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Ungeplanter Aufbruch aus Tikehau

So., 15.Sep.19, Franz.Polyn./Pazifik, Tag 1932, 18.694 sm von HH
Irgendjemand moechte nicht, dass wir in den Tuamotu im Pass tauchen gehen. Zuerst auf Hao schlechtes Wetter, dann war der Tauchverein geschlossen und in Makatea und Tikehau kam Achims Wunde am Fuss. Die Stelle war nun soweit abgeheilt, dass er wieder ins Wasser darf, da kommt der Skipper mit: „Ich habe Zahnschmerzen“ um die Ecke!
Meine Diagnose lautet Wurzelentzuendung. Alle Anzeichen sprechen dafuer. Im Gesundheitszentrum hatten wir gelesen, dass sich jeder mit Zahnproblemen nach Rangiroa – ins Nachbaratoll – fliegen lassen muss.
Achim hofft zunaechst noch auf Wunderheilung: „Ist von alleine gekommen, geht auch von alleine“. Er ist tapfer und faehrt mit mir zum ‚Mantapoint‘, einem Motu mitten in der Lagune. Dort soll man mit Mantas schnorcheln koennen. Die ‚Alrisha‘, die wir in Tikekau wieder getroffen haben, begleitet uns.
Und tatsaechlich, der Mantapoint kann etwas. Am zweiten Tag habe ich das grosse Vergnuegen einen dieser Koenige der Eleganz unter Wasser an der Putzerstation zu beobachten. Achim verzichtet, allein der Gedanke, den Schnorchel in den Mund zu nehmen, graust ihn.
Die Schmerzen nehmen zu, der Wind steht guenstig, der Skipper will zum Zahnarzt. Kurzentschlossen brechen wir am naechsten Morgen auf. Direkter Weg Tahiti. Warum sollen wir den Umweg ueber Rangiroa machen? Wir wissen nicht, ob der Zahnarzt ueberhaupt vor Ort ist, wir wissen gar nichts. Nach Tahiti wollten wir sowieso zurueck (zwar erst in 14 Tagen) und dort gibt es sicher eine Auswahl an Aerzten. Also Segel setzen und los.
Jetzt sind wir bereits seit 24 Stunden unterwegs. Ruppige, unangenehme Stunden. Den Wind mit 25 Knoten in der Nacht genau auf die Nase. Seit dem Vormittag ist es etwas ruhiger und der Wind kommt halb, so dass wir gemuetlich voran kommen. Ankunft wahrscheinlich im Morgengrauen. Die Schmerzen vom Skipper halten sich zum Glueck in Grenzen. Die Angst vorm Zahnarzt wirkt schon fuenfzig Meilen vor dem Ziel heilend auf ihn ein.
Test für: ä ö ü ß

Die Moorings von Makatea

So., 25.Aug.19, Franz.Polyn./Insel Makatea/Westseite, Tag 1911, 18.699 sm von HH
Die Mooring, die wir erwischen, ist nichts fuer schwache Nerven. Keine siebzig Meter vom Riff entfernt. Der Meeresgrund steigt von dreitausend Meter auf null auf einer Laenge von nur hundert Metern an. Am Bug haben wir fuenfzehn Meter unter Atanga, am Heck sechzig Meter. Die Duenung bricht sich donnernd am Riff. Ein leiser Ankerplatz ist das nicht. Im Cockpit muessen wir tatsaechlich die Stimmen erheben. Wenn die Welle sich nach dem Brechen zurueck zieht, das Riff freilegt und bevor eine neuer Brecher sich formiert, bildet sich eine Kante, ja, ein Schlund, ein Vorhof zur Hoelle. „Wo wir haengen, kann sich das Wasser nicht brechen … wo wir haengen, kann sich das Wasser nicht brechen … zu tief … wo wir haengen …“ Wir versuchen uns mit Kuechen-Meeres-Physik den Platz schoen zu reden. :mrgreen: Mit schaurigem Grausen beobachten wir das Schauspiel der brechenden Wellen. Dass vor uns am Riff einige Betonpfeiler stehen (ein Relikt aus vergangenen Zeiten als hier ein Verladeplatz fuer abgebautes Phosphat existierte) und an denen die Gischt zehn Meter hoch spritz, macht den Anblick nicht besser. Aber wir bleiben. Die Mooring ist in einem guten Zustand, der Wind ablandig. Fuer kein Geld der Welt wuerden wir hier bei auflandigem Wind bleiben. Das Heck von Atanga laege direkt ueber dem Schlund. Das waere dann doch zu viel. Waehrend wir noch so ueberlegen, was alles an der Mooring passieren kann, kommt ein junger Mann auf einem SUP-Bord auf uns. Frueher wuerde man mit dem Kanu begruesst, wir haben halt moderne Zeiten. Tapu begruesst uns strahlend: „Die Moorings sind sicher, keine Sorge, nur bei Westwind, huijuijui, dann muesst ihr hier weg. In den Hafen zu kommen, funktioniert wohl mit dem Dinghy, aber man kann es nicht gut fest binden. Zuviel Schwell. Deswegen nehmen wir unser Fischerboot jeden Tag aus dem Wasser. Am besten, ihr kommt mit euren Kajaks.“ Er bietet uns gleich fuer den naechsten Tag eine gefuehrte Tour auf der Insel an. Durch den Phosphat-Abbau gaebe es etliche Industrie-Relikte zu besichtigen, eine Grotte mit christallklarem Suesswasser, wir koennen seinen Vater, den Buergermeister kennen lernen und den Strand auf der anderen Seite sehen. Wir schlagen ein, Morgen um 9:00 Uhr zur Inseltour. Jetzt bleibt uns nur noch zu ueberlegen, wie wir durch die Duenung vor der Hafeneinfahrt kommen koennen.

Segeln nach Makatea

So., 25.Aug.19, Franz.Polyn./Insel Makatea/Westseite, Tag 1911, 18.515 sm von HH
Segeln? Das war wohl ein Schuss in den Ofen. Frueh morgens gehen wir Anker auf und geraten hinter der Abdeckung von Tahiti Iti in den Windschatten der Berge – das war zu erwarten. Wir wollen Tahiti im Sueden umrunden, damit unser Segel-Winkel Richtung Norden etwas besser ist. Der Schwell kommt uns hart entgegen, ein echter Kotzkurs. Es ist so arg, dass Achim das erste Mal seit fuenf Jahren unter Deck keine Brote zum Fruehstueck schmieren mag. Mir geht es gut, ich hab ja eine Pille genommen. Nach vier Stunden ist der Spuck vorbei, hinter der Abdeckung kommt der Wind. Seicht, aber bei einem Kurs hoch am Wind ist uns das ebenso Recht. Genau drei Stunden koennen wir wunderbar segeln, dann schlaeft der Wind komplett ein. Nicht mal ein Hauch bleibt ueber. Wir sind ja hart im nehmen und duempeln auch noch mit zwei Knoten zufrieden umher, aber heute geht gar nichts. Wir starten die Maschine. Was Greta an Co2 gespart hat, blasen wir jetzt in die Atmosphaere. :mrgreen:
Am naechsten Mittag, nach 160 Motormeilen erreichen wir Makatea. Diese Insel hat keinen Pass und keine Lagune. Man kann dort nicht ankern, unmoeglich, aber es soll direkt am Aussenriff drei Moorings geben. Durch das Fernglas sehen wir, dass bereits zwei Moorings belegt sind. Bleibt noch eine uebrig! Da ploetzlich ein AIS Signal auf dem Plotter. Aus Norden naehert sich mit grosser Geschwindigkeit ein Katamaran. Das Rennen auf die letze Mooring hat begonnen. Aber wir sind chancenlos. Fuenf Minuten vor uns erreicht der Feind die letze Mooring. Wir machen lange traurige Gesichter, da sehen wir, dass sich eines der anderen Boote in Bewegung setzt. Hurra, da haben wir ja mal richtig Glueck. Zwischen uns und dem Riff kommt ein Wal vorbei. Ja, was ist denn heute los? Haben wir in einen Hundhaufen getreten oder woher kommt auf einmal dieser Segen? Zufrieden binden wir Atanga an der Mooring fest. Und Greta erzaehlen wir nichts von den 75 Liter verbrannten Diesel.

Von Hamburg nach Tahiti

Di., 23.Jul.19, Franz.Polyn./Tahiti/Phaeton, Tag 1878, 18.355 sm von HH
Nach zwei weiteren schnellen Tagen erreichen wir Tahiti mitten in der Nacht. Wir haben erfolglos versucht zu bremsen, daher drehen wir mit gesundem Abstand von Tahiti für ein paar Stunden bei und passieren bei Sonnenaufgang die Südspitze Tahitis. Vier angenehme Segeltage ohne Stress liegen hinter uns. Und das wichtigste: die Bilgepumpe schweigt, Atanga ist dicht!
Tahiti besteht im Prinzip aus zwei kreisrunden Einzel-Inseln, die an einer schmalen Landenge zusammengewachsen sind. An dieser flachen Landzunge befindet sich eine von zwei Werften, wo wir Atanga aus dem Wasser nehmen lassen können. Der kleine Teil von Tahiti – Tahiti Iti – taucht steil im Morgendunst vor uns auf. Vulkane bis 2.200 Meter bilden eine wild zerklüftete Landschaft, üppig grün bis zu den Gipfeln bewachsen. Ein schmales Saumriff umgibt die Insel, fünfzig bis hundert Meter vom steilen Ufer entfernt. Am Riff bricht sich donnernd die Dünung. Die Gischt schießt meterhoch. Ein Anlanden scheint von weitem unmöglich. Und doch, auf der Seekarte zeigen sich schmale Durchbrüche, gut betonnt, an diesen Stellen gelangt man hinters Riff. Wir motoren im Windschatten der Berge an Tahiti Iti vorbei. Imposant, anders kann ich die Landschaft nicht nennen. Eine ungebändigte Berglandschaft ohne Straßen und Bewohner. Die Hauptstadt – Papeete, die Menschen und Arbeit findet man auf Tahiti Nui, dem großen Tahiti.

Tahiti Iti im Morgenlicht

 

Traumhaftes Tahiti

Zwischen brechenden Wellen rechts und links vom Passeingang kommen wir ohne Strömung hinter das Riff. Hinter dem Pass verlängert sich das befahrbare Wasser fjordartig. Im Zickzack werden wir von einem Tonnenstrich etliche Kilometer weiter geleitet. Hinter den Tonnen sind die Untiefen gut erkennbar. Türkis: noch befahrbar; graugrün: hier wachsen die Korallen bis an die Oberfläche. Die Unruhe fährt mit. Gibt es auch hier Bommies im „Fahrwasser“? Nach einer Stunde erreichen wir den Scheitel des ‚Fjords‘, der Anker fällt in schlammigem Sandgrund genau vor der Marina und Werft. Morgen werden wir erfahren, ob man bald einen Krantermin und einen Platz an Land für uns hat.

Tag 2 nach Tahiti

So., 21.Jul.19, Pazifik, Tag 1876, 18.343 sm von HH
Atanga kommt mir vor wie ein Pferd, dass nach langen Wintermonaten im Stall auf die Weide entlassen wird. Der Kahn legt sich in die Riemen und zieht. Raus aus den Tuamotus, so schnell es geht. Wäre man abergläubisch, könnte man glauben, das Schiff hat einen eigenen Willen. ;-) Wir kommen gut voran und haben bereits nach 48 Stunden bereits 270 Seemeilen von der Strecke nach Tahiti hinter uns. Im Halbkreis umschiffen wir die Atolle, die wir eigentlich besuchen wollten. Hier im Norden liegen die Inseln dichter beieinander. Nur fünfzig bis achtzig Meilen liegen zwischen den Atollen.
Der Wind bläst mit perfekten 4 bis 5 Windstärken, mal halb, mal achterlich. Trotz gerefftem Groß für die Nacht machen wir sechs, zeitweise sieben Knoten Fahrt. Atanga zieht wie ein Pferd. Noch 156 Meilen direkter Weg.