Nach Gambier (part two) – Tag 3 – Ein Meer voller Squalls

Fr.,31.Jan.20, Pazifik, Tag 2069, 19.961 sm von HH
Squalls! Im Deutschen gibt es gar kein Wort dafuer: ‚oertlich-scharf-begrenzte-Wolke-am-strahlend-blauen-Himmel-bringt-Regen-und-Wind‘. Daher sagt alle Welt ‚Squall‘ zu diesen unangenehmen Erscheinungen. Es sind keine Mini-Wirbel, die sich drehen, aber sie schenken dem Segler trotzdem Winddreher und bis zu drei Windstaerken erhoehten Wind. Schon von weitem sieht man sie ankommen. Schwarz verhangen bis zum Horizont vom Starkregen, der aus ihnen faellt. Die Vorfont bringt den Wind, dann folgt Regen und dahinter herrscht Flaute. In der Nacht sehen die Dinger vor sternenklarem Himmel aus wie ein boesartiges Geschwuer. Ein finsterer Klingonen-Nebel auf dem Monitor von Raumschiff Enterprise.
Die pazifischen Squalls mit denen wir es zu tun haben, sind klein. Meistens dauert der Zauber nur zehn Minuten. Was wir an Tag drei geboten bekommen, haben wir so allerdings noch nicht erlebt. Wie auf die Kette gezogen kommen uns die Squalls entgegen. Bis zu sechs Stueck gleichzeitig koennen wir zaehlen. Wir sind umzingelt. Entkommen sinnlos (das nuetzt auch Wharp 7 nichts mehr). Der Wind kommt erst von vorne, der Wind kommt von hinten, dann Flaute. Die Sqalls bringen alles komplett durcheinander. Wir nehmen in der Flaute die Segel runter, machen die Maschine an. Nach einer Stunde hat sich der Wind beruhigt, wir setzten erneut die Segel. Bis zum naechsten Squall. Die ganze Nacht haelt uns das Theater auf Trapp. Fuer die Manoever sind wir beide gefragt. Die Windsteueranlage muss ein- und ausgekuppelt werden. Dafuer muss man das Cockpit verlassen und das ist auf Atanga bei Todesstrafe verboten, wenn der jeweils andere schlaeft.
Nach fuenfzehn Stunden sind wir raus aus dem Squall-Guertel und haben freie Fahrt. Knappe fuenf Windstaerken bringen uns jetzt dem Ziel entgegen. Noch immer koennen wir etwas Ost vorhalten. Das ist gut, soll doch am Sonntag der Wind auf Ost drehen.
Tagesmeilen: 90

===news=======news======news===
Kakerlaken frei seit zehn Tagen!
===news=======news======news===

Nach Gambier (part two) – Tag 2 – Squalls

Do.,30.Jan.20, Pazifik, Tag 2068, 19.871 sm von HH
Der Wind hat etwas zugelegt, die Wegstrecke ist etwas holpriger, aber die Stimmung ist trotzdem besser heute. Windrichtung weiterhin Nord-Ost, so wie vorher gesagt. Wir koennten genau Kurs Gambier anlegen, halten aber weiterhin einige Grad nach Osten vor. Abfallen koennen wir dann immer noch. Wer weiss, ob der Wind es sich nicht anders ueberlegt und auf Sued-Ost zurueck dreht.
Also segeln wir hoch am Wind. Macht aber nichts, bei vier Windstaerken ist das gut zu fahren. Atanga liegt stabil auf der Seite, nichts rappelt, nichts wackelt. Alle vier Stunden kommt ein Squall vorbei. Laestige kleine Dinger. Die bringen alles durcheinander. Eben noch 11 Knoten Wind, eine Minute blaest es mit schon mit 22 Knoten. Wir reffen dann das Vorsegel um zwei, drei Umdrehungen. Das Grosssegel bleib ungerefft stehen – fuer die fuenf Minuten lohnt sich das nicht. Einer von uns geht ans Ruder zum ‚Kneifen‘ (so hoch es geht in den Wind gehen, das nimmt den Winddruck aus den Segeln). Nach dem Wind kommt der Regen. Ebenfalls nur fuer fuenf Minuten und dann folgt die Flaute. Manchmal ist der Wind fuer eine halbe Stunde weg, manchmal fuer zwei. Wir lassen uns treiben, immerhin in die Richtige Richtung, bis der Wind zurueck kommt.

Tagesmeilen: 75 (die Windloecher nach den Squalls kosten Strecke)

===news=======news======news===
Kakerlaken frei seit neun Tagen!
===news=======news======news===

Nach Gambier (part two) – Tag 1

Mi.,29.Jan.20, Pazifik, Tag 2068, 19.796 sm von HH
Die gute Laune haelt sich in Grenzen auf Atanga. Ich muss an Herbert Groenemeyer denken: „Gesichter seh’n verbittert aus, kein Lachen, kein aehnlicher Laut … Zuege verhaermt, ungesund!“ Nun, ganz so schlimm ist es nicht, aber der erste Tag ist (wie immer) schwierig. Wir schweigen viel vor uns hin, jeder kocht sein eigenes Sueppchen. Achim droehnt im Cockpit rum und ich spiele sinnlose Kartenspiele auf dem iPad. Wir haben beide keinen Bock, zu gar nichts. Ich verzichte auf meinen Fruehstueckstee, weil es mir zu anstrengend erscheint, die Teetasse waagerecht zu halten. Ganz zu schweigen von der uebermenschlichen Leistung, den Teebeutel ueber Bord zu werfen. Immer diese ersten zwei nervigen Tage.
Wenn ich koennte, wuerde ich lieber 60 Tage am Stueck segeln, um zehn Mal die ‚ersten beiden Tage‘ zu vermeiden. Und wenn ich so nachdenke, dass uns bestimmt noch 25.000 Meilen bis ’nach Hause‘ trennen – im Idealfall also noch 250 Tage auf See (das ist ja fast ein ganzes Jahr – wer denkt denn ueber so was nach?). Somit also ungefaehr noch 45 Mal die ‚ersten beiden Tage‘. Igitt!
Dabei sind die Bedingungen gar nicht schlecht: drei bis vier Windstaerken, kaum Welle, manchmal ein Squall ohne viel Wind und Regen. Das Bett liegt fast waagerecht, aber wir koennen beide nicht schlafen. Lecker vorgekocht habe ich auch – es gibt eigentlich keinen Grund fuer schlechte Laune. Was ist denn los dieses Mal? Bei schlechteren Bedingungen, war schon mal mehr Spass mit dabei. Wir warten auf Morgen.
Tagesmeilen: 99 – das ist gut fuer den schwachen Wind. Davon 80 Meilen Richtung Ost gut gemacht. Das ist sogar sehr, sehr gut. Schliesslich ist dies unsere schwierigste Achse.

===news=======news======news===
Kakerlaken frei seit acht Tagen!
===news=======news======news===

Unsere Pläne 2020

So.,26.Jan.20, Franz.Polynesien/Tuamotu/Hao, Tag 2065, 19.574 sm von HH

Ungeplant stecken wir mitten drin im Plan für 2020. Ich bekam eine Whatsapp von einer Segelfreundin: „Denkt dran, in Neuseeland muss man rechtzeitig Plätze in der Marina reservieren“. Ach herrje, das ist doch noch so lange hin … sieht unser Terminkalender doch wie folgt aus:

Februar/März: Gambier (sicherste Ecke im Süd-Osten während der Haupt-Zyklon-Zeit)
April: Über die Tuamotu zurück nach Tahiti
Mai: Ich fliege nach Deutschland (hurra, nach fast zwei Jahren), Achim bleibt in Tahiti :cry: Die Zyklon-Saison ist vorbei.
Juni: Wir können weiter nach Westen. Zuerst die Gesellschaftsinseln (hier wollen wir nicht so viel Zeit verbringen – teuer, vielfach ist ankern verboten, Aufenthalt auf wenige Tage begrenzt usw. Klangvolle Namen wie Bora Bora lassen wir also links liegen).
Juli bis November: Cook Inseln, Samoa und Tonga (je weiter man nach Westen kommt, desto schöner wird es – so heißt es)
November: Die Zyklon-Saison beginnt erneut, also 1000 Seemeilen nach Neuseeland – wohl eine der schwierigsten Passagen der gesamten Reise, wenn man sich durch Berichte arbeitet.
ab Dezember: Neuseeland

Aber zuerst müssen wir mal Hao verlassen. Das ist nicht so einfach, die Insel hält uns fest. Ob uns nicht fad ist, wurde ich gefragt. Die klare Antwort lautet: ’nein‘! Besteht unser Tag doch nur aus Highlights ;-) .
1.) Frühstück – das erste Highlight des Tages. Manchmal mit frischem Baguette, was Achim bereits morgens um fünf Uhr mit dem Fahrrad holt. Sonst mit selbst gebackenem Brot.
2.) Abwaschen, aufräumen, kleine Reparaturen erledigen (Schraube von der Brille weg, Knopf ausgerissen, Loch im Lieblings-T-Shirt, Wackelkontakt an der Stirnlampe) – das ist jetzt alles nicht ganz so highlightig, sondern normales Leben.
3.) Mittagessen – manchmal ein Highlight, manchmal gibt es nur Reste vom Vorabend.
4.) Baden im Türkis. Eindeutig Highlight. Zwar plantscht noch immer der Gedanke an die kleinen Haie mit, die manchmal durch unsere Badewanne ihre Kreise ziehen, aber da die Mütter ihre Kinder ins Wasser lassen, kann es nicht so schlimm sein.
5.) Internet! Unser soziales Highlight des Tages. Mit dem Rad fahren wir zum Rathaus, wo man ab 16:00 Uhr kostenlos surfen kann. Auf Steinbänken unterm Baum haben wir guten Empfang. Das Netzt ist ziemlich lahm, aber wir bekommen, was wir wollen. Und hier beginnt sie, unsere Planung für Neuseeland. Verschiedene Seiten runter laden, lesen kann man es zu Hause, Was wir vergessen nachzusehen, muss bis nächsten Tag 16:00 Uhr warten.
Etwas mühsam, aber wir haben schon eine Menge Infos zusammen getragen.
Wo wir hin wollen, was wir machen wollen und wie lange wir bleiben wollen. Neuseeland, unser heimliches Traumziel! Wir sind bereits auf der Südinsel im Urlaub gewesen, grade in dem Jahr als wir Atanga gekauft hatten: „Hierher mit dem eigenen Schiff, das hätte was“, haben wir in den Sonnenuntergang geseufzt.
6.) Abendessen – frische Sachen gibt es nicht mehr. Außer Zwiebeln, Knoblauch und Kartoffeln leben wir im Augenblick von Konserven. Geht auch. Ein Highlight sind neue Kreationen mit Kokosmilch. Das Zeug kann man wahrlich fast überall dazu geben. Toll!

Surfen vor dem Rathaus

auch so ein Highlight

Ausflug zum Pass

Und schon ist ein weiterer wunderschöner Tag auf Hao zu Ende (aber am Dienstag soll es nun doch weiter gehen – fünf, sechs Tage nach Gambier liegen vor uns).
===news=======news======news======news===

Kakerlaken frei seit fünf Tagen!

===news=======news======news======news===

Crew-Zuwachs Leo, unser neuer Gecko ist total zutraulich, leider ungeeignet zum Kakerlaken jagen, weil zehnmal leichter ist

Seglers Alptraum

Mo.,20.Jan.20, Franz.Polynesien/Tuamotu/Hao, Tag 2059, 19.574 sm von HH

„Iiiiihhhh“! Mein Schrei schallt aus der Pantry. Ich kann nur starren und mich ekeln. Da bin ich durch und durch Mädchen. Achim steht sofort neben mir, nach zwanzig Jahren Ehe weiß er, hier besteht Handlungsbedarf: ein Insekt ist eingedrungen!
Eine Kakerlake – gigantischen Ausmaßes, wie ich finde. Mit Killerblick greift Conan (mein Barbar) zu und versagt. :shock: Das Biest entkommt in einer affenartigen Geschwindigkeit, dass wir beide (ich aus der Höhe, schön auf dem Sofa stehend) nicht registrieren, wohin sie entschwindet. Belämmert schauen wir uns an. Und nun? Als erstes die Tür zum Schlafzimmer zu (auch albern, kann das Tier doch unterhalb der Bodenbretter entlang und in der Achterkoje wieder auftauchen :mrgreen: ).
Als nächstes stellen wir Kakerlaken-Hotels auf. Das sind kleine Plastikbehälter mit Fressgift-Ködern gefüllt. Die Öffnungen erscheinen und deutlich zu klein – niemals kann unser Monster sich da rein quetschen. Also schaffen wir einen Tag der offenen Hotel-Tür durch Aufbiegen der Plastikdose. In alle dunklen Ecken stellen wir so ein Ding.
Die dritte Maßnahme sind Leimfallen. Auf Pappe kleben wir doppelseitiges Klebeband. Eine Falle kommt unter den Herd, eine an die Spüle und die dritte Falle kleben wir an die Wand neben die Gewürze. Dem Ort der ersten Sichtung.

Neulich die gefangene Kakerlake auf See, jetzt wieder eine! Hat das was mit einander zu tun? Oder ist das Zufall? Leben wir auf einem Kakerlaken-Dampfer? Nein, unmöglich! Wir sprechen uns Mut zu. Das hätten wir doch schon längst bemerkt. Oder nicht? Das Internet gibt uns Recht, man soll einen Befall riechen können und die Hinterlassenschaften der Ekel-Viecher kann man als längliche Spuren auf glatten Flächen entdecken. Außerdem findet man Überreste von der Häutung der Insekten. Sobald man das Licht anmacht, huschen sie auf sechs flinken Beinen zurück in dunkle Ecken. Das alles haben wir nicht!
Das Internet liefert aber auch schlimme Infos: „Kakerlaken sind gesellige Tiere“ und „wenn man eine Kakerlake sieht, kann man sicher sein, dass 200 weitere in der Nähe wohnen.“

Das mag sein, aber nicht bei uns. Basta. Wir haben das eine Tier und fertig. Wir waren mal auf einem Kakerlaken-Schiff, da liefen nach Einbruch der Dunkelheit die Kameraden über Tische und Bänke. Allerdings die von der kleineren Sorte. Unser ungebetener Gast ist mit ziemlicher Sicherheit eine ‚Amerikanische Kakerlake‘. Die werden bis fünf Zentimeter groß und sind rotbraun. Das ist eine gute Nachricht, da diese Sorte sich nicht so rasend schnell vermehrt. Bereits zweimal hatten wir Besuch von diesen flugfähigen Kollegen und jedes Mal war es nur ein Einzel-Tier. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Am zweiten Abend werfen wir immer mal wieder einen Blick im Halbdunkeln in die Pantry. Kakerlaken sollen ihre ‚Straßen‘ haben, die sie jede Nacht ablaufen. Nichts zu sehen. Aber dann, kurz bevor wir ins Bett wollen, sehe ich sie sitzen. Auf meinen Gewürzen, direkt neben der Leimfalle. Frech mit den Fühlern in der Luft am hin und her tentakeln. Fast am gleichen Ort wie gestern. Dreißt! Unverschämtheit!

Ich drücke Achim den Abwaschlappen in die Hand, damit er noch beherzter zugreifen kann. Ihn ekelt es ja auch. Er bringt sich in Stellung, schlägt zu, aber das Biest entwischt zwischen die Gewürzdosen. Jetzt wird dicht gemacht. Mit den Leimfallen dichtet Achim alle Fluchtwege ab. Aber der Feind ist schlau und aufmerksam. Die Kakerlake windet sich aus dem Regal und verschwindet in der letzten Ecke in der Pantry. Da kann sie nicht weiter – die Tür zum Schlafzimmer ist zu, hehe. Der Sieg des Menschen über die Kreatur ist nah. Zweimal haut Achim noch daneben und dann Ende, aus, Schluss, vorbei. Der Feind liegt im Spüllappen. Der Lappen kommt in eine kleine Plastiktüte (aus Gründen der Sicherheit), Knoten rein und Ruhe.

Jetzt sind wir zwei Tage Kakerlaken frei. Aber wir sind auch misstrauisch. Häufiger wird jetzt im Dunkeln in die Ecken geschaut, mal im Bad das Licht angeknipst. Alles ist ruhig. Wir wünschen uns nichts mehr, als das es so bleibt.

Symbolbild – so sieht ein Kakerlaken freies Schiff aus