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Mount William NP – Schotterpisten, Grasbäume und der Duft von Freiheit

17.-19. Februar 2026; Australien/Tasmanien/Mt. William+Scottsdale; Tag 10-12, Tageskilometer 46+101, gesamt 664 km

Über Schotter zuckeln wir weiter. Ganz hoch in den Nordosten. Der Mt. William Nationalpark taucht nicht in den „Must-see-Listen“ für Tasmanien auf. Hier gibt es schlichtweg nichts, außer einer letzten Siedlung – Musselroe Bay – mit 28 Einwohnern. Die müssen über 100 Kilometer für einen Einkauf fahren.

Wir freuen uns, dass wir diese Strecken fahren dürfen. Nicht bequem, aber sie führen dahin, wo es einsam ist.

Entsprechend leer ist der Campingplatz. Kaum ein Drittel belegt. Wohnmobile mit Vermieter-Namen sind komplett verschwunden. Ein einziger ‚AutoRent‘ wie unser steht für ein paar Stunden am Wegesrand. Hier campen die Tasmanier und ein paar verirrte Festland-Australier. Unsere Camping-Nachbarn kommen seit 30 Jahren hierher. Nach einem Tag wissen wir: Sie haben verdammt gute Gründe dafür. Es ist phantastisch!

Wir stehen mitten im Wald. Sogar Bänke werden angeboten.
Abendessen ist draußen möglich – aber es herrschen Zwiebel-Schichten-Temperaturen. Morgens und abends drei, vier Schichten Klamotten, tagsüber sind es über 22 Grad, dann reicht eine Schicht.

Wallabies schauen jeden Abend vorbei. Die braucht man nicht zu suchen.

Wenn es ganz dunkel ist, kommen auch Pomelons vorbei (kleine fellige Knäule).Die sind sind allerdings sehr kamerascheu. An die Anweisung, dass keine Kängurus mehr fotografiert werden, halten wir uns beide nicht. Zu süß, die kleinen Hüpfer.

Wir haben die Wahl am menschenleeren Strand zu laufen oder auf Wanderwegen durch trockenen Küstenwald. Dieser besteht aus gedrungenen Eukalyptus-Arten, Banksien, heideartigen Sträucher und einem Meer aus Grasbäumen.
Die harten Halme der kleinen Grasbäume wiegen sich langsam im Wind. Ein Schattenspiel entsteht.  Es sieht aus wie die Glasfaserlampen aus den 70er-Jahren.
Der Duft über dem Wald ist intensiv. Harzig, etwas mentholig, würzig. Männlich-herb.

Der Strand gleich neben dem Campingplatz.

Auf der anderen Seite endloser Wald. Und immer schön auf Schlangen achten. Drei Giftschlangen-Arten gibt es in Tasmanien.

Schneeweiße Feldwege

Gras-Bäume – noch klein und nicht sehr baumartig. Aber sie können schon die Schattenspiele wie die Großen.

Ungewöhnliches Moos

 

Mt. William ist das Reich von Kängurus und Wombats! Diesmal haben wir kein Glück. Wir geben alles und stapfen sogar in der Dämmerung auf ihren Wildwechsel-Wegen. Sie bleiben unsichtbar. Nur ihre würfelförmigen Ködel beweisen, sie sind da. Zumindest theoretisch.

Nach dem Gewitter finden wir am nächsten Tag Wombat-Pfoten

Das Wetter macht weiterhin mit. Ein Gewitter am Abend, als wir längst im Camper sitzen, macht uns nichts aus. In Mt. Williams könnten wir ewig stehen, aber die Vorräte schrumpfen und das Wasser geht uns aus. Seit fünf Tagen haben wir keinen Laden mehr gesehen, es wird Zeit für mehr Zivilisation. In Scottsdale finden wir einen Waschsalon, einen gut sortierten Supermarkt und eine heiße Dusche.

