Archiv der Kategorie: Gesellschafts-Inseln

Joyeux noël

Mo.,23.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2031, 19.044 sm von HH

Der hässlichste Weihnachtsbaum in Papeete

Mit dem hässlichsten Weihnachtsbaum auf Tahiti wünschen wir Euch allen da draußen ein wunderbares Weihnachtsfest mit Euren Lieben an der Seite, leckerem Essen, einem guten Wein, viel Freude und einem Baum, der Euch gefällt.
Die Crew

 

Herzliche Weihnachtsgrüße 2019 von der Atanga Crew

 

 

Zeitvertreib in Papeete

So.,22.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2030, 19.044 sm von HH

Jeden Morgen lädt Achim das Wetter runter. Jeden Morgen die gleiche Nachricht: kein guter Wind in Sicht. Früher hat man den Boten schlechter Nachrichten geköpft – auf Atanga geht es moderner zu. Der Gatte „darf“ mich begleiten: zu allen Ausstellungen, Kunstmärkten und Vorführungen, die Papeete in der Vorweihnachtszeit zu bieten hat. :mrgreen:

Die örtlichen Tanzschulen präsentieren einen ‚Massentanz‘ auf einer nahegelegenen Bühne. Der Eintritt ist für alle frei und letztes Jahr haben achthundert Kinder daran teilgenommen. Jede Tanzschule hat ihr eigenes Outfit und wird von anderen Lehrer trainiert, aber die eingeübten Tänze sind synchron und jedes Kind trägt einen Blumenkranz. Süß steigt der Duft der Blüten die Tribünen hoch. Es riecht wie in einem Blumenladen.

800 Kinder beim der Tanzschulen-Präsentation

Warten auf den Auftritt

Blumenduft wabbert auf die Tribüne

Die großen Mädchen ohne Vortänzer und im Gleichtakt

Die Tanzlehrerin macht vor, was die Kleinsten nachmachen sollen

Hübsch. Bunt. Zuckersüß.Die Lippen der Jüngsten sind blutrot geschminkt. Oh weia, Lolita lässt grüßen. Kess ahmen sie den sexy Hüftschwung der Erwachsenen nach. Je schneller der Popo wackelt, desto mehr Applaus ernten sie. Auf uns wirkt es etwas befremdlich, aber hier hat man kein Problem damit. Damit die Kleinsten nicht aus dem Takt geraten, steht eine Tanzlehrerin vor der Gruppe und zeigt die gewünschte Choreographie. Die Teenager können es natürlich alleine. Sehr beeindruckend, wenn Hunderte Blumen-Mädchen sich im Takt bewegen. Jungs gibt es erheblich weniger, sind aber auch noch vorhanden. Ihr Beitrag zum Tanz besteht aus schnellem Schlackern mit den Knien und ist etwas fad.

Die Kleinen noch etwas unsynchron

Keine Nachwuchs-Probleme bei den Mädchen

Das Spektakel wurde im Tahiti-TV übertragen und im Maria-Office hören wir, dass die Tanzschulen nicht unter Nachwuchs-Problemen leiden.

Die Kunsthandwerks-Märkte sind über die ganze Stadt verteilt und schwierig ausfindig zu machen. Es gibt wohl überall Plakate, allerdings ohne anständige Ortsangabe. Aber ich finde sie alle – zu Achims ‚großer‘ Freude.
Auf der platten Wiese gibt es Kunsthandwerk für den Mittelstand. Bezahlbaren Kram präsentiert in einer Zeltstadt. Wirklich hübsch gemacht und gleich nebenan ein paar Fressbuden und Stände mit Alltagsartikeln, wie Bürostühlen, Matratzen und Kinderspielzeug für die Pazifisten-Familie. Kinder rennen in den Gängen, es wird gelacht und gescherzt.

Genähtes und Gewebtes

für bezahlbare Preise

Das ideale Geschenk, um in DE die Spielegruppe aufzumischen

Der Baum für den Mittelstand

Schicker geht es beim Elite-Markt für die Oberschicht zu. Die Kunden sind überwiegend Europäer, die gelangweilt die Auslagen beäugen. Die Kunst in der edlen ‚Versammlungs-Halle‘ mitten in Papeete ähnelt der vom Markt auf der Wiese, nur teurer. Schmuck beginnt erst ab über tausend Dollar und geschnitzte Messergriffe sind ab fünfhundert Dollar zu haben.

Der Baum der Oberschicht

Edler Markt in der Versammlungshalle

Zur Abwechslung spazieren wir dann noch zum Friedhof. Der liegt terrassenförmig in einer schmalen Schlucht mit Blick auf den Industriehafen. Es dauert eine Weile, bis wir es merken: auf Tahiti wird früh gestorben. Einmal misstrauisch geworden, achten wir genau auf das Alter der Verstorbenen. Kaum jemand, der die Sechzig erreicht. Viele sind grade mal dreißig oder vierzig Jahre alt geworden.
Die Länderstatistik über Französisch Polynesien behauptet ein Durchschnittsalter von Ende siebzig. Dieser Friedhof bestätigt das nicht. Auf den kleinen Atollen ist uns so eine kurze Lebenserwartung nicht aufgefallen. Kommen Schwerkranke nach Tahiti und werden hier begraben, wenn ihnen nicht geholfen werden kann? Oder sind die Atomversuche auf Mururoa Schuld? Es finden sich viele Berichte über eine erhöhte Rate an Leukämie- und Schilddrüsen-Krebs-Erkrankungen. Obwohl hierbei viel vertuscht wird. Noch immer ist Frankreich Französisch Polynesien fast die Hälfte an versprochenen Ausgleichszahlungen für die Atombombenversuche schuldig. Für uns sprechen die Gräber eine deutliche Sprache, wir sind überzeugt, dass der Friedhof im Dunkeln leuchtet.

Schmaler Friedhof mit jungen Toten

4 – 8 – 15 – 16 – 23 – 42

Do.,19.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2027, 19.044 sm von HH

Gefangen auf der Insel, gefangen in Papeete.
Bereits vor sechs Wochen sind wir nach Papeete zurückgekehrt. Es gab ein Wetterfenster als das Segel zur Reparatur war. Das haben wir verpasst und jetzt sind wir gefangen und drücken die Taste: 4-8-15-16-23-42. :mrgreen:

Es ist keine Besserung in Sicht. Die Konvergenzzone, die sich um diese Jahreszeit hunderte Meilen weiter südlich befinden soll, hält sich nördlich von Tahiti auf oder steht genau über uns.
Ein mehr oder weniger schlankes Band, das den Nordwind scharf begrenzt vom Südwind. Das Band kann nur fünfzig Meilen breit sein oder zweihundert. Es eiert wie ein Lämmerschwanz, bläht sich zeitweise ballonförmig auf und zieht sich wieder zusammen. In dieser Zone herrschen Flaute und Regen. Die Kanten sind geprägt von Squalls, Winddrehern und Unmengen Regen. Eine Vorhersage, wie sich die Konvergenzzone verschiebt, erscheint unmöglich. Stündlich ändern sich die Wettervorhersagen. Zweimal dachten wir schon, wir können los. Nein, dann doch wieder nicht.

Die Konvergenzzone teilt den Wind scharf abgegrenzt in Nord-Ost und Süd-Ost

Die Konvergenzzone kann auch kreisförmig sein, dann herrscht meilenweit Flaute

300 Meilen Flaute

Wo können wir hin?
– Nach Westen scheidet aus. Dort nimmt mit jeder Meile die Zyklon-Gefahr zu.
– Nach Norden-Osten, auf die Marquesas, scheidet aus. Oberhalb der Konvergenzzone hat sich ja der nördliche Wind etabliert. Siebenhundert Meilen gegen den Wind wollen wir nicht.
– Nach Osten, in die Tuamotu, ginge leidlich, obwohl die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass wir auf halber Strecke in der Flaute stecken bleiben. Von dort erreichen uns Berichte über Winddreher, gefährliche Boen, unruhige Ankerplätze und Scheißwetter. Das brauchen wir nicht. In einer Marina mit Internet und Infrastruktur ist schlechtes Wetter besser zu ertragen.
– Nach Süd-Osten wollen wir ja, haben aber auch in diese Richtung den Wind genau auf die Nase.
Das nennt man wohl klassisch gefangen.

Und in der nahen Umgebung? Statt Papeete Stadthafen?
– Der größte Ankerplatz auf Tahiti – Taina – wird gerade geräumt. Bis April sollen alle Ankerlieger dort verschwunden sein. Da sind wir weder willkommen, noch gefällt es uns dort besonders gut. Außer einem großen Supermarkt (und den besten Blick auf Moorea) gibt es dort nicht viel.
– Taravao. Dort sind wir im Juli mit dem Schiff an Land gewesen. Das ist auch ganz hübsch, aber ein echtes Regenloch. Papeete ist trocken, in Taravao säuft man ab.
– Wieder rüber nach Moorea? Tja, auch dort sind wir Langfahrtsegler nicht mehr sehr willkommen. An den Ankerplätzen mit türkisem Wasser darf man zwei Tage bleiben. In den Buchten mit schlammigen Untergrund maximal eine Woche. Und wir lesen verzweifelte Berichte bei facebook: „Wir sind jetzt eine Woche hier, regnet es hier immer?“

Also bleiben wir in unserem Stadthafen. Papeete hat im Auenblick das trockenste Wetter in weiter Umgebung. Nur alle drei Tage Regen ist ein Spitzenwert. Die Empfehlung von Met-Bob, dem Wind-und Wetter-Guru, für den Südpazifik, lautet: „Lehnt euch zurück, relaxt. Es ist kein guter Zeitpunkt für Insel-Hopping.“
Wir sind überzeugt, dass die Konvergenzzone sich nach Süden verlagern wird. Wann? Kann täglich passieren. Kann noch vierzehn Tage dauern. Wir lehnen uns zurück und drücken die Taste. :-)

Senkrechter Schnürli-Regen bei Null Wind

Weihnachtsmarkt in Papeete

Do.,12.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2020, 19.044 sm von HH

‚Bling-bling‘, viel ‚bling-bling‘, leuchtet in den abendlichen Gassen von Papeete. Kinder-Engel tanzen mit eingewebten LED-Leuchten im Flügel-Kleid. Begleitet von Müttern mit rosa leuchtenden Katzenöhrchen im Haarreifen und Jungs toben mit gezückten Laser-Schwertern durch die Straßen. Sogar die Kirche ist in einen Traum von Pastell getaucht. Die Polynesier lieben ‚bling-bling‘.

Das weihnachtliche Papeete

Die Kirche trägt heute Pastell

In Deutschland übernimmt ‚Amazon‘ den Job noch rechtzeitig ein Weihnachtsgeschenk für die Lieben zu liefern. In Papeete gibt es dafür einen Weihnachtsmarkt. In der Innenstadt sind die Straßen gesperrt und Buden wurden aufgestellt. Konsumterror vom Feinsten. Elektronisches Spielzeug oder Rutsche-Autos – wahlweise elektrisch – für die Kinder, Schmuck und Damenklamotten für Mutti und Seife oder ein Tuch für Oma. Es gibt sogar Tische mit Geschenke-Einpack-Service. Das Papier ist quietsch bunt und glänzt. Bling-bling.

Barbie-Puppenträume werden wahr

Für die großen Mädchen – Mister Tahiti Kalender

Die Straßen sind voll am Eröffnungsabend. Vor der Kirche spielt eine Big Band entweder Hits von Queen oder leichte Klassik. Eine Parade zieht vorbei: Stelzenläufer, eine Sambatruppe und ‚König-der-Löwen-Pappmaschee-Figuren‘ sind auf einem Anhänger drapiert. Sogar ein Schneemann läuft in der Parade mit. Aus Sicherheitsgründen ohne Ärmel am winterdicken Kostüm – bei 30 Grad Außentemperatur. Eine Artistin zeigt ihr Können in Tuch-Akrobatik. Gleich gegenüber führt eine Truppe traditionelle Tänze vor. Oder man kann sich vor der Kulisse schneebedeckter Tannenbäumen in einem Korbsessel fotografieren lassen.
Der Weihnachtsmarkt ist Karneval mit etwas Zirkus und einer Prise Hollywood und Klamauk.

Schneemann mit seinen Prinzessinnen

Noch eine Prinzessin

Neben Plastik-Spielzeug aus China gibt es reichlich Stände mit Kunsthandwerk. Gravierte Gläser, selbstgemachte Marmeladen oder Holzbretter von denen die Gesichter der Familie herunter lächeln. Nichts, was es nicht gibt; nichts, was man wirklich braucht. Typisch Weihnachtsmarkt.
Das einzige, was es nicht gibt, sind Fressbuden. Kein Schwenkgrill, keine Pilzpfanne, keine Crêpes. Wo sind die Liebesäpfel? Wo die Currywurst? Zumindest Pommes könnte es doch geben, sind die doch so beliebt in Polynesien. Von Bierbude oder Glühwein brauchen wir gar nicht sprechen. Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, ist sowieso tabu.
Einen schönen dritten Advent ins kalte Deutschland mit Punsch auf dem Weihnachtsmarkt. Bling-bling. ;-)

Weihnachtsmarkt in Papeete

Polynesische Tattoos

So., 8.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2016, 19.044 sm von HH

Gefühlt sind auf Tahiti achtzig Prozent aller Menschen tätowiert. Wobei die Dunkelziffer, verdeckt durch T-Shirts, noch deutlich höher liegen dürfte.
Alte, Junge, Frauen, Männer. Tätowierungen ziehen sich durch alle Schichten und jedes Alter. Kunstvolle, grafische Tattoos. Großflächige Tattoos. Viel weniger Schrott als man in Deutschland sehen kann. Sauber gestochene Arbeiten mit exakten Linien, umsichtig an das jeweilige Köperteil angepasst und nicht willkürlich irgendwo aufgetackert.
Diese Tätowierungen erzählen eine Geschichte: die Geburt der Kinder, die Anzahl der Geschwister, die Schutzgeister der Familie, eigene Hobbies; die gesamte Familienchronik kann sich im Körperbild wiederfinden. Verschlüsselt durch Symbole, getarnt durch Ranken und Girlanden.

Rücken eines Tänzers von den Marquesas

Junge Frau in Gambier – Tattoo gestochen auf Tahiti

Strandbegegnung

Schöner Rücken auf einem Prospekt

Viele Völker kennen seit Jahrtausenden die Kunst des Tätowierens. Unabhängig von einander entwickelten sich verschiedene Methoden die Farbe auf die Haut zu bringen. Wer damit begonnen hat, ist unklar. Klar ist jedoch, dass der Begriff ‚Tattoo‘ seinen Ursprung aus dem Tahitianischen hat: te tatau.

In Polynesien hat die Kunst des Tätowierens ihren Ursprung auf den Marquesas. Als sich nach der Entdeckung der Südsee die Missionare auf den Inseln breit machten und ihren Glauben auf die Bevölkerung stülpten, wurden Tätowierungen (und Tänze, Trommeln und Gesang) im 18. Jahrhundert verboten.
Dass die Motive der Tattoos nicht verloren gegangen sind, ist einem Deutschen zu verdanken. Karl von den Steinen, Mediziner und Ethnologe, besuchte 1897 die Marquesas. Er sammelte die Motive und deren Bedeutung von der älteren Bevölkerung, die zum Teil von Kopf bis Fuß tätowiert gewesen ist.
Er schrieb die Legenden und Rituale nieder und veröffentlichte 1928 ein dreibändiges Werk ‚die Marquesaner und ihre Kunst‘ aus dem sich heute die Tätowierer ihre Vorlagen holen. Vor gut fünfzig Jahren begann ein Revival der Tätowier-Kunst in Polynesien. Die Polynesier besannen sich ihrer alter Kulturen und Riten und das Tattoo erwachte erneut zum Leben.

Komplett tätowierter Marquesaner gezeichnet von Karl von den Steinen

Aufzeichnungen von Karl von den Steinen

Alphabet der Symbole

Heute wird mit modernen Maschinen gestochen. An jeder Ecke in Papeete findet man ein Tattoo-Studio. Kein Tag an dem man nicht jemand mit Klarsichtfolie am Arm oder Bein begegnet, dem sicheren Zeichen einer frischen Tätowierung darunter. Anhand der Übersetzung de Symbole kann sich jeder seine individuelle Geschichte stechen lassen. Die Künstler stellen die entsprechenden Motive nach den eigenen Vorgaben zusammen.

Übersetzung eines individuellen Tattoos – Foto credit: Linda Edeiken thank you very much

Nur noch eine Handvoll Tätowierer bedient sich der alten Methoden mit einem Tätowierkamm und Holzstab. Die Prozedur soll schmerzhafter sein und länger dauern, Termine sind dort trotzdem schwer zu bekommen. Die traditionellen Tätowierer mögen es nicht Touristen zu tätowieren, habe ich gelesen: „Für die Gäste sei es nur ein Souvenir, für die Einheimischen sei es ein Teil ihrer Identität.“
Vielleicht ganz gut so, denn so manches polynesisches Tattoo wirkt auf europäisch weißer Haut wie ein Unfall. Deplatziert und befremdlich neben den verschnörkelten Namen der Kinder auf dem Unterarm.

Und wir? Wir warten weiterhin auf Wind … :roll: