Archiv der Kategorie: Gesellschafts-Inseln

In der Segel-Sackgasse oder was passiert 2020/2021?

Fr.,10.Jul.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2231, 20.254 sm von HH

Unser nächster Schritt ist Hao. Soweit steht der Plan. Nur noch auf den richtigen Wind warten :roll: , dann geht es nun wirklich los (wir haben es übrigens richtig gemacht, denn ein Schiff, was letzte Woche mit uns starten wollte, ist wieder umgedreht – so garstig war das Wetter).
Aber was kommt danach? Wohin können wir? Wohin wollen wir? Alles Ziele liegen tausende Meilen entfernt …

Neuseeland
Unser erklärtes Ziel für Ende 2020 hält weiterhin die Grenzen strikt geschlossen. Es gibt einen Anbieter für Segler, der mit den Behörden in Neuseeland in Verbindung steht und im Rahmen einer ‚Rally‘ eine Einreise-Genehmigung bewirken möchte. Leider läuft dieser Idee etwas die Zeit davon. Bis spätestens Ende September müsste Neuseeland eine Entscheidung getroffen haben, anderenfalls wäre es zu spät Neuseeland noch vor der nächsten Zyklon-Saison zu erreichen. Käme es rechtzeitig so weit, würden wir ohne Zwischenstopp die ca. 2.600 Meilen abreiten.

USA
Wir haben kein US-Visum, weil wir nie geplant haben in die USA zu reisen. Ein Fehler, der sich jetzt als etwas betrüblich herausstellt: Hawaii, ein attraktives Ziel, bleibt für uns unerreichbar.

Kanada
Boote, die von hier aus nach Kanada reisen, machen einen hübschen Zwischenstopp auf Hawaii, um die lange Strecke in den Norden (knapp 5.000 Meilen) zu verkürzen und zu versüßen. Würden wir den langen Non-Stop-Ritt auf uns nehmen, würden wir in Vancouver bei der US-Botschaft ein US-Visum beantragen, so dass danach auch die USA für uns offen stünde. Die Saison für die Fahrt nach Kanada ist allerdings bereits gelaufen – dorthin ist eine Anreise im Mai/Juni angesagt.

Australien
Hat geschlossene Grenzen. Es gibt auch hier einen Anbieter, der für Segler an einer Einreise-Genehmigung arbeitet.  Da wollen wir aber eigentlich so gar nicht hin. Zumindest nicht mit dem eigenen Boot. Australien liegt bereits weit im Westen (ca. 4.000 Meilen), ein Zurück in den Pazifik wäre keine Vergnügungsreise.

Kap Hoorn
Klingt verwegen, ist aber schon häufig von hier aus erfolgreich gesegelt worden. Die richtige Zeit wäre für die knapp 4.000 Meilen der November und Dezember.
Für diese Route fehlen uns leider zwei entscheidende Dinge: eine Heizung an Bord und der Arsch in der Hose!

Wo können wir hin? Alle Strecken sind tausende Meilen lang

Französisch Polynesien
Wenn Neuseeland sich nicht rechtzeitig öffnet, bleibt uns für die nächsten zehn Monate nur übrig in Französisch Polynesien zu bleiben. Bis November sind wir noch vogelfrei, soll heißen, keine Wirbelstürme in Sicht. Von Gambier aus kann man mit dem vorherrschenden Wind ganz leicht alle Atolle erreichen. Und die nächste Zyklon-Saison könnten wir sicher auf den Marquesas verbringen.
Die Sache hat einen kleinen Haken, jeden Meter, den wir jetzt nach Westen segeln, müssten wir im November mühsam nach Osten zurück. Deshalb sind wir auch so zimperlich zögerlich nach Tahiti zu segeln. Das würde uns 800 Meilen nach Westen tragen. Eigentlich müssten wir hin, uns fehlen so einige Sachen, die wir weder in den Tuamotus noch hier kaufen können. Aber wegen „Haferflocken“ nach Tahiti segeln. Brrr, wir kneifen.

Also, was tun nach Hao? Wir wissen es nicht. Jedes weitere Atoll liegt noch ein Stück weiter westlich und so richtig doll  lieben wir die Tuamotu außerdem nicht. Wenn wir wüssten, dass Neuseeland aufmacht, könnten wir nach Tahiti segeln, einkaufen und die Warterei auf die Grenzöffnung prima auf den Gesellschaftsinseln verbringen. Bora Bora und andere klangvolle Namen warten dort. Öffnet Neuseeland nicht, sind wir die Gekniffenen.
Wir stecken fest in einer Sackgasse der Entscheidungen.