Ein Gewitter

am ersten Abend

Campingplatz Nationalpark: 8,00 Euro (nur Toilette, kein Wasser) pro Nacht.
Campingplatz Scottsdale: null Euro (heiße Dusche allerdings 3,00 Euro pro Person)

Dusch-und-Toilette-im-Auto-Talk

Unser Camper hat neben der Eingangstür eine Toilette und Dusche. Die Toilette hat eine Wohnmobil übliche Chemie-Kassette, die von außen wechselbar ist. Ein Vorhang sorgt – theoretisch – für Diskretion. Wir haben nicht vor, sie zu benutzen. Der eine macht das Frühstück, während der andere direkt daneben … :lol:                      Wenn die Campingplätze auch nicht viel haben, eine Toilette ist immer vorhanden.

Man kann in der Ecke mit der Toilette sogar duschen. Brause und Haken an der Wand sind vorhanden. Auch das werden wir nicht nutzen. Damit das Duschwasser ablaufen kann, muss der Wagen nach hinten geneigt sein. Entsprechende Ausgleichs-Keile gehören zur Ausstattung. Eine Überschwemmung scheint mir vorprogrammiert. Seifiges Duschwasser vermengt sich mit dem Sand, den man ständig in den Eingang schleppt. Nein, wir verzichten und duschen aus dem Gummieimer. Ist einfacher.

Unser „Bad“ – umgestaltet zum Hauswirtschaftsraum. Für Schuhe, Mülleimer und Handfeger. Perfekte Nutzung.

Das Bad ist von oben und vorne zu öffnen. An der Decke die Schiene für den Vorhang. Der ist hinten in der Ecke zusammengequetscht.

Ausgleichskeile sind vorhanden. Die nutzen wir, damit der Wagen grade steht und eben nicht abschüssig, damit die Dusche ablaufen kann. Das hätten wir mit dem Dachzelt auch häufig gut gebrauchen können. So manches Mal sind wir übereinander gerollt im Zelt.

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Bay of Fires

15. – 16. Februar 2026; Australien/Tasmanien/Binabong und Ansons Bay; Tag 8+9, Tageskilometer 125+46, gesamt 517 km

Wir fahren weiter Richtung Norden an der Küste entlang. Städte gibt es jetzt nicht mehr, die Dörfer werden kleiner. Unser Ziel ist ein fünfzig Kilometer langer Strandabschnitt: die sogenannte ‚Bay of Fires‘. Das ist einer dieser Orte, bei denen man denkt: „Das kann doch nicht echt sein.“ Weißer Sand wie Puderzucker, Wasser in Karibikfarben und dazwischen liegen knallorange Felsen herum. Als hätte jemand mit dem Textmarker dekoriert.

Die Flechten

Knalliger Kontrast. Die Granitfelsen bestehen aus viel Quarz und sorgen für schneeweißen Strand.

Seychellen-Feeling

Die Flecken sind keine Malerei, kein Rost, sondern Flechten. Eine geniale Gemeinschaft aus Pilz und Alge. Der Pilz baut die Pflanzenstruktur und schützt vor Austrocknung, die Alge betreibt die Photosynthese und sorgt für Farbe.
Warum wachsen die Flechten gerade hier so intensiv?
Saubere Luft: Flechten sind empfindlich gegenüber Schadstoffen, Tasmanien liefert Bestbedingungen. Der Untergrund sind Granitfelsen: rau genug zum Festhalten, mineralisch passend. Salzige Meeresluft und Sonne sind Stress für andere Pflanzen. Ort und Gelegenheit für Flechten.

Sie wachsen extrem langsam, meist nur einen halben bis drei Millimeter pro Jahr. Die leuchtenden Flecken auf den Felsen können Jahrzehnte bis über 100 Jahre alt sein. Keine Wurzeln, kein Boden nötig, nur Licht, Luft und Zeit.
Der Name ‚Bay of Fires‘ sorgt für Verwirrung. Man erwartet Lava, Drachen oder zumindest ein Buschfeuer. Tatsächlich geht er auf die Feuer der Aboriginal People zurück, die europäische Seefahrer damals von ihren Schiffen aus gesehen haben.

