir das Großsegel und die kleine Fock. Mit der können wir am besten Höhe machen. Der Wind ist moderat mit Stärke 3 bis 4. Erwartungsgemäß segeln wir in die für uns falsche Richtung, genau nach Westen.
Bereits nach zwei Stunden ist es dunkel. Zum Eingewöhnen mögen wir das gar nicht. Wir haben lieber den hellen Tag vor uns. Und dann ist auch noch Neumond. Es ist dunkel wie im Bärenarsch. Dafür sind die Schiffsbewegungen angenehm. Atanga liegt mit zehn Grad auf der Seite und wackelt kaum hin und her. Die Welle von vorn lässt uns nicken…hackhackhackhack. Aber auch das ist erträglich. Wir finden beide Schlaf in der ersten Nacht. Cool!
Und dann die Überraschung: im Laufe der Nacht dreht der Wind zu unseren Gunsten. Wir können für mehrere Stunden direkten Kurs ‚Osterinsel‘ fahren. Wer hätte das erwartet? Allerdings sind wir nicht grade schnell, mehr als einen 4er Schnitt bekommen wir nicht auf die Kufe. Auf dem Display vom Plotter steht noch 31 Tage to go. Die Stimmung an Bord ist trotz dieser unnötigen Information ausgesprochen gut. Wir sind mit Tag 1 sehr zufrieden.
Essen: Abendessen: Vorgekochte „China“-Pfanne mit Möhren, Paprika und Kohl (Knoblauch, Sambal Olek, Sojasauce, pikant scharf), dazu Asia-Nudeln. Das Gericht hat den Vorteil, man kann es als Nudelsalat auch kalt essen, wenn man keinen Bock zum Aufwärmen hat (hatten wir nicht ;-) ) Frühstück: Selbst gebackenes Brot mit Dauer-Salami, eine Art Churizo (noch aus Panama), Schwarzwälder Schinken (noch aus Deutschland, erst abgelaufen letzten Monat, extra für heute aufbewahrt – köstlich, ein seltener Genuss) Mittag: Noch mal den Nudel-China-Salat und einen frischen Obstsalat mit Mango, Passionsfrucht und Banane
Meilen: Tagesmeilen 94, Rest 2.240 auf direktem Weg (der seit Mittag nicht mehr zu halten ist, der Wind hat wieder zu unserem Nachteil auf Süd gedreht)

Adios Ecuador, Adios Kontinent

Fr., 07.Dez.18, Ecuador/Bahía de Caraquez, Tag 1650, 13.337 sm von HH

So, jetzt wird’s ernst. Morgen geht es nun wirklich los.
Vielen Dank für Eure vielen Tipps unserer Reisedauer. Wir haben echt die besten Leser der Welt. Unglaubliche 53 Tipps haben wir bekommen: zwischen 23. Dezember und 21. April (das ist garstig ;-) ) habt ihr Euch festgelegt. Am häufigsten (jeweils sechsmal) wurden der 3. und 4. Januar genannt.
Nun, wir werden sehen. Haltet schon mal Eure Adressen bereit.

Und wie ist es mit der Aufregung? Ja, vorhanden. Durchaus. Zwar wissen wir in der Zwischenzeit, dass man so lange Seereisen überlebt. Aber dieser Pazifik ist einfach groß. Wasser, Wasser, Wasser.
Wie immer werden wir über Funk (versuchen) jeden Tag zu posten, wie es uns ergeht. Während Ihr dann unter dem Tannenbaum sitzt und an Eurer Gänsekeule knabbert, schaukeln wir alleine in unserer Nussschale auf diesem großen Wasser herum. Falls Ihr nichts hört, handelt es sich mit ziemlicher Sicherheit um einen technischen Defekt. Mit schweren Winden ist nicht zu rechnen. Auch Inseln oder Riffe gegen die wir fahren könnten, liegen nicht auf dem Weg. Nur Wasser.

Wir wünschen Euch tolle Feiertage, einen guten Rutsch. Bis zum nächsten Jahr, lasst es Euch gut gehen. Ahoi, Eure Atangas – Joachim und Sabine

Frohe Weihnachten

Frohe Weihnachten