Kategoriearchiv: An Land

Australien ruft

13.10.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.518; 30.129 sm total

Der Countdown für die Abfahrt läuft. Inzwischen sind wir wieder nach Luganville umgezogen. Die letzten Tage in der Bucht waren zum Niederknien. Das graue Wetter der letzten Wochen ist vorbei. Auch das Meer ist inzwischen deutlich wärmer geworden. Fast knacken wir die 27 Grad. Badewetter.

Palikulo Bay – wenn es am Schönsten ist, soll man aufhören.

Wrackschwimmen.

Zwei fette Wracks liegen in der Bucht.

 

Morgen klarieren wir in Luganville aus und tauschen die letzten Vatu auf dem Markt gegen Obst. Dann muss nur noch das Dinghy an Deck und ich koche uns Essen vor für die ersten zwei Tage auf See.

Das Schiff ist fertig. Alles ist aufgeräumt und gewienert für die strenge Biosecurity in Australien. Das Unterwasserschiff ist frei von Bewuchs. Allerdings haben wir einen Gecko an Bord. Der ist bei den Behörden unerwünscht. Aber der Kerl zeigt sich nicht. Vor etlichen Wochen als Baby zu uns gekommen, ist er inzwischen gewachsen und hat das typische Schnalzen gelernt. „Tck! Tck! Tck!“. Hoffentlich hält er seinen Schnabel, wenn die Offiziellen an Bord sind. Außerdem haben wir auch wieder einen unserer sechsbeinigen „Freunde“ gesichtet. Kakerlaken stehen auf der Abschiebeliste in Australien ganz oben. Wir müssten sowohl Gecko als auch Kakerlaken als ‚blinde Passagiere‘ deklarieren. Hüstel.

Vanuatu lockt zum Wiederkommen. Trotz zwei Monaten durchwachsenen Wetters. Auch die Versorgung ist recht eintönig: Frühlingszwiebeln mit Huhn. Huhn mit Pak Choi. Das wird ein Fest in Cairns Supermärkten.
Wir wären so weit – Australien, wir kommen!

Der Abfahrtstag scheint egal, es kommt jeden Tag fast das Gleiche dabei raus: 9 Tage/1 Stunde; 9 Tage/4 Stunden; 9 Tage/8 Stunden. Auch Windrichtung und Stärke sind variantenarm. 1.250 Meilen in neun Tagen – Schenkelklopfer!
Wir wären glücklich, wenn diese Vorhersage stimmen würde.

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Schrott, Scherben und ein Millionengrab

26.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.501; 30.106 sm total

Wir haben unsere Visa-Verlängerungen! Erst hat uns das Online-System noch einen Schreck eingejagt. Ohne Vorwarnung bekamen wir eine Aufforderung, dass wir die Rücknahme unseres Antrags bestätigen sollen. Nö, wollen wir ja gar nicht. Wie kommen die darauf? Wir haben widersprochen, prompt sprang der Status auf ‚unter Bearbeitung‘ zurück und zehn Tage später kam die Verlängerung bis 15. Oktober.
Perfekt für uns; so haben wir uns das vorgestellt.

Da wir nicht wussten, ob wir noch einmal bei Immigration vorsprechen müssen, sind wir während der Wartezeit in der Palikulo Bay geblieben. Eine Strafe ist das nicht. Wir können viel spazieren gehen und da die Siedlungen ihren traditionellen Charakter verloren haben, meistens alleine. Keine Anmeldung beim Chief notwendig. Keine Horde Kinder im Schlepptau. Und es tummeln sich am Ankerplatz auch andere Segler, eine prima Gelegenheit für gemeinsame Sundowner.

Die Bucht hat viel erlebt. Während des Zweiten Weltkriegs waren in Luganville über 100.000 US-Soldaten stationiert. Zweitgrößter Stützpunkt nach Pearl Harbor. Wer hat‘s gewusst? Wir haben noch nie davon gehört. Ein Flugplatz für Bomber befand sich am Scheitel der Bucht. Die Straßen aus verdichtetem Korallenschutt existieren heute noch.

