Tag 17 ==> NZ – „Fun Sailing“

Mi.,3.Nov.2021, Pazifik, Tag 2711, 24.257 sm von HH

Um vier Uhr morgens wache ich auf, weil ich einmal quer durch meine Koje rutsche. Atanga liegt hart auf der Seite. „Das kann nur ein Squall sein. Den ganzen Nachmittag und die Nacht über war es ruhig“, denke ich. „Achim macht das schon“. Ich dreh mich um und versuche das Heulen vom Wind zu ignorieren. Vergeblich. „Hier gibt es ja gar keine Squalls mehr.“ Und dann fällt mir außerdem ein, dass wir auf meinen Wunsch das Groß am Nachmittag ausgerefft haben, damit wir irgendwann auch mal ankommen. Ich stehe auf und schau mal nach. Der Skipper hockt im Cockpit mit Schwerwetterkleidung. „Wir haben 30+ Knoten Wind. Schwer zu bändigen.“ Ich schlage ihm vor, dass ich einen Tee koche, noch etwas wacher werde und ihn dann ablöse.

Der Tee steht in der Spüle und ich will gerade in meine Gummihose schlüpfen, da kippt Atanga von einer Seite zur anderen. Alles, was auf den Bänken der sicheren Seite liegt – Klamotten, Bücher und Strickzeug – fliegt quer durch die Bude. Es hagelt Zeug auf mich nieder. Der Tee spritzt im hohen Bogen bis zum Navitisch. „Wir fahren auf der falschen Seite“, brüllt es aus dem Cockpit. „ich drehe zurück, Achtung!“ Das war wohl eine Patenthalse. Zum Glück war das Groß dicht geholt. Nichts passiert, außer einem Schrecken.

Ich ziehe mich fertig an und übernehme das Ruder. Das ist tatsächlich kaum zu bändigen. Achim hat Recht. Hatte ich vom Salon aus noch innerlich milde gelächelt, muss ich Abbitte leisten. Ich muss am Rad kurbeln wie eine Verrückte. 90 Grad Backbord, 90 Grad Steuerbord zurück. Ich bekomme den Appelkahn nicht stabil auf einen achterlichen Wind gebracht. Die Kiste luvt an, Gegenruder, die Kiste luvt mehr an, mehr Gegenruder. Schweißtreibend und mit wenig Effekt. Am liebsten würde ich das Groß weiter ausstellen, Achim ist dagegen, solange der Kahn nicht stabil läuft. „Wenn dir dann eine Patenthalse passiert, kostet uns das den Baum.“ Kaum hat er’s gesprochen, kommt auch mir das Großsegel über. Ich verstehe das nicht, das ist ja noch nie passiert. Der Wind schwankt zwischen 23 und 33 Knoten, aber daran allein kann es nicht liegen. Bleibt als Lösung nur noch, dass wir das Groß reffen. Aber es ist noch stockdunkel und ich mag es nicht so gerne, wenn Achim im Dunkeln an den Mast geht. Schon gar nicht, wenn wir so hart auf die Seite gedrückt werden. Ich kurbel also noch eine knappe Stunde weiter – bis zur Dämmerung.

Das Reff bringt nicht wirklich Erleichterung am Ruder, nur in der Krängung. Der Windsteueranlage das Ruder zu übergeben, daran ist gar nicht zu denken. „Ich schau mal nach Herta“, sagt Achim. Er kommt mit der Problem-Lösung zurück. Das Pendelruder der Anlage war aus seinem Zahnrad gesprungen und hat gegen das Hauptruder gearbeitet und eine Kurs-Stabilität verhindert. Von einer Sekunde zur anderen ist alles gut. Das Ruder reagiert wieder auf das, was ich mache. Herta kann eingekoppelt werden. Alle happy.

Es ist inzwischen 6:30 Uhr morgens. Dauerhaft Windstärke sieben. Der Wind dreht etwas auf Westen ein. Halbwindkurs. Unter Deck kommt man nur mit dem Affen-Hangel-Griff von vorne nach hinten. Die Wellen drücken. Diese Drücker sind beim Segeln für mich das Schlimmste. Diese ätzende Beschleunigung auf den Köper. Total unangenehm. Und auf Dauer zermürbend. Um 8:00 nimmt der Wind etwas ab, pendelt sich bei 24 bis 26 Knoten ein. Leider dreht er noch weiter auf Westen. Das Ziel verlangt einen Kurs ‚am Wind‘. Die n-Meter hohe Welle – wir haben keine Ahnung – hoch jedenfalls. Drei Meter, vier Meter vielleicht. Diese Welle rollt uns jetzt schräg von vorn entgegen. Aus achterlichen 6 Knoten Speed sind nun 3,5 Knoten gegenan geworden. Wind und Welle können von mir aus bleiben, aber am Wind segeln muss nicht sein. Wir wackeln, wir nehmen Wasser an Deck und es tropft an diversen Stellen im Salon. Es ist in diesem Augenblick 16:00 Uhr – 30 Knoten wahrer Wind … irgendjemand könnte nun sagen „war alles nur Spaß“.
Dieser Törn nach Neuseeland entspricht den zig-fach in Büchern und auf Blogs gelesenen Beschreibungen. Da das Internet nicht vergisst, wird sich unserer Bericht für nachfolgende Segler in die Reihe der Neuseeland-Grusel-Geschichten einreihen. :mrgreen:

Tagesmeilen – 99 – Restmeilen direkter Kurs: 409
Position: 30° 57,7 S – 179° 35,3 W

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