Eine Postkartenfalle, man möchte „nur kurz schauen“, drei Stunden später klettert man noch immer zwischen den Felsen umher. Es gibt nicht den einen Spot. Wir fahren mehrere Punkte an und jeder Strand sieht aus wie der schönste des Landes.

Wir haben für vier, fünf Tage Proviant dabei. Unser erster Campingplatz liegt in der Binalong Bay. Noch über asphaltierte Straßen zu erreichen. Wir bekommen trotzdem ohne Anmeldung einen Stellplatz. Der Platz hat ein paar Makel, die viele Camper verscheuchen: keine Dusche, keinen Strom und nur ein Plumpsklo. Wobei „Klo“ wörtlich zu nehmen ist. Nicht mal Wasser zum Händewaschen gibt es.

Im Baumarkt kaufen wir einen Gummieimer zum Duschen. Eine Tupperdose dient als Schöpfkelle. Plus eine 1-Liter-Blumenspritze mit Druckpumpe. Damit kann man prima die Hände waschen und muss das nicht im Wohnwagen im Abwaschbecken erledigen. Geht auch gut, um die Füße einigermaßen zu entsanden. Camping :lol:

 

Eine Art Plumpsklo – mit Fusspumpe zum Spülen – aber nur wenn der Wassertank gefüllt ist. Alles einfach, aber okay und überraschend geruchsarm.

Die Lage ist der Hammer. Links ein langgestreckter Strand mit ungezähmten Wellen, rechts  – bei Ebbe – bilden sich türkise Buchten.

Wilder Strand zur linken Seite. So geht es endlos weiter. Bucht um Bucht.

Zahmer Strand rechts vom Campingplatz.

Baden ist für Mutige möglich, wenn man sich von 18 Grad Wassertemperatur nicht abschrecken lässt.

Die meisten, die baden gehen, schaffen es bis zum Bauch. Dann ist Schluss.

Das Wasser ist so kalt, dass sogar Pinguine erfrieren.
Dieser Zwergpinguin lag frisch angespült am Strand. Armer Kerl.

Das Hinterland direkt hinter den orangenen Steinen ist abgeholzt.

Einsame Farmer. Keine Orte weit und breit. Die glücklichen Angus-Rinder grasen im Hintergrund.

Nach einer Nacht fahren wir weiter Richtung Ansons Bay. Nur über fünfzig Kilometer Schotter zu erreichen. Die großen Wohnmobile haben wir abgeschüttelt. Auch die Besuchermengen. Ein Stellplatz, der glücklich macht. Nicht mal zur Hälfte belegt. Wohnen mit Meerblick. Vor schneeweißem Strand, der mit Hoch- und Niedrigwasser sein Gesicht verändert. Priele kommen und gehen. Sandbänke mit Möwen verschwinden wieder. Ein Farbenrausch.

Was wir im großen Australien nicht geschafft haben, gelingt in Tasmanien. Campen mit direktem Meerblick.

Sonnenaufgang. Das Wetter meint es gut mit uns. Viel Sonne.

Bei Ebbe wird schneeweißes Watt freigelegt. Ein Pril bleibt für kleine Boote befahrbar.

Im Unterholz am Ende der Lagune auf Schlangensuche

Kochen ist okay in der kleinen Pantry. Ich mache mir das Leben einfach und nehme zum Beispiel fertige Pizzasauce. Das spart tausend Gewürze.

Guten Appetit

  • Campingplätze: Null Euro :-)
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100 Tage Roadtrip

09.03.24,  Australien/WA/Kalbarri, Tag 100 Roadtrip,  9.441 km total, 60 Tages-km

Ein Roadtrip ist durchaus mit Segeln zu vergleichen – irgendwas im Auto klappert immer.

Ich hatte es mir anstrengender vorgestellt. Aber schnell haben wir unseren Rhythmus gefunden: eine Nacht am gleichen Platz ist uns zu wenig, zwei Nächte sind ‚geht so‘, besser sind drei oder vier. Das liegt allerdings nicht am Auf- und Abbauen des Camping-Rerödels.
Reist man zu schnell, kommt die Seele nicht hinterher, sagt ein Sprichwort. Nicht nur die. Der Verstand setzt ebenfalls aus und morgens beim Aufwachen, weiß man nicht, auf welchem Campingplatz man steht.
Rechnerisch müssen wir gute 80 Kilometer täglich fahren, um die Strecke, die wir uns ausgesucht haben zu schaffen. Bleiben wir vier Nächte, gilt es die Trödelei mit einer längeren Fahrt aufzuholen. Die asphaltierten Straßen sind in einem so großartigen Zustand, dass locker 90 Kilometer pro Stunde drin liegen. Unser Bundy ist bequem und der Hintern fängt erst nach ein paar Stunden an zu schmerzen. Natürlich müssen wir dann schöne Ecken überspringen, aber das macht uns nichts aus – alles sehen, können wir sowieso nicht. Zum Glück und zur Ehegatten-Diskussionsvermeidung ticken wir da gleich.

100 Tage Roadtrip – 9500 Kilometer. Genau im Plan. Man könnte meinen, wir haben das im Griff.

Abwechselnd Plätze ohne Dusche und ohne Waschmaschine anzufahren, um dann wieder den Luxus eines Holiday Parks zu genießen, dieser Wechsel geht sich für uns gut aus. Die Campingplätze Australiens könnten unterschiedlicher nicht sein. Viele sind schon sehr alt – die Australier scheinen schon lange ein Camping-Volk zu sein. Damals wurden die Bäder noch gefliest und die Muster erinnern an Oma Erna. Alt hat manchmal Charme, manchmal kann es grausam sein, wenn nichts funktioniert und der Renovierungsrückstand vierzig Jahre beträgt. Teuer bedeutet nicht gleich gut und super preiswert kann großartig sein. Eine gute Lage rechnet sich auf gegen eine schlechte Dusche.
Klebt man in der Gemeinschaftsküche nicht fest, dann benutzen wir die gestellten Einrichtungen. Unser Ofen hat zwar ordentlich Power, aber der zweite (eine Reklamation haben wir schon erfolgreich hinter uns) macht auch schon komische Geräusche.

Hier kochen wir dann neben dem Auto

So was gibt es auch. Man kann hier operieren plus täglich neue Lappen und Schwämme.

Die Küchen sind natürlich auch Treffpunkt. Noch schlimmer als beim Segeln, nach nur einem Abend, und nette Leute sind wieder weg. Das ist schade, aber wir haben schon super nette Leute kennen gelernt. Bislang überwiegend Australier. Ein cooler Typ aus Broome will sich sogar um unser Auto kümmern, wenn wir in Deutschland sind. Daumen drücken, dass er Wort hält.

Das Chaos im Auto der ersten Wochen ist einer organisierten Unordnung gewichen. Beide wissen wir inzwischen, wo Dinge hin gehören und halten uns meistens sogar daran. Zu viele Lebensmittel, die ich nicht auf dem Schiff zurück lassen wollten, haben für zu viel Unordnung geführt. Sich zu proviantieren ist auch auf dem Land gar kein Problem. Selbst kleine Dorfläden führen ein gepflegtes Sortiment.

Jeder hat seine eigene Klamottenkiste. Die Idee hatten wir von Anfang an und es ist eine super Lösung. Nichts fliegt rum und der Wüstenstaub bleibt auch draußen. Schuhe kommen in einen Wurfeimer aus Silikon. Outdoor-Klamotten, wie Jacken, Regenzeug und Hüte ebenfalls. Die sind biegsam und passen gut in Lücken.

Abgeschnittene Wasserkanister sorgen für Ordnung – die passen genau zwischen Kühlschrank und Autotür. Am Anfang hatten wir Kartons. Das war nichts…

Auch der Aufbau von Zelt und Konsorten flutsch mittlerweile reibungslos. Die Aufgaben sind aufgeteilt, jeder macht, was er am besten kann. Der Aufbau ist nach zwanzig Minuten abgewickelt, zusammen packen dauert doppelt so lange.  Wobei das Dachzelt am meisten Zeit in Anspruch nimmt. Die Designer hätten nur ein anderes Scharnier zum Klappen der Bodens wählen müssen und den Deckel etwas höher – schon könnten Kissen und Decken in der Kiste bleiben. Haben sie aber leider nicht. Aber ein Dachzelt ist super!

Der Lange packt das Zelt

Deckel zuziehen mit Hilfs-Zügeln

Am längsten dauert es, die Überschüsse in den Koffer zu stopfen

Jeder macht, was er am besten kann. ;-) Abwasch in der Walachei.

Wir hocken den ganzen Tag aufeinander.  Auslauf vom anderen gibt es nicht. Nur Klo und Dusche bieten eine Pause vom Mitreisenden. Wir essen zusammen, kaufen zusammen ein, ja kochen sogar zusammen. Da sich Kochen im Freien wie Grillen anfühlt, denkt Achim, er sei jetzt auch ein Koch. :mrgreen:

Der neue Chef am Herd.

Schnippeln und Deko anschleppen darf ich noch.

Privatsphäre unterwegs mit Auto, Zelt und Klappstühlen gibt es nicht. Keinen Ort an dem man mal einen Augenblick die Füße hoch legen kann und beim Lesen einfach weg nickt. Im Zelt ist es tagsüber viel zu heiß.
Alles wird öffentlich. Die Hose wechseln – irgendjemand latscht bestimmt vorbei. Fußnägel schneiden – scharf unter Beobachtung vom Wohnwagen nebenan. Nase bohren, am Hintern kratzen, einen Pickel am Bauch betrachten. Der Dicke von gegenüber hat‘s gesehen.

Privatsphäre gleich null. Wenn kein Schatten da ist, muss man auch schon mal auf den Weg umziehen zum Frühstück.

Und dann ist da noch Achims Gitarre. Ein Quell der Freude. Ständig liegt sie im Weg. „Achtung, nicht einfach den Rucksack oben drauf werfen, die Gitarre!“  Dann kommt sie auf den Beifahrersitz und ist wieder im Weg. Bespielte Zeit und zur-Seite-räum-Zeit stehen in einem unguten Verhältnis – aus meiner Sicht.
Durch die Hitze im Auto hat es schon das Furnier auf der Rückseite abgelöst. „Die ist hin“, dachte ich noch so bei mir. Nein, Achim hat Leim gekauft. Vielleicht lässt er sie ja eines Tages aus Versehen am Baum gelehnt stehen. Im Rückspiegel werde ich ihr nachwinken. ;-)

Der Trip ist toll. Einzigartig. So schnuppert Freiheit. Dieser große, leere Kontinent. Die vielen Tiere, die wir bereits gesehen haben. Urgewaltige Landschaften. Diese Weite. Die Faszination der Wüste. Ja, auch der Hitze. Nie gesehen. Nie erlebt. Jedes neue Ziel ist spannend und manchmal wie nicht von dieser Welt.
Und ist das Wetter gut (letzter Regen vor über zwei Monaten), dann macht ein Roadtrip richtig Spaß. Und das ist dann auch genau so wie beim Segeln.

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Mystische Landschaften

5.-7.3.24,  Australien/WA/Nambung NP,+Lucky Bay, Tag 96-98 Roadtrip, 9.379 km total, 309+354 Tages-km

Wir verlassen Perth. Für viele tausend Kilometer wird das die letzte richtige Stadt sein, die auf unserem Weg liegt. Perth ist die abgelegendste Großstadt der Welt. Nach Indonesien ist die Strecke kürzer als nach Sydney. Allerdings müssen wir fast einhundert Kilometer fahren, um den Großraum Perth zu verlassen. Die zwei Millionen Einwohner leben flächig – fast alle in Einzelhäusern.
Nach den letzten Vororten wird es schnell ländlich. Der Highway bringt uns durch Viehwirtschaft oder niedriges Buschland. Wenn die Straße nahe am Meer entlangführt, tauchen die Spitzen von Dünen auf. Weißer Sand gellt in der Mittagssonne.

Wir lassen uns Zeit mit der Strecke und trödeln herum. Unser Ziel, den Nambung Nationalpark, wollen wir erst am späten Nachmittag erreichen. Dann sei das Licht am schönsten für die Pinnacles heiß es. Pinnacles sind Kalkstein-Zinnen, Säulen und Piekser, die verteilt stehen auf einer Wanderdüne aus honiggelbem Sand. Tausende Türmchen und Pfeiler. Bis zu vier Meter hoch.
Auf einem vier Kilometer langen Weg darf man mit dem Auto auf einer abgesteckten Strecke zwischen den Pinnacles herum fahren. Es sind nur wenige Besucher im Park, so dass wir jederzeit anhalten können.
Aber noch schöner ist eine Tour zu Fuß. Es erscheint uns wie eine Wanderung auf dem Mond. Einziger Unterschied, dass es bei uns sehr windig ist und der aufgewirbelte Sand die Waden sandstrahlt. Wir bleiben, bis die Säulen lange Schatten werfen.

Der Weg für die Autos führt quer durch die Mondlandschaft

Dezent ist die Strecke für die Autos in die Landschaft eingepflegt worden – nur ein paar Steine begrenzen die Strecke

Willkürlich verteilt erscheinen immer neue Felder mit Pinnacles am Horizont

Lange Schatten und tolle Farben zum Sonnenuntergang

 

Die Säulen sind entstanden durch Pflanzenwurzeln, die tief in eine Kalksteinschicht vorgedrungen sind. Dort sammelte sich viel Wasser und der Kalkstein verfestigte sich hier besonders stark. Die Wanderdüne zog jährlich 2,5 Meter weiter, der Kalkstein in den die Wurzeln eingedrungen waren,  war nun der Erosion ausgesetzt und nur die verhärteten Teile – die ehemaligen Wurzellöcher – blieben stehen. Die heutigen Pinnacles.

Pinnacles sind ehemalige Wurzellöcher, die stehen geblieben sind

Unglaubliche Landschaft

 

Im Nambung Park kann man nicht übernachten. Wir haben daher einen Stellplatz im zwanzig Kilometer entfernten Cervantes als Spätankommer reserviert (Westaustralien ist teuer – 39 Dollar die Nacht). Den erreichen wir als es schon fast dunkel ist. Und schon befindet sich unsere Verpflegung im freien Fall. Gab es eben doch die leckersten Köstlichkeiten bei Helga und Wolfgang, gibt es heute Abend nur Brot mit Dosen-Fischfilets vom Aldi. :mrgreen:

Der Campingplatz in Cervantes liegt direkt am Strand – kaum ein Mensch ist zur Zeit unterwegs – Ostern soll sich das ändern

Unterwegs kommen wir an diesem Barbie-Mädchensee – Pink Lake – durch Algen verursachte Färbung

Nach zwei Nächten fahren wir weiter und haben nach 350 Kilometern keine Lust mehr. Spontan suchen wir uns einen Platz direkt am Meer. Bis vor Corona waren solche Plätze, die nur eine Toilette bieten, kostenlos. Heute muss man 15 Dollar pro Pkw bezahlen. Per Vertrauen legt man das Geld in einen Briefumschlag und eine Sammelbox.
Was für eine gute Wahl!  Wir klappen das Zelt inmitten der Dünen auf. Schuhe überflüssig – überall liegt feinster Sand.

Zelten in den Dünen

Wilder Strand – Lucky Bay – fünf Minuten zu Fuß

Wer mag, darf mit seinem 4×4 am Strand entlang heizen. Dafür soll man den Reifendruck auf die Hälfte reduzieren, um sich nicht festzufahren. Wir verzichten, da wir dem (günstig gekauften) Kompressor nicht ganz über den Weg trauen, der vier Reifen wieder auf Straßendruck bringen müsste.
Und genau genommen, ist es auch hier zu Fuß viel schöner.

Reifenspuren von Wagemutigen – bevor die Flut kommt

Weicher Sand – man versinkt bis über den Knöchel – wer hier stecken bleibt mit dem Auto…

Wir bleiben bis zum Sonnenuntergang

Ein Sundowner-Bier in den Dünen

wird mit Kochen im Dunkeln belohnt. Nicht so einfach – wir brauchen mehr Licht. Die Dämmerung ist nur noch kurz, wir sind schon wieder ganz schön nördlich. Und die Tage werden auch nicht länger. Butter-Möhrchen und Schweineldendchen mit Reis – Camping kann ja so schön sein

 

 

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Ein schwieriger Anfang

02.Dez.23, Australien/Goomeri, Tag 1+2 Roadtrip (3471), 223 km

Unser Roadtrip rund Australien beginnt unkomfortabel mitten in der Nacht, zeigt dann seine schöne Seite, um mit der Frage zu enden: „Wer hatte bloß diese verfluchte Idee?“

Aber der Reihe nach.

4:30 Uhr – der Wecker klingelt. Atanga kommt bereits um 6:30 Uhr aus dem Wasser und es sind noch etliche Handgriffe zu erledigen. Leichter Nieselregen drückt auf die Laune.
Für die letzten Dinge gilt es im Auto ein Platz zu finden. Es endet im Chaos und mit feuchten Handtüchern zwischen Schlafanzügen. Macht nichts, wir sortieren uns beim ersten Campingplatz neu. So kann man sich irren.

10:00 Uhr – wir sind abfahrbereit. Das Boot steht sicher in einem Gestell, was mit Erdankern im Boden befestigt ist. Zusätzlich werden noch Gurte gespannt. Darauf haben wir allerdings nicht mehr gewartet. Bundaberg liegt leider noch ganz knapp im Zyklon-Gürtel, aber alles macht einen sehr sicheren Eindruck auf uns. Wir haben demontiert, was möglich war, außer dem Bimini. Das ist unser altes und bleibt drauf, um die neue Sprayhood zu schützen.
Wir stehen mit dem Bug zur vorherrschenden Windrichtung. Schimmel- und Insektenbefall soll angeblich kein Thema in Bundaberg sein.
Tschüss Schiff, du bist hier gut aufgehoben.

Tschüss Schiff – für neun Monate

13:30 Uhr – Wir entscheiden nicht bis zum geplanten Ziel zu fahren, sondern suchen uns bereits einen Campingplatz nach 220 gefahrenen Kilometern. Das Goomeri Bush-Camp. Eine zufällige Wahl, längst abseits von der gut besiedelten Küste. Viehwirtschaft und lichte Wälder wechseln sich ab. Alle zig Kilometer fahren wir durch kleine Orte.
Der Campingplatz liegt mitten in einer riesigen Rinderfarm. Wir sind die einzigen Gäste. „Das bleibt auch so“, weiß unsere Gastgeberin. „Den Aussies ist es jetzt auf dem Land zu heiß, sie machen alle Urlaub an der Küste.“ Die Aussies könnten Recht haben, es brütet mit über 30 Grad in der Nachmittagssonne.
Ungeübt dauert der Aufbau von Zelt, Tisch und Markise noch über eine halbe Stunde. Da ist noch Luft nach oben. ;-)

Unser neues Zuhause für acht Monate

Großer Campingplatz – alles für uns alleine – ein paar Gäste wären uns ganz recht gewesen

16:00 Uhr – Das Camp ist toll (und auch noch recht preiswert – 12 Euro inklusive Duschen). Wir laufen über die Farm. Ausdrücklich sind mehrere Wanderwege ausgewiesen. Nach fünfzehn Minuten treffen wir auf unsere neuen Lieblinge: Kängurus! Hinter jeder Biegung sehen wir neue Gruppen. Einige bleiben sitzen, lassen uns bis auf 30 Meter näher kommen, andere Mobs hüpfen schon deutlich früher vor uns weg.

Mutti ist ganz relaxt

Ich will raus

Erst wird aufmerksam geschaut

Dann nix wie weg

17:30 Uhr – Grade steht unser Abendessen auf dem Tisch als erste Böen die Schüsseln vom Tisch fegen. Unbemerkt ist es drohend dunkel aufgezogen. Erster Donner grollt. Wir schaffen es grade eben unsere Sachen trocken in die Gemeinschaftsküche zu bringen. Dann beginnt es zu schütten.

20:00 Uhr – Das Gewitter hat sich verzogen. Wir haben die Zeit easy abgesessen, denn zum Glück hat es ein vier Liter Wein-Karton mit in die Küche geschafft.

Ein wenig Gewitter kann einen Seemann nicht erschüttern

20:30 Uhr – Wir beschließen ins Bett zu gehen. Inzwischen ist es stockdunkel. Ein Hinweis-Schild am Kühlschrank haut uns Sorgenfalten auf die Stirn. Wir haben keinen Stock. Und meine Flip Flops sind sicher keine „korrekten“ Schuhe. Nicht mal eine Taschenlampe ist am Mann. Alles richtig gemacht in einem Camp im Busch. In Australien.  :mrgreen: Heijeijei. Das müssen wir noch üben.

Schlagen unterwegs – bitte anständige Schuhe anziehen und hab einen Stock dabei

20:45 Uhr – Wir stapfen durch die Pfützen. Hart aufzutreten soll Schlangen vertreiben. Hart auftreten sorgt in jedem Fall mal für nass-schlammige Beine. Und wir verbreiten noch mehr Chaos im Auto. Wo ist die Taschenlampe? Wo ist mein Handy, meine Zahnbürste?

1:00 Uhr – Blitze zucken und Donner grollt. Wir sitzen senkrecht im Bett. Eine zweite Gewitterzelle fegt direkt über uns rüber. Es gallert schon wieder wie aus Kübeln. Alles wackelt. Faradayscher Käfig – gilt das auch auf dem Autodach? Wir gucken uns an: „Es war deine Idee!“

2:00 Uhr – Das Gewitter ist vorbei. Als es auch aufhört zu regnen, rappeln wir uns hoch, um zur Toilette zu gehen. Wenn man mal merkt, dass man muss, bekommt man es nicht wieder aus dem Kopf. Ich geh wieder in Flip Flops – ist ja jetzt auch schon egal. Und im Autochaos ist auch nichts anderes zu finden.

5:00 Uhr – Ich wache auf vom Donner. Das gibt es doch gar nicht! Diesmal ist es nicht ganz so heftig und mittlerweile dämmert es bereits. Achim sieht drei Kängurus am Zelt vorbei hüpfen. Das ist herrlich. Der Rest ist Müll. „Land Cruiser plus Dachzelt zu verkaufen“, formuliere ich im Geiste eine Verkaufsanzeige.

8:00 Uhr – Der letzte Regenschauer hat sich verzogen. Die Sonne brennt. Der Regen wird förmlich aus dem Boden gekocht. Wahrlich eine super Luft. Wir ziehen ‚proper‘ Wanderschuhe an und machen uns auf den Weg über die Farm.

Auf der Farm unterwegs – üppig grün ist es (noch) nicht

8:30 Uhr – Ein Koala sitzt im Eukalyptus und döst. Camping ist doch schön. Australien auch. Wir sind versöhnt und ich ziehe die Verkaufsanzeige wieder zurück.

Unser erster Koala

Bis zu 20 Stunden täglich wird geschlafen

10:30 Uhr – Wir sind von unserer Wanderung zurück: Kängurus und Wallabies bekommen wir zu sehen. Wallabies sind auch Kängurus. Aber selbst wir können sie von weitem unterscheiden. Ein Wallaby hüpft ganz anders und der Schwanz ist viel zierlicher.

Ein Wallaby

11:00 Uhr – Wir beschließen noch eine Nacht in Goomeri zu bleiben. Schön ist es hier.

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