Palikulo Bay während des Zweiten Weltkriegs mit einem von drei Flughäfen. Heute liegt Atanga hier. [Foto-Quelle: Wikipedia]

Die alten Wege der Amerikaner. Erst dachten wir, es sei Beton. Stark verdichteter Korallenschutt bekommt eine ähnliche Härte.

Nicht weit von der Stelle, wo sich neulich der Schiffbrüchige an Land retten konnte, spielte sich eine völlig absurde Geschichte ab.
Nach dem Krieg verließen die Amerikaner ihren Stützpunkt auf der Insel. Die angehäufte Ausrüstung zurück in die USA zu transportieren, war zu teuer. Also boten sie diese den Franzosen und Engländern, die zu der Zeit Vanuatu gemeinsam verwalteten, zum Kauf an.
Der Preis soll deutlich unter dem tatsächlichen Wert gelegen haben. England und Frankreich lehnten einen Kauf schlichtweg ab. Sie pokerten. Aber ihr Kalkül, dass die Amerikaner einfach alles stehen lassen würden, ging nicht auf.

„Ihr wollt nicht bezahlen, gut, dann vernichten wir alles!“ Die Amerikaner sammelten sämtliche Gegenstände zusammen und schufen ein Millionen-Dollar-Grab. Bulldozer, LKWs, Planierraupen und Muldenkipper. Sogar Vorräte. Konserven, hunderte Kisten mit Cola. Leere und volle Treibstofffässer. Alles versenkten sie im Meer.
Aus den ersten ins Flachwasser geschobenen Gerätschaften entstand durch das ständige Überrollen eine Art Rampe. Auf dieser Metall-Rampe fuhren die nächsten Fahrzeuge immer weiter ins tiefere Wasser hinaus. Am Ende war eine hunderte Meter lange, künstliche Landzunge aus Militärschrott entstanden.
Um sicherzugehen, dass die Kolonialherren nach dem Abzug der US-Truppen nichts mehr nutzen konnten, gingen die Soldaten systematisch vor. Bei vielen Fahrzeugen wurden die Ölablassschrauben entfernt und die Motoren mit durchgedrücktem Gaspedal laufen gelassen, bis sie sich festfraßen. Mit Äxten wurden Reifen zerschnitten, Scheiben und Bedienelemente zerschlagen.

Koloniale Gier und Fehleinschätzung trafen auf Trotz.

Das Millionengrab gilt heute als außergewöhnlicher Tauch- und Schnorchelspot. Zwischen 1 und 40 Metern liegen die Überreste. Obwohl bereits üppig von Korallen bewachsen, soll die Metall-Rampe noch klar zu erkennen sein.

Wir gehen zu Fuß zum Million Dollar Point. Es gibt neben einer Tauchbasis ein bescheidenes Hotel am Strand. Durch den Eingang des Hotels gelangen wir ans Wasser. Man möchte sich die Hände vors Gesicht schlagen. Der steinige Strand ist übersät mit Scherben. Über die Jahre glatt geschliffen. Dazwischen Metallreste aller Art. Verrostete Motorblöcke sind auszumachen. Selbst mit Schuhen ist Vorsicht beim Laufen angeraten. Es ist weniger reizvoll, als die Werbung der Tauchbasis geklungen hat.

Million Dollar Point – heute der offizielle Name des Spots.

Überreste von den versenkten Gerätschaften. Trotz ausdrücklichen Verbots haben die Einheimischen noch einige Teile bergen können.

Der Strand ist nicht mehr als solcher zu erkennen. Von Scherben übersät.

 

Wir stapfen weiter am Strand entlang, als ein junger Mann uns anspricht. Hier herumzulaufen und sich umzusehen, kostet 1.000 Vatu (8,00 Euro) pro Person. Hm, eigentlich möchten wir ja erstmal in der Tauchbasis guten Tag sagen. Der junge Mann ist uns nicht gewogen: Zahlen oder umdrehen. Wir gehen durch das Hotelgelände zurück und finden weiter die Straße runter ein Schild. Es preist ein Restaurant, Massage und Beach-Aufenthalt an. Eintritt 1.000 Vatu.
Ob man die wieder bekommt, falls man etwas verzehrt? Werden sie beim Tauchen oder Schnorcheln angerechnet? Der junge Mann vom Strand taucht am Kassen-Häuschen auf. Er guckt grimmig. Wir lassen uns abschrecken, drehen um. Für einen Strand voller Scherben und Rost in einer Atmosphäre, in der wir uns als Störfaktor fühlen, ist uns der Aufwand zu schade.

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Tragödie in Vanuatu

11.09. – 20.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.486 –95; 30.106 sm total

Eine schmale Landzunge schützt unsere Bucht vor Wind und Wellen. Während wir nichts ahnend im türkisenen Wasser ankern, spielt sich ein paar Kilometer hinter der Landzunge eine Tragödie ab.

Ruhig liegt ein See aus Türkis vor uns. Selbst von drei Meter hohen Wellen am Außenriff bekommen wir hier nichts mit.

Am Freitagmorgen legt in Luganville das Versorgungsschiff MV Matui ab. Der ehemalige Garnelen-Trawler ist 15 Meter lang und nur als Frachtschiff zugelassen. Trotzdem befinden sich 53 Personen an Bord. Plus Gepäck, plus Fracht. Die Ladelinie soll bei der Abfahrt unter Wasser gelegen haben.
Ziel ist die 90 Kilometer entfernte Insel Ambae. Vier Stunden Fahrt sind dafür geplant. Doch die Matui erreicht Ambae nicht.

Die Matui. Ein Foto-Fund im Internet einer früheren Fahrt.

Geplante Route der Matui.

In rauer See mit drei Meter Wellen kentert das Versorgungsschiff und sinkt. Die Menschen auf Ambae ahnen nichts von dieser Katastrophe. Sie vermuten eine Verspätung, das ist nichts Ungewohntes für sie. Somit informieren Angehörige erst 24 Stunden nach Abfahrt der Matui die Behörden, dass das Schiff vermisst wird. Über ein AIS oder eine EPIRB verfügt der Frachter nicht.

Erste private Suchaktionen lokaler Fischerboote beginnen. Auch Mark Turnbull wird alarmiert. Ein australischer Arzt, der im Norden Vanuatus lebt und einen Flying-Doctor-Dienst betreibt. Er startet mit seinem Flugzeug, sucht aus der Luft und entdeckt einige Schiffbrüchige, die sich zusammengebunden haben. Er wirft Rettungswesten und Trinkwasser ab.

Am Samstagnachmittag um 15:00 Uhr findet ein Taucher an der Außenseite unserer Landzunge einen vollkommen erschöpften Mann. Ein Überlebender, der sich schwimmend zurück nach Espiritu Santo retten konnte. Jetzt herrscht für alle Gewissheit, die Matui ist gesunken!
Die Rettungsaktion wird ausgeweitet. Größere Schiffe beteiligen sich nun. Die Lunaris schippert im betroffenen Seegebiet. Eine 63-Meter-Luxusyacht in Privatbesitz. Die Besatzung der Lunaris schafft es in der Nacht, drei Schiffbrüchige aufzunehmen. Zufällig erfassen Scheinwerfer die Reflektoren einer Rettungsweste.
Andere können sich schwimmend auf eine winzige Insel retten. Eine weitere Handvoll Überlebender wird von verschiedenen Schiffen gefunden – nach mehr als 36 Stunden im Meer. Rettungsinseln gab es nicht auf der Matui. Die Menschen klammern sich an ein treibendes 1.000-Liter-Fass und an Reifen.

Nach einer Woche wird die Suchaktion abgebrochen. Die Wahrscheinlichkeit, noch lebende Menschen zu finden, ist auf Null gesunken. 14 Personen sind gerettet, zwei Tote wurden geborgen. 37 Menschen bleiben vermisst.

