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Vanuatu: Das sicherste Katastrophengebiet der Welt

16.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.460; 30.098 sm total

Sonntagnachmittag. Alles ist ruhig auf Atanga. Eine Fliege summt durch den Salon. Ich liege auf dem Sofa, verscheuche sie gelegentlich von meinem Bein und konzentriere mich auf meine Sprachen-App. Achim macht in der Achterkabine das Gleiche. Denke ich zumindest, vielleicht ist er auch eingenickt. Hinten ist es auffällig ruhig.

Plötzlich höre ich ein Rattern. Es rumpelt, als ob ein großes Schiff nahe an uns vorbeifährt. Sehr nahe. Zu nahe. Welcher Trottel will uns da rammen?
Ich springe vom Sofa auf ins Cockpit. Laufe aufs Vorschiff. Nichts zu sehen. Außer unsere Nachbarn auf ihrem Katamaran, die ebenfalls aufgeregt an Deck stehen. Es rumpelt wieder. Achim ist jetzt auch zur Stelle. Mit einem Fragezeichen am Kopf. Unsere Ankerkette kann die Geräusche nicht machen, wir hängen ja am Mooring-Seil. Es rattert erneut. Und dann kommt die Erkenntnis: ein Erdbeben!

Nach ein paar Stößen ist es vorbei. Stärke 6,1. Einhundert Kilometer von uns entfernt. Es rumpelt in knapp 200 Meter Tiefe. Zu schwach und zu tief für einen Tsunami finden wir eine Entwarnung im Internet.
Mein Puls geht wieder auf normal.

Das Erdbeben, das wir deutlich an Bord spüren konnten. Keine Schäden in Vanuatu. Quelle: U.S. Geological Survey

Alle Erdbeben der letzten 7 Tage als orangene Punkte. Die meisten Beben im Land sind schwach und richten kaum Schäden an. Ab 6.0 gilt ein Beben als stark. Davon gibt es in Vanuatu eine Handvoll im Jahr. Quelle: vmgd.gov.vu

In Vanuatu ballen sich die möglichen Naturkatastrophen. Kaum anderswo auf der Welt ist die Bedrohung größer, durch so ein Ereignis zu Schaden zu kommen. Vulkanausbrüche. Tsunamis. Erdbeben. Und weil das noch nicht reicht, kommen im Sommerhalbjahr auch noch Zyklone dazu.
Vor drei Jahren schafften es innerhalb von 48 Stunden zwei Kategorie-4-Zyklone Vanuatu zu überrollen. Während alle noch ihre Häuser sicherten, gab es mittendrin noch ein 6,5-Erdbeben. „Das chaotischste Wochenende im Pazifik“ wurde ausgerufen.
Vor ein paar Jahren hob ein Beben eine Lagune so schnell an, dass die Bewohner mit Eimern bewaffnet Langusten und Fische auf dem neu entstandenen Land einsammeln konnten.
Beim Unterwasservulkan nahe der Insel Epi fing 2023 plötzlich das Meer an zu kochen. Einhundert Meter hohe Dampfwolken zwangen Schiffe zu Umwegen.

Ein gefährliches Pulverfass, dieses Vanuatu.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Kriminalstatistik. Platz 186 von 193 Ländern. In Vanuatu gibt es keine organisierte Schwerstkriminalität, keine Banden und selten Schusswaffengebrauch. Die Alltagskriminalität beschränkt sich in der Regel auf Diebstähle. In Luganville einen auf den Kopf zu bekommen, diese Chance ist kleiner, als vom Tsunami weggewaschen zu werden.

Entsprechend leer sind Gefängnisse. Kleinere Vergehen werden vom Chief des Kustom-Dorfes gelöst. Man entschuldigt sich, als Wiedergutmachung wechselt ein Schwein den Besitzer.
Schwere Delikte, wie Sexualstraftaten, Inzest und Gewalt enden im Gefängnis.

In Port Vila sind wir beim Stadtrundgang am Gefängnis vorbeigekommen. Von außen wirkte es eher wie ein gut gesichertes Internat. Massenausbrüche in Vanuatu machten bereits internationale Schlagzeilen. Die Insassen entkamen einfach durchs Anheben eines Zauns.
Die Häftlinge hatten gar nicht vor zu flüchten, sondern brachen aus, um die Familien zu besuchen, Weihnachten zu feiern oder die Gartenarbeit zu erledigen. Freiwillig kehrten sie in ihre Zellen zurück.

Das Gefängnis in Port Vila. Mit Natodraht gesichert, aber die Wärter saßen im Schatten und haben geschwatzt.

Der sicherste unsichere Ort der Welt. Wir spazieren also weiterhin unbefangen über die Inseln und schließen nachts die Türen nicht ab. Ein gutes Gefühl. Zyklone sind im Augenblick nicht zu erwarten. Den Vulkanen gehen wir aus dem Weg. Bleiben die Erdbeben und Tsunamis – was sagt eigentlich unsere Versicherung dazu?

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Die Kinder in Vanuatu

31.07.2026; Vanuatu/Malekula/Norsup; Tag 4.444; 30.047 sm total

Wir folgen Olson in seinem Ausleger-Kanu mit unserem Kajak an den Strand. „Willkommen auf Norsup. Ich zeige euch die Insel.“ Norsup ist winzig, es gibt keinen Strom, keine Straßen, kein Auto. Trinkwasser muss aus einem Brunnen per Hand nach oben gezogen werden. Schnell haben wir einen Trupp Kinder neben uns. Anfänglich scheu, tauen sie auf, sobald wir sie nach ihren Namen fragen. Julie, Thomas, Samalia, Max und Jill.

Typischer Rundgang durch ein Kastom-Dorf. Sofort hat man Kinder im Schlepptau.

Der Inselbrunnen. Norsup ist extrem einfach. Wir haben auch schon Brunnen mit solarbetriebenen Pumpen gesehen.

Olson spricht Englisch, die Kinder Französisch. Das ist etwas kompliziert in Vanuatu. Zuerst lernen Kinder ihre eigene „Insel“-Sprache, danach Bislama, als verbindendes Element aller Einwohner und danach noch Englisch oder Französisch. Für uns nicht durchschaubar, wohnen Menschen aus englischem und französischem Schulsystem durcheinander in der gleichen Gemeinschaft.

Samalia ist besonders zutraulich. Lächelt viel, kuschelt mit ihrem Arm an meinem, sucht Körperkontakt. Ich kann noch weniger Französisch als sie, wir verstehen uns trotzdem. Samalia gewinnt an Mut, streckt ihre Hand aus und befühlt mein Haar. Was sie fühlt, gefällt ihr offenbar. Sie strahlt und macht eine Streichelbewegung.

Während wir weiter unsere Inselrunde drehen, finde ich in meiner Hosentasche eine silbrige Kette. Nichts Wertvolles. Die habe ich auf einer anderen Insel am Strand gefunden und vergessen, im Dorf an einen Baum zu hängen zum Wiederfinden. Spontan schenke ich Samalia die Kette.
Das Eis ist gebrochen. Sie fragt nun offen, ob sie meine Haare anfassen darf. Ich nicke und nutze die einmalige Gelegenheit: Ich darf auch!
Die Ni-Vanuatu bezeichnen selber ihre Haare auf Englisch als „puffy“. Das beschreibt das enorme Volumen und den Bausch-Effekt der Locken gut.
Es ist fest, aber weich, flaumig und einfach „plusterig“.

Als wir wieder das Kajak erreichen, verlässt uns Olson. Wenn wir mögen, können wir gerne noch am Strand spazieren gehen. Er gibt den Kindern mit auf den Weg, dass sie einfach Bislama mit uns sprechen sollen, das würden wir schon verstehen.

Am Strand fängt Samalia an, nach Muscheln zu suchen. Sie bringt mir eine. Dann eine zweite. Die anderen Kinder folgen ihrem Beispiel. Schnell habe ich beide Hände voll. Achim kramt im Rucksack nach irgendeinem Behälter. Zur großen Begeisterung der Kinder findet er einen großen Beutel. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Kinder brechen in kollektives Sammelfieber aus. Sie strömen über den Strand und füllen den Beutel. Zum Abschied schleppen sie selbstbewusst für uns das Kajak zum Wasser. Sie lassen keinen Zweifel, dass sie die Aufgabe übernehmen wollen. Sie winken uns so lange nach, bis wir Atanga erreicht haben. „Tankyu tumas! Lukim yu!“

Alle helfen mit. Der größte Spaß ist, wenn ich so tue, als könnte ich den Beutel nicht mehr tragen.

Ein wenig ungerecht war es ja schon. Ich hatte aber nur die eine Kette. Die anderen Kinder haben es mit scheinbarer Gelassenheit genommen.

Die Beute. Das freut den Zoll im nächsten Land.

Die schönsten Schnecken dürfen bleiben.

 

Solche unbeschwerten Momente und die herzliche Art der Erwachsenen machen für uns den Umgang mit den Ni-Vanuatu einfach und angenehm zugleich.
Es sind die Kinder, die es zu etwas Besonderem machen. Die Größeren, die bereits Englisch oder Französisch gelernt haben, testen ihre Kenntnisse schon bei erster Annäherung: „Wie heißt du? Woher kommst du?“ Von den meisten Seglern bekommen sie Australien oder Neuseeland zur Antwort, Deutschland ist mal etwas anderes. „Ui, Deutschland, das ist aber weit weg!“ Man sieht es förmlich in ihren Köpfen rattern, wie weit das wirklich weg sein könnte. Achims Spruch, genau auf der anderen Seite der Welt, führt zu Heiterkeitsausbrüchen.

Wenn ich die Kinder frage, ob ich ein Foto machen darf, wird ungeduldig gezappelt. „Warum fragst du denn jetzt erst?“ Sofort wird sich in Positur geworfen. Ein Blick auf das Ergebnis im Display führt zu noch mehr Gelächter. Sie können nicht genug davon bekommen.

Fast immer wird ein Blick aufs Display eingefordert.

Auffällig sind die guten Zähne. Keine Süßigkeiten zu haben, hat Vorteile. Auch die Erwachsenen haben meistens noch ein sehr gutes Gebiss.

Die Kids in Vanuatu wachsen im Trupp auf. Kleine Geschwister immer im Schlepp. Helikopter-Eltern gibt es nicht. Sobald die Kleinen laufen können, ziehen sie los, klettern auf Palmen, paddeln im Meer und knacken Kokosnüsse mit Macheten. Spielzeug? Dafür fehlt das Geld. Sie spielen mit unreifen Pampelmusen Fußball, bis der Ball platzt. Dann wird sich eine neue Frucht vom Baum geholt.

Faden- oder Hexenspiel. Ich habe mich schlecht an die Abnahmen erinnert und total versagt. Natürlich unter johlendem Gelächter.

Die Muster sind kompliziert. Das Band sind verknotete Grashalme.

Gelernter Umgang mit der Machete von klein auf. Mädchen oder Jungen macht dabei keinen Unterschied.

Im Dorf kennt jeder jeden. Vanuatu ist nicht gewaltfrei, so ein Paradies ist wohl auf der ganzen Welt nicht zu finden. Aber in den kleinen Gemeinschaften bleiben Täter nicht anonym. Sobald ein Fremder im Dorