Tag 6 ==> NZ – Die Vendée Globe der Atanga

Fr.,22. Okt.2021, Pazifik, Tag 2700, 22.906 sm von HH
Willkommen auf unser privaten Vandée Globe. Zwar sind wir nicht einhand unterwegs, aber der Rest stimmt mit der haertesten Rallye um den Globus ueberein. Wer erinnert sich noch an die Bilder? UEberkommende Wellen auf dem Vorschiff. Gischt fliegt durch die Luft. Wasser spritzt gegen die Sprayhood und manchmal sogar bis ins Cockpit. Die Geraeuschkulisse ist enorm. Atanga zieht eine weisse Schaumspur im Kielwasser. Wir rauschen durch die Nacht, wir rauschen durch den naechsten Tag. Das einzige, was uns ausbremst, ist die Welle schraeg von vorne und dass wir keine Foils haben. :lol:
Seit ueber 24 Stunden haben wir 20 Knoten, manchmal mehr. Etwas vorlicher als halber Wind. Die meisten Schiffe sind bei diesem Windeinfall am schnellsten. Atanga auch. Man gewoehnt sich an alles. Wir schauen irritiert, wenn der Wind eine kleine Pause einlegt und auf 16 oder 18 Knoten absinkt. Bleiben wir jetzt gleich stehen, oder was? „Ausreffen“, scherzt der Skipper. Das bleibt uns erspart, denn schon nach dreissig Minuten ist die ‚Flaute‘ vorbei. Das naechste Windfeld wartet auf uns. Zum Glueck kommt der Wind nicht mehr direkt von vorne. Das Leben befindet sich zwar in Schraeglage, aber die Bewegungen sind ertraeglich. Die Arbeiten in der Pantry sind anstrengend, weil wir auf dem falschen Bug segeln. Die offene Kuechenseite zeigt nach unten. Zwiebeln und Dosen finden keinen Halt am Kuechenschrank. Was fliegt, fliegt entweder in die Spuele oder in den Salon. Alles, was ich ablege, muss gesichert sein. Dazu am besten eine Hand zum Festhalten. Ich verbrauche beim Kochen mehr Kalorien als ich hinterher einfahren kann.

Essen: Zitronen-Joghurt, Reste vom Vorabend und Knaeckebrot mit Frischkaese und Tomaten. Abends gibt es Rindfleisch-Eintopf mit zweierlei Bohnen.
Tagesmeilen – 131 (geht also wieder) – Restmeilen: bis Minerva noch 1043 plus ungefaehr 800 nach NZ runter = 1843 Rest.

18

Tag 5 ==> NZ – Klagelied

Do.,21. Okt.2021, Pazifik, Tag 2699, 22.775 sm von HH
Nach dem Gewitter schlafe ich wie ein Stein, obwohl Atanga sich ihren Weg vorwaerts bockt. Wir segeln am Wind. Ich weiss, dass ich irgendetwas von gemuetlichem Passatwind-Segeln geschrieben habe. Zumindest in der ersten Haelfte der Strecke. Das war ein Irrtum. Bei 20 Knoten bolzen wir uns voran. Der Wind kommt aus Sued. Das soll er eigentlich nicht. Der Mensch plant und die Goetter schlagen sich auf die Schenkel. Wir singen das ewige Klagelied aller Segler: zu viel Wind, zu wenig Wind, Wind aus der falschen Richtung. Das Wort ‚herrlich‘ ist aus meiner Tastatur verschwunden. Ich kann auf das Klagelied noch eine Strophe oben drauf packen: Wellen aus der falschen Richtung. :mrgreen: Den ganzen Vormittag schuettelt uns die Welle wie in einem Wuerfelbecher durch. Dann laesst er etwas nach. In der Nacht wird er schwach. Zu schwach. Hahahaha. Die Segel schlagen, war ja klar. Um uns bei Laune zu halten, kommt ein Squall vorbei. 28 Knoten Wind. Ein grosser Squall, der eine Stunde Schabernack treibt. Die Welle baut sich wieder auf. Hach, hack, hack. Atanga nickt sich vorwaerts. Und Achim und ich singen das Klagelied.
Essen: Die letzten Kurzlaeufer-Fruechte wie Bananen, Mango und Papaya sind nun alle. Abends gibt es Gnocchi mit Hack-Sahne-Champignon-Sauce.
Tagesmeilen – 113 (immerhin!) Restmeilen: bis Minerva noch 1174 plus ungefaehr 800 nach NZ runter = 1974 Rest.

28

Tag 4 ==> NZ – Grober Unfug

Mi.,20. Okt.2021, Pazifik, Tag 2698, 22.662 sm von HH
Den ganzen Tag dümpeln wir mit drei Knoten vorwärts. Das Leben ist entschleunigt und leicht wie ein Wattebausch. Leben wie in einem Haus. Das ändert sich schlagartig um 0:30 Uhr bei meiner Nachtwache. Mein Routineblick entdeckt am Vollmondhimmel einen Wolkenkragen hinter uns. Und vor uns ist es auf einmal so komisch diesig, milchig. Ich schleiche mich zum schlafenden Achim, um die Luke der Achterkoje zu schließen. Nicht zu früh, zehn Minuten später fängt es an zu gießen. Der Wind frischt nicht auf, bleibt bei acht bis zehn Knoten stehen. Es pladdert so heftig, dass die Wellen platt geregnet werden. Atanga scheint zu schweben. Aufrecht segeln wir mit vier Knoten durch den Wolkenbruch. Schön, trotz Regen. Am Horizont sehe ich erst Wetterleuchten, dann einen Blitz. Nach unserem Blitzeinschlag macht mich das doppelt nervös. Die Handies landen im Backofen. Atanga schwebt. Dann, nur Minuten später, ein greller Blitz direkt hinter uns, sofort gefolgt vom Donner. Achim steht augenblicklich im Niedergang. Ich sitze bereits mit Regenjacke und ohne Hose (Profi :-) ) im Cockpit. Es gießt. Der Wind frischt auf. 15 Knoten, 20 Knoten, 25 Knoten. Herrgott nochmal, muss das sein? Atanga liegt auf der Backe. Der Wind dreht von Nord auf West. Innerhalb von zwanzig, dreißig Minuten. Wir folgen dem Wind, unsere Herta macht einen guten Job. Nur, zurück wollen wir ja gar nicht. Mit sieben Knoten donnern wir auf unserer Kurslinie zurück, die wir mit drei Knoten gezogen haben. Nein, das geht so nicht. Wir müssen die Segel auf die andere Seite bringen. Kein Vergnügen bei dem Wolkenbruch. Zuerst mal muss der Bullenstander (Hilfstau zur Sicherung des Baumes bei achterlichem Wind, dass dieser nicht ungewollt zu einer Halse führt) gelöst werden. Achims Job. Er muss dafür das Cockpit verlassen. Bei Schräglage und diesem unglaublichen Regen kein Vergnügen. Endlich fahren wir unsere Halse. Kurs Nord. Dort blitzt es, da wollen wir nicht hin. Der Wind hat in der Zwischenzeit weiter gedreht, kommt nun aus Südwesten. Das genau wäre unsere Kurs. Den können wir nicht segeln, weg vom Gewitter wollen wir aber auch. Wir haben die Schnauze voll. Vorsegel runter. Maschine an. Nach weiteren 45 Minuten hat der Wind auf Süd gedreht, wir können wieder segeln. Hoch am Wind jetzt bei 20 Knoten. Für mich fällt das unter groben Unfug. Was soll das? Atanga schwebt nicht mehr, sondern bolzt sich ihren Weg durch die stockdunkle Nacht. Nasse Klamotten aufhängen und Wasserlachen aus dem Salon wischen. Irgendwo hat es durchs Deck geregnet. Dann endlich darf ich ins Bett. Nass und mit schrumpeligen Zehen und Fingern.
Essen: Papaya und Bananen müssen weg. Abends gibt es Wraps mit Rührei und Tomatensalat.
Tagesmeilen – 79 :cry:. Restmeilen: bis Minerva noch 1287 plus ungefaehr 800 nach NZ runter = 2087 Rest.

43

Tag 3 ==> NZ – Schluss mit „herrlich“

Di.,19. Okt.2021, Pazifik, Tag 2698, 22.583 sm von HH
Es ist nicht so, dass es ueberraschend kommt. Die Windkarte hat uns schon vor unserer Abfahrt ein windarmes Band von 80 Meilen Breite angedroht. Aber da die Vorhersagen ja nicht immer stimmen, so hofft man bis zum Schluss. Vergeblich leider. Zum fruehen Abend bricht der Wind auf fuenf bis acht Knoten ein. Die Segel stehen nur, weil wir hoch an den Wind gehen. Auf diesem Kurs ist der scheinbare Wind kraeftiger als wenn er von hinten einfaellt. Zu unserem Glueck dreht er komplett auf Nord, so dass wir einigermassen auf Kurs bleiben. Allerdings grinst der Plotter uns frech ins Gesicht: noch 21 Tage bis Minerva. Gestern zeigte er noch 10 Tage. Gegen Mitternacht geht dann gar nichts mehr. Wir stehen, die Segel schlagen unertraeglich. Wir lassen sie fallen. Die Duenung meint es gut mit uns, wir haben am Anker schon mehr gewackelt. Um drei Uhr morgens kommt etwas Wind zurueck. Mit dem Wind kommt Regen, es giesst wie aus Kannen. Aber wir segeln wieder. Also, so etwas aehnliches zumindest. 17 Seemeilen in 8 Stunden. Noch 24 Tage bis Minerva … :mrgreen: Nach Sonnenaufgang wird es besser. Sonne und zehn Knoten Wind, seitdem wir machen drei Meilen die Stunde. Aufrechtes Segeln ohne Schraeglage. Die See ist glatt gezogen.
Natuerlich gibt es Diskussionen, ob wir nicht die Maschine anwerfen sollten. Schlagende Segel schlagen auf die Nerven. Statt Atanga geraet der Ehe-Segen kurzfristig in Schieflage. Motor an oder nicht? Wir entscheiden (gemeinsam!) die Maschine bleibt aus. Wir haben Diesel fuer ungefaehr vier Tage – ca. 500 Meilen an Bord. Den brauchen wir unter Umstaenden noch auf dem heiklen Teil Richtung Sueden. Segelfreunde von uns sind gerade von Fiji nach Neuseeland gesegelt. Sie haben berichtet, dass sie 90 Motorstunden benoetigt haben – auf einer ungefaehr 1300 Meilen Strecke. Das macht uns vorsichtig. Eine Theorie Richtung Neuseeland besagt: „Lass niemals die Geschwindigkeit unter fuenf Knoten sinken, sonst schaffst du es nicht die optimalen Bedingungen zu treffen.“ Dafür bunkern wir nun unseren Dieselvorrat.
Essen: Das Obstnetzt liefert Berge an Fruechten: Mango und Bananen sind reif auf den Punkt. Abends gibt es einen Suesskartoffel-Eintopf mit Speck, Knoblauch und frischer gruener Paprika. Saemig aufgekocht mit Kokosmilch und pikant durch Cayenne-Pfeffer. Eins unserer Lieblinge auf See.
Tagesmeilen – 67 :cry:. Restmeilen: bis Minerva noch 1366 plus ungefaehr 800 nach NZ runter = 2166 Rest.

39

Tag 2 ==> NZ – Läuft gut

Mo.,18. Okt.2021, Pazifik, Tag 2697, 22.471 sm von HH
Der gute Wind mit knapp 20 Knoten hält an. Zur zweiten Nacht schenkt er uns mehr Nord – wir können Kurs anlegen und brauchen nicht mehr im Zick-Zack vor dem Wind segeln. Während des Vormittags kommt noch mehr Nord dazu. Wir segeln jetzt mit halben Wind (Wind direkt von der Seite). Atanga mag das, wir mögen das. Das Schiff liegt stabil auf der Seite. So haben die Götter ‚Segeln‘ gemeint. Selten hat uns der zweite Tag auf See so gut gefallen. Die Tastatur will, dass ich ‚herrlich‘ schreibe. Okay, es ist herrliches Segeln. Toll. Selbst ein morgendlicher Squall bringt nichts durcheinander. Zwanzig Minuten Schiffs-Wäsche und weiter geht die Fahrt. Da wir jetzt auf Kurs sind, haben wir die Fock gegen die große Genua gewechselt. Läuft.
Besondere Vorkommnisse: keine
Essen: Es sind noch (immer) Reste vom Nudelsalat und Krautsalat da. :roll: Die vierte Mahlzeit. Mir reicht’s nun davon. Als Gegenpol gibt es einen großen Berg Obstsalat. Ich bin schon ganz gut unter Deck zu gebrauchen und kann sogar schon Obst schnippeln. Dank der herrlichen (da war es wieder) Bedingungen. War klar, alle Bananen werden gleichzeitig gelb, eine Papaya mag das Geschaukel im Netz nicht und muss weg und ein Apfel fällt durch eine kleine faule Stelle auf. Kochen möchte ich aber noch nicht, daher gibt es eingekochte Erbsensuppe mit Würstchen. Das kann Achim schnell warm machen.
Meilen: Tagesmeilen – 128! Auch nicht schlecht. Restmeilen: bis Minerva sind es noch 1433 plus ungefaehr 800 nach NZ runter = 2233 Rest.

47