Archiv der Kategorie: Gesellschafts-Inseln

Wer ein Gesetz bricht …

Mo., 14.Sep.20, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2297, 21.218 sm von HH

… darf sich nicht über eine Strafe wundern. Unser Gesetzesbruch besteht im Beschreien, dass  die ‚tu-was-Liste‘ so prima schnell kürzer wird. Soll man nicht tun. Nie. Niemals. Unter keinen Umständen. Prompt kommt Murphy um die Ecke in Gestalt von Achim. Einen kurzen Moment mit dem Fahrrad an Deck nicht aufgepasst, gegen die Sprayhood geschlagen und schon baumelt die Kunststoffscheibe lose in den Angeln. :roll: Okay, über kurz oder lang wäre es sowieso passiert: einsetzt stellen wir fest, dass die Nähte an den Fenstern morsch sind. Ich schaffe es locker mit dem kleinen Finger die andere Seite ebenfalls raus zu drücken. Der Stoff ist tip-top, nur die Nähte hat es mit den Jahren aufgelöst.

Und nun? Nach unseren letzten Erfahrungen mit dem Rigger soll die Sprayhood auf keinen Fall zum Segelmacher hier in Tahiti. Unsere Sprayhood ist ein Wunderwerk deutscher Handwerks-Kunst (Segel-Raap in Hamburg-Harburg war der Schöpfer). Keine Falte, keine Fehlnaht trübt die Optik. Das Ding passt auf den Millimeter genau und so soll das bleiben.
Daher wollen wir die Kunststoff-Scheiben nicht tauschen (lassen), sondern wieder einnähen. Dafür die Nähmaschine zu nutzen, ist uns zu riskant. Wir würden den Kunststoff so perforieren, dass er reißt wie Toiletten-Papier. Daher möchten wir die alten Löcher, sowohl in Stoff als auch im Kunststoff, wieder benutzen.

Das alleine zu nähen ist fast unmöglich. Wohin man zielen muss, erkennt man nur von der Seite auf der man sich befindet. Um sich die andere Seite der Naht in Sicht zu drehen, fehlt schlicht der Platz. Ein Einzelkämpfer müsste also nach jedem Nadelstich ums Cockpit herum laufen auf die andere Seite.
Wir wagen daher ein Ehegatten-Experiment. Wir wollen gemeinsam nähen. :mrgreen:
Gemeinsam an einem Werkstück arbeiten, auf engstem Raum, das muss nicht gut ausgehen. In diesem Fall hilft, dass wir durch die Scheibe getrennt sind.
Drei Tage, sechs krumme Nadeln und tausend Anweisungen später ‚mehr rechts – nein – das andere rechts; tiefer – tiiiefer einstechen; halt die Nadel senkrechter – weißt du, was senkrecht ist?; das kann doch nicht sein, dass du nicht triffst – hallo! – nicht da; Aaaachtung, du stichst daneben, mehr links‘,  ist es vollbracht. Wir sind zufrieden wie Bolle, haben uns nicht mal die Augen ausgestochen und haben eine Sprayhood, die so gut aussieht wie zuvor. Das war mal echtes Teamwork auf Atanga.

Achim sticht von außen

Wir wechseln häufiger mal die Position – alle Plätze sind aber gleich unbequem

Worked like machines – unsere Nähte

Von Ärzten, Experten und Stümpern

Fr., 11.Sep.20, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2294, 21.218 sm von HH

Tief in unserem Inneren haben wir Neuseeland eigentlich schon aufgeben. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber nun soll doch eine neue Brille her und die ersten Ärztebesuche seit zwei Jahren stehen an.  Wegen der Sprachbarrieren wollte ich das lieber bei den Neuseeländern abarbeiten, aber alle Befürchtungen waren unbegründet. Die jungen französischen Ärzte auf die ich treffe, sprechen ausgezeichnet Englisch. Die Praxen wirken modern, sauber und aufgeräumt. Wartezeiten gleich null. Innerhalb weniger Tage bekomme ich überall Termine. Auch ein Besuch in einer ambulanten Klinik verläuft ebenso leichtgängig. Blutabnahme, Röntgen und einen Arzt finden, der die Diagnose stellt, alles ist innerhalb einer Stunde erledigt. Das Ergebnis ist erfreulich: die Patientin ist gesund, lediglich alt geworden. :mrgreen:

Den richtigen Optiker zu finden, ist schon schwieriger. Es gibt in der Innenstadt zwar vier, fünf Geschäfte, aber nicht alle Gespräche verlaufen erfreulich. In einem Laden erkennt der ‚Optiker‘ trotz Einsatz eines ‚Lesegerätes‘ nicht, dass ich Gleitsichtgläser trage. Aber dann werden wir doch fündig und geraten an eine kompetente Dame. Die neuen Gläser sollen in ca. drei Wochen aus Frankreichreich eingeschickt werden.

