Kategoriearchiv: Karibik

Wie das Kaninchen vor der Schlange

Sa., 20. Aug.16, St. George’s/Grenada, Tag 812, 6.590 sm von HH

Nein…im Moment fühle ich mich nicht gut. Wie auf einer Autobahn kommen die Tropical Waves von Afrika über den Atlantik.

Die meisten sind harmlos. Sie bringen ein wenig Wind und Regen und das war es. Dann gibt es aber noch die, die unbedingt Ärger machen müssen. Die Systeme fangen an zu zirkulieren. Wenn sie das machen, dann drehen sie meist nach Norden ab und zumindest der Süden ist der Karibik ist relativ sicher. Im Moment tobt sich gerade der Tropical Storm Fiona über dem Atlantik aus. Keine Gefahr für Land, aber da draußen möchte man jetzt auch nicht sein.

Invest99 heißt die Störung, die unglaublich nervt. Seit Tagen reist sie auf striktem Westkurs auf mich zu. Sie ist groß, aber sie hat noch keine rechte Rotation. Somit dreht das Sytem auch nicht so nach Norden ab, wie ich es gerne hätte.

5 Tages Prognose

5 Tages Prognose

Die Wettergurus mit ihren Mega-Computer scheinen ratlos. Immer wieder ändern sie die Prognose. Es gibt zig Modelle und irgendwie kommen alle zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Die derzeit am höchsten gehandelte Prognose sagt, dass sich das System entwickelt (tropical depression oder tropical storm) und dann Mittwoch die östliche Karibik auf Höhe Barbados/St. Vincent/Dominica erreicht. So weit so gut.

Sollte das System auf St. Lucia (ca. 120sm von hier) treffen, dann können auf der Unterseite westliche Winde zwischen 20 und 50 Knoten auftreten. Der Wind wäre aber gar nicht so sehr das Problem. Die Lagune in der ich liege ist nach Westen offen. Man kann sich ungefähr vorstellen, was für ein Schwell durch das in die Lagune gedrückte Wasser zustande käme.

Ich werde wohl Morgen das Schiff auslaufklar machen. Sollte sich das Bild bis Montagabend nicht ändern. Dann bliebe mir wohl nichts anderes übrig, als eine Kurzurlaub auf See zu machen und Richtung Seegebiet NW von Trinidad zu fahren. Ich hoffe dann nur, dass die Piraten, die das Seegebiet südlich von Grenada unsicher machen, von dem schlechten Wetter gehört haben und zuhause bleiben.

Zwei Dinge gibt es aber, die mich positiv stimmen.  Zum einen ist die Wahrscheinlichkeit für die Entwicklung eines Sturms innerhalb der nächsten 5 Tage nur bei 60% und zum anderen gibt es hier am Steg ein Kanadisches Paar, die schon seit vielen Jahren hier sind. Erst wenn deren Liegeplatz plötzlich verlassen wäre, würde ich sehr nervös.

Ich kann es kaum noch erwarten, Segel zu setzen und Richtung Guyana zu fahren…

Sekt oder Selters…

Fr., 19. Aug.16, St. George’s/Grenada, Tag 811, 6.590 sm von HH

Die letzten Tage habe ich damit verbracht, die Ursache für hin- und wieder stehendes Süßwasser unter den Kojen zu beseitigen. Viel Arbeit, aber absolut keine Story.
Nur Blood, Sweat and Tears.

Eine ganz andere Geschichte ist, dass gerade die Hurricane Season läuft. Alle 6 Stunden wird die Seite des National Hurricane Center aktualisiert und informiert darüber was passieren könnte. Oft machen mich die Meldungen nervös. Ich habe einfach keine Erfahrung damit, wie sich tropische Wettersystem entwickeln. Ich komme mir vor wie ein Praktikant am ersten Arbeitstag.

Im Moment treiben sich 2 sogenannte Tropical Waves (Bereiche hoher Gewitteraktivität und Bewölkung, die ihren Ursprung in der innertropischen Konvergenzzone haben) westlich der Kapverden rum, die ein gewisses Potential haben, dass mehr aus ihnen wird. Insbesondere die eine der Beiden, die sich auf strikten Westkurs bewegt und sich somit genau auf meiner Breite befindet, macht mich etwas unruhig.

5 Tages Vorhersage

5 Tages Vorhersage

Das NHC gibt eine 50% Wahrscheinlichkeit an, dass sich das System Anfang nächster Woche zu einer Tropical Depression (organisiertes System von Wolken und Gewittern mit einer geschlossenen Zirkulation ohne Auge) entwickeln kann. Das hieße, dass die andauernden Windgeschwindigkeiten unter 39kn bleiben (meist 25-35kn). Das ist schon recht windig, aber machbar. Eine Tropical Depression ist aber auch gern mal die Vorstufe zu einem Hurricane und das Wasser in der Karibik und im Golf ist sehr warm und wartet nur darauf, so ein Monster zu füttern.

Auf Windyty kann man sich die Wind- und Wetterentwicklung für die nächsten Tage ansehen. Alternativ wählbar sind dabei das Europäische System ECMWF und das Amerikanische GFS. Es liegen unterschiedliche Rechenmodelle zugrunde…aber bitte fragt nicht, wie die sich unterscheiden.

Wie hilfreich das sein kann, zeigen die beiden nachfolgenden Bilder.
Beide zeigen eine Vorhersage für den 24 August/ 20:00. Super…damit kann man arbeiten.

Noch sind es ja ein paar Tage, bis sich das System den Windward Islands nähert. Ich hoffe sehr, dass das Europäische Modell recht behält. Sollten hier jedoch plötzlich alle Boote Anker auf gehen, dann wird es Zeit, die Gegend zu verlassen.

Wunder geschehen immer wieder…oder Service Wüste Deutschland

Di., 16. Aug.16, St. Georges/Grenada, Tag 808, 6.590 sm von HH

Unsere UKW Funke spinnt. Aktiviert man den Squelch (das ist das Teil, was das Rauschen unterdrückt, wenn gerade niemand sendet), dann empfängt unser IC-M505 nichts.

Mist!

Eine kurze Internet Recherche ergab, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit die Keramikfilter sind, die den Geist aufgegeben haben. Besonders hilfreich war hier das Segeln Forum (www.segeln-forum.de), weil hier dieses Problem schon einmal angesprochen wurde.

Mit diesem Wissen habe ich mich vor 3 Tagen an ICOM gewandt und das Problem kurz per Email geschildert. Und dann geschah das Unerwartete.

Ich wurde auf unglaublich freundliche Weise versorgt. Schaltpläne für den Austausch wurden geschickt und die Filter eingetütet und an unsere Deutsche Adresse geschickt, damit Bine sie von ihrem Heimaturlaub mitbringen kann.

Ja, richtig gelesen….die Filter sind schon da!

Unabhängig davon, ob die Filter wirklich die Ursache sind und ob ich die Dinger auch heil eingelötet bekomme. Was ich bei ICOM erleben durfte, straft jeden Lügen, der Deutschland als Service Wüste bezeichnet.

ICOM…das war wirklich Spitze.

 

So eine Scheisse…

So., 14. Aug.16, St. Georges/Grenada, Tag 806, 6.590 sm von HH

Das Prinzip der kommunizierenden Röhren sollte mich an diesem Sonntag begleiten. Es bezeichnet nach oben offene aber unten miteinander verbundene Gefäße, in denen aufgrund gleichen Luftdrucks und Schwerkraft, Flüssigkeitspiegel gleich hoch sind.

An dieser Stelle empfehle ich denen, die noch nicht gegessen haben, die Lektüre auf einen späteren Zeitpunkt zu verlegen. Für diejenigen, die gerade eine Diät machen kann es weitergehen.

Der Abflussschlauch unserer Bordtoilette stellt so ein System dar, und zwar in dem Augenblick, wenn beide Seiten von den jeweiligen Anschlussstellen getrennt sind. Die Entstehung lässt sich nicht vermeiden. Ein komplettes Abpumpen ist unmöglich. Bestenfalls könnte man versuchen, das System mit einem Strohhalm zu leeren.

In unserem Fall ist der eine Ansatz unten am Klo und der andere am 1m entfernten Bordventil, über das die Stoffwechselendprodukte dem natürlichen Kreislauf zurück gegeben werden. Der Schlauch liegt leider nicht frei, sondern ist durch einen der Badzimmerschränke verlegt. Trennt man also beide Enden des Schlauches von den Anschlussstellen, dann versucht die Natur das Gleichgewicht einzustellen. Theoretisches Innenvolumen des Schlauchs und somit maximal zu erwartende „Wassermenge“: ~ 1l.

Um den Schlauch aus dem Schrank zu ziehen, muss eine Seite deutlich angesenkt werden. Es geht nicht anders. Das belastete „Wasser“ fließt aus dem Schlauch.

Natürlich stelle ich einen Eimer an die erwartete Austrittsstelle…. Die Intensität des Schwalls übersteigt allerdings meine Erwartung.

Glücklicherweise verläuft die Installation des neuen Schlauches ohne Schwierigkeiten. Am meisten Zeit benötige ich für die abschließenden Reinigungsarbeiten und das Wischen des gesamten Salon, den ich mit kontaminierten Füssen betreten musste. Ich kann ja nicht fliegen.

Warum macht man so einen Schei… überhaupt. Schläuche setzen sich durch Ablagerungen mit der Zeit zu. Ist ja bei den Menschen nicht anders, deren Venen in der Regel im Alter auch nicht durchgängiger werden. Irgendwann ist da zu und dann hat man den Salat. Gilt für die Bordtoilette genauso wie für das echte Leben.

Einblick in den Abgrund. Gut zu erkennen ist der ursprüngliche Innendurchmesser des Schlauches. Etwas tiefer sieht man ganz gut, dass es bis zum Infarkt nur noch eine Frage der Zeit war…

Schlauch Innen

Schlauch Innen

NB: Alle die den Beitrag aufmerksam gelesen haben, werden jetzt bemerken, dass die Menge an belastetem „Wasser“ aufgrund der Verringerung des Innendurchmessers deutlich kleiner war, als oben angegeben. Das stimmt, aber es ist trotzdem eine schlimme Arbeit.

Verschärfter Arbeitsdienst

Do., 11. Aug.16, St. Georges/Grenada, Tag 803, 6.590 sm von HH

Ich glaube, ich muss ertrinken. Langsam füllt sich die Maske mit Schweiß. Wasser drängt aus jeder Pore meines Körpers. Ich schwitze wie ein Schwein und man könnte meinen, dass ich gerade aus der Dusche gekommen wäre. Meine Hose sieht aus, als ob ich mich eingenässt hätte. Es ist relativ kühl heute. Gerade mal 30°C, aber trotzdem nicht unbedingt ideal, um Laminierarbeiten im Achterschiff zu machen.

Ich ertrinke

Ich ertrinke

Drei Tage bin ich jetzt allein an Bord und arbeite meine „To Do“ Liste ab. Fast so, wie früher im Job, jedoch mit dem feinen Unterschied, dass man hier an Bord Dinge nicht so recht aussitzen kann, bis sie sich von allein erledigt haben, oder sie niemanden mehr interessieren. Auch die Ansage…“das müsste mal einer machen“ bringt mich hier nicht voran.

 To Do

Nachdem unsere Kupferfolie (Erdung für die Funke) nun seit über einem Jahr in der Bilge ist, entschließe ich mich dazu, sie zu laminieren und zu streichen. Damit gewinnen wir wieder etwas Platz und es besteht keine Gefahr mehr, dass die Folie durch irgendwelche Gegenstände, oder durch eingedrungenes Wasser beschädigt wird. Die Kurzwellenfunke ist für uns so wichtig, da wir damit von praktisch jedem Ort der Welt Wetterinfos bekommen und Emails empfangen und verschicken können. Das ist total cool und kosten tut es auch nichts.

Diese Arbeiten verbieten sich, wenn die Frau an Bord ist. Das Schiff sieht aus wie nach einem Bombeneinschlag. Die Pantry ist zur Ablage mutiert. Überall liegt Werkzeug und das Polyesterharz und die Bilgefarbe stinken erbärmlich. Das Achterschiff ist als Schlafplatz gesperrt und auch die Raumluft im Salon ist….sagen wir mal… belastet. Aber wozu ist man Chemiker, wenn einen das stören würde.

Ich komme ganz gut voran. Die Not-Antenne an der Heckreling, die zum Einsatz kommen soll, wenn wir mal den Mast verlieren sollten, ist wieder angeschlossen. Hoffen wir mal, dass das total überflüssig war.

Der zweite Inverter (wandelt 12V Gleich- in 230V Wechselstrom) ist wieder angeschlossen und somit kann auch wieder am Ankerplatz Staub gesaugt werden. Das war mir immer sehr wichtig.

Die Kupferfolie in den beiden etwas kritischen Bereiche im Achterschiff sind laminiert und gestrichen. Sieht wieder richtig gut aus.

 

Nebenbei muss ich mich um mein leibliches Wohl kümmern. Es gelingt mir recht gut Bier in den Kühlschrank nachzulegen. Es passen immer nur drei Dosen in das Kühlfach. Da ist genaue Planung gefordert, sonst gibt es warmes Bier.

Die Küche an Bord hat stark nachgelassen. An Tag 1 gab es Ravioli von Maggi. Die mochte ich mal total gern. Vor vierzig Jahren. Die haben aber wohl das Rezept geändert. Das was ich da auf dem Teller hatte, entsprach nicht meiner Erinnerung. Geschmackliches Empfinden wird wohl doch nicht nur von der Erwartung gesteuert. Hat mich an die Dinger vom „Super U“ erinnert. Ich könnte immer noch würgen. Bratnudeln (das kann ich) und Wraps mit Grünzeug und Hühnerbrust runden die kulinarischen Höhenflüge an Bord der letzten Tage ab.

Wraps ohne Fleisch

Ich werde es schon überleben. Das bisschen was ich esse, kann ich ja auch trinken (!!Achtung: Planung Kühlfach)