Von 3G direkt in den Lockdown

Do.,16. Sep.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2664, 22.204 sm von HH

Während Deutschland noch über doppel G oder triple G diskutiert, ist Französisch Polynesien im Lockdown. Das bedeutet, dass wir in den Supermarkt (und zum Arzt) dürfen oder im Umkreis von einem Kilometer vom Schiff entfernt ‚Sport‘ treiben dürfen. Am besten aber allein – Gruppenaktivitäten sind unerwünscht. Die Ausgang-Erlaubnis ist auf eine Stunde täglich begrenzt. Geschäfte für Alltägliches haben geschlossen. Sogar für  eine Kopie aus dem Copy-Shop benötigt man einen Termin. Jeder hat einen Zettel mit dem Zeitpunkt des Verlassen des Hauses bei sich zu tragen. Oder man lädt sich eine App herunter und führt die Daten digital mit sich.

Das gibt uns viiiiel Zeit die Mitbrings (endlich ist wieder echter Kümmel an Bord – gut fürs Brot backen) aus meinen prallen Koffern zu verstauen. Achim hat die Freude unseren neuen Laptop einzurichten. Windows 10 – das unbekannte Wesen.
Der bei Amazon bestellte Akku für den alten Laptop ist leider defekt und läuft nicht. Die Versandfirma besteht auf Rückversand. Leider wird das teurer als der Akku wert ist. Somit ist ein Fehlkauf zu vermelden.

Achim hat bereits drei Wochen Lockdown alleine auf dem Schiff hinter sich. Das hat zu kleinen Wundern an Bord geführt. :-) Anders ist die Wandlung der Messing-Lüftungsklappen nicht zu nennen. Eben noch der hässliche Schwan mit Patina-Überzug strahlen sie jetzt wie neu. Einige Scharniere und Bodenklappen haben das gleich Schicksal ereilt. Die Bordfrau ist begeistert.
Aber nicht jedes German-Engineering findet hundert Prozent Zuspruch. Bei dem neuen Holzbein für unseren klapprigen Cockpittisch ist noch Luft nach oben. Der Tisch macht uns seit längerem Probleme. Die Seitenflügel, die man nach rechts und links ausklappen kann, sind ausgeleiert und wackelig. Ein Reparatur mit Leim hat nur ein paar Monate Abhilfe gebracht. Der war wohl nicht wasserfest, denn er löst sich wieder auf. Wasserfester Leim war leider nicht im Koffer – da hat keiner von uns dran gedacht. Jetzt hat der Tisch eine Krücke. Leicht zu installieren, wie der Skipper behauptet. „Nur mit Bordmitteln im Lockdown gebastelt“, verkündet er stolz. Ich teile die Leichtigkeit der Installation nicht, aber das Holzbein ist effektiv. An unserem Tisch wackelt zur Zeit grad gar nichts mehr. „Es ist nur ein Provisorium“, wird mir versichert. Die Lebenserfahrung sagt, nichts hält länger als das.

Krücke für den Cockpit-Tisch

Unsere Messing-Lüftungs-Klappen strahlen wie neu

Wir hocken also viel auf dem Schiff. Einmal am Tag tun wir so als ob wir einkaufen müssten, um wenigstens einen Augenblick von Bord zu kommen. Damit wir nicht auffallen, gehen wir tatsächlich bis zum Supermarkt und stocken somit häppchenweise unseren Proviant auf.
Auch nicht schlecht. Viel was anderes können wir nicht machen. Das Segeln zwischen den Inseln ist ebenfalls untersagt. Wassersport und Dinghy fahren ebenfalls. Da liegen wir in der Marina nicht so schlecht.
Der Lockdown läuft zunächst noch bis einschließlich 19.September. Erste Gerüchte werden gestreut, dass eine Verlängerung bis Ende November nicht ausgeschlossen erscheint. Die „Zahlen“ gehen zum Glück runter. Eine Inzidenz von 3500 ist auf ein erträgliches Niveau gesunken. Auch die täglichen Todesopfer sind rückläufig. Die Intensivstation ist nicht mehr überfüllt. Das sind sehr gute Nachrichten. Ob das reicht, den Lockdown zu liften, werden wir am Sonntag hören.

Der Park neben der Marina liegt ausgestorben da – niemand treibt hier den üblichen Sport, den man sonst beobachten kann

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Aus der Heimat zurück nach Hause

Sa.,11. Sep.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2659, 22.204 sm von HH

Nur 33 Stunden dauert der Ritt von Haustür zu Boottür. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass ich einmal um die halbe Welt fliegen muss. Leider gibt sich Air France in Paris viel Mühe eine Verspätung heraus zu arbeiten. Beim Bording wird von jedem Passagier neben dem Pass und der Bordkarte noch das Ergebnis eines PCR Testes, die Einreisegenehmigung von Französisch Polynesien (etis) und ein (wenn vorhanden) Impfnachweis kontrolliert. Chaos pur. Einige haben ihre Nachweise auf dem Handy, andere zeigen gedruckte Zettel hervor. Jede Bescheinigung sieht anders aus. Für eine dritte Gruppe kommt die Kontrolle völlig überraschend und es wird in Rucksäcken nach den geforderten Unterlagen gesucht. Der Kontrolleur in meiner Reihe guckt grimmig und schwitzt. Er hält es unter seiner Maske nicht mehr aus. Die hängt ihm sinniger Weise unter dem Kinn. Die Menschen in den Schlangen stehen dicht gedrängt. Die gleichen Personen, die zuvor mit einem gesperrten Sitzplatz zwischen sich gewartet haben. Ein schönes Beispiel für Absurditäten. Das Bording zieht sich über zweieinhalb Stunden und generiert eine Verspätung von anderthalb Stunden.
Dafür brauche ich in Paris nicht durch die Sicherheitskontrolle. Nicht zu verstehen, aber recht so. Einige Akkus, ein neuer Laptop und ein verdächtig aussehender Spannungs-Stabilisator für unser Kurzwellengerät machen mein Handgepäck brisant. Die Passkontrolle erfolgt mit hochgezogener Maske. In Covid-Zeiten zählt nur noch ein Impfnachweis, alles andere fällt durchs Sicherheits-Netz. Der erste Langstreckenflug von zehn Stunden vergeht schleppend. Die Maschine ist voll. Das Film-Angebot ist das gleiche wie auf dem Hinflug vor einem Monat. Die besten Stücke sind also weg. Dafür spendiert Air France Champagner als Aperitif. Geht doch.

Die Air-France-Kollegen in Vancouver holen die Verspätung wieder rein. Es wird nur schnell getankt und einmal kurz durchgewischt. Der zweite Langstreckenflug von 10 Stunden beginnt. Wie beim Hinflug habe ich Glück und einen Dreier-Sitz für mich alleine. Schnell den zweiten Champagner getrunken und einen Rotwein dazu. Ich schlafe wie auf Wolken. Der Pilot gibt Gas und pünktlich landet meine Maschine um fünf Uhr morgens in Papeete. Willkommen in der Südsee: eine dreiköpfige Band mit Blumenkränzen spielt auf der Ukulele. Die Mädchen bei der Kontrolle meines etis und Impfpasses lächeln und schwitzen nicht.

Ich bekomme einen Selbst-Test in die Hand gedrückt. Da ich geimpft bin, muss ich nicht in Quarantäne. Der Selbst-Test reicht aus. Meine beiden Koffer liegen bereits nach zehn Minuten auf dem Laufband, die Zollkontrolle ist so früh am Morgen nicht besetzt. Die letzte Hürde ist somit geschafft. Am Ausgang vom Flughafen soll man den Selbst-Test abgeben. Ich bin im Testen unerfahren und die Anweisungen auf dem mitgelieferten Beutel mit Röhrchen und zwei Stäbchen sind auf Französisch. Daher lasse ich mir helfen. Nicht, dass ich den Test verhaue und es unangenehme Folgen nach sich zieht. Ich muss ein kleines Zelt betreten. Meine Koffer bleiben draußen auf dem Vorplatz stehen. Kann man hier machen, in Südamerika hätte ich Schiss gehabt. Dann einmal im Rachen und in der Nase geprockelt. Das war’s, ich kann gehen. Das nächste Taxi gehört mir und fünfzehn Minuten später und dreißig Dollar ärmer (die heftigen Preise hatte ich schon fast vergessen :lol: ) bin ich bei Achim und Atanga.

Wer so begrüßt wird, dem soll es wohl gut gehen

Schön war’s in der Heimat. Hat sich was verändert in den letzten drei Jahren? Ja! Ein paar mehr graue Haare bei einigen Freunden – ich nenne keine Namen  :mrgreen: – und Berge an Elektro-Rollern in der Stadt. Eine Pest, die an jeder Ecke steht, den Fußweg versperrt und einen zum Slalom-Laufen zwingt. Eine Pest, bis man mal damit gefahren ist. Sauschnell. Saugeil.
Zum ersten Mal hatte ich beim Heimatbesuch kein Auto zur Verfügung und habe auf Bus und Bahn gesetzt. Das war ein Fehler! Nicht nur, dass es tageweise einen Bahnstreik gab, auch ohne Grund fallen S-Bahnen einfach aus. Auch an meinem letzten Tag bei der Anreise zum Flughafen. Ein Totalausfall. Erst sind wir auf der Strecke stehen geblieben und dann . rückwärts zum letzten Bahnhof zurück gerollt worden. Ein Taxi und eine gute Zeitreserve haben mich vor dem Super-Gau eines verpassten Fluges bewahrt.
Hamburg ist schön. Hamburg ist aber auch voller Menschen. Viel Verkehr, viele Autos, diese Hektik – ich bin es einfach nicht mehr gewöhnt. Die Supermärkte quellen über. Auch hier entwöhnt, frage ich mich, ob das Überangebot wirklich sein muss. Muss es zwanzig verschiedene Erdbeer-Joghurts geben? Von morgens bis abends? Darf niemals etwas ‚aus‘ sein?

Hamburg ist schön. Aber am Wetter muss gearbeitet werden. Zwei gute Tage am Anfang und fünf am Ende. Eine schlechte Quote. Es war so kalt, dass ich mir Schuhe kaufen musste. Und trotzdem, es war eine wunderbare Zeit. Alte und neue Freunde, die Familie wieder zu sehen. Unbezahlbar. Ich danke Euch allen, dass Ihr mir so eine tolle Zeit bereitet habt. Ich komme wieder!

Jawohl – das ist ein Versprechen

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Lockdown … Essen, schlafen und wieder essen und trinken

So.,29. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2646, 22.204 sm von HH

„Die Ausgangssperre wird durch den Freiheitsentzug beendet …“. So kam die Übersetzung aus dem Französischen an, nachdem entschieden wurde, dass auf den Gesellschaftsinseln nachts eine fast absolute Ausgangssperre von 20:00 bis 04:00 herrscht und wir uns in der restlichen Zeit im Lockdown befinden. Ich allein und Bine in Deutschland – Super Timing.

Nicht, dass Kochen ein Problem für mich wäre… ich bin/war schließlich Chemiker und sklavisch nach Rezept kochen habe ich mal gelernt. Allerdings waren die Zutaten andere und die Anleitungen genauer. Aber das sind nur graduelle Unterschiede.
Leider gibt es für die meisten Sachen, die ich mir bei Bine abgucken konnte keine Rezepte. Fragt mal jemand, der kochen kann, wie er etwas kocht. Da kommt nichts Brauchbares. Nur Sätze wie „Man müsse das nach Gefühl machen“ und „ich kann das so nicht sagen„…

Egal …
Sieht man vom Frühstück ab, das nach wie vor aus Brot, Butter, Wurst und Käse besteht, so haben sich die anderen Mahlzeiten verändert. Da gibt es zwischendurch auch schon mal Tomaten- oder Weißkohlsalat. Als Snack.

Eines meiner Lieblingsessen zur Zeit ist Kichererbsenmus (mit Olivenöl, Knoblauch, Salz und Pfeffer) mit Möhrchen, Tomaten und Sriracha eingerollt in Tortillas. Das ist schnell gemacht und selbst für einen Kochlegastheniker machbar. Wahlweise gehen in die Tortillas auch scrambled eggs mit Sriracha …. eigentlich geht fast alles mit Sriracha und Tortillas.

Ein zweites Top Rezept ist Papaya Salat in Pfannkuchen. Super schnell und recht einfach. Man backe Pfannkuchen. Dann stückelt man eine reife Papaya mit dem Löffel und gibt reichlich klein gewürfelte Zwiebeln dazu. Mit Olivenöl, etwas Salz und gestückelten Chilischoten abrunden und in einen Pfannkuchen einrollen. Fertig.

Papaya Salat ... die kleinen Punkte sind Chili
Ich könnte mir vorstellen, dass auch eine Mango ginge, sollte man gerade keine auf den Punkt reife Papaya zur Hand haben.

Samstag wollte ich mir richtig etwas gönnen. Ente mit Gnocchi. Klingt gut, oder? Schon als die Dose mit dem Konfit öffnete kamen mir Zweifel. Irgendwelche Stücke in Fett/Öl schwimmend kamen zum Vorschein. Brust oder Keule war das nicht. Eine genauere Kontrolle der Dose ergab, dass es sich um Gésiers de Canard handelt …. Kaumägen. Das Ende der Geschichte war, dass ich die Gnocchi ohne Beilage gegessen habe und Erdnüsse zum Nachtisch.

Heute ist Sonntag und somit ist, wie jeden Sonntag in Papeete, Schweinebraten angesagt. Das kulinarische Highlight der Woche. Das Business scheint fest in Chinesischer Hand zu sein. Jeden Sonntag bringen sie ihre frischen Schweinebraten auf den Markt. Herrlich, köstlich, lecker … ein wahrer Traum, bedenkt man, was es zur Zeit sonst zu Essen auf dem Schiff gibt, während ich das Schiff hüte.
Und Montag geht es dann wieder von vorne los …

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Mega-Yachten, Schlepper und Atanga

So.,15. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2632, 22.204 sm von HH

Uns gegenüber liegen zwei Mega-Yachten, wovon die eine ein öder Joghurt-Becher-Typ und die andere ein umgebauter Schlepper ist. In Anlehnung an die heute offensichtlich übliche Vorgehensweise, übernehme ich unverändert die Kurzbeschreibung aus Wikipedia ( Arctic (Schiff, 1969) – Wikipedia), wobei ich insofern abweiche, als dass ich ja gerade die Quelle genannt habe.

Das Schiff wurde 1969 von der F. Schichau Aktiengesellschaft (Baunummer 1746) in Bremerhaven gebaut. Der Rumpf entstand im Unterauftrag auf der Rickmers Werft (Baunummer 345). Am 30. Dezember 1969 konnte die Arctic an die Bugsier-, Reederei- und Bergungsgesellschaft abgeliefert werden. Mit einem Pfahlzug von 189 tbp gehörte sie, wie ihr Schwesterschiff Oceanic, damals zu den leistungsfähigsten Schleppern.“

Eine zur Abwechslung wirklich coole Mega Yacht, auch wenn die Spielzeuge in Form von polierten Yuppie-Motorbooten nicht das Flair von Freiheit und Abenteuer transportieren, sondern eher dem St. Tropez Abenteuerteam zuzuordnen sind.

Morgens ist plötzlich Unruhe und als ich aus meiner Höhle schaue, liegt Aito Nui, der lokale Schlepper,  ganz dicht hinter unserem Heck. Sehr dicht. Fast ein bisschen zu dicht.

Weniger aus Sensationsbegeisterung als aus Vorsicht, um für eventuelle Versicherungsschäden gewappnet zu sein, greife ich zum Fotoapparat.

Aito Nui

Aito Nui

Der Eiger und einstige fast Ehemann von Mariah Carey hat wohl das Bugstrahlruder vergessen und so musste Aito Nui das Heck der Mega-Schlepper-Yacht durch gezieltes und sehr geschickt ausgeführtes Ziehen dirigieren. Das Gespann der Beiden zog an uns vorbei, ohne Schaden anzurichten.

Leider galt das gleiche auch für den Joghurtbecher. Unbeschadet überstand auch dieses Schiff das Manöver.

Dragonfly

(Man beachte die Fender, die die Crew ausgebracht hatte :-)

Warum ich Dragonfly nicht mag … seit Tagen läuft Tag und Nacht pulsierend das Kühlwasser …mit 100 Hertz.

geschafft

geschafft

* nur ungern gebe ich zu, dass Dragonfly kein klassischer Joghurt-Becher ist, sondern aus Aluminium gefertigt ist. Meiner Abneigung tut das aber keinen Abbruch. Und auch jetzt höre ich im Schiff das unaufhörliche Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft, Pft,

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Achim allein Zuhause

Fr.,13. Aug.2021, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2630, 22.204 sm von HH

Jetzt ist Bine schon 5 Tage weg und genießt die Annehmlichkeiten in Hamburg. Da sie zum Schreiben dann weder die Zeit noch die Gelegenheit hat, darf ich mal wieder ran. Nun gut.

Fünf Tage und Nächte im Zentrum von Papeete. Was macht man da denn so allein an Bord?

Nicht nur, weil hier gerade mal wieder nächtliche Ausgangssperre verordnet wurde, fiel meine Entscheidung zugunsten von Hertha aus.

Hertha ist eine echte Hamburgerin. Sie ist fast 22 Jahre jung, fleißig, still, genügsam und arbeitet ohne zu murren. Sie ist zu Diensten – zu jeder Tag und Nachtzeit und selbst, wenn man sie mal links liegen lässt, nimmt sie es einem nicht Übel. Ein echter Schatz.

Hertha ist unser wichtigstes Crew Mitglied. Sie steuert das Schiff immer, wenn wir Strecken über 20 Seemeilen vor uns haben. Hertha ist eine Windsteueranlage Typ Pacific Plus. Ein kleines technisches Wunderwerk. Ohne Strom zu benötigen, lenkt sie das Schiff nach dem Wind und hält uns den Rücken frei – und das auf allen Kursen – Tag und Nacht.

Seit einiger Zeit macht sich aber das Alter bemerkbar und Hertha wurde ein bisschen klapprig. Nicht, dass sie deswegen ihren Dienst versagt hat, aber man sah ihr an, dass sie mal betüddelt werden will.

Fast die ganzen Zeit seit Bines Abfahrt habe ich also versucht, die nach Jahren zu einer durch Salz und Fett verbackene Einheit auseinander zu nehmen, zu reinigen und mit Peter Förthmann von Windpilot zu kommunizieren, um zu klären, wie ich sie zerlegt bekomme und welche Teile wir tauschen sollten, damit das Mädchen wieder wie neu wird und uns weiterhin die Arbeit des elendigen Rudergehens abzunehmen. Ohne Peters Ratschläge würde ich immer noch draußen versuchen, das Schätzchen zu zerlegen. Dafür nochmal vielen Dank.

Wer denkt, dass man eine solche Einheit durch gutes Zureden und etwas WD40 auseinander bekommt, der irrt. Große Hebel mussten ran und der Schweiß lief mir nur so den Körper runter – ungefähr vergleichbar mit der alten Cola Light Werbung. (Bilder werden in Ihrem Land aus rechtlichen Gründen nicht gezeigt…)

Fünf Tage sind um und die Deern liegt zerlegt im Cockpit und wartet nun gespannt auf Sabines Rückkehr mit den neuen Teilen. Der Witz ist aber, dass man das Ding in gereinigter Form ruckzuck zusammensetzen und anbauen kann. Minuten …. nicht Tage. Vielleicht sollte ich Hertha das nächste Mal nicht so lange unbeachtet lassen.

Die Bilder sind eher was für die Technik Interessierten … oder solche, die ihre Anlage auch schon viele Jahre um die Welt schippern, ohne ihr mal etwas Zeit zu widmen.

Die Schubstange ist leicht verbogen und das darf nicht sein. Reparatur durch geradebiegen und fertig.

So eine Anlage wird recht groß, wenn sie plötzlich auf dem Schiff ist. Gut, dass ich alleine war, denn für eine zweite Person wäre es eng geworden.

Die Achse des Bösen. Um das Ding rauszubekommen, musste ich die Anlage wieder am Heck montieren und mit einem wirklich großen Hebel arbeiten. Das Ding saß bombenfest (Tipp war von Peter)

Beachtenswert sind die beiden weißen Delrin Scheiben, die eher wie Kreissägeblätter aussehen. Platt, spröde, verbraucht.

Der kleine Zahnkranz zum Einstellen der Anlage hat einen Riss. Hätte ich wahrscheinlich nicht bemerkt, aber nun habe ich es gesehen – wird getauscht.

Die Welle des Pendelruders. Das Loch, in dem der Stift die Achse für den Zahnkranz hält, ist ausgelutscht. Dadurch hat die Welle Spiel und klappert manchmal. Die neue Welle ist bestellt und die Achse für die Zahnkranzaufnahme ist dann bündig aus Delrin. Klingt so, als ob dann auch das leise Klappern verschwinden wird.

Das Loch in Großaufnahme … sieht nicht so gut aus. Und das nach lächerlichen 22 Jahren.

Sauber und locker zusammengesetzt wartet nun die Anlage auf die neuen Teile.

Windsteueranlagen – Technik von gestern oder zukunftsfähig:

Auffällig ist, dass diese Technik immer mehr und mehr verschwindet. Immer weniger Boote verzieren sich ihr Heck damit und fahren dort nun ihr Dinghy. Das ist super bequem und wenn man genug Strom hat, dann kann ein elektrischer Autopilot das Schiff zielgenau steuern.

Der Spaß beginnt dann, wenn durch Blitzschlag der Strom und insbesondere die gesamte Steuerung ausfällen. Auch Hydraulikausfälle oder Leckagen (soll Boote geben, die Hydrauliksystem an Bord haben) sind sehr beliebt oder einfach nur kaputt gehende Steuercomputer, Servos, Ruderstandsanzeiger …..  Im schlimmsten Fall steuert eine davon betroffenen Crew dann sehr lange von Hand – Tag und Nacht – ggf. wochenlang.

Ich denke, dass für die Langfahrer, die die wirklich langen Strecken angehen, eine solche Anlage unentbehrlich ist. Würde Hertha das zeitliche segnen, würden wir sofort Ersatz beschaffen.

 

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