Und dann ist da noch unser Rigger. Achim konnte ihn am Ende doch überzeugen, dass der Tausch des Vorstags prima hier in der Marina erfolgen kann. Da unsere Fock von einer unüblichen Rollanlage (Reckmann – Technik vom Feinsten, aber recht selten auf Schiffen zu finden) aufgerollt wird,  hat der junge Mann bereits vor drei Wochen die Gebrauchsanweisung dafür erhalten. Statt einer Pressung oben im Masttop, so wie wir es jetzt haben, hat Achim bei ihm eine Starlock-Verbindung bestellt. So weit, so gut.

Pünktlich erscheinen Rigger Jonathan und sein Gehilfe Tetuanui. Als erstes gehen die beiden ans Werk, um durch Lösen aller Wanten Spannung vom Vorstag zu nehmen. „Halt, stopp, nicht nötig!“, kann Achim helfend einschreiten, „Die Rollanlage hat eine Spannschraube, damit wird das Vorstag gelockert“, hilft er den beiden. „Der Spaken hat sich doch gar nicht die Gebrauchsanweisung angeguckt“, raunt Achim mir böse zu.
Jonathan entert sich behände den Mast empor und löst das Vorstag an seiner Verbindung. An einem Tampen wird das sechszehn Meter lange Drahtteil herunter gelassen. Das Stag darf nicht geknickt werden. Ein Profil aus Aluminium, das zur Aufnahme des Segels dient, ummantelt das Stag und dieses Profil mag keine Knicke.

Das Vorstag wird von Jonathan am Mast gelöst

Möglichst ohne Knick das Vorstag transportieren

Wohlbehalten landet das Vorstag auf dem Steg. Jonathan schreitet zur Tat und will die Rollanlage öffnen. Ganz wohl ist ihm anscheinend selber nicht dabei. Die Gebrauchsanweisung liegt aufgeschlagen neben ihm. Er holt schon mal vorsorglich eine Decke zum Auffangen der Kugeln aus dem Kugellager in der Rolle.
Achim springt von seinem Beobachtungsposten auf dem Vorschiff schnell dazu. „Nein, stopp, aufhören! Man muss die Rollanlage nicht öffnen. Wollt ihr die Kugeln hier im Wasser versenken? Ihr braucht nur den Draht durch die Anlage schieben, mit einer Mutter sichern und zurück holen.“ Mit geblähten Nasenflügeln und rollenden Augen kommt Achim zu mir zurück. „Der weiß nix, gar nix“. Aus ‚Spaken‘, wird ‚Trottel‘. Achim bleibt jetzt als Aufpasser bei den beiden Experten stehen: „Ist besser so“.

Schließlich rückt Jonathan damit heraus, dass er gar kein Starlock-Teil bestellt hat und das Vorstag wieder mit einer Pressung versehen werden muss. Achim lässt ihn erst mal stehen. „Warum habe ich mit dem Idioten überhaupt was besprochen?“ Was für eine Karriere – vom Spaken zum Idioten innerhalb von drei Stunden. Achims Nasenflügel hören gar nicht mehr auf sich zu blähen, da ist mal jemand richtig sauer.

Nun ist es nicht mehr zu ändern. Das Vorstag liegt auf dem Steg und soll auch wieder ran. Wer weiß, wann der Experten-Rigger jemals das richtige Teil heranschaffen kann. Also muss der lange Eimer zum Werkstattwagen von Jonathan getragen werden, in dem sich die Presse befindet. Der Wagen steht gegenüber von Atanga – getrennt von einem breiten Graben. Aber mit fünf Leuten bekommen wir das Stag knickfrei hin und her balanciert.

Über diesen Graben soll das Stag

Ende gut, Stag gut? Wollen wir mal hoffen. Der Draht soll aus Frankreich stammen und keine China-Ware sein. Immer positiv denken. Jonathan ist um eine Reckmann-Erfahrung reicher, Achim um ein paar graue Harre und wir um tausend Euro ärmer – und haben wieder eine Pressung. So schließt sich der Kreis.

Wahrscheinlich hätten wir damit noch ewig weiter segeln können – aber das ist so eine Sache mit Wahrscheinlichkeiten

Fenua

Sa., 05.Sep.20, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2288, 21.218 sm von HH

‚Fenua‘ bedeutet Heimat und alles, was in Französisch Polynesien hergestellt wird, trägt dieses Gütesiegel. Viel wird hier nicht produziert, aber auf das scheint man stolz zu sein: das berühmte Hinano ist Fenua-Bier. Schönheitsprodukte aus Kokos-Öl sind ‚Fenua‘, im Supermarkt hat man die Wahl zwischen Kartoffeln ‚USA‘ und Kartoffeln ‚Fenua‘.

Und dann gibt es noch das Fenua-Muster. Ein Hawaii-Hemd-Muster in Reinkultur. Das wiederkehrende Thema sind großformatige Philodendron-Blätter und Hibiskus-Blüten. Rucksäcke, Tassen, Taschen, Mouse-Pads und Servietten. Kein Gegenstand, der nicht mit Fenua bedruckt wird. Von Schüler bis Greis, jeder trägt Fenua: Fenua-Hemden, Fenua-Hosen, Kleider, Mützen und Flip-Flops. Und natürlich Maske im Fenua-Style. Für den normalen Mitteleuropäer ist Fenua ein Kulturschock. Es werden Farben kombiniert, die dem Auge Schmerzen bereiten.
Farbharmonie – drauf gepfiffen!
Farbenlehre – nie gehört!
Pastell-Töne – für Feiglinge!
Bunt, bunter, Fenua. Normale Klamotten in den Shops zu finden, fast unmöglich. Ein einfarbiges T-Shirt hat zumindest Fenua-Applikationen an den Ärmeln oder Brusttasche. Für Menschen wie mich, die eher Ton-in-Ton-Kombinationen bevorzugen und einen Mix von Komplementärfarben meiden, ist Fenua eine echte Herausforderung.

Typischer Klamottenladen – Hardcore Fenua

Bunt, bunter, Fenua

Der allgegenwärtige Philodendron im XXL Format dient als Mustervorlage

Aber man gewöhnt sich an alles. Nach anderthalb Jahren im Land bin ich weich gekocht. Wenn die Netzhaut täglich mit einem Feuerwerk an Farben beschossen wird, erscheint einem nach kurzer Zeit die eigene graue Bettwäsche bedauernswert trostlos. Abhilfe muss her.
Es gibt in Papeete Stoffläden wie Tannennadeln im Wald. Und die Läden sind gut besucht. Kein Wunder, kostet ein Fenua-Hemd doch schnell hundert Dollar. Da näht Frau oder Mann doch lieber selber ein Kleidchen. Tonnenweise gehen täglich die Stoffe über den Tresen. Ich habe einen Jungen gesehen, der für Mutti mit dem Handy das neue Sortiment Stoffballen abgefilmt hat. „Wieder zurück, weiter links“, schallen Muttis Kommandos aus seinem Handy.
Die Stoffe kommen aus Taiwan, Japan und China, nur die Muster sind Fenua.

Kunterbunte Stoffläden – große Auswahl, kleine Preise – 5 bis 12 Dollar der Meter (1,20 bis 1,50 Breite)

Da wir endlich im Besitz neuer Kopfkissen sind und die alten Stinker auf den Sondermüll gelandet sind, fehlt es nur noch an neuen Kissenbezügen. Nach einiger Sucherei werde ich fündig. Es gibt Fenua auch in dezenter Art und bald hat die Atanga-Crew neue Kissenbezüge zu grauen Laken. Fenua für Anfänger sozusagen.

Fenua light für Anfänger – die Kissen gehören übrigens alle Achim – Prinz Erbse mag es komfortabel

Uns gefällt es gut mit den Kissen und wir haben Blut geleckt. Da trifft es sich gut, dass unsere beige Laken-Garnitur sich in so einem fleckigen Zustand befindet, dass man sie nur noch im Dunkeln zum Trocknen raus hängen mag. Also soll ein neuer Satz Laken her. Unsere drei Matratzen haben unmögliche Formen, es sollen aber trotzdem Spannbettlaken sein, daher ist das nicht meine Lieblings-Näherei. Aber voila! Hier soll man wohl heiße Südseeträume bekommen.

Wir geraten in einen Fenua-Blutrausch. Aus den Stoffresten nähe ich eine neue Einlage fürs Brotkörbchen und etliche Mund-Nase-Masken. Und so schnell ist kein Ende in Sicht. Der Skipper ruft nach Fenua-Schlafanzughosen und der Plan steht, die grauen Laken sollen ebenfalls ersetzt werden. Warum nicht ins übelste Fenua-Regal greifen? Grüne Blätter auf türkisen Grund mit pinken Hibiskus und gelben Tiare-Blüten? :shock:
Wenn wir hier schon heimisch werden (müssen), dann auch farblich.

Fenua für Fortgeschrittene für feuchte Südseeträume

 

Tahiti Life

So., 30.Aug.20, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2282, 21.218 sm von HH

Wie schnell man sich an Dinge gewöhnt, sogar an die unangenehmen. In der ersten Woche hieß es noch: „Hast du die Masken?“, und wieder musste einer zum Schiff zurück, die unsäglichen Teile holen. Heute haben wir immer eine am ‚Mann‘ und für jeden Rucksack und jede Tasche eine dabei. Eine neue Normalität, die uns nicht behagt.
Die Masken-Träger in Tahiti stammen zum Teil aus Absurdistan: Ein Pärchen sitzt in einem Lokal. Er sitz ohne Maske auf, sie hat eine auf (keine Pflicht), aber jedes Mal, wenn sie mit ihm spricht, zieht sie die Maske unter das Kinn. Warum sie die Maske überhaupt trägt? Sie weiß es wahrscheinlich selber schon nicht mehr.

Das Leben in Tahiti ist hektisch und von Autoverkehr geprägt. Diese Hetze ist ansteckend: eben noch schnell über die Straße sprinten, eilig mit dem Rad eine Abkürzung nehmen. Die Anpassung nach acht Monaten Ruhe in der Insel-Idylle erfolgt nahtlos. Das einmal gelernte Leben in Dauer-Geschäftigkeit aus Hamburg legt man nicht so einfach ab. Gefallen hat uns die Behäbigkeit von Gambier aber besser. Und die Menschen dort sind auch deutlich entspannter und freundlicher.

Dafür schaffen wir richtig was weg. Baumarkt, Yacht-Ausrüster und Technik-Laden. Ein Bermuda-Dreieck, was einem die Dollar aus der Tasche zieht. Die letzten beiden Wochen haben wir mehr Projekte erledigt als die Monate davor. Der Cockpit-Tisch, der auseinander zu brechen drohte, ist Dank Verfügbarkeit von Holzleim und -Dübeln endlich repariert. Der Außenborder hat einen neuen Vergaser. Ich weiß nicht, wie oft Achim den originalen Vergaser in den letzten zwei Jahren auseinander genommen und gereinigt hat. Geschichte! Die Ankerkette hat neue Markierungen und, und, und. Unsere Arbeitslisten werden angenehm kürzer. Nur der Rigger. Eine harte Nuss. Der steht aber kurz davor weich gekocht zu werden, seine Arbeit doch hier in der Marina auszuführen. ;-)

Und endlich mal wieder Essen gehen. Unsere Liegenachbarn, Clare und Andy, sind angenehme Engländer, die mit uns zum Roulotte – zum Straßen-Food – gehen. Durch die fehlenden Touristen und dadurch, dass die Einheimischen weniger verdienen, ist der Platz nicht mehr so gut besucht, wie im letzten Jahr. Hoffentlich ändert sich das bald wieder. Der Trubel zwischen den rollenden Imbiss-Wagen sorgte für eine tolle Atmosphäre. Über alles betrachtet, gefällt uns Tahiti Life ganz gut im Augenblick.

Neuseeland Update: still ruht das Land – keine Neuigkeiten.

Essen gehen mit unseren neuen Segel-Nachbarn – wunderbar

 

Schweben in der Warteschleife

So., 23.Aug.20, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2275, 21.218 sm von HH

‚Soll ich mir hier in Papeete eine neue Brille bestellen – Lieferzeit mindestens sechs Wochen?‘ Kommt darauf an, ob Neuseeland uns rein lässt.
‚Sollen wir Roggenkörner als Vorrat für das nächste Jahr kaufen?‘ Kommt darauf an, ob uns Neuseeland rein lässt.
‚Soll ich auch hier in Papeete zum Zahnarzt gehen?‘ Kommt darauf an, ob …
Sollen wir dieses jetzt kaufen, sollen wir jenes hier reparieren? Bei jedem Gespräch drehen wir uns mit unseren Entscheidungen im Kreis. Angenommen ich bestelle mir eine Brille, dann kommt plötzlich das go. Kaufen wir Körner, dürfen sie nicht nach Neuseeland eingeführt werden. Mich macht dieser Schwebezustand ganz ruschelig. Sag mir, dass ich in Französisch Polynesien noch zwei Jahre gefangen bin, da kann ich mit umgehen, aber nicht zu wissen, was kommt, macht mich bekloppt.
Achim ist da tiefenentspannter: „Alles ist gut. Geduld! Es wird sich schon etwas entscheiden.“ Er kommt mir wie dieser Hummer vor, der gemütlich im Kochtopf sitzt, der auf der heißen Herdplatte steht und sich am warmen Wasser erfreut. :mrgreen:

Achim hat was von dem Hummer

Faktisch geht es uns super. Wir haben einen Platz in der Marina direkt an der Promenade erwischt. Unser Lieblings-Steg. Die neuen sanitären Einrichtungen, die bereits im Dezember eingeweiht werden sollten, sind immer noch nicht fertig. Das bedeutet zwar keine Duschen und Toiletten, aber auch nur den halben Preis für die Liegegebühren.
Und wir schwelgen im Luxus der gut sortieren Supermärkte. Ich könnte alles auf einmal kaufen, kochen und essen. Erstaunlich, wie gierig man auf Gurken, Tomaten und Salat nach acht Monaten Verzicht sein kann. Die ‚tu-was-Liste‘ wird überraschend schnell kleiner, das Portemonnaie auch. Nur der Rigger zickt noch etwas herum und will unser Vorstag nicht in Papeete tauschen, sondern lieber in der außerhalb gelegenen Taina-Marina am Reparatur-Steg.  Das wollen wir nicht. So einen guten Platz – fünf Minuten zum Markt – bekommen wir nie wieder. Die Marina ist rappelvoll. Die außerhalb gelegenen Ankerplätze ebenfalls. Kaum ein Schiff verlässt Französisch Polynesien, aber es kommen ständig neue dazu. Aus Südamerika reisen neue Segelboote an – man braucht nur um eine Erlaubnis bitten, dann kommt man rein.

Dagegen ist es in der Stadt total ruhig im Vergleich zum Vorjahr. Es ist nur eine magere Anzahl an Touristen zu sehen. Das trifft die Einheimischen hart. Viele Souvenir-Shops haben zu. Jalousien sind an Geschäften runter gelassen. Und wir haben das Gefühl, dass es mehr Obdachlose in den Straßen gibt.  Seit Öffnung der Grenzen Mitte Juli ist die Anzahl der neuen Covid-19-Fälle von Null auf über zweihundert angestiegen. Todesopfer gab es zum Glück bislang noch keine.
In Papeete ist die Maske Pflicht in Supermärkten, auf dem Markt und wo es eng wird. Die Polynesier sind sehr diszipliniert und tragen fast zu 100 Prozent Maske, im Park und auf der Promenade vielleicht noch 10 Prozent. Menschen, die sich kennen, begrüßen sich wie immer mit Küsschen rechts und links und auf dem Ausflugs-Katamaran tragen morgens alle Gäste eine Maske und kommt der Kahn abends rein, hat keiner mehr eine Maske mehr auf. Es menschelt und Angst vor dem Virus scheint nicht vor zu herrschen. Man befolgt halt eine Vorschrift die Maske zu tragen und fertig.

Ab hier bitte Maske und Blume hinter dem Ohrt tragen

Wie die Regierung mit dem Anstieg umgeht, ist in Schwebe. Einen erneuten Lockdown können sich das Land und vor allem die Menschen nicht leisten. In Rikitea wurden bereits vor zwei Monaten Lebensmittel-Pakete verteilt an Leute, die ihren Job verloren haben. Es wird für Morgen eine Presse-Konferenz erwartet. Natürlich würden wir uns freuen, gäbe es keinen erneuten Lockdown, aber auch wenn die Grenzen offen blieben.
Wie die Welt, so sind auch die Segler gespalten. Es gibt es eine Fraktion, die nach Schließung der polynesischen Grenzen ruft. Selber vielleicht gesundheitlich angeschlagen und hoch im Alter wähnten sie sich sicher in dieser Corona freien Inselwelt. Jetzt geht es nur noch um sie: „Lasst keine Amerikaner rein, Grenzen zu, lasst überhaupt niemanden rein, Tore dicht.“ Die ach so freundlichen Polynesier, die sie so nett empfangen haben, was mit denen passiert, ist doch egal, Hauptsache es kommt keiner mehr rein. Dabei sind sie selber nur Gast in diesem Land.
Pandemie oder Panik? Beide Meinungen haben ihre Existenzberechtigung und im Kern sind sie so unterschiedlich nicht: Bei beiden Meinungen geht es um Angst, um Schutz der Familie, um eine lebenswerte Zukunft mit Gesundheit und einem Auskommen. Welche Meinung man auch vertreten mag, was vor Ort an Kommentaren abgeht, zeigt die hässliche Seite unserer Gesellschaft.