The Next Generation

01.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.476; 30.106 sm total

Das Elend fängt mit einer Fehleinschätzung an. „Wo kommt denn bloß der Mohn her?“, wundere ich mich. „Wir hatten doch gar nichts mit Mohn!“ Ich wische die Krümel zwischen den Tellern im Schrank weg und denke nicht weiter drüber nach. Zwei Tage später finde ich die nächste Ladung an der gleichen Stelle. Eine genauere Betrachtung – diesmal ohne Brille – treibt mir Sorgenfalten ins Gesicht. Nix Mohn, es handelt sich eindeutig um Kakerlaken-Kacke.
Schöner Mist! Wenn Kakerlaken Mohnkörner großen Dreck hinterlassen können, dürften es Kavenzmänner sein.

Als Sofortmaßnahme baue ich aus Eierkartons Kakerlaken-Hotels. Bestückt mit Borsäure und Zucker. Seit Edgar der Schabe weiß jeder, Kakerlaken lieben Zucker. Zusätzlich kaufen wir Fressköder im Supermarkt. Beide Methoden wirken als Kaskadengift. Die Wirkstoffe werden ins Nest getragen und vergiften dort die Nachkommen.

 

Kakerlaken-Hotels bestückt mit Borsäure.

Borsäure ist ein weißes Pulver. Rein von der Optik hofft man dann, dass das Beutelchen nicht vom Zoll gefunden wird. :mrgreen:

Es dauert eine Zeit, da tauchen die ersten Leichen auf. Große Biester. Wahrscheinlich handelt es sich um die flugwillige amerikanische Schabe. Es dauert eine noch längere Zeit, da tauchen Baby-Kakerlaken auf. Die sind noch nicht so flink auf den Beinen wie ihre Eltern. Wir erwischen ein halbes Dutzend. Das reicht nicht! Ein Eipaket enthält 14 bis 16 Eier. Der Rest der Brut entkommt, häutet sich, wächst zu mittelgroßen Schaben heran. Wir erwischen weitere zwei.

Mit einem Körper, den nur eine Mutter lieben kann. Ein Amerikaner oder Australier. Die sehen sich sehr ähnlich.

Inzwischen haben wir das Land gewechselt. Die Geschichte zieht sich seit Nouméa, genau gesagt seit April. Wir wähnen uns schabenfrei, als an einem lauen Abend im Juni ein mausgroßes Teil in der Pantry landet. Das Biest ist so fett, dass es nicht mal eben in einer Ritze verschwinden kann. Achim ist schnell wie der Blitz. Gute Leistung!  Ein paar Tage später sehe ich am Dinghy-Dock eine Schabe am Nachbar-Schlauchboot hochklettern. Ich kann sie zum Schwimmen überreden.

An Bord ist Ruhe. Kein Mohn, keine Häute, keine weiteren Funde. Wir atmen auf.
Zu früh. Es erfolgen erneut Sichtungen und Fänge von mittelgroßen Schaben. Ob es sich um unsere Nouméa-Brut oder eine neue Familie handelt, ist nicht überliefert. Wir wechseln die Fallen, kontrollieren, putzen und passen auf.

Und tatsächlich, seit vier Wochen ist es friedlich. Wir erklären Atanga nun wirklich für kakerlakenfrei. Bis gestern. Die nächste Generation ist da. Ein kleines Tier rennt rotzfrech am hellen Tag im Cockpit umher. Aber auf Achim ist Verlass. Platsch. Weidmanns Dank. Zu hell der Körper, zu tagaktiv, um ein echter Amerikaner zu sein. Dazu kommen gestreifte Beine.

Es könnte eine Außenschabe sein. Dies sind keine Schädlinge, sondern sie fressen verrottendes Pflanzenmaterial im Garten. Es soll keine Vermehrung im Haus stattfinden. Was auf einem Boot passiert, ist natürlich nicht beschrieben. Hoffentlich weiß die Außenschabe, dass sie ohne Grünabfall nach ein paar Tagen zu verenden hat.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Kakerlake bitte zuerst.

