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Nochmal Tatoosh

Fr., 16.Dez.16, Bonaire, Kralendijk, Tag 931, 8.715 sm von HH

Dass man für Geld keine Gesundheit, Glück und Zufriedenheit kaufen kann, ist hinlänglich bekannt.
Für alles andere gibt es die Visa-Card.
Außer für einen Liegeplatz, der ist unbezahlbar.

Das muss auch schmerzlich die ‚Tatoosh‘ erfahren.
Immer wenn zwei Kreuzfahrschiffe gleichzeitig hier sind, muss sie weg.
Für drei Schiffe ist einfach nicht genug Platz an der Pier.
Da muss der edle Milliardärs-Dampfer den schnöden „Mein-Schiff-Touristen“ Platz machen. :mrgreen: Wer hätte das erwartet?

Bereits zweimal wurde die ‚Tatoosh‘ vertrieben und kommt an Tagen ohne, oder nur mit einem, Kreuzer zurück.
Wo sie die Wartezeit verbringt, bleibt ihr Geheimnis. Ankern ist um Bonaire erst ab 60 Meter Wassertiefe erlaubt.
Das mag die ‚Tatoosh‘ noch können, aber Achim glaubt, dass die auf offener See mit Bug- und Heck und sonstwie-Ruder auf der Stelle gehalten wird.

Irgendwie uncool, wenn man alle zwei Tage von seinem Platz vertrieben wird.
Auch mal schön zu sehen, dass für Geld nicht alles zu haben ist. ;-)

Tatoosh

So., 04.Dez.16, Bonaire, Kralendijk, Tag 918, 8.715 sm von HH

Auch Bonaire wird von Kreuzfahr-Schiffen angelaufen.
Von den „Aidas“ und Gleichartigen. Aber was da am Sonntag-Vormittag auf Kralendijk zukommt ist ein anderes Kaliber. Es ist die Tatoosh.

Diese Privat-Yacht gehört dem Mitbegründer von Microsoft, Paul Allan. Das Schiffchen ist 92 Meter lang und rangiert zur Zeit auf Platz 42 der größten Motoryachten.
Dass es zwei Hubschrauberlandeplätze, ein Motor-Beiboot und diverses Wasserspielzeug wie Jet-Skis und dergleichen gibt, berührt uns nicht. Aber dass die Tatoosh an der Seite Platz für ein Segelschiff unserer Länge hat, das ist ausgesprochen frech.

Ob der kleine Bei-Segler im Kaufpreis von 100 Millionen USD enthalten war, ist nicht herauszubekommen. Durch den eingebauten Kalkstein-Kamin, Hummertank und 30 Mann Besatzung wird jede Seemeile mit Sicherheit zu ‚Erholungstagen auf See‘.

Die Tatoosh ist nur die „kleine“ Yacht von Paul Allan. Da es ihm dort wohl etwas eng wurde, gab es zu Weihnachten noch ein neues Spielzeug: die Octopus (Nummer 14 auf der Liste) mit 129 Metern und integriertem U-Boot. :shock: Sachen gibt’s.

 

Willkommen auf Bonaire

Sa. 03.Dez.16, Bonaire, Kralendijk, Tag 917, 8.715 sm von HH

Bonaire ist eine ‚besondere‘ Gemeinde der Niederlande.
Das merkt man gleich, wenn man sich Bonaire von See annähert. Wenn bei anderen Inseln Stunden vorher ‚Land in Sicht“ gebrüllt wird, so herrscht bei der Anfahrt auf Bonaire betretenes Schweigen…nichts zu sehen. :shock:

Also, wenn der Holländer eins kann, dann Siedlungen unterhalb der Grasnarbe bauen.
So auch auf Bonaire. Keine andere Nation käme auf die Idee so einen Pfannkuchen zu besiedeln.

 

Als wir vom offenen Meer in die Abdeckung der Insel kommen, haben wir göttliche Segelbedingungen. Die zwei-Meter-Dünung fällt spontan in sich zusammen. Der Wind pfeifft weiterhin mit 25 Knoten über die Südspitze. Salzberge, die die höchsten Erhebungen der Insel zu sein scheinen, halten den Wind nicht auf.

Wir müssen das Vorsegel auf die andere Seite bringen und nehmen die Fock dafür.
Das kleine Tuch zieht uns mit 7,5 Knoten dem Ziel entgegen.

Rick von der ‚Duplicat‘ kommt uns schon mit dem Dinghy entgegen, um uns eine freie Mooring zu zeigen und zu helfen. Somit liegt jetzt ein Viertel der Teilnehmer der Nereid’s Rally in Reunion beieinander. Die Segler-Welt ist klein und man trifft sich immer wieder.
Zum Einklarieren muss ich mit.
Üblicherweise übernimmt Achim den undankbaren Job alleine. Häufig sind endlose Formulare auszufüllen. Geduld und eine ‚Jawoll-Herr-König-Haltung‘ an den Tag zu legen, sind dort gut investierte Fähigkeiten. Ich rolle viel zu schnell mit den Augen und ‚darf‘ sonst nicht mit.
Hier will man mich aber persönlich sehen. Also kommt Achim zum Schiff zurück, um mich zu holen.

Das Prozedere fängt gut an. Der zuständige Beamte kommt uns 100 Meter vor dem Gebäude im Auto entgegen. Zum Glück erkennt er Achim und signalisiert ihm: „Bin gleich wieder da“.
Wir meinen fünf Minuten verstanden zu haben. Nach einer halben Stunde kommt er dann tatsächlich zurück.
Mit einer provokanten Langsamkeit steigt er aus dem Auto und kommt auf uns zu. Mein Lächeln und Gruß ignoriert er ohne die Miene zu verziehen.
Okay, mein Gehirn formuliert das erste Mal „Idiot“.
Kurz bevor er uns erreicht, biegt er ab und geht auf die andere Straßenseite, weil er von dort einen Ruf erhält. Er geht zu einem Imbiss-Stand und nimmt zwei Styropor-Kästen mit seinem späten Mittag in Empfang.
Er kommt zu uns zurück, schließt auf, wir bleiben im Vorraum und sehen ihn mit seinem Essen im Hinterzimmer hinter einer Glasscheibe wieder auftauchen.
Dort begutachtet er sein Essen und wählt als erstes einen Sate-Spieß von dem er herzhalft abbeißt.
Kauend geht er in ein weiteres Hinterzimmer. „Großer Idiot“ formuliert mein Großhirn.

Mit Papiertüchern in der Hand kommt er zurück und greift sich nun zwei kleine Mini-Frühlingsrollen. Ich rutsche schon auf meinem Stuhl hin und her und finde den Halbgott sekündlich unausstehlicher.
Da kommt er mit zwei der eingewickelten Rollen auf uns zu und reicht sie uns mit den Worten: „Herzlich willkommen auf Bonaire und guten Appetit.“

Peinlich. Ich hoffe, er kann keine Gedanken lesen und leiste im Geiste ganz doll Abbitte. :oops:

Bonaire ist cool. Nicht nur, dass das Einklarieren nichts kostet, hier gibt es sogar noch einen Snack oben drauf.

 

Ankunfts-Falle Bonaire

Di. 29.Nov.16, Grenada – St. George’s, Tag 913, 8.319 sm von HH

Grenada macht es uns leicht, Morgen früh ‚good bye‘ zu sagen und Anker auf zu gehen. Regenschauer, Boen, grauer Himmel… Aufbruch-Wetter.

Bis nach Bonaire sind es knapp 400 sm ( 740 km ). Laut Wettervorhersage ist Morgen das Schwachwindgebiet vorbei (Grüße an die Balou und La Joya  :mrgreen: ) und normaler Passat-Wind mit einer Südkomponente erwartet uns.

Unser Reise-Schnitt liegt zwischen 5 und 5,5 Knoten, macht rechnerisch eine Segeldauer von ca. 80 Stunden. Starten wir Morgen mit Sonnenaufgang und wollen im Hellen ankommen, haben wir ziemlich genau diese 80 Stunden zur Verfügung.

Auf Bonaire will man unbedingt im Hellen ankommen.
Die Anfahrt ist einfach, keine fiesen Buchten, keine Riffe, alles tutti.
Bonaire hat aber eine Besonderheit: man darf nicht ankern.

Also um Mitternacht ankommen, den Anker fallen lassen, ist nicht. Der gesamte Seeraum um Bonaire ist Marine-Park und wir müssen an eine Boje gehen. Oder in die Marina. Aber das ist im Dunkeln ebenfalls keine Option.
Dass wir eine Boje im Dunkeln finden, ohne Mond, bezweifeln wir. Daher lautet der Plan, nicht wieder eine Stunde nach Sonnenuntergang anzukommen.
Diesmal gibt es weder Plan B, noch C oder D. Diesmal muss das sitzen.

Auf 80 Stunden genau zu planen, ist nicht möglich. Zuviel kann dazwischen kommen und die Windvorhersagen werden auch per Würfel gemacht.
Daher, drückt uns die Daumen, dass es diesmal passt.

 

 

Gummibereifte Kasperbuden

So. 27.Nov.16, Grenada – St. George’s, Tag 911, 8.319 sm von HH

Ein Begriff, der häufig unter Motorrad-Fahrern Verwendung findet.
Die Puristen, die Naked-Bike-Fahrer machen sich so über überladene Motorräder wie ‚Gold Wings‘ oder überfrachtete Harleys lustig: Vollverkleidung, Rückwärtsgang, Plüschteddy und Sitzbank-Bezug in Tigeroptik für Muddi, die hinten drauf thront.

Dieser Tag fällt der Begriff (für den es sogar ein Akronym ‚GBKB‘ gibt) an Bord sehr häufig. Schuld daran sind die Kreuzfahrer, die sich vor St. George’s die Klinke in die Hand geben. Die Kreuzfahrer-Saison in der Karibik ist eröffnet…jeden Tag liegen zwei der glitzernden Kleinstädte an der Pier vor der Altstadt. Die blinken und funkeln wie übergroße Weihnachtsbäume.

Traumschiff

Traumschiff

 

 

 

 

 

 

 

 

Meist kommen sie mit Sonnenaufgang oder im Laufe des Vormittags an. Wir haben den First-Class-View auf die Buden, die 14 Tage Karibik-Rundreise mit ‚All-Inklusive‘ anbieten.
Im wesentlichen fahren alle ähnliche Routen: Barbados, Grenada, ABC, Jamaika, Martinique, St. Lucia, Barbados.

Nachts wird gefahren und morgens befindet man sich in einem neuen Hafen. Strecken auf See werden als ‚Erholungstag auf See‘ bezeichnet. Buchbar sind neben preiswerten Innenkabinen auch Außenkabinen mit Balkon. Einige Balkone haben gemäß Katalog ‚eingeschränkte‘ Sicht, durch vorgelagerte Rettungsboote.
Die Kabinengröße für den normalen Geldbeutel beträgt ungefähr 25 qm. Inklusive Bad.

So, und jetzt kommen wir ins Spiel. Achim sagt, ich soll aufhören nach den Luxus-Dampfern zu geiern.

Mit den Quadratmetern könnten wir locker mithalten und eingeschränkte Sicht hätte ich bei meinen ‚Erholungstagen‘ ebenfalls nicht. „Alles Außenkabine“, sagt er. :mrgreen:
Mein Argument, dass auf der Queen Mary ein Extra sei, dass abends das Bett aufgeschlagen wird und ein Betthupferl wartet, wischt er beiseite. „Dein olles Laken kriegst Du ja wohl noch selber angehoben“.

Die Verweildauer für die Cruiser ist kurz. Mit Sonnenuntergang legen die Pötte bereits wieder ab. Je nach Niveau der Cruise-Line mit penetrantem 10-fach Gehupe und einer Beschallung übler 80er-Jahre Musik über die ganze Bucht oder einem gepflegten 3-fach Signal.

Bis zu 2.500 Menschen verleben gemeinsam ihren Urlaub im schwimmenden Hotel. Wenn die alle gleichzeitig von Bord strömen, dann tut das dem 7.000 Seelen Ort nicht nur gut.
Konnte ich im August noch normalen Schritts durch die Straßen gehen, so heißt es nun: „Achtung, Kreuzfahrer, orientierungslose Person kreuzt ihren Weg“.

Die Gäste, die nicht durch die Stadt flanieren, werden auf dem Wasser bespaßt. Sonnen- und Strandhungrige werden nach Grand Anse gefahren, einem weitläufigem Strand am Ende der Bucht. Im 10-Minuten-Takt düsen die Barkassen durchs Ankerfeld. Wissen die nicht, dass es gilt, Sog-und Wellenschlag zu vermeiden? ;-)
Zwiebeln rollen schon quer durch die Bude.

Schön finden wir auch die organsierten Schlauchboot-Ausflüge. Ein Leit-Boot fährt vorweg und acht bis zehn Schlauchboote wie die Lemminge hinterher.
In aller Fairness muss man sagen, dass der Trip wahrscheinlich total cool ist, wenn man noch nie im Leben Schlauchboot gefahren ist – 15 PS Außenborder, mit Lenkrad und Sitz…da kann der Atanga-Skipper schon mal neidisch gucken.

Allabendlich betrachten wir die Cruiser und diskutieren, ob wir tauschen wollten oder nicht.  Unseren schlichten Dampfer gegen die aufgerüschten Luxus-Schiffe mit Mega-Buffet.
Mir wäre es zu wenig Verweildauer an einem Ort, aber den Betthupferl, den hätte ich schon gerne. ;-)