Wir gehen ein paar Tage später auf der Landzunge spazieren. Eine abwechslungsreiche Strecke. Lagunenseite oder die raue Ostseite. Ganz wie man mag. Am Strand finden wir auffällig viele Blumen. Angespülte, letzte Grüße an die Verstorbenen. Auf allen Inseln Vanuatus werden seit Tagen Blumen ins Meer geworfen.

Das Außenriff ist gesäumt mit Blumen.

Ein Stück weiter stoßen wir auf einen Gottesdienst, der provisorisch am Strand abgehalten wird. Mit Blick auf Ambae, das Ziel der verunglückten Matui. Die Einheimischen winken uns herbei. Aber wir lassen sie alleine. Am Strand sitzt eine Frau, die heftig weint.
Nächsten Sonntag wird landesweit ein Gottesdienst stattfinden.

Inzwischen liegt Lunaris hinter uns in der Palikulo-Bucht. Die Eigner sind nicht bekannt. Es gibt Agenturen, die solche Schiffe anonym kaufen, um die Besitzer zu schützen.
Gestern Abend ist die Besatzung der Lunaris an Land gefahren. Am Strand stehen Frauen in traditioneller Kleidung und nehmen sie in Empfang. Die Frauen stehen bis zur Hüfte im Wasser und schlagen mit den Händen rhythmisch auf die Oberfläche. Sie führen einen Etëtung, einen Wassertanz auf.
Durch synchrone Schlag- und Klatschbewegungen erzeugen sie eine Vielfalt an Tönen. Der Wind trägt die Klänge bis auf Atanga. Von weitem gleicht es kleinen Trommeln.
Eine traditionelle Ehrung. Ein lebendiges „Dankeschön“ der Dorfgemeinschaft und zugleich symbolische Aufnahme als geschätzte Freunde der Gemeinschaft.
Danke, Lunaris.

Ein Wassertanz für die Lunaris Besatzung.

Die Lunaris in der Palikulo Bay ankert hinter uns.

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Eines Tages werden wir reisen wie Ihr

15.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.490; 30.106 sm total

Wir ankern in der Palikulo Bay. Von hier kommen wir per Anhalter oder mit dem Bus in die Stadt. Es sind nur zehn Kilometer. Der Besuch bei der Immigration ist halb erfolgreich. „Euer Visumsantrag wird in der Hauptstadt bearbeitet.“ Der Beamte in Luganville zuckt mit den Schultern. „Das System funktioniert heute nicht. Ich gebe Euch eine Nummer von Ella, der könnt Ihr eine Nachricht schreiben.“
Immerhin gibt er Entwarnung: Solange unser Antrag läuft, sind wir legal im Land. Auch über unseren ursprünglichen Ablauftermin hinaus.
Von Ella erhalten wir bisher keine Antwort.

Den Stadtbesuch nutzen wir aus und decken uns mit ein paar frischen Lebensmitteln ein. Rund um die Bucht gibt es nur ein paar Dörfer mit Verkaufsbuden.

 

Shop Nummer eins hat geschlossen.

Shop Nummer zwei hat gebackene Teigteilchen im Angebot.

 

So nah an Luganville haben die Siedlungen nicht mehr den Kustom-Charakter, wie auf den kleinen Inseln. Das bedauert auch Tahi, der uns anspricht, als wir an seinem Haus vorbeispazieren. „Heutzutage macht keiner mehr etwas freiwillig für den Nachbarn. Alle wollen Geld.“
Er lädt uns auf sein Grundstück ein. Stellt uns seine Frau und drei Töchter vor, die im Garten arbeiten oder aufs erste Enkelkind aufpassen. Seine zwei Brüder mit ihren Familien wohnen hier ebenfalls. Die Gräber der Vorfahren liegen zwischen den Häusern.