In Französisch Polynesien liegen die Ziele auch nicht grade nebenan

Joyeux noël

Mo.,23.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2031, 19.044 sm von HH

Der hässlichste Weihnachtsbaum in Papeete

Mit dem hässlichsten Weihnachtsbaum auf Tahiti wünschen wir Euch allen da draußen ein wunderbares Weihnachtsfest mit Euren Lieben an der Seite, leckerem Essen, einem guten Wein, viel Freude und einem Baum, der Euch gefällt.
Die Crew

 

Herzliche Weihnachtsgrüße 2019 von der Atanga Crew

 

 

Zeitvertreib in Papeete

So.,22.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2030, 19.044 sm von HH

Jeden Morgen lädt Achim das Wetter runter. Jeden Morgen die gleiche Nachricht: kein guter Wind in Sicht. Früher hat man den Boten schlechter Nachrichten geköpft – auf Atanga geht es moderner zu. Der Gatte „darf“ mich begleiten: zu allen Ausstellungen, Kunstmärkten und Vorführungen, die Papeete in der Vorweihnachtszeit zu bieten hat. :mrgreen:

Die örtlichen Tanzschulen präsentieren einen ‚Massentanz‘ auf einer nahegelegenen Bühne. Der Eintritt ist für alle frei und letztes Jahr haben achthundert Kinder daran teilgenommen. Jede Tanzschule hat ihr eigenes Outfit und wird von anderen Lehrer trainiert, aber die eingeübten Tänze sind synchron und jedes Kind trägt einen Blumenkranz. Süß steigt der Duft der Blüten die Tribünen hoch. Es riecht wie in einem Blumenladen.

800 Kinder beim der Tanzschulen-Präsentation

Warten auf den Auftritt

Blumenduft wabbert auf die Tribüne

Die großen Mädchen ohne Vortänzer und im Gleichtakt

Die Tanzlehrerin macht vor, was die Kleinsten nachmachen sollen

Hübsch. Bunt. Zuckersüß.Die Lippen der Jüngsten sind blutrot geschminkt. Oh weia, Lolita lässt grüßen. Kess ahmen sie den sexy Hüftschwung der Erwachsenen nach. Je schneller der Popo wackelt, desto mehr Applaus ernten sie. Auf uns wirkt es etwas befremdlich, aber hier hat man kein Problem damit. Damit die Kleinsten nicht aus dem Takt geraten, steht eine Tanzlehrerin vor der Gruppe und zeigt die gewünschte Choreographie. Die Teenager können es natürlich alleine. Sehr beeindruckend, wenn Hunderte Blumen-Mädchen sich im Takt bewegen. Jungs gibt es erheblich weniger, sind aber auch noch vorhanden. Ihr Beitrag zum Tanz besteht aus schnellem Schlackern mit den Knien und ist etwas fad.

Die Kleinen noch etwas unsynchron

Keine Nachwuchs-Probleme bei den Mädchen

Das Spektakel wurde im Tahiti-TV übertragen und im Maria-Office hören wir, dass die Tanzschulen nicht unter Nachwuchs-Problemen leiden.

Die Kunsthandwerks-Märkte sind über die ganze Stadt verteilt und schwierig ausfindig zu machen. Es gibt wohl überall Plakate, allerdings ohne anständige Ortsangabe. Aber ich finde sie alle – zu Achims ‚großer‘ Freude.
Auf der platten Wiese gibt es Kunsthandwerk für den Mittelstand. Bezahlbaren Kram präsentiert in einer Zeltstadt. Wirklich hübsch gemacht und gleich nebenan ein paar Fressbuden und Stände mit Alltagsartikeln, wie Bürostühlen, Matratzen und Kinderspielzeug für die Pazifisten-Familie. Kinder rennen in den Gängen, es wird gelacht und gescherzt.

Genähtes und Gewebtes

für bezahlbare Preise

Das ideale Geschenk, um in DE die Spielegruppe aufzumischen

Der Baum für den Mittelstand

Schicker geht es beim Elite-Markt für die Oberschicht zu. Die Kunden sind überwiegend Europäer, die gelangweilt die Auslagen beäugen. Die Kunst in der edlen ‚Versammlungs-Halle‘ mitten in Papeete ähnelt der vom Markt auf der Wiese, nur teurer. Schmuck beginnt erst ab über tausend Dollar und geschnitzte Messergriffe sind ab fünfhundert Dollar zu haben.

Der Baum der Oberschicht

Edler Markt in der Versammlungshalle

Zur Abwechslung spazieren wir dann noch zum Friedhof. Der liegt terrassenförmig in einer schmalen Schlucht mit Blick auf den Industriehafen. Es dauert eine Weile, bis wir es merken: auf Tahiti wird früh gestorben. Einmal misstrauisch geworden, achten wir genau auf das Alter der Verstorbenen. Kaum jemand, der die Sechzig erreicht. Viele sind grade mal dreißig oder vierzig Jahre alt geworden.
Die Länderstatistik über Französisch Polynesien behauptet ein Durchschnittsalter von Ende siebzig. Dieser Friedhof bestätigt das nicht. Auf den kleinen Atollen ist uns so eine kurze Lebenserwartung nicht aufgefallen. Kommen Schwerkranke nach Tahiti und werden hier begraben, wenn ihnen nicht geholfen werden kann? Oder sind die Atomversuche auf Mururoa Schuld? Es finden sich viele Berichte über eine erhöhte Rate an Leukämie- und Schilddrüsen-Krebs-Erkrankungen. Obwohl hierbei viel vertuscht wird. Noch immer ist Frankreich Französisch Polynesien fast die Hälfte an versprochenen Ausgleichszahlungen für die Atombombenversuche schuldig. Für uns sprechen die Gräber eine deutliche Sprache, wir sind überzeugt, dass der Friedhof im Dunkeln leuchtet.

Schmaler Friedhof mit jungen Toten

4 – 8 – 15 – 16 – 23 – 42

Do.,19.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2027, 19.044 sm von HH

Gefangen auf der Insel, gefangen in Papeete.
Bereits vor sechs Wochen sind wir nach Papeete zurückgekehrt. Es gab ein Wetterfenster als das Segel zur Reparatur war. Das haben wir verpasst und jetzt sind wir gefangen und drücken die Taste: 4-8-15-16-23-42. :mrgreen:

Es ist keine Besserung in Sicht. Die Konvergenzzone, die sich um diese Jahreszeit hunderte Meilen weiter südlich befinden soll, hält sich nördlich von Tahiti auf oder steht genau über uns.
Ein mehr oder weniger schlankes Band, das den Nordwind scharf begrenzt vom Südwind. Das Band kann nur fünfzig Meilen breit sein oder zweihundert. Es eiert wie ein Lämmerschwanz, bläht sich zeitweise ballonförmig auf und zieht sich wieder zusammen. In dieser Zone herrschen Flaute und Regen. Die Kanten sind geprägt von Squalls, Winddrehern und Unmengen Regen. Eine Vorhersage, wie sich die Konvergenzzone verschiebt, erscheint unmöglich. Stündlich ändern sich die Wettervorhersagen. Zweimal dachten wir schon, wir können los. Nein, dann doch wieder nicht.

Die Konvergenzzone teilt den Wind scharf abgegrenzt in Nord-Ost und Süd-Ost

Die Konvergenzzone kann auch kreisförmig sein, dann herrscht meilenweit Flaute

300 Meilen Flaute

Wo können wir hin?
– Nach Westen scheidet aus. Dort nimmt mit jeder Meile die Zyklon-Gefahr zu.
– Nach Norden-Osten, auf die Marquesas, scheidet aus. Oberhalb der Konvergenzzone hat sich ja der nördliche Wind etabliert. Siebenhundert Meilen gegen den Wind wollen wir nicht.
– Nach Osten, in die Tuamotu, ginge leidlich, obwohl die Wahrscheinlichkeit hoch wäre, dass wir auf halber Strecke in der Flaute stecken bleiben. Von dort erreichen uns Berichte über Winddreher, gefährliche Boen, unruhige Ankerplätze und Scheißwetter. Das brauchen wir nicht. In einer Marina mit Internet und Infrastruktur ist schlechtes Wetter besser zu ertragen.
– Nach Süd-Osten wollen wir ja, haben aber auch in diese Richtung den Wind genau auf die Nase.
Das nennt man wohl klassisch gefangen.

Und in der nahen Umgebung? Statt Papeete Stadthafen?
– Der größte Ankerplatz auf Tahiti – Taina – wird gerade geräumt. Bis April sollen alle Ankerlieger dort verschwunden sein. Da sind wir weder willkommen, noch gefällt es uns dort besonders gut. Außer einem großen Supermarkt (und den besten Blick auf Moorea) gibt es dort nicht viel.
– Taravao. Dort sind wir im Juli mit dem Schiff an Land gewesen. Das ist auch ganz hübsch, aber ein echtes Regenloch. Papeete ist trocken, in Taravao säuft man ab.
– Wieder rüber nach Moorea? Tja, auch dort sind wir Langfahrtsegler nicht mehr sehr willkommen. An den Ankerplätzen mit türkisem Wasser darf man zwei Tage bleiben. In den Buchten mit schlammigen Untergrund maximal eine Woche. Und wir lesen verzweifelte Berichte bei facebook: „Wir sind jetzt eine Woche hier, regnet es hier immer?“

Also bleiben wir in unserem Stadthafen. Papeete hat im Auenblick das trockenste Wetter in weiter Umgebung. Nur alle drei Tage Regen ist ein Spitzenwert. Die Empfehlung von Met-Bob, dem Wind-und Wetter-Guru, für den Südpazifik, lautet: „Lehnt euch zurück, relaxt. Es ist kein guter Zeitpunkt für Insel-Hopping.“
Wir sind überzeugt, dass die Konvergenzzone sich nach Süden verlagern wird. Wann? Kann täglich passieren. Kann noch vierzehn Tage dauern. Wir lehnen uns zurück und drücken die Taste. :-)

Senkrechter Schnürli-Regen bei Null Wind

Weihnachtsmarkt in Papeete

Do.,12.Dez.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 2020, 19.044 sm von HH

‚Bling-bling‘, viel ‚bling-bling‘, leuchtet in den abendlichen Gassen von Papeete. Kinder-Engel tanzen mit eingewebten LED-Leuchten im Flügel-Kleid. Begleitet von Müttern mit rosa leuchtenden Katzenöhrchen im Haarreifen und Jungs toben mit gezückten Laser-Schwertern durch die Straßen. Sogar die Kirche ist in einen Traum von Pastell getaucht. Die Polynesier lieben ‚bling-bling‘.

Das weihnachtliche Papeete

Die Kirche trägt heute Pastell

In Deutschland übernimmt ‚Amazon‘ den Job noch rechtzeitig ein Weihnachtsgeschenk für die Lieben zu liefern. In Papeete gibt es dafür einen Weihnachtsmarkt. In der Innenstadt sind die Straßen gesperrt und Buden wurden aufgestellt. Konsumterror vom Feinsten. Elektronisches Spielzeug oder Rutsche-Autos – wahlweise elektrisch – für die Kinder, Schmuck und Damenklamotten für Mutti und Seife oder ein Tuch für Oma. Es gibt sogar Tische mit Geschenke-Einpack-Service. Das Papier ist quietsch bunt und glänzt. Bling-bling.

Barbie-Puppenträume werden wahr

Für die großen Mädchen – Mister Tahiti Kalender

Die Straßen sind voll am Eröffnungsabend. Vor der Kirche spielt eine Big Band entweder Hits von Queen oder leichte Klassik. Eine Parade zieht vorbei: Stelzenläufer, eine Sambatruppe und ‚König-der-Löwen-Pappmaschee-Figuren‘ sind auf einem Anhänger drapiert. Sogar ein Schneemann läuft in der Parade mit. Aus Sicherheitsgründen ohne Ärmel am winterdicken Kostüm – bei 30 Grad Außentemperatur. Eine Artistin zeigt ihr Können in Tuch-Akrobatik. Gleich gegenüber führt eine Truppe traditionelle Tänze vor. Oder man kann sich vor der Kulisse schneebedeckter Tannenbäumen in einem Korbsessel fotografieren lassen.
Der Weihnachtsmarkt ist Karneval mit etwas Zirkus und einer Prise Hollywood und Klamauk.

Schneemann mit seinen Prinzessinnen

Noch eine Prinzessin

Neben Plastik-Spielzeug aus China gibt es reichlich Stände mit Kunsthandwerk. Gravierte Gläser, selbstgemachte Marmeladen oder Holzbretter von denen die Gesichter der Familie herunter lächeln. Nichts, was es nicht gibt; nichts, was man wirklich braucht. Typisch Weihnachtsmarkt.
Das einzige, was es nicht gibt, sind Fressbuden. Kein Schwenkgrill, keine Pilzpfanne, keine Crêpes. Wo sind die Liebesäpfel? Wo die Currywurst? Zumindest Pommes könnte es doch geben, sind die doch so beliebt in Polynesien. Von Bierbude oder Glühwein brauchen wir gar nicht sprechen. Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, ist sowieso tabu.
Einen schönen dritten Advent ins kalte Deutschland mit Punsch auf dem Weihnachtsmarkt. Bling-bling. ;-)

Weihnachtsmarkt in Papeete