Ein Dinghy steht Kopf

 Mo., 14.Jan.19, Chile/Osterinsel/Hanga Roa, Tag 1688, 15.744 sm von HH

„Du guckst nach hinten und sagst mir, wann eine Welle kommt“, fordert Achim mich auf. Wir befinden uns noch vor der Stelle an der Hafeneinfahrt, wo die Wellen anfangen sich brechen. Die Wellen sehen beängstigend hoch heute aus. Komisch, wo kommen die her? „Du kannst da nicht rein“, sind meine letzten Worte.
Achim gibt Gas. Die erste Welle geht unter uns durch, alles gut. Dann kommt schon die zweite angerauscht, baut sich als blau-grüne Wand hinter uns auf. Achim gibt mehr Gas. Wir sind zu langsam. Viel zu langsam. Shit. Dann sehe ich nur noch weiß. Brausend bricht sich die Welle in unser Dinghy. Wir surfen für einen kurzen, glücklichen Moment, dann überschlagen wir uns. Achim und ich werden aus dem Dinghy geschleudert. Es dauert lange bis ich aus der rollenden Welle wieder an die Oberfläche gelange. Viel Zeit, um mir zu überlegen, dass der Außenborder Hackfleisch aus mir macht, sollte er mich treffen.
Die Sorge ist unbegründet, wie sich später heraus stellt. Seit seinem Unglück mit dem Dinghy, benutzt Achim immer (!) das rote Spiralkabel für den Notaus des Motors.

Als ich auftauche, bin ich ein gutes Stück vom Schlauchboot entfernt. Es treibt auf dem Kopf, Achim dicht daneben. „Alles in Ordnung bei Dir?“ Ich bekomme ein okay. Die nächste Welle rollt heran. Nimmt uns ein Stück Richtung Ufer mit. Bloß weg von den Felsen links neben uns, denke ich, und schwimme Richtung Hafen. Der ist nicht mehr weit, vielleicht zweihundert Meter. Achim sehe ich beim Dinghy. Die ersten Wellenreiter, die sich in der Brandung amüsieren, sind bereits auf dem Weg zu ihm. Schwimmend sammel ich unsere Wanderschuhe ein, die wir für unseren geplanten Ausflug dabei haben. Ein Schuh von Achim, einer von mir. Ich finde es selber merkwürdig, dass ich das registriere. Ich entdecke noch Achims Kappe und einen gelben Spachtel.

Einer der Surfer paddelt zu mir rüber. Er übergibt mir sein Surfbrett, damit ich leichter schwimmen kann mit dem halben Hausstand im Arm. „Geht es Dir gut?“ Als ich nicke, lässt er mich zurück und schwimmt Achim zur Hilfe. Zu viert scheint es ganz einfach zu sein, das Schlauchboot wieder richtig herum zu drehen. Achim hat den Eindruck, dass die Jungs das nicht das erste Mal machen.

Ich habe vielleicht noch hundert Meter zu schwimmen, da kommt ein Fischerboot aus dem Hafen. Die Jungs nehmen mir Schuhe und das Surfbrett ab. Ein beherzter Griff unter meine Achseln und ich werde wie ein nasser Sack ins Boot gehoben. In der Zwischenzeit sind die drei Surfer und Achim in unser Dinghy geklettert, eine Leine wird zu uns übergeworfen und das Fischerboot zieht unser Dinghy in den Hafen.  
Als ich aus dem Fischerboot klettere, zittern mir die Knie. Jetzt fährt mir richtig der Schreck in die Knochen. Die Fischer wehren meinen Dank mit einem Winken ab. „Siempre.“ Immer gerne. 

Der Schaden
Ich gehe zu Achim auf die andere Seite vom Hafenbecken, wo er mit dem Dinghy angelandet ist. Alle Knochen heil, beide haben wir nicht eine Schramme davon getragen. Wir beglückwünschen uns, das ist das wichtigste.
Wir schreiten zur Schadensbegutachtung. „Nein, sag nichts, ich könnte auch heulen“, findet Achim. Meinen Rucksack hat Achim aus dem Wasser gefischt, seinen trug er auf dem Rücken. Ein Wanderschuh lag noch im Schlauchboot, den zweiten fehlenden haben die Fischer gerettet. Da kommen noch einmal die Surfer um die Ecke mit unserem Dinghy-Anker, der aus dem Schlauchboot gefallen war. Den haben sie extra für uns hoch geschnochelt. Sie wollen nichts von uns haben. Nicht mal ein Dankeschön hören. Alles selbstverständlich, gern geschehen. Take care!

Lächeln fällt noch etwas schwer
Lächeln fällt noch etwas schwer

Unsere Rucksäcke triefen. Wir hatten alles dabei, schließlich wollten wir heute zum Krater ‚Rano Kau‘ wandern, einer der Hauptattraktionen auf der Insel. Achims gute, alte Nikon, eine Spiegelreflexkamera, tropft wie ein Kieslaster. Die ist hin, trotz wasserdichtem Beutel. Dieser Beutel reicht offensichtlich nur für einen Regenschauer, nicht zum Schwimmen. Das ist ja mal richtig Mist. Die Objektive könnten es überlebt haben. Ohne Kamera ist das nicht festzustellen.
Ich bin das erste Mal froh, dass ich immer total spießig meinen Fotoapparat und meine Videokamera in Klick-Boxen transportiere. Diese umständliche Handhabung hat mich so manchen Tag schon affig gemacht. Heute bin ich die Gewinnerin. Beide Teile leben noch. Hurra, wenigstens etwas.
Mein e-Reader ist tot. Den wollte ich erst an Bord lassen, aber da ist der Reiseführer für die Osterinsel drauf. Nicht wasserdicht verpackt. Eigene Schuld. Blöd gelaufen.
Meine und Achims Sonnenbrille liegen auf dem Meeresgrund. Da besteht noch Hoffnung, dass wir die an einem ruhigen Tag beim Schnorcheln wieder finden können. Meine Brille ist ein herber Verlust, ist das doch meine einzige Sonnenbrille mit Gläsern in meiner Sehstärke.
Außerdem sind meine Wandersocken weg. Meine besten Wandersocken. Nagelneu! :cry:

Unser Hab und Gut
Unser Hab und Gut

Während wir uns mit ‚hätte, hätte‘ beschäftigen und die einrollenden Wellen beobachten, kommt der Port-Kapitän zu uns. Der Hafen sei ab sofort für kleine Boote gesperrt. Es tut ihm leid mit unserem Unfall, die Wellen wären in seiner Vorhersage nicht zu sehen gewesen. Wenn wir zurück an Bord wollen, müssen wir einen der Fischer fragen, ob er uns fährt. Na, das ist ja prima, schade, dass die Info etwas spät kommt.

So ein Otto hat uns umgeworfen
So ein Otto hat uns umgeworfen

Achim widmet sich erst mal unserem abgesoffenen Außenborder. Ich organisiere etwas Papier, um unsere Dinge aus dem Rucksack abtrocknen zu können. Triefnass frage ich an einer der Tauchbasen an. „Es ist gefährlich heute mit den Wellen“, bekomme ich zu hören. Man müsse sie zählen (angeblich ist nur jede neunte Welle hoch, so wie damals bei Papillon), abwarten und dann Gas geben. Und es wird noch schlimmer mit den Wellen. Die kommen aus Westen, geschickt von einem Schlechtwetter-Gebiet. Morgen ist der Hafen mit Sicherheit auch noch gesperrt.
Hm, zwei Tage hier an der Pier ohne Schuhe und in nassen Klamotten zu campieren, gefällt mir nur mäßig.

Achim repariert erfolgreich und in rasender Geschwindigkeit den Außenborder. Den Vergaser bekommt er in der Zwischenzeit im Schlaf heraus operiert, nur mit Hilfe seines Lethermens. Den Einlass des Motors spült er mit Süßwasser, Zündkerzen raus und am Anlasser ziehen. Die beiden Zylinder flutet er mit Benzin. Das war’s. Gott, wäre doch alles im Leben so einfach (später an Bord wird noch alles mit WD40 gereinigt).

Da sehen wir unsere neuen Liegenachbarn mit ihrem Dinghy in den Hafen schießen. Pudelnass. Ihnen ist eine Welle in ihr Schlauchboot gestiegen und ihr Außenborder hatte kurz Grundberührung. Allerdings ohne großen Schaden. Die Glücklichen.

Nach drei Stunden haben wir uns so weit sortiert, dass wir versuchen jemanden zu finden, der uns zum Schiff zurück bringen kann. Die Tauchbasen winken ab. Auch für sie ist der Hafen in der Zwischenzeit gesperrt worden. Ein- und Auslaufen verboten. Wir sollen es bei den Fischern versuchen. Die seien abgebrüht und fahren bei jedem Wellengang, obwohl es ihnen auch verboten ist. Wir finden Fischer Mario. Klar, kein Problem, er fährt uns.
Das Dinghy will er aber nicht in Schlepp nehmen. Dann wäre er zu langsam bei der Ausfahrt. Er nimmt Achim an Bord und ich traue meinen Augen nicht. Gemeinsam zerren sie mal eben unser Dinghy quer auf das Fischerboot. Auf dem Kahn wird es dann gedreht, damit es halbwegs stabil liegt. Unglaublich. Unsere Klamotten und ich werden ebenfalls aufgenommen und dann geht es los. „Eine tolle Fahrt, eine schöne Fahrt, einsteigen, mit dabei sein“. Vollspeed geht Mario gegen die einrollenden Wellen an. Hart schlagen wir auf Wasser. Bandscheibenkiller. Nach drei Wellen sind wir durch. Friedlich liegt der Ozean vor uns. Zwei Minuten später sind wir bei Atanga. Jetzt brauchen Achim und Mario nur noch das Dinghy wieder vom Fischerboot zerren.

Mario nimmt unser Schlauchboot mal eben Huckepack
Mario nimmt unser Schlauchboot mal eben Huckepack
Das Dinghy kommt wieder runter
Das Dinghy kommt wieder runter

Was lernen wir daraus?
So schnell kann das also gehen, dass ein Dinghy Purzelbaumschlägt. :mrgreen: Unsere Erfahrungen mit Brandung waren noch jungfräulich. Teures Lehrgeld haben wir da heute bezahlt. Wir hätten uns beide auf den Boden des Dinghys setzen sollen, um den Schwerpunkt zu verlagern. Und wir hätten auf einen besseren Zeitpunkt zum Einfahren warten sollen. Wir hätten die Wellen länger beobachten sollen. Hätten, hätten … Wir haben es unterschätzt und zum Unglück kam auch noch Pech dazu. Nur für Erwachsene, habe ich neulich noch geschrieben. Tja, das ist wohl so.

Klugscheißer-Modus:
Nur fürs Protokoll, nicht etwa, weil ich es besser wusste, also nur fürs Protokoll, sei hier folgendes angemerkt. Ich habe es gleich gewusst! ;-) Schon beim ersten Blick morgens auf den Hafen, sage ich zu Achim: „Das sieht ja heute komisch aus, die Wellen bilden eine durchgehende weiße Linie. Ich sehe gar keine Einfahrt.“. Also, ich mein ja nur, fürs Protokoll.

Am späten Nachmittag sind die Wellen sogar von der Rückseite beeindruckend
Am späten Nachmittag sind die Wellen sogar von der Rückseite beeindruckend
Hinter den Wellen liegt der Ozean wie ein Handtuch da
Hinter den Wellen liegt der Ozean wie ein Handtuch da

8 Gedanken zu „Ein Dinghy steht Kopf

  1. Ferry

    Uiuiuii, ihr Armen!

    GsD ist Euch nichts passiert! Die Kamera kann man ersetzen. Jetzt erholt Euch erst einmal von dem Schrecken und dann genießt die Insel.

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    1. Jörg

      Weil ich auch so gut klugscheißen kann:
      Es gibt auch recht wasserdichte Rücksäcke, z.B. von Overboard, hab ich schon auf vielen Dinghies im Einsatz gesehen.
      Der Hinweis auf das Notstop Kabel war wichtig, ich habe das nie unter diesem Gesichtspunkt gesehen und mehr für „Rase-Dinghies“ als notwendig erachtet.

      Danke !

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      1. Sabine

        Wir kennen zwei Boote mit diesen Säcken. Geplatzte Nähte nach einem Jahr. Auch ärgerlich, denn die sind ganz schön teuer.

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  2. Will

    wow, beim lesen ist es mir schon „naß“ den Rücken runtergelaufen. Gut das euch nichts passiert ist und schön zu lesen, dass die Hilfsbereitschaft so groß ist. Das ist ja leider nicht immer der Fall.
    Echt was los bei euch…

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  3. Christina

    Oh nein! Ihr Armen!!! Zum Glück ist euch nichts passiert, das ist das Wichtigste. Wir hatten auch schon einen Dinghi-Unfall, allerdings beim Verlassen eines Strandes. Unterschätze nie das Meer…

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