Am Grundstücksende haben wir Blick auf Atanga. Tahi wird philosophisch, als wir erzählen, dass wir die ganze Strecke aus Deutschland gesegelt sind: „Wir reisen so nicht. Bleiben auf unseren Inseln. Ich war noch nie in Fiji. Dabei stammt mein Vater von dort.“ Er erkundigt sich nach unseren Familien. „Keine Kinder? Oh, das tut mir schrecklich leid.“ Als wir ihm von den kleinen Familien in Deutschland erzählen, dass unsere Eltern verstorben sind und ich keine Geschwister habe, ist sein Gesicht ein einziges Bedauern. „Wir leben eng mit der Familie zusammen. Ohne geht es nicht. Aber eines Tages werden unsere Familien auch kleiner werden. Und wir werden reisen wie Ihr.“

Tahi macht sich viele Gedanken. Betont, dass er sich sehr freut, uns bei sich begrüßen zu können.

Zum Abschied schenkt er uns Trinknüsse. So ganz ist ‚Kustom‘ doch noch nicht verschwunden. Wir haben zum Revanchieren nichts dabei, aber dann fallen Achim die Müsliriegel ein, die wir als Snack eingepackt haben. Tochter, Mutter und Tahi freuen sich. Alle drei nehmen gerne die ungewohnten Leckerbissen.

Nüsse schlachten auf Atanga bitte in Vanuatu-Manier. Knochen und Fleisch heilen von alleine, der Decksbelag nicht.

Wir streifen durch die weitläufig verstreuten Siedlungen. Einige hundert Menschen wohnen hier. Es wird gerufen und gewunken, wenn man uns entdeckt. Wenn wir wollten, könnten wir an jedem zweiten Haus ein Schwätzchen halten. Ob wir Hilfe brauchen, fragen uns die Leute.

Für den Kirchgang werfen sich alle in ihr bestes Kleidungsstück.

Und sehen sehr adrett aus. Die Alltagskleidung der Ni-Vanuatu ist oft in einem schlechteren Zustand – mit Löchern und Flicken haben wir gesehen. Vollzeit arbeiten bringt beim Mindestlohn keine 400 Euro im Monat. Da wird Kleidung bis zum Ende getragen.

Die Infrastruktur rund um die Bucht ist einfach. Das öffentliche Stromnetz aus Luganville reicht nicht bis in die Außenbereiche. Treibstoff für Generatoren ist teuer und kommt selten zum Einsatz. „Unser Trinkwasser sammeln wir mit Regenwassertanks an den Dächern. Ist das aufgebraucht, geht man zum Nachbarn“, hat uns Tahi erzählt. „Nutzwasser zum Wäschewaschen oder zur Gartenbewässerung holen wir aus Brunnen.“

Wasser holen in ausrangierten Eimern – ehemals Behälter für Frühstücks-Cracker.

Balkon-Kraftwerk auf vanuatisch. Das reicht zum Handy laden und für ein paar Lampen.

Öffentliche Minibusse verkehren unregelmäßig. Die Einheimischen nutzen wie wir Pick-ups per Anhalter als Transportmittel. Oder es wird ein Taxi gerufen. Tahi geht zu Fuß nach Luganville: „Ich kenne die Abkürzung durch den Wald. Früher konnte man auch über die Landebahn vom Flughafen laufen. Da steht jetzt ein Zaun.“ Er tritt gegen einen Baumstamm. Den Zaun findet er überflüssig.

Die meisten Anwohner der Bucht haben kein Auto. Pkw-Taxen quälen sich auf schlechten Wegen durch die Siedlungen. Wir sind zu Fuß häufig schneller.

Einmal haben wir Glück auf unserem Weg nach Luganville, dass wir einen Bus erwischen. Das andere Mal trampen wir und müssen zwei Kilometer zu Fuß gehen.

 

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The Next Generation

01.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.476; 30.106 sm total

Das Elend fängt mit einer Fehleinschätzung an. „Wo kommt denn bloß der Mohn her?“, wundere ich mich. „Wir hatten doch gar nichts mit Mohn!“ Ich wische die Krümel zwischen den Tellern im Schrank weg und denke nicht weiter drüber nach. Zwei Tage später finde ich die nächste Ladung an der gleichen Stelle. Eine genauere Betrachtung – diesmal ohne Brille – treibt mir Sorgenfalten ins Gesicht. Nix Mohn, es handelt sich eindeutig um Kakerlaken-Kacke.
Schöner Mist! Wenn Kakerlaken Mohnkörner großen Dreck hinterlassen können, dürften es Kavenzmänner sein.

