Tag 5 ==> Hao – Eine Punktlandung

Di., 14.Mai 19, Franz.Polyn./Tuamotu/Insel Hao/d’Optea, Tag 1808, 17.889 sm von HH
Der Skipper sagt, um 10:00 Uhr müssen wir da sein, also sind wir um 10:00 Uhr da. Wie am Lineal gezogen verläuft unsere Kurslinie bis vor die Pass-Haustür von Hao. Ein hipphipphurra auf die Steuerfrau und Bestimmerin der Segelführung. :-) Blöd nur, dass der Skipper in der letzten Nacht seine Berechnungen (noch einmal) umgeworfen hat. Sollankunft nun um 12:15 Uhr. So kann ich nicht arbeiten.
Der Pass von Hao ist gut betont. Zwei riesige Tonnen zeigen das Tor durch das wir fahren müssen. Das Tor hat eine Breite von ungefähr 150 Meter. Das sollte man treffen. Die komplette Einfahrt etwa doppelt so breit. Ich steh am Ruder. Einparken darf ich Atanga nicht, aber wenn’s heikel wird, muss ein Depp ans Rohr, der die Schuld bekommt, wenn was schief geht. Achim hält Ausguck. Schon von weitem können wir die stehende Welle hinter den Tonnen erkennen. Hebel auf den Tisch, Augen zu und durch. Die Strömung ist mit uns (sämtliche Literatur berichtet davon, dass es in Hao nur ausgehende Strömungen gibt). Mitlaufende Strömung gilt als kritischer als entgegensetzender Strom, da man bei zu viel Speed die Manövrierfähigkeit verlieren kann. Unsere Strömung bleibt harmlos. Erst zwei Knoten, dann drei Knoten. Aber das Wasser in der Einfahrt kocht. Eine hässliche Hacksee steht vor uns. Es wackelt, wir tauchen mit dem Bug ordentlich ein, das war’s. Schon spuckt uns das Alien-Wasser in die Lagune. Ruhe im Schiff. Ich muss mir die feuchten Handflächen an der Hose abwischen. Nochmal hipphipphurra. Der erste Pass (Gambier zählt nicht, die Pässe dort sind Kilometer breit und warten nicht mit solchen Effekten auf) in der Südsee ist geschafft.
Ob wir nun zur rechten Zeit am Pass-Eingang waren, bleibt im Dunkeln. Auf unserem Weg zum Dorf -sechs Meilen in die Lagune hinein- kommt uns ein Segler entgegen. Als wir auf dem AIS sehen, dass er durch den Ausgang ist, fragen wir ihn über Funk, wie die Bedingungen bei seiner Ausfahrt waren. Er berichtet von 4,5 Knoten Strömung, die ihm entgegen kam. 90 Minuten nach unserer Durchfahrt. Somit war 10:00 Uhr schon mal besser als 12:15 Uhr. Aber was wir daraus lernen, wissen wir noch nicht. Und wie, und wann, wir hier wieder raus kommen, ebenfalls nicht. :mrgreen:

Tag 4 ==> Hao

So., 12.Mai 19, Pazifik, Tag 1806, 17.768 sm von HH
Der Törn bleibt angenehm. Halber Wind, zwischen 3 und 4 Windstärken. Sonne und Schafwolken. Das Schiff wackelt nicht, die Luken sind geöffnet – schöner kann Segeln nicht sein. Noch 83 Meilen to go. Eine letzte Nacht auf See liegt vor uns. Wir segeln bereits mit Vollzeug, mehr Speed ist also nicht raus zu holen aus unserem alten Mädchen. Allerdings droht nachts schwächerer Wind.
Damit ist das Ankunfts-Roulette eröffnet: Bei Tageslicht anzukommen, reicht diesmal nicht als Aufgabe. Wie schon beschrieben, soll die Einfahrt in den Pass möglichst bei Stillwasser – bei slack water- erfolgen, damit man nicht im Pass gegen eine unmögliche Strömung stecken bleibt. Stillwasser ist Morgen früh um 10:00 Uhr. Soll sein, muss ich sagen. So genau weiß man es nicht. Es gibt verschiedene Regeln, um slack water time zu schätzen: Fünf Stunden nach Mondaufgang. Oder vier Stunden vor Monduntergang. Oder auch drei Stunden nach Durchgang des Mondes über den Meridian. Aha. Uns stehen drei Quellen mit Angaben zum Mondaufgang zur Verfügung. Alle drei nennen andere Zeiten. Das schränkt die Auswahl an Stillwasser-Möglichkeiten schon mal auf drei ein. Eine weitere Regel klingt simpel: Stillwasser ist eine Stunde nach Hoch- oder Niedrigwasser. ‚Navionics‘ und ‚wxtide‘ -seriöse Hilfsmittel für jeden Segler- sind sich leider nicht einig. Die Abweichungen für Hoch- und Niedrigwasser betragen mehrere Stunden. Ergibt zwei weitere Möglichkeiten.
Achim rechnet sich seit Tagen den Wolf. :mrgreen: Zettel mit Grafiken, Tabellen und Mond-Zeiten pflastern den Navi-Tisch. Der Taschenrechner glüht. Er sagt 10:00 Uhr. Mir kommt es wie eine Lottozahl vor. Also lautet die Devise wie immer – ankommen bei Tageslicht, der Rest ergibt sich.
Tag 4 Meilen: 108. Noch 83 Meilen bis Hao.

Tag 3 ==> Hao

Sa., 11.Mai 19, Pazifik, Tag 1805, 17.660 sm von HH
Schluss mit Romantik. Wir haben den Wind gefunden. Zunächst perfekte 13 bis 15 Knoten, die jetzt auf knapp 20 Knoten angestiegen sind. Es geht nun deutlich flotter voran. Wir sind längst in das Tuamotu Archipel vorgestoßen. Unser Weg nach Hao führt uns quer durch die verstreuten Atolle. Rechts und links des Weges tauchen die ersten unbewohnten Inselgruppen auf. Allerdings nur sichtbar auf dem Plotter. Als blaue Flecken mit sandfarbenem Kringel drum herum in die Karte gezeichnet. Tiefenangaben oder Angaben über Pässe, die durch die Riffe führen, werden nicht gemacht. Sowohl die flachen Sandhaufen, die nicht mal drei Meter über die Wasseroberfläche hinausragen, als auch die tückischen Saumriffe sind erst auszumachen, wenn man praktisch dagegen fährt. James Cook nannte vor 250 Jahren die Tuamotu die ‚gefährlichen Inseln‘. Erst mit Einführung der GPS-Naviagtion ist es uns Seglern möglich ‚gefahrlos‘ -auch nachts- durch die Tuamotu u schippern. Vor GPS wurde dieses Seegebiet kaum befahren.
Letzte Nacht haben wir ‚Mururoa‘ und ‚Fangataufa‘ mit ungefähr 50 Meilen Abstand passiert. Diese beiden Atolle wurden von 1966 bis 1996 von den Franzosen für Atomwaffenversuche missbraucht. Heute sind beide Atolle Sperrgebiet. Zurück geblieben sind Unmengen radioaktiver Müll und Tausende krebskranker Menschen. 2018 wurde Frankreich vom Internationalen Gerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verklagt für ihre 193 Tests in Französisch Polynesien, die unter anderem eine Zunahme der Krebserkrankungen in der Bevölkerung zur Folge hatte. Während die USA, die UdSSR und GB bereits 1963 ihre oberirdische Atomversuche einstellten, bombten die Franzosen ungeniert bis 1974 oberirdisch weiter. Bis 1996 fanden noch weitere 152 unterirdische Tests statt trotz internationaler Proteste. In mit Beton versiegelten Röhren lagert nun der Atommüll in den kleinen Atollen. Die Franzosen sind abgezogen, der Müll geblieben. Die Opfer sollen noch immer auf angemessene Entschädigungen warten.
Tag 3 Meilen: 114. Noch 176 Meilen bis Hao.

Tag 1+2 ==> Hao – Schleichfahrt

Do./Fr., 09./10.Mai 19, Pazifik, Tag 1803/4, 17.546 sm von HH
Am Morgen nach der Wanten-Reparatur herrscht Totenflaute am Ankerplatz. Nochmal die Abfahrt verschieben? Nein! Wir ignorieren den Leitsatz ’nur der geduldige Segler hat immer guten Wind‘. Schließlich soll es am frühen Abend Wind geben, sagt die Vorhersage. Am Nachmittag gehen wir Anker auf – wir wollen noch vor Sonnenuntergang das flache Atoll verlassen haben. Nach zwei Stunden erwarten uns auf offener See zwei Windstärken und ein plattgezogenes Meer. Die alte Dünung ist schwach und von niedriger Frequenz. Die ausgebaumte Genua steht wie eine ‚eins‘ und zieht uns mit 1,5 Knoten gemächlich vorwärts. Geräuschloseses Segeln. Aufrecht. Fast romantisch. Unser Abendmahl genießen wir als ‚Candle light Dinner‘ am mondlosen Abend. Die Nacht ist wie Samt und Seide.
Der versprochene Wind bleibt aus. Drei Knoten, mehr Fahrt liegt die Nacht über nicht drin. Der Wetterbericht am Morgen verspricht Wind für den Nachmittag. Wie eine Möhre am Band vor der Nase, die den Esel locken soll, wird das Windgebiet auf der Karte weiter vor uns her nach Norden verschoben. Wir zuckeln gemütlich weiter. Die Schiffsbewegungen sind geringer als an einem schlechten Tag am Ankerplatz vor der Osterinsel. Der nächste romantische Abend folgt.
Am zweiten Vormittag frischt es etwas auf. Vier Windstärken. Für ein paar Stunden. Wir kommen besser voran, zeitweise machen wir 5 Knoten Speed. Damit ist es jetzt wieder vorbei. Das Windfeld ist weiter in den Norden verschoben worden. Ein dritter romantischer Abend droht.
Meilen gesamt in den ersten 48 Stunden: 161. Noch 294 Meilen bis Hao.

Die Abfahrt verzögert sich

Mi., 08.Mai 19, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva/Rikitea, Tag 1802, 17.385 sm von HH
„Ich kletter‘ noch mal eben in den Mast und mache einen Rigg-Check“, teilt Achim mir mit. Der Skipper muss sich die Frage gefallen lassen, warum er dies zwei Stunden vor Sonnenuntergang am letzten Abend vor der Weiterfahrt macht ( 30 Minuspunkte). Er hatte dafür 7 ( in Worten: sieben) Wochen Zeit (nochmal 10 Minuspunkte, wenn man mal anfängt genau darüber nachzudenken). Die Untersuchung bringt nichts Gutes zu Tage: „Unser Unterwant ist angeknackst! Eine von neunzehn Litzen ist gebrochen. Da muss ich Morgen wohl was unternehmen.“ Achim geht es wie dem Teufel, der seine Großmutter erschlagen hat: ihm gehen die Ausreden aus (10 Minuspunkte), warum er das erst heute untersucht. „Ich war wohl zu faul“, ist noch die beste Antwort (5 Pluspunkte wegen Ehrlichkeit). „In Zukunft checke ich wohl besser das Rigg direkt nach der Ankunft“, wird mir versichert (5 Pluspunkte für guten Vorsatz, leider 10 Minuspunkte für ein, sowieso faules, Versprechen). Ich kann es nicht ändern, der Mann ist nun mal wie er ist (5 Pluspunkte für mich – für unglaubliche Toleranz). Er macht immer alles auf die letzte Minute. Bleiben wir halt noch einen Tag (5 Pluspunkte); ich bin sowieso verliebt in Mangareva. Durch die Verschiebung kommt der Speiseplan durcheinander. Ich muss nun noch einmal vorkochen für den ersten Tag auf See (10 Punkte Abzug).
Da uns bereits zweimal ein Unterwant angeknackst ist, hat Achim vor zwei Jahren vorgesorgt. Es gibt Reparatur-Teile für alle Wanten an Bord (echte 20 Pluspunkte). Die damalige Investition von 850 Euro ( :shock: ) in Stalock Terminals zahlt sich heute aus. Ganz cool (5 Punkte gutgeschrieben) erläutert Achim mir den Reparatur-Plan. Als wir vor drei Jahren das erste Mal ein gebrochenes Want hatten, haben wir noch Panik auf dem Dampfer geschoben.
Noch vor (5 Pluspunkte) dem Frühstück, sägt Achim das Want unterhalb der Saling einfach ab. *** Der Bruch befindet sich ungefähr 30 cm von der oberen Pressung entfernt. Das ist eine glückliche Fügung (0 Punkte – Eigenleistung fehlt ;-) ), denn das Stalock Terminal passt somit haargenau als Ersatzteil dazwischen.
Die Reparatur ist blitzschnell erledigt, da kann man nichts gegen sagen (55 Pluspunkte). Er ist schneller damit fertig, als wir beide befürchtet haben. „Hätte ich das früher gewusst, wie einfach das mit den Stalock-Teilen ist, hätte ich auf die Scheiß Pressungen komplett verzichtet“ (10 Minuspunkte für ‚hätte-hätte‘-Jammerei und 20 Minuspunkte für mangelnde hellseherische Fähigkeiten : mrgreen: )
Einer heutigen Abfahrt am frühen Nachmittag steht eigentlich nichts im Weg. „Ach nö, jetzt habe ich mich schon ganz und gar auf Morgen eingestellt. Lass uns dabei bleiben“, bittet Achim mich. Wir fahren Morgen. Mir geht es nicht anders, ich hab mich ebenfalls auf Morgen eingeschossen und außerdem den Speiseplan bereits umgestellt (jeweils 20 Punkte Abzug für uns beide, wegen mangelnder Flexibilität). Altersbedingt scheint es bei uns beiden mit lustvoller Spontanität aufgehört zu haben. :lol:
Atanga bekommt ebenfalls 20 Minuspunkte als Unterwant-Killerin. Wir fragen uns nun, woran das liegen könnte. An uns liegt es jedenfalls nicht (jeweils 10 Punkte im Plus) – sind wir doch die Weltmeister im Oma-Segeln. Sind die Unterwanten mit 10 mm vielleicht unterdimensioniert? Bis Tahiti wird die Reparatur in jedem Fall halten. Zumal wir die Segel die nächsten tausend Seemeilen auf der Seite mit der Reparatur stehen haben werden. Das bedeutet keine Belastung auf dem kritischen Want. In Tahiti wird es dann ein neues Unterwant geben, wenn möglich in 12 mm.
P.S. Wir waren nachmittags noch mal an Land. Da aber Feiertag ist (2.Weltkrieg-Ende!), gibt es heute kein Internet. Daher per Funk gesendeter Bericht. Wir hängen noch immer am Anker. :-)
*** Um zu verhindern, dass der kritische Leser ihn für total bekloppt hält, besteht Achim darauf, dass ich schreibe, dass er das Want oben absägen musste. Da sich am anderen Ende (an Deck) bereits ein Stalock-Terminal befindet, konnte er das Want nicht durch die Saling ziehen.