Nicht nur, dass die Viecher eklig sind, sie richten echten Schaden an. Hier die Gummidichtung unseres Schnellkochtopfes. Als ob es in den Ritzen der Bodenbretter nicht genügend Krümel zu finden gäbe. Auch die Ringdichtung hat Frass-Spuren. Achim meint, das sei Abrieb vom Schaukeln. Ich sage, es waren die Amerikaner. Abrieb hatten wir in zwölf Jahren nicht  …

 

Schietwetter in Vanuatu – zum Glück gibt es Tasmanien.

25.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.469; 30.106 sm total

Von Fiji bis zu den Salomonen zieht sich ein Wolkenband. Wobei „Wolkenband“ die Situation ziemlich verniedlicht. Die Wolkendecke ist so dick, dass selbst Starlink nur mühsam den Kontakt zur Außenwelt hält.

Ein Wolken“band“ von über 2500 Kilometer Länge. Wir haben Kontakt zu Seglern sowohl in Fiji als auch Salomonen: Alle berichten von dem gleichen schlechten Wetter.
Ab Morgen soll es besser werden.

Wir waren seit über einer Woche nicht von Bord.  Grau, grau, grau. Regen, Niesel, Regen. Und Wind. Homeoffice ist angesagt. Damit der Bordkoller nicht zuschlägt und irgendwann böse Worte fallen, beschäftigen wir uns mit Dingen, die gute Laune machen. Und so ist zwischen Wind und Regen etwas Schönes entstanden.

Vielleicht ist bei Euch ja auch Schietwetter? Dann ab aufs Sofa und kommt mit uns auf die Reise — der Film über unsere Tasmanien-Rundreise ist fertig.

Viel Spaß beim Anschauen.

Der You-Tube-Link behauptet „Fehler bei der Konfiguration des Videoplayers. Fehler 153.“
Warum das so ist, können wir im Augenblick nicht herausfinden. Der Link funktioniert tadellos.

#34 Tasmanien – Einmal rund im 4×4 Camper.

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Vanuatu: Das sicherste Katastrophengebiet der Welt

16.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.460; 30.098 sm total

Sonntagnachmittag. Alles ist ruhig auf Atanga. Eine Fliege summt durch den Salon. Ich liege auf dem Sofa, verscheuche sie gelegentlich von meinem Bein und konzentriere mich auf meine Sprachen-App. Achim macht in der Achterkabine das Gleiche. Denke ich zumindest, vielleicht ist er auch eingenickt. Hinten ist es auffällig ruhig.

Plötzlich höre ich ein Rattern. Es rumpelt, als ob ein großes Schiff nahe an uns vorbeifährt. Sehr nahe. Zu nahe. Welcher Trottel will uns da rammen?
Ich springe vom Sofa auf ins Cockpit. Laufe aufs Vorschiff. Nichts zu sehen. Außer unsere Nachbarn auf ihrem Katamaran, die ebenfalls aufgeregt an Deck stehen. Es rumpelt wieder. Achim ist jetzt auch zur Stelle. Mit einem Fragezeichen am Kopf. Unsere Ankerkette kann die Geräusche nicht machen, wir hängen ja am Mooring-Seil. Es rattert erneut. Und dann kommt die Erkenntnis: ein Erdbeben!

Nach ein paar Stößen ist es vorbei. Stärke 6,1. Einhundert Kilometer von uns entfernt. Es rumpelt in knapp 200 Kilometer [edit von m auf km nach Hinweis von Uli] Tiefe. Zu schwach und zu tief für einen Tsunami finden wir eine Entwarnung im Internet.
Mein Puls geht wieder auf normal.

Das Erdbeben, das wir deutlich an Bord spüren konnten. Keine Schäden in Vanuatu. [Grafik-Quelle: U.S. Geological Survey}

Alle Erdbeben der letzten 7 Tage als orangene Punkte. Die meisten Beben im Land sind schwach und richten kaum Schäden an. Ab 6.0 gilt ein Beben als stark. Davon gibt es in Vanuatu eine Handvoll im Jahr. [Grafik-Quelle: vmgd.gov.vu]

In Vanuatu ballen sich die möglichen Naturkatastrophen. Kaum anderswo auf der Welt ist die Bedrohung größer, durch so ein Ereignis zu Schaden zu kommen. Vulkanausbrüche. Tsunamis. Erdbeben. Und weil das noch nicht reicht, kommen im Sommerhalbjahr auch noch Zyklone dazu.
Vor drei Jahren schafften es innerhalb von 48 Stunden zwei Kategorie-4-Zyklone Vanuatu zu überrollen. Während alle noch ihre Häuser sicherten, gab es mittendrin noch ein 6,5-Erdbeben. „Das chaotischste Wochenende im Pazifik“ wurde ausgerufen.
Vor ein paar Jahren hob ein Beben eine Lagune so schnell an, dass die Bewohner mit Eimern bewaffnet Langusten und Fische auf dem neu entstandenen Land einsammeln konnten.
Beim Unterwasservulkan nahe der Insel Epi fing 2023 plötzlich das Meer an zu kochen. Einhundert Meter hohe Dampfwolken zwangen Schiffe zu Umwegen.

Ein gefährliches Pulverfass, dieses Vanuatu.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Kriminalstatistik. Platz 186 von 193 Ländern. In Vanuatu gibt es keine organisierte Schwerstkriminalität, keine Banden und selten Schusswaffengebrauch. Die Alltagskriminalität beschränkt sich in der Regel auf Diebstähle. In Luganville einen auf den Kopf zu bekommen, diese Chance ist kleiner, als vom Tsunami weggewaschen zu werden.

Entsprechend leer sind Gefängnisse. Kleinere Vergehen werden vom Chief des Kustom-Dorfes gelöst. Man entschuldigt sich, als Wiedergutmachung wechselt ein Schwein den Besitzer.
Schwere Delikte, wie Sexualstraftaten, Inzest und Gewalt enden im Gefängnis.

In Port Vila sind wir beim Stadtrundgang am Gefängnis vorbeigekommen. Von außen wirkte es eher wie ein gut gesichertes Internat. Massenausbrüche in Vanuatu machten bereits internationale Schlagzeilen. Die Insassen entkamen einfach durchs Anheben eines Zauns.
Die Häftlinge hatten gar nicht vor zu flüchten, sondern brachen aus, um die Familien zu besuchen, Weihnachten zu feiern oder die Gartenarbeit zu erledigen. Freiwillig kehrten sie in ihre Zellen zurück.

Das Gefängnis in Port Vila. Mit Natodraht gesichert, aber die Wärter saßen im Schatten und haben geschwatzt.

Der sicherste unsichere Ort der Welt. Wir spazieren also weiterhin unbefangen über die Inseln und schließen nachts die Türen nicht ab. Ein gutes Gefühl. Zyklone sind im Augenblick nicht zu erwarten. Den Vulkanen gehen wir aus dem Weg. Bleiben die Erdbeben und Tsunamis – was sagt eigentlich unsere Versicherung dazu?

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Hürdenlauf in Luganville

09. – 14.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.453 – 58; 30.098 sm total

 So einiges haben wir über Luganville im Vorwege gelesen. „Schwierige Stadt“, heißt es. Aber es geht nichts über eigene Erfahrungen: Luganville ist mehr als ein simpler Hürdenlauf, eher ein Hindernisparcours in unwegsamem Gelände.

1. Hürde: Wo parken wir das Boot?
Eine Marina gibt es nicht. Sollen wir ankern auf der Stadtseite mit Schwell und auflandigem Wind oder eine Mooring auf der falschen Seite des Meeresarms mieten?
Wir entscheiden uns für die Mooring. Gleich am ersten Nachmittag überholen wir mit gekipptem Tidenstrom unsere eigene Mooring-Leine. Jetzt klopft der harte Ball an Atangas Bug. Sehr unangenehm, nicht nur für den Rumpf. Wir holen die Mooring-Leine dicht.  Ein schnell geschriebener Satz. Gegen zwei Knoten Strömung und mit der Leine unter dem Kiel ziehen wir nicht mal eben den Ball nach oben. Achim muss sogar das Dinghy klarmachen, um von unten arbeiten zu können. Anders wird das nichts. Eine gute Stunde später ist Schluss mit der Klopferei.
In den Mietbedingungen der Moorings steht, dass man das nicht machen soll. Paul, unser Mooring-Vermieter, wohnt in Sichtweite gleich gegenüber, sieht unseren Ball schweben und sagt nichts dazu. Prima, guter Mann.

2. Hürde: Wie kommt man auf die andere Seite?
Die Entfernung von zwei Kilometern ist machbar mit dem eigenen Dinghy. Allerdings ist die Strecke kein glattgezogener Binnenteich. Es kabbelt hart, wenn Wind gegen Strömung steht. Uns steht nicht der Sinn nach Experimenten mit Einkäufen gegen den Schwell zu motoren. Ein Wassertaxi soll es sein. Eine gute Entscheidung, wie gleich die erste Fahrt beweisen soll.

3. Hürde: Wie rufen wir ein Wassertaxi?
Es gibt Telefonnummern der Taxifahrer im Internet. Keiner hat WhatsApp. Wir haben keine SIM-Karte. In Zeiten von Starlink ist das doch überholt, oder? Nee, ist es nicht. Paul war so nett, uns anzubieten, dass er uns einmal (aber nur einmal! – O-Ton) einen Taxifahrer ruft. Wir sollen einfach eine WhatsApp schicken.
Das machen wir am nächsten Morgen. Statt eines Taxis kommt Paul. Er muss ohnehin in die Stadt und nimmt uns mit. Nicht ohne Grund fährt er erstmal einen halben Kilometer am Ufer lang. Jetzt ist der Winkel besser zu Wind und Welle. Beides kommt von hinten. Viel nützt das nicht. Und Paul scheint es eilig zu haben, sehr eilig. In Rekordzeit peitscht er uns durch den Schwell. Die Wellen haben einen knappen Meter. Es ist besser als Achterbahnfahren, nur feuchter. Wir sind tropfnass als wir Luganville erreichen.

Das Wassertaxi kommt auf Anruf, wenn man dann eine SIM-Karte gekauft hat.

Je nach Wetter und Kundenfreundlichkeit sind die Überfahrten unterschiedlich nass. Der Weg zurück mit den Einkäufen ist der holprige.

Auf der anderen Seite hängt Atanga an der Moorring. Es sieht harmlos aus, kann aber garstige Wellen haben in dem Meeresarm.

4. Hürde: Müll!
Der Müll der letzten zwei Monate wartet im Bad und Vorschiff auf die Müllabfuhr. Die kleinen Inseln haben schon genug Probleme mit ihrem eigenen Müll. Biomüll werfen wir nachts über die Kante, den Rest stapeln und falten wir in Tetris-Manier ineinander. Paul winkt gleich ab. Bei mir keine Müllentsorgung!
In Luganville kann man fast überall rote Säcke kaufen. Nur in diesen Säcken darf man seinen Abfall auf entsprechenden Hochgestellen ablegen. Wer noch gelbe Säcke aus Port Vila hat, der hat Pech. Nicht erlaubt in Luganville.

Dem Junior mal eben sagen, dass er den Müll rausbringen soll, funktioniert in Luganville schlecht. Selbst Achim hatte seine Probleme.

 

5. Hürde: Supermärkte!
Wenn Luganville eines hat, dann sind das Läden. Auf zwei Kilometer Stadtkern verteilen sich wohl drei Dutzend Geschäfte. Häufig kleine Gemischtwarenläden mit Plastikkram und Konservendosen. Nur drei der Geschäfte dürfen sich „Supermarkt“ nennen. Wir stöbern durch das Angebot.
Es gibt keine Butter, keinen Käse, Joghurt oder Salami. Schokolade: Fehlanzeige. Nicht mal Nutella ist zu finden. Okay, wenn das so ist, müssen wir unsere Frühstücksgewohnheiten umstellen. Selbst wenn wir wollten, würden Müsli oder Porridge nicht funktionieren. Es gibt keine Haferflocken, kein Müsli, keine Cornflakes.
Also Marmelade. Im fünften Geschäft werden wir fündig. Die kleinen Plastikbecher haben mal neben Marmelade gestanden. 120 Gramm „irgendwas mit Frucht“. Auf Angabe des Fruchtanteils hat der Hersteller verzichtet. Kein gutes Zeichen. ;-)

Nudeln gibt es auf der ganzen Welt, nicht in Luganville. Ein Supermarkt hat noch drei Pakete Spaghetti. Die gehören nun uns. Die Spirellis daneben, haben Tierbefall. Als wir schon aufgeben wollen, finden wir im letzten Laden Pasta „made in Turkey“. Verrückt! Wir haben die Wahl zwischen Spaghetti und Hörnchen. Alles ohne Tiere. In den Einkaufswagen.

Die Läden sind voll mit Thunfisch und Kräckern. Die werden in Plastikboxen verkauft, ähnlich wie früher Waschpulvertrommeln aussahen, mit fünf Kilo Fassungsvermögen.
Nur ein Supermarkt hat Konserven wie Erbsen, rote Bete und Kichererbsen. Keine grünen Bohnen, keine Champignons. Die Auswahl ist dünn.
Es kommen harte Zeiten auf uns zu. :mrgreen:

Unbegreiflich die Menge an Thunfisch und Makrelen in Dosen. Jeder Laden hat so ein Regal.

Unverkäufliche Fleischpräsentation. Ich habe Vertrauen in die Leute vor mir in der Schlange. Rindfleisch aus Vanuatu wird sogar nach Neukaledonien exportiert und hat einen exzellenten Ruf. Zu Recht!

Die traurigste Abteilung mit Milchprodukten, die wir je in einer Stadt gesehen haben. Nur Margarine!

6. Hürde: Das Schleppen!
Viele Segler geben den Tipp: Hol dir einen Taxifahrer für einen halben Tag und lass dich von Laden zu Laden fahren. Kostet nur 15 Euro.
Das ist eine gute Idee, wenn man nur zwei Geschäfte abklappern müsste. Aber alles, was wir wollen, ist verstreut. Bei ‚Sing Hung‘ gibt es Reis ausnahmsweise nicht im üblichen 25-Kilo-Sack. Der chinesische Shop gegenüber hat Milch. Ein anderer hat Kartoffeln. Dem Taxifahrer wäre es wahrscheinlich egal, uns nicht. „Und jetzt bitte dreihundert Meter weiter. Kurz halten. Nächster Laden.“

Ich würde die Hälfte vergessen, um den Fahrer nicht warten zu lassen. Also schleppen wir selber. Anstrengender, aber einfacher. Mit fünf Fahrten in die Stadt haben wir eine gefühlte Tonne Nahrung und Bier aufs Schiff geschleppt.
An drei Vormittagen habe ich 28 Gläser Hackbällchen und deren kulinarische Freunde eingekocht.

 

7. Hürde: Dreckwäsche!
Eigentlich hat Paul einen Wäsche-Service für seine Mooring-Mieter im Angebot. Die Maschine ist kaputt. Eine neue ist bestellt. Das nützt uns nichts. Jetzt sollen Handtücher und Bettwäsche gewaschen werden. Es wird Zeit!
In Luganville gibt es eine einzige Wäscherei. Wobei das nicht die richtige Beschreibung ist. In einem Haus wäscht eine Frau in ihrer Waschmaschine Wäsche auch für andere Personen. Das Kilo kostet 3,20 Euro. Trocknen noch einmal extra 2,50 Euro. Theoretisch kann man auch waschen ohne trocknen. Ich versuche, mit der jungen Frau einen Konsens zu finden. Vergeblich. Wann ich trocken bringen soll und nass wieder abholen kann, ist nicht aus ihr herauszuholen. Ob sie kalt wäscht oder mit wenigstens mit 30 Grad ebenfalls nicht. Müsste ich wetten, würde ich auf kalt tippen.

Viel Geld für Kaltwäsche und Trocknen, was auf der nassen Überfahrt mit dem Wassertaxi mit einem Streich zunichte gemacht werden kann.
Ich entscheide mich, es selber zu waschen. Auch kalt. Aber immerhin ist meine Arbeitskraft kostenlos. :mrgreen:
Handtücher machen das, was sie sollen, sie saugen Unmengen an Wasser auf. Der Verbrauch ist alles andere als ‚Eco-Tech‘. Achim fährt zu Paul und holt Wasser. Das ist einfach, wenn man davon absieht, dass der Wasserhahn keinen Schlauch hat und er beim Befüllen, den 20-Liter-Kanister dauerhaft hoch halten muss.

Den Handtüchern habe ich eine Behandlung mit Bleiche gegönnt. Sie hatten den Geruch von vergessenem Badezeug, das eine Woche im Schulranzen lag. Jetzt hängen sie seit 30 Stunden im Regen und fangen wahrscheinlich wieder zu stinken an. :cry:

Ein echtes Pony-Hof-Leben für uns beide.
Und dann sind da auch noch die echten Erfolgsgeschichten.

Die Lichtblicke

1. Lichtblick: Der Frische-Markt!
Der kann mit überbordenden Märkten in Südamerika nicht mithalten. Jedoch sind wir zufrieden. Das erste Mal finden wir Weißkohl in Vanuatu. In rauen Mengen liegen Gurken, Tomaten und grüne Paprika auf den Tischen. Die Früchteseite bietet das Übliche: Bananen, Pampelmusen und Papaya. Alles ist preiswerter als in Port Vila.
Der einzige Pferdefuß: der Markt liegt am Ende des Stadtkerns. „Was, du willst zwei Kürbisse …?“

Eine Rarität auf dem Markt – haben wir noch nie gesehen. Weder in echt, noch auf dem Markt. Palmendiebe. Die größte Landkrabbe. die es gibt, soll ausgezeichnet im Geschmack sein.

Günstiger Einkauf: 8 Euro. Allein die Gurke wiegt über ein Kilo. Guter Geschmack, keine Schmorgurke.

2. Lichtblick: Gasflasche füllen!
Wir haben eine Flasche aus Neukaledonien im Gebrauch. Gefüllt wiegt die 25 Kilo. Zu viel, um sie durch die Stadt zu schleppen. Wir halten ein Taxi an. Achtzig Prozent aller Autos in Luganville sind Taxen. Kleinstwagen, Kia oder Hyundai. Unser Taxi ist von innen so schmutzig, dass man die Sahara mit der Menge an Sand nachbilden könnte.
Aber der Fahrer ist nett und kennt die Gasstation. Er wartet, während die Flasche gefüllt wird, und fasst auch sofort beim Tragen mit an. Die volle Flasche lassen wir am Wassertaxi-Steg. „Hier wird nichts geklaut“, hat uns Paul versichert. „Ich kann Bierkästen und Benzinkanister im Boot stehen lassen.“ Wir setzten auf diese Versicherung und binden unsere Gasflasche mit einem Strick am Baum fest. Am Ufer finde ich einen vertrockneten Palmenwedel. Den stecken wir auf die Flasche. Das ist Trick 17!
Auf Tanna haben wir Palmenwedel auf einem nicht fertigen Kanu gesehen. Das sah so merkwürdig aus und ergab keinen Sinn. In einem Bericht haben wir dann gelesen, dass dies typisch in Vanuatu sei. Palmenwedel auf etwas gelegt, bedeutet „in Arbeit, tabu, Hand ab“. Weiß man das mal, fallen einem diese Palmenwedel im Alltag häufiger auf. Sogar in Port Vila in der Marina war eine Baustelle so gekennzeichnet.

Der junge Mann an der Füllstation zuckt nicht zusammen: Französischer Anschluss auf Deutsch mit einem Adapter getrimmt. Von Deutsch dann auf Amerikanisch mit einem zweitem Adapter. Es gäbe Länder, da würden wir damit vom Hof gejagt.

Kennst du den Trick, ist deine Gasbuddel auch noch da, wenn du nach Stunden wiederkommst. Kein unerheblicher Wert, so frisch gefüllt. Ungefähr 100 Euro mit neuer Flasche, die wir hätten kaufen müssen.

3. Lichtblick: Das Versorgungsschiff!
Von unserem Platz kann man die ganze Stadtzeile überblicken. Mir fällt sofort der kleine Feeder mit zwei Kränen im Einsatz auf. Ein Versorgungsschiff, der Größe nach zu urteilen aus Australien.
Und richtig! Zwei Tage später gibt es Käse, Butter und Schokolade in einem der Supermärkte.

Hipp hipp hurra. Lunganville muss man nur zur richtigen Zeit besuchen.

Luganville ist keine Schönheit. Es liegt auch viel Müll herum. Aber es gibt Viertel-Hähnchen mit Pommes. Das haben wir uns schwer verdient.

 

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Gourmet-Ebbe auf 15° Süd

08.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.452; 30.098 sm total

Über sieben Wochen haben wir keinen Laden von innen gesehen: Und nun sind wir pleite! Im Schrank mit den Konserven klappert es beim Segeln. Besondere Leckerlis, wie ein Stück Feta, edle Salami und eingelegte Paprika, sind schon längst Geschichte. Edle Niederegger-Ostereier, noch aus Deutschland, haben wir auf vier Tage gestreckt. Die letzte schnöde Schokolade ist im Anbruch.

Den Speiseplan mit Fisch zu bereichern, kann gefährlich sein. Ein Fisch sprang vom Haken, zweimal gab es Köderverlust. Aber dann, ein schöner Mahi-Mahi brachte eine Portion fürs Nachbarboot und vier Mahlzeiten für uns. Ein zu kleiner Gelbflossen-Thun hätte zurück ins Meer gehört, aber er schluckte den Köder zu gierig. Der Haken saß im Auge, Operation aussichtslos. Somit eine weitere fette Mahlzeit für uns.

Angelglück. Ein Mahi Mahi (Goldmakrele) in genau richtiger Größe.

Der Thunfisch war noch arg klein. Dafür ist dann das Filetieren einfacher.

Außer Obst, Gemüse und ein paar Eiern gab es auf den Inseln nichts zu kaufen. Die Ausgaben für Lebensmittel erreichen in zwei Monaten keine 30,00 Euro. Plus zwei T-Shirts. Aber das (Achtung! Es folgt ein Buchhalterwitz), ist ein echter Aktivtausch. Die Ausgabe bleibt also gewinnneutral. :mrgreen:

Ein paar Mal haben wir frisches Zeug kaufen können. Auf den Inseln übrigens viel preiswerter als in der Hauptstadt. Dieser große Strunk Kochbananen kostet grade mal 8,00 Euro.

Nachdem die dick ausgebratenen Bananen bei Achim nicht so gut angekommen sind, habe ich Chips ausprobiert. Lecker für uns beide. Muss wiederholt werden.

Da wir wussten, dass wir nicht auf See kochen müssen, habe ich diesmal kaum fertige Gerichte eingekocht, sondern Fleischportionen. Zum Renner sind Hackbällchen geworden. In Kürbissuppe, in Tomatensauce. Mit Sahne oder mit Soja.
Das letzte Glas gab es gestern mit Pinienkernen (tatsächlich, ein paar Schmankerl sind noch da) und drei Ecken „Lachender Kuh“. Der Schmelzkäse der Weltumsegler. Durch Lagerung im Kühlschrank nicht kaputt zu kriegen.
Das erste Mal habe ich Hühnerschenkel eingekocht. Als Bratschenkel zubereitet, von den Knochen gepult und mit Bratensatz in Gläsern eingekocht. In Sahnesauce mit Gemüse oder auch zu Pasta sehr zu empfehlen.

Schlecht ging es uns nicht. Ein Gefrierschrank wäre fein, aber es geht auch so. Allerdings nahmen Gerichte mit Hülsenfrüchten rapide zu. Süß- und andere Kartoffeln sind verputzt. Ein paar Knoblauchzehen und eine kümmerliche Zwiebel kullern in ihrer Kiste.
Es herrscht gähnende Leere in allen Schaps. Zwei Dosen Sauerkraut – keine Verwendung dafür. Seit wann fahren wir die eigentlich mit uns herum? Die Beschriftung ist Englisch. Best before Januar 2026. Na dann! Ich drehe sie in der Hand, stelle sie zurück. Bevor es nun Sauerkraut-Salat mit Kräckern und Oliven gibt, muss ein Supermarkt her.

Um den Käsebestand etwas zu strecken, gab es Bananenbrot (echte Bananen) auf Marmelade als Mittags-Snack. Folgt mir für weitere ästhetische Rezeptideen. ;-)

Wir sind pleite. Bestandsliste ganz simpel. Zettel in die Innentür des Schranks geklebt. Schneller als jede Excel-Liste.

Wir hängen nun vor Luganville an einer Mooring. Luganville ist nach Port Vila die einzige größere Stadt in Vanuatu. Es gibt Supermärkte. Nicht so gut bestückt wie in Port Vila, heißt es. Drückt die Daumen, dass wir uns hier für die nächsten drei Monate eindecken können. Falls nicht, treten wir in den Hungerstreik.

 

 

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