Als Sofortmaßnahme baue ich aus Eierkartons Kakerlaken-Hotels. Bestückt mit Borsäure und Zucker. Seit Edgar der Schabe weiß jeder, Kakerlaken lieben Zucker. Zusätzlich kaufen wir Fressköder im Supermarkt. Beide Methoden wirken als Kaskadengift. Die Wirkstoffe werden ins Nest getragen und vergiften dort die Nachkommen.

 

Kakerlaken-Hotels bestückt mit Borsäure.

Borsäure ist ein weißes Pulver. Rein von der Optik hofft man dann, dass das Beutelchen nicht vom Zoll gefunden wird. :mrgreen:

Es dauert eine Zeit, da tauchen die ersten Leichen auf. Große Biester. Wahrscheinlich handelt es sich um die flugwillige amerikanische Schabe. Es dauert eine noch längere Zeit, da tauchen Baby-Kakerlaken auf. Die sind noch nicht so flink auf den Beinen wie ihre Eltern. Wir erwischen ein halbes Dutzend. Das reicht nicht! Ein Eipaket enthält 14 bis 16 Eier. Der Rest der Brut entkommt, häutet sich, wächst zu mittelgroßen Schaben heran. Wir erwischen weitere zwei.

Mit einem Körper, den nur eine Mutter lieben kann. Ein Amerikaner oder Australier. Die sehen sich sehr ähnlich.

Inzwischen haben wir das Land gewechselt. Die Geschichte zieht sich seit Nouméa, genau gesagt seit April. Wir wähnen uns schabenfrei, als an einem lauen Abend im Juni ein mausgroßes Teil in der Pantry landet. Das Biest ist so fett, dass es nicht mal eben in einer Ritze verschwinden kann. Achim ist schnell wie der Blitz. Gute Leistung!  Ein paar Tage später sehe ich am Dinghy-Dock eine Schabe am Nachbar-Schlauchboot hochklettern. Ich kann sie zum Schwimmen überreden.

An Bord ist Ruhe. Kein Mohn, keine Häute, keine weiteren Funde. Wir atmen auf.
Zu früh. Es erfolgen erneut Sichtungen und Fänge von mittelgroßen Schaben. Ob es sich um unsere Nouméa-Brut oder eine neue Familie handelt, ist nicht überliefert. Wir wechseln die Fallen, kontrollieren, putzen und passen auf.

Und tatsächlich, seit vier Wochen ist es friedlich. Wir erklären Atanga nun wirklich für kakerlakenfrei. Bis gestern. Die nächste Generation ist da. Ein kleines Tier rennt rotzfrech am hellen Tag im Cockpit umher. Aber auf Achim ist Verlass. Platsch. Weidmanns Dank. Zu hell der Körper, zu tagaktiv, um ein echter Amerikaner zu sein. Dazu kommen gestreifte Beine.

Es könnte eine Außenschabe sein. Dies sind keine Schädlinge, sondern sie fressen verrottendes Pflanzenmaterial im Garten. Es soll keine Vermehrung im Haus stattfinden. Was auf einem Boot passiert, ist natürlich nicht beschrieben. Hoffentlich weiß die Außenschabe, dass sie ohne Grünabfall nach ein paar Tagen zu verenden hat.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Kakerlake bitte zuerst.

Nicht nur, dass die Viecher eklig sind, sie richten echten Schaden an. Hier die Gummidichtung unseres Schnellkochtopfes. Als ob es in den Ritzen der Bodenbretter nicht genügend Krümel zu finden gäbe. Auch die Ringdichtung hat Frass-Spuren. Achim meint, das sei Abrieb vom Schaukeln. Ich sage, es waren die Amerikaner. Abrieb hatten wir in zwölf Jahren nicht  …

 

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