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Hürdenlauf in Luganville

09. – 14.08.2026; Vanuatu/Luganville; Tag 4.453 – 58; 30.098 sm total

 So einiges haben wir über Luganville im Vorwege gelesen. „Schwierige Stadt“, heißt es. Aber es geht nichts über eigene Erfahrungen: Luganville ist mehr als ein simpler Hürdenlauf, eher ein Hindernisparcours in unwegsamem Gelände.

1. Hürde: Wo parken wir das Boot?
Eine Marina gibt es nicht. Sollen wir ankern auf der Stadtseite mit Schwell und auflandigem Wind oder eine Mooring auf der falschen Seite des Meeresarms mieten?
Wir entscheiden uns für die Mooring. Gleich am ersten Nachmittag überholen wir mit gekipptem Tidenstrom unsere eigene Mooring-Leine. Jetzt klopft der harte Ball an Atangas Bug. Sehr unangenehm, nicht nur für den Rumpf. Wir holen die Mooring-Leine dicht.  Ein schnell geschriebener Satz. Gegen zwei Knoten Strömung und mit der Leine unter dem Kiel ziehen wir nicht mal eben den Ball nach oben. Achim muss sogar das Dinghy klarmachen, um von unten arbeiten zu können. Anders wird das nichts. Eine gute Stunde später ist Schluss mit der Klopferei.
In den Mietbedingungen der Moorings steht, dass man das nicht machen soll. Paul, unser Mooring-Vermieter, wohnt in Sichtweite gleich gegenüber, sieht unseren Ball schweben und sagt nichts dazu. Prima, guter Mann.

2. Hürde: Wie kommt man auf die andere Seite?
Die Entfernung von zwei Kilometern ist machbar mit dem eigenen Dinghy. Allerdings ist die Strecke kein glattgezogener Binnenteich. Es kabbelt hart, wenn Wind gegen Strömung steht. Uns steht nicht der Sinn nach Experimenten mit Einkäufen gegen den Schwell zu motoren. Ein Wassertaxi soll es sein. Eine gute Entscheidung, wie gleich die erste Fahrt beweisen soll.

3. Hürde: Wie rufen wir ein Wassertaxi?
Es gibt Telefonnummern der Taxifahrer im Internet. Keiner hat WhatsApp. Wir haben keine SIM-Karte. In Zeiten von Starlink ist das doch überholt, oder? Nee, ist es nicht. Paul war so nett, uns anzubieten, dass er uns einmal (aber nur einmal! – O-Ton) einen Taxifahrer ruft. Wir sollen einfach eine WhatsApp schicken.
Das machen wir am nächsten Morgen. Statt eines Taxis kommt Paul. Er muss ohnehin in die Stadt und nimmt uns mit. Nicht ohne Grund fährt er erstmal einen halben Kilometer am Ufer lang. Jetzt ist der Winkel besser zu Wind und Welle. Beides kommt von hinten. Viel nützt das nicht. Und Paul scheint es eilig zu haben, sehr eilig. In Rekordzeit peitscht er uns durch den Schwell. Die Wellen haben einen knappen Meter. Es ist besser als Achterbahnfahren, nur feuchter. Wir sind tropfnass als wir Luganville erreichen.

Das Wassertaxi kommt auf Anruf, wenn man dann eine SIM-Karte gekauft hat.

Je nach Wetter und Kundenfreundlichkeit sind die Überfahrten unterschiedlich nass. Der Weg zurück mit den Einkäufen ist der holprige.

Auf der anderen Seite hängt Atanga an der Moorring. Es sieht harmlos aus, kann aber garstige Wellen haben in dem Meeresarm.

4. Hürde: Müll!
Der Müll der letzten zwei Monate wartet im Bad und Vorschiff auf die Müllabfuhr. Die kleinen Inseln haben schon genug Probleme mit ihrem eigenen Müll. Biomüll werfen wir nachts über die Kante, den Rest stapeln und falten wir in Tetris-Manier ineinander. Paul winkt gleich ab. Bei mir keine Müllentsorgung!
In Luganville kann man fast überall rote Säcke kaufen. Nur in diesen Säcken darf man seinen Abfall auf entsprechenden Hochgestellen ablegen. Wer noch gelbe Säcke aus Port Vila hat, der hat Pech. Nicht erlaubt in Luganville.

Dem Junior mal eben sagen, dass er den Müll rausbringen soll, funktioniert in Luganville schlecht. Selbst Achim hatte seine Probleme.

 

5. Hürde: Supermärkte!
Wenn Luganville eines hat, dann sind das Läden. Auf zwei Kilometer Stadtkern verteilen sich wohl drei Dutzend Geschäfte. Häufig kleine Gemischtwarenläden mit Plastikkram und Konservendosen. Nur drei der Geschäfte dürfen sich „Supermarkt“ nennen. Wir stöbern durch das Angebot.
Es gibt keine Butter, keinen Käse, Joghurt oder Salami. Schokolade: Fehlanzeige. Nicht mal Nutella ist zu finden. Okay, wenn das so ist, müssen wir unsere Frühstücksgewohnheiten umstellen. Selbst wenn wir wollten, würden Müsli oder Porridge nicht funktionieren. Es gibt keine Haferflocken, kein Müsli, keine Cornflakes.
Also Marmelade. Im fünften Geschäft werden wir fündig. Die kleinen Plastikbecher haben mal neben Marmelade gestanden. 120 Gramm „irgendwas mit Frucht“. Auf Angabe des Fruchtanteils hat der Hersteller verzichtet. Kein gutes Zeichen. ;-)

Nudeln gibt es auf der ganzen Welt, nicht in Luganville. Ein Supermarkt hat noch drei Pakete Spaghetti. Die gehören nun uns. Die Spirellis daneben, haben Tierbefall. Als wir schon aufgeben wollen, finden wir im letzten Laden Pasta „made in Turkey“. Verrückt! Wir haben die Wahl zwischen Spaghetti und Hörnchen. Alles ohne Tiere. In den Einkaufswagen.

Die Läden sind voll mit Thunfisch und Kräckern. Die werden in Plastikboxen verkauft, ähnlich wie früher Waschpulvertrommeln aussahen, mit fünf Kilo Fassungsvermögen.
Nur ein Supermarkt hat Konserven wie Erbsen, rote Bete und Kichererbsen. Keine grünen Bohnen, keine Champignons. Die Auswahl ist dünn.
Es kommen harte Zeiten auf uns zu. :mrgreen:

Unbegreiflich die Menge an Thunfisch und Makrelen in Dosen. Jeder Laden hat so ein Regal.

Unverkäufliche Fleischpräsentation. Ich habe Vertrauen in die Leute vor mir in der Schlange. Rindfleisch aus Vanuatu wird sogar nach Neukaledonien exportiert und hat einen exzellenten Ruf. Zu Recht!

Die traurigste Abteilung mit Milchprodukten, die wir je in einer Stadt gesehen haben. Nur Margarine!

6. Hürde: Das Schleppen!
Viele Segler geben den Tipp: Hol dir einen Taxifahrer für einen halben Tag und lass dich von Laden zu Laden fahren. Kostet nur 15 Euro.
Das ist eine gute Idee, wenn man nur zwei Geschäfte abklappern müsste. Aber alles, was wir wollen, ist verstreut. Bei ‚Sing Hung‘ gibt es Reis ausnahmsweise nicht im üblichen 25-Kilo-Sack. Der chinesische Shop gegenüber hat Milch. Ein anderer hat Kartoffeln. Dem Taxifahrer wäre es wahrscheinlich egal, uns nicht. „Und jetzt bitte dreihundert Meter weiter. Kurz halten. Nächster Laden.“

Ich würde die Hälfte vergessen, um den Fahrer nicht warten zu lassen. Also schleppen wir selber. Anstrengender, aber einfacher. Mit fünf Fahrten in die Stadt haben wir eine gefühlte Tonne Nahrung und Bier aufs Schiff geschleppt.
An drei Vormittagen habe ich 28 Gläser Hackbällchen und deren kulinarische Freunde eingekocht.

 

7. Hürde: Dreckwäsche!
Eigentlich hat Paul einen Wäsche-Service für seine Mooring-Mieter im Angebot. Die Maschine ist kaputt. Eine neue ist bestellt. Das nützt uns nichts. Jetzt sollen Handtücher und Bettwäsche gewaschen werden. Es wird Zeit!
In Luganville gibt es eine einzige Wäscherei. Wobei das nicht die richtige Beschreibung ist. In einem Haus wäscht eine Frau in ihrer Waschmaschine Wäsche auch für andere Personen. Das Kilo kostet 3,20 Euro. Trocknen noch einmal extra 2,50 Euro. Theoretisch kann man auch waschen ohne trocknen. Ich versuche, mit der jungen Frau einen Konsens zu finden. Vergeblich. Wann ich trocken bringen soll und nass wieder abholen kann, ist nicht aus ihr herauszuholen. Ob sie kalt wäscht oder mit wenigstens mit 30 Grad ebenfalls nicht. Müsste ich wetten, würde ich auf kalt tippen.

Viel Geld für Kaltwäsche und Trocknen, was auf der nassen Überfahrt mit dem Wassertaxi mit einem Streich zunichte gemacht werden kann.
Ich entscheide mich, es selber zu waschen. Auch kalt. Aber immerhin ist meine Arbeitskraft kostenlos. :mrgreen:
Handtücher machen das, was sie sollen, sie saugen Unmengen an Wasser auf. Der Verbrauch ist alles andere als ‚Eco-Tech‘. Achim fährt zu Paul und holt Wasser. Das ist einfach, wenn man davon absieht, dass der Wasserhahn keinen Schlauch hat und er beim Befüllen, den 20-Liter-Kanister dauerhaft hoch halten muss.

Den Handtüchern habe ich eine Behandlung mit Bleiche gegönnt. Sie hatten den Geruch von vergessenem Badezeug, das eine Woche im Schulranzen lag. Jetzt hängen sie seit 30 Stunden im Regen und fangen wahrscheinlich wieder zu stinken an. :cry:

Ein echtes Pony-Hof-Leben für uns beide.
Und dann sind da auch noch die echten Erfolgsgeschichten.

Die Lichtblicke

1. Lichtblick: Der Frische-Markt!
Der kann mit überbordenden Märkten in Südamerika nicht mithalten. Jedoch sind wir zufrieden. Das erste Mal finden wir Weißkohl in Vanuatu. In rauen Mengen liegen Gurken, Tomaten und grüne Paprika auf den Tischen. Die Früchteseite bietet das Übliche: Bananen, Pampelmusen und Papaya. Alles ist preiswerter als in Port Vila.
Der einzige Pferdefuß: der Markt liegt am Ende des Stadtkerns. „Was, du willst zwei Kürbisse …?“

Eine Rarität auf dem Markt – haben wir noch nie gesehen. Weder in echt, noch auf dem Markt. Palmendiebe. Die größte Landkrabbe. die es gibt, soll ausgezeichnet im Geschmack sein.

Günstiger Einkauf: 8 Euro. Allein die Gurke wiegt über ein Kilo. Guter Geschmack, keine Schmorgurke.

2. Lichtblick: Gasflasche füllen!
Wir haben eine Flasche aus Neukaledonien im Gebrauch. Gefüllt wiegt die 25 Kilo. Zu viel, um sie durch die Stadt zu schleppen. Wir halten ein Taxi an. Achtzig Prozent aller Autos in Luganville sind Taxen. Kleinstwagen, Kia oder Hyundai. Unser Taxi ist von innen so schmutzig, dass man die Sahara mit der Menge an Sand nachbilden könnte.
Aber der Fahrer ist nett und kennt die Gasstation. Er wartet, während die Flasche gefüllt wird, und fasst auch sofort beim Tragen mit an. Die volle Flasche lassen wir am Wassertaxi-Steg. „Hier wird nichts geklaut“, hat uns Paul versichert. „Ich kann Bierkästen und Benzinkanister im Boot stehen lassen.“ Wir setzten auf diese Versicherung und binden unsere Gasflasche mit einem Strick am Baum fest. Am Ufer finde ich einen vertrockneten Palmenwedel. Den stecken wir auf die Flasche. Das ist Trick 17!
Auf Tanna haben wir Palmenwedel auf einem nicht fertigen Kanu gesehen. Das sah so merkwürdig aus und ergab keinen Sinn. In einem Bericht haben wir dann gelesen, dass dies typisch in Vanuatu sei. Palmenwedel auf etwas gelegt, bedeutet „in Arbeit, tabu, Hand ab“. Weiß man das mal, fallen einem diese Palmenwedel im Alltag häufiger auf. Sogar in Port Vila in der Marina war eine Baustelle so gekennzeichnet.

Der junge Mann an der Füllstation zuckt nicht zusammen: Französischer Anschluss auf Deutsch mit einem Adapter getrimmt. Von Deutsch dann auf Amerikanisch mit einem zweitem Adapter. Es gäbe Länder, da würden wir damit vom Hof gejagt.

Kennst du den Trick, ist deine Gasbuddel auch noch da, wenn du nach Stunden wiederkommst. Kein unerheblicher Wert, so frisch gefüllt. Ungefähr 100 Euro mit neuer Flasche, die wir hätten kaufen müssen.

3. Lichtblick: Das Versorgungsschiff!
Von unserem Platz kann man die ganze Stadtzeile überblicken. Mir fällt sofort der kleine Feeder mit zwei Kränen im Einsatz auf. Ein Versorgungsschiff, der Größe nach zu urteilen aus Australien.
Und richtig! Zwei Tage später gibt es Käse, Butter und Schokolade in einem der Supermärkte.

Hipp hipp hurra. Lunganville muss man nur zur richtigen Zeit besuchen.

Luganville ist keine Schönheit. Es liegt auch viel Müll herum. Aber es gibt Viertel-Hähnchen mit Pommes. Das haben wir uns schwer verdient.