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Tag 21 ==> NZ – Die Ankunft

So.,7.Nov.2021, Pazifik, Tag 2715, 24.685 sm von HH

Vormittags schaut wieder ein Albatros vorbei. Ein noch junger, brauner Kerl. Aber man erkennt ihn sofort, Zweifel ausgeschlossen. Etwas grimmig im Gesichtsausruck, gleitet das junge Tier vorbei. Die personifizierte Eleganz. Zum Sonnenuntergang begleiten uns kurz ein paar Delphine, es folgt rabenschwarze Nacht. Wir motoren ereignislos durch die zweite Nacht.

Um 5:00 Uhr morgens lasse ich mich von Achim wecken. Auf keinen Fall möchte ich “ Land in Sicht“ verpassen. Der erste Dämmerstreifen erscheint hinter Atanga am Horizont, noch liegt das Land vor uns im Dunkeln. Der junge Tag ist eisig kalt. Das Meer hat gerade noch sechzehn Grad. In doppelt Fleece gehüllt, starren wir nach Westen. Und dann, ganz langsam, können wir die ersten Felsen erkennen. Aotearo – das Land der großen weißen Wolke – wie Neuseeland in der Sprache der Ureinwohner heißt – zeigt sich hüllenlos. Keine einzige Wolke am Himmel. Wir laufen in die weitläufige ‚Bay of Islands‘ ein. Das südliche Ufer ist klar in der aufgehenden Sonne zu erkennen. Das Nordufer wird von dickem Bodennebel eingehüllt. Je weiter wir kommen, desto mehr Fischerboote tauchen auf und versperren uns den Weg. Heute ist Sonntag. Normaler Wochenend-Alltag oder findet ein Fisching-Wettbewerb statt? Im Slalom fahren wir um die Boote herum. Begeistert winken uns die Angler aus ihren Booten zu. Nett, wir fühlen uns gleich willkommen. Was uns außerdem auffällt, ist die unglaubliche Menge an Vögeln verschiedenster Art. Tölpel, Seeschwalben und etliche, noch namenlose, Viecher. Dann plötzlich zwei schwimmende Exemplare vor dem Bug von Atanga. Wollen die sich überfahren lassen? Nein, plötzlich tauchen sie ab. Da erkennen wir, was wir vor uns hatten. Pinguine! Du weißt, dass du dich tief im Südpazifik befindest, wenn Pinguine neben dem Schiff auftauchen. Jetzt bekommt auch die Kälte in der Nacht einen anderen Sinn.

Nach fünf Meilen verengt sich die Bucht. Die Nebelwand aus Norden kommt näher. Nicht schlimm, der Weg tiefer in die Bucht ist gut betonnt. Besser, wir bleiben in der Betonnung, rechts und links wird es schnell flach, nach vielen Monaten ohne Ebbe-und-Flut-Problemen erreichen wir wieder ein Tidengewässer. Bis zwei Meter Tidenhub ist zu erwarten. Da schnarrt es plötzlich aus dem Funkgerät mit deutschem Akzent. Bernd von der Rebell heißt uns willkommen. Wir haben uns zuletzt gesehen, als wir mit ihm und Birgit als ihre Leinenhänder auf der Rebell durch den Panamakanal gefahren sind. Die Rebell liegt neben dem Tonnenstrich vor Anker und als wir das Boot passieren, wird wild die Deutschlandfahne geschwungen. So ein herzlicher Empfang.

Herzlich empfangen uns auch die Offiziellen am Quarantäne-Steg der Opua-Marina. Kaum, dass wir fest gemacht haben, bekommen wir Besuch von Zoll und Immigration. An Bord möchte keiner kommen. Die beiden älteren Herren, die Wochenend-Dienst schieben müssen, sind überfreundlich. Mit Mundschutz und Handschuhen bleiben sie auf dem Steg stehen und nehmen unsere Papiere in Empfang. Alles ist in bester Ordnung, unser Kommen ist avisiert, die Daten von Atanga sind bekannt. „Ihr Deutschen seid für eure Bürokratie bekannt, das können wir besser“: Schon vorab gesendete Daten sollen wir bestätigen, es wird ein Katalog an Fragen nach unserem Gesundheits-Zustand abgefeuert (für jeden separat die gleichen zwanzig Fragen) und darüber hinaus werden ehemalige Bootsnamen von Atanga und die Namen der Vorbesitzer abgefragt.

Dann erscheint ‚Bio-Security‘ in Form einer freundlichen Lady neben Atanga. Sie reicht uns stabile Müllsäcke für unseren gesammelten Hausmüll der Überfahrt herüber. Den sind wir schon mal los. Dann erfolgt die Abfrage nach kritischen Gütern. Ich antworte wahrheitsgemäß. Kartoffeln: ja – ab in den Sack.. Salami: ja – ab in den Sack. Früchte: ja, noch ein paar Zitronen – ab in den Sack. Käse und Sahne darf ich behalten. Da weder ein Hund anwesend ist, noch die nette Frau an Bord kommen möchte, habe ich einen gewissen Spielraum. ;-) Von den abgefragten Zwiebeln, Knoblauch und Zitronen behalte ich jeweils eine kleine Menge zurück. Soviel Ungehorsam muss sein und Achim, dem eine Pinoccio-Nase wachsen würde, sieht nichts davon. Die letzten Eier, gestern Abend extra noch hart gekocht, werden bemängelt. Bitte auch in den Müllsack legen. Ich kann drei Stück retten. Sämtliche Gewürze, Kräuter, Reis (aha, vielleicht hatte meine Nebelkerze doch einen Sinn) und Konserven bleiben ungefragt.

Nach anderthalb Stunden, um die Mittagszeit, sind wir die Behörden-Vertreter wieder los. Das war nervig, aber einfach und sympathisch. Wir bekommen sogar eine Sim-Karte mit etwas Datenvolumen ausgehändigt. Morgen werden wir abgeholt zum PCR-Test und dürfen, bis das Ergebnis vorliegt, das Schiff nicht verlassen. Ein Transparent, was wir an der Reeling von Atanga aufhängen müssen, weist uns für alle anderen als ‚Pest-Schiff‘ aus. Annäherung verboten! Bernd, der am Nachmittag mit dem Dinghy vorbei schaut, und in drei Metern Abstand neben Atanga treibt, wird von zwei Menschen in Uniform vom gegenüberliegenden Steg angerufen und ermahnt nicht zu nahe zu kommen. :roll:

Achim hat unterwegs alte Segel-Literatur gelesen. Irgendwo, er vermutet bei Astrid, der Frau von Wilfried Erdmann, hat er gelesen „das Aufklaren des Schiffes, verdirbt die Ankommen-Freude“. Wir finden das auch. Somit wird nicht zuerst das Cockpit vom Salz befreit, sondern der kalt gelegte Champagner geköpft. Feucht die Bude durchwischen, können wir auch noch am Nachmittag nach einem Mittagsschläfchen. Champagner gibt es auf Atanga traditionell für den nächst längsten Törn. Schwein gehabt, würde ich sagen: :mrgreen: Tahiti ==> Neuseeland (2.423 Meilen/4.487 Kilometer) ist um knappe 12 Meilen länger als Ecuador ==> Osterinsel. Prost!

Tagesmeilen – 109 – Restmeilen: Zero! Position: 35° 18,8774 S – 174°07,3565 E

86

Tag 20 ==> NZ – Flaute

Sa.,6.Nov.2021, Pazifik, Tag 2714, 24.576 sm von HH

Am Nachmittag ist es dann endgültig vorbei mit dem Wind. Der Motor läuft – noch knapp 200 Meilen bis zum Ziel. Da reicht der Diesel locker ohne die Reserven zu berühren. Super, so soll das sein.
Kaum läuft der Motor bekommen wir Besuch. Zuerst denke ich, das ist aber eine große Möwe. Und so gewandt. Schlagartig erfolgt die Erkenntnis: da fliegt unser erster Albatros. Er dreht eine kurze Runde um Atanga. Elegant im Flugstil, leuchtend weiß von der Nachmittagsonne beschienen. Es heißt, dass die neuseeländischen Albatrosse ab dem 33sten Breitengrad erscheinen. Unser ist pünktlich wie ein Grenzposten zur Stelle. Jetzt ist auch wieder klar, warum wir diese Reise eigentlich unternehmen. Einen Albatros bekommt man fast ausschließlich auf See zu sehen. Sie kommen nur zum Brüten an Land. Auf der Südinsel Neuseelands gibt es eine Brut-Kolonie. Dort kann man mal Glück haben.

Die Nacht verläuft ereignislos. Unser 110 PS starker Yanmar hämmert uns in den Schlaf. Der im Grunde viel zu große Motor (für unsere Schiffsgröße) ist kein Flüsterwunder.
Der Morgen bringt Aktivität. Die Braut soll für die Ankunft hübsch gemacht werden. Unser Cockpit wirkt durch die leeren Bimini-Bügel wie ein Wäsche-Trockenplatz. Wie ich schon schrieb, ist die Konstruktion, nun, ich sag mal, abenteuerlich. Bevor man die Bügel kippen kann, muss die Großschot durch die Bügel gezogen und der Baum zur Seite geklappt werden. Ein paar Schrauben lösen und fertig. Unter Segel unmöglich – jetzt kein Problem.

Und dann leckt unser Kühlwasser vom Yanmar. Es tropft in recht kurzen Abständen. Wer kennt es nicht von früher, ein alter Renalut, der auch ewig Kühlwasser verloren hat? Es scheint ein Schlauch-Schellen-Problem zu sein. Kleiner Fehler, große Wirkung. Achim könnte den Schlauch wechseln, aber eine Operation am offenen (heißen) Herzen möchte er gerne vermeiden. Er versucht die Undichtigkeit mit ResQ-Tape abzudichten. Keine Chance. Auf dem feuchte Schlauch klebt es nicht. Also kippen wir Wasser in den Ausgleichsbehälter in der Hoffnung, dass der Motor dieses Wasser ansaugt. Macht er! Jetzt brauchen wir nur noch alle vier Stunden einen Liter nachkippen und kommen hoffentlich ohne platzende Maschine in Opua an.

Essen: Es gibt noch mal Chili con Carne. Ein Glas mit Hack muss noch weg. Und dann habe ich den Fragebogen der neuseeländischen Behörden ausgefüllt, was wir noch an „gefährlichen“ Lebensmitteln und Gegenständen an Bord haben. Von Muskatnüssen bis zum Strohhut kommt da allerlei Zeug zusammen. Gerne hätte ich gemogelt, aber Achim würde das sowieso bemängeln, also ist meine zweitbeste Strategie Nebelkerzen für den Kontrolleur zu werfen. :mrgreen: Kreuze brav Reis als vorhanden an und schreibe daneben: weißer Reis, Sushi Reis und Milchreis. Und Gries nicht vergessen. Alles in Schriftgrad drei und ohne Sonntagsschrift.
Ich bin gespannt, wie das ablaufen wird. Früher, also b.c. (before corona not before christ), kamen Hunde an Bord zum Lebensmittel schnüffeln. Das soll es im Augenblick nicht geben.
Diese Aktionen kommen leider sowieso rund 250 Jahre zu spät. Bereits die ersten Europäer, die Neuseeland betraten, haben es versaut. Und wer war es? Kein geringerer als der berühmte Käpt’n Cook und seine Leute. In den Aufzeichnungen von Georg Forster, dem botanischen Begleiter Cooks, habe ich folgendes gelesen: „Zwar hatten wir eine Menge europäischen Gartensamens von der besten Art ausgesät, allein das Unkraut wird jede nützliche Art bald ersticken“. und „Wir hatten noch fünf Gänse und vier Mutterschafe vom Kap der Guten Hoffnung da gelassen. Seiet fruchtbar und mehret euch. Hoffentlich werden sie sich über das ganze Land ausbreiten.“

Tagesmeilen – 121 – Restmeilen direkter Kurs: 97 – eta: Sonntagvormittag NZ time = +12 Stunden HH time. Year!
Position: 34° 20,9 S – 175° 34,2 E

60

Tag 19 ==> NZ – Der Kampf um die Ressourcen

Fr.,5.Nov.2021, Pazifik, Tag 2713, 24.455 sm von HH

Die 12 Knoten Wind halten an bis zum späten Nachmittag. Uns rutscht „schönes segeln“ über die Lippen. Wir liegen in der Sonne und genießen. Dann bricht der Wind ein, wir kriechen mit zwei Knoten vorwärts. Die angedrohte Flaute kommt etwas früh. Eine Unterhaltung über Diesel-Reserven von Diesel-Reserven haben Erfolg. Widerwillig sieht Achim die Nutzlosigkeit solcher Reserven ein, wir starten den Motor. Der Käpt’n verschwindet zum Reichweiten rechnen an den Navi-Tisch. :mrgreen:

Wem auch immer er dann seine Seele opfert, nach einer Stunde kommt der Wind zurück. Verhalten erst, dann kräftiger. Nach Mitternacht frischt er auf 15 bis 18 Knoten auf. Wir machen wieder gute Fahrt. Nunmehr seit zwölf Stunden. Angesagt ist das so nicht, aber wir nehmen es dankbar an. Damit das nicht zu zufrieden klingt, hier noch der Kritikpunkt: Wenn unangekündigter Wind bläst, dann muss er nicht unbedingt von vorne kommen. Daran kann noch gearbeitet werden.

Essen: Mein Vorrat an Schokolade ist aufgebraucht. Die ätzenden Nächte haben über Gebühr Opfer gefordert. Außerdem muss ich teilen. Früher, als Achim noch geraucht hat (schon über drei Jahre her), war ihm meine Schokolade total Wurscht. Jederzeit konnte ich an den Kühlschrank gehen und mich bedienen, wie ich wollte. Jetzt muss ich versuchen heimlich zu naschen. Wie ein Taschenspieler-Dieb muss ich versuchen lautlos den Kühlschrank zu öffnen. Ein Kontroll-Blick über die Schulter, ob ich beobachtet werde. Wie ein übler Junkie. Das lautlose Öffnen ist schwierig. Die Klappe unseres Toplader-Kühlschranks hat eine massive Holzkante. Das Loch vom Kühlschrank ebenfalls. Wie eine Fanfare klappert Holz auf Holz aufeinander und schallt durchs ganze Schiff. Das hört Achim in der letzten Ecke: „Was machst Du??? Holst Du Dir Schokolade???“
Ansonsten futtern wir uns durch die Schränke. ‚Lieber den Magen verrenken, als Neuseelands Kontrolleuren was schenken‘. In den Rindfleisch-Kartoffel-Möhren-Eintopf kommen nun drei Gläser Fleisch. „Siehst du, geht doch“, kommentiert der Skipper, „nun schmeckt es auch“. Für diese Frechheit nehme ich mir heimlich was aus der letzten Haribo-Tüte. Die werden uns zwar nicht abgenommen, sind aber trotzdem alle.
Ich wage ein eta (estimated time of arrival): Sonntag im Laufe des Tages. :-) Bis dahin müssen noch zwei Gläser Hühnersuppe, ein Kürbis, Käse und Salami vertilgt werden. Aus übrig gebliebenen Nüssen, Mandeln und Rosinen mische ich ein Studentenfütter für die Nachtwache. Fressen gegen Wegwerf-Wahn. Normalerweise verlieren wir auf so einem Törn zwei, drei Pfund Gewicht. Diesmal wird das wohl anders sein.

Tagesmeilen – 110 – Restmeilen direkter Kurs: 212
Position: 33° 06,2 S – 177° 28,6 E

66

Tag 18 ==> NZ – Der Wettbewerb gegen die Flaute

Do.,4.Nov.2021, Pazifik, Tag 2712, 24.345 sm von HH

Kurz vor dem Abendessen entdeckt Achim einen Riss in unserem Bimini. Wenn das reißt, hätten wir einen schlagenden Derwisch, der schwer zu bändigen sein dürfte. Der Wind bläst weiterhin mit plus/minus dreißig Knoten. Das Bimini muss runter. Der Riss sieht nicht gut aus.
Bereits vor der Reise gab es Diskussionen pro oder contra zu Bimini stehen lassen. Die Entscheidung ist uns nun abgenommen. Unser Bimini ist eine gewagte Konstruktion, bestehend aus drei Bügeln und vielen Quadratmetern Tuch, die sich bis weit vor die Sprayhood erstreckt. Gut am Ankerplatz, aber nicht mal eben abgebaut. Die Bügel sind solide 40 mm Rohre und werden nur von der gespannten Tuch-Konstruktion gehalten. Wer einfach die Reißverschlüsse der Halteröhren um die Bügel öffnet, wird von den Bügeln erschlagen. Wir sitzen einträchtig nebeneinander zur Besprechung der Vorgehensweise des Abbaus im Cockpit. Mein Blick geht zufällig nach rechts. Eine große Welle bricht sich an Atangas Bug. Der überschwappende Kamm ergießt sich aufs Deck. Zweihundert, dreihundert Liter auf Schlag. Die Hälfte davon landet in Achims Nacken. :-) Ich kann mich vor dem Schlimmsten durch Ducken hinter der Sprayhood bewahren.

Der Skipper legt sich trocken und wir beginnen mit dem Abbau. Der erfolgt fehlerfrei, so dass wir zwanzig Minuten später mit offenem Verdeck unterwegs sind. Die Bügel halten wir nun durch eine Seilkonstruktion an Ort und Stelle.

Der starke Wind hält noch bis 22:00 Uhr an. Knapp 3,5 Knoten schaffen wir gegen die Wellen anzubolzen. Dann geht er kontinuierlich runter. Endlich. Um Mitternacht sind wir bei 18 bis 20 Knoten angekommen. Wir nehmen das dritte Reff aus den Segeln. Wir würden lieber untertakelt gemütlich segeln, aber wir haben es eilig. Wenn das Tief, was uns im Augenblick so auf Trapp hält, vorbei gezogen ist, soll für fünf Tage eine Flaute folgen. Bis wir die erreichen, wollen wir so nah an Neuseeland ran gekommen sein, das wir die Restmeilen motoren können. Je nachdem wie die Bedingungen sind (Strömung, Welle) können wir zwischen drei bis fünfeinhalb Knoten schnell motoren.

Wir haben beim Ausreffen noch 350 Restmeilen zu segeln. Sind die Bedingungen optimal, reicht rechnerisch der Diesel ab hier. Aber das würde Null Reserve bedeuten. Genau das richtige für den Skipper :mrgreen: Ich bin ja immer für ein Leben am Limit zu haben. Unvergessen, dass ich mit dem Auto mit drei Restkilometer im Tank an die Tankstelle gefahren bin. Da steht Achim der Schweiß auf der Stirn.

Wir rumpeln und donnern also den Wellen zum Trotz entgegen. Nachdem wir das Rennen gegen das Tief verloren haben, starten wir einen neuen Wettbewerb: Ladies und Gentlemen, der Wettlauf gegen die Flaute hat begonnen.

Um 7:00 Uhr reffen wir dann komplett aus – noch 15 Knoten Wind. Die schlimmste Windwelle verschwindet zum Glück ja immer recht schnell, so dass wir wieder recht komfortabel unterwegs sind. Noch immer Wind von vorne. Im Laufe des Vormittags schläft er ein: 12 Knoten, 10 Knoten, 8 Knoten … Nein, das darf nicht sein. Wir wollen den Wettbewerb unbedingt gewinnen. Wir brauchen noch Wind für 50 bis 80 Meilen, damit auch Achim sich wohl fühlt. Die Götter haben ein Einsehen und schicken ach einer Stunde erneut um die 12 Knoten Wind. Wir sind wieder im Spiel.
Das Leben an Bord kehrt bei fünf Windstärke zum Normal-Zustand zurück. Nasse Socken, tonnenweise Handtücher und T-Shirts hängen in der Sonne zum Trocknen. Und wir können in der Achter-Kajüte wieder lüften. Dort roch es zwischenzeitlich nach einer Mischung aus faulen Kohlrabi-Blättern und Käfighaltung. Es wird auch wieder geduscht. Noch immer im Cockpit. Die Sonne schickt wohl warme Strahlen, allerdings schneidet der Wind eisige Furchen in die Haut. Seit den Kap Verden haben wir nicht mehr in unserem Bad geduscht. Die Feuchtigkeit ins Schiff zu tragen, muss nicht sein und die Wände (alles aus Holz bei uns) und die Toilette sind unweigerlich nass gespritzt. Das Holz kann das zwar ab, aber die trocken Wischerei … Augen roll … da hat keiner von uns Lust dazu. Und außerdem liegt dort jetzt auch noch das pudelnasse Bimini aufgerollt. Also wird tapfer draußen geduscht. Mit warmen Wasser aus dem Kessel. Das Meer hat nur noch 18,5 Grad. Brrr.

Essen: Heute kommen die von mir so gefürchteten Ravioli aus der Dose in den Topf. Ich bin total im Eimer. Diese Anstrengung mich auf den Beinen zu halten, die Bimini-Aktion, zwei Nächte fast ohne Schlaf. Ich könnte im Stehen einschlafen. Den Niedergang hoch zu klettern, um nach dem Rechten zu schauen – eine Qual. Beide Hände an der Leiter ziehe ich mich schlapp die sechs Stufen hoch. Bitte keinen Drücker auf die Seite, wenn ich auf den Stufen stehe. Nach fünf Stunden Schlaf und mit dem abnehmenden Wind geht es besser. Die Lebensgeister sind wieder da. Aber Ankommen wäre nun doch sehr willkommen.

Tagesmeilen – 88 – Restmeilen direkter Kurs: 321
Position: 31° 59,7 S – 179° 08,5 O

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Tag 17 ==> NZ – „Fun Sailing“

Mi.,3.Nov.2021, Pazifik, Tag 2711, 24.257 sm von HH

Um vier Uhr morgens wache ich auf, weil ich einmal quer durch meine Koje rutsche. Atanga liegt hart auf der Seite. „Das kann nur ein Squall sein. Den ganzen Nachmittag und die Nacht über war es ruhig“, denke ich. „Achim macht das schon“. Ich dreh mich um und versuche das Heulen vom Wind zu ignorieren. Vergeblich. „Hier gibt es ja gar keine Squalls mehr.“ Und dann fällt mir außerdem ein, dass wir auf meinen Wunsch das Groß am Nachmittag ausgerefft haben, damit wir irgendwann auch mal ankommen. Ich stehe auf und schau mal nach. Der Skipper hockt im Cockpit mit Schwerwetterkleidung. „Wir haben 30+ Knoten Wind. Schwer zu bändigen.“ Ich schlage ihm vor, dass ich einen Tee koche, noch etwas wacher werde und ihn dann ablöse.

Der Tee steht in der Spüle und ich will gerade in meine Gummihose schlüpfen, da kippt Atanga von einer Seite zur anderen. Alles, was auf den Bänken der sicheren Seite liegt – Klamotten, Bücher und Strickzeug – fliegt quer durch die Bude. Es hagelt Zeug auf mich nieder. Der Tee spritzt im hohen Bogen bis zum Navitisch. „Wir fahren auf der falschen Seite“, brüllt es aus dem Cockpit. „ich drehe zurück, Achtung!“ Das war wohl eine Patenthalse. Zum Glück war das Groß dicht geholt. Nichts passiert, außer einem Schrecken.

Ich ziehe mich fertig an und übernehme das Ruder. Das ist tatsächlich kaum zu bändigen. Achim hat Recht. Hatte ich vom Salon aus noch innerlich milde gelächelt, muss ich Abbitte leisten. Ich muss am Rad kurbeln wie eine Verrückte. 90 Grad Backbord, 90 Grad Steuerbord zurück. Ich bekomme den Appelkahn nicht stabil auf einen achterlichen Wind gebracht. Die Kiste luvt an, Gegenruder, die Kiste luvt mehr an, mehr Gegenruder. Schweißtreibend und mit wenig Effekt. Am liebsten würde ich das Groß weiter ausstellen, Achim ist dagegen, solange der Kahn nicht stabil läuft. „Wenn dir dann eine Patenthalse passiert, kostet uns das den Baum.“ Kaum hat er’s gesprochen, kommt auch mir das Großsegel über. Ich verstehe das nicht, das ist ja noch nie passiert. Der Wind schwankt zwischen 23 und 33 Knoten, aber daran allein kann es nicht liegen. Bleibt als Lösung nur noch, dass wir das Groß reffen. Aber es ist noch stockdunkel und ich mag es nicht so gerne, wenn Achim im Dunkeln an den Mast geht. Schon gar nicht, wenn wir so hart auf die Seite gedrückt werden. Ich kurbel also noch eine knappe Stunde weiter – bis zur Dämmerung.

Das Reff bringt nicht wirklich Erleichterung am Ruder, nur in der Krängung. Der Windsteueranlage das Ruder zu übergeben, daran ist gar nicht zu denken. „Ich schau mal nach Herta“, sagt Achim. Er kommt mit der Problem-Lösung zurück. Das Pendelruder der Anlage war aus seinem Zahnrad gesprungen und hat gegen das Hauptruder gearbeitet und eine Kurs-Stabilität verhindert. Von einer Sekunde zur anderen ist alles gut. Das Ruder reagiert wieder auf das, was ich mache. Herta kann eingekoppelt werden. Alle happy.

Es ist inzwischen 6:30 Uhr morgens. Dauerhaft Windstärke sieben. Der Wind dreht etwas auf Westen ein. Halbwindkurs. Unter Deck kommt man nur mit dem Affen-Hangel-Griff von vorne nach hinten. Die Wellen drücken. Diese Drücker sind beim Segeln für mich das Schlimmste. Diese ätzende Beschleunigung auf den Köper. Total unangenehm. Und auf Dauer zermürbend. Um 8:00 nimmt der Wind etwas ab, pendelt sich bei 24 bis 26 Knoten ein. Leider dreht er noch weiter auf Westen. Das Ziel verlangt einen Kurs ‚am Wind‘. Die n-Meter hohe Welle – wir haben keine Ahnung – hoch jedenfalls. Drei Meter, vier Meter vielleicht. Diese Welle rollt uns jetzt schräg von vorn entgegen. Aus achterlichen 6 Knoten Speed sind nun 3,5 Knoten gegenan geworden. Wind und Welle können von mir aus bleiben, aber am Wind segeln muss nicht sein. Wir wackeln, wir nehmen Wasser an Deck und es tropft an diversen Stellen im Salon. Es ist in diesem Augenblick 16:00 Uhr – 30 Knoten wahrer Wind … irgendjemand könnte nun sagen „war alles nur Spaß“.
Dieser Törn nach Neuseeland entspricht den zig-fach in Büchern und auf Blogs gelesenen Beschreibungen. Da das Internet nicht vergisst, wird sich unserer Bericht für nachfolgende Segler in die Reihe der Neuseeland-Grusel-Geschichten einreihen. :mrgreen:

Tagesmeilen – 99 – Restmeilen direkter Kurs: 409
Position: 30° 57,7 S – 179° 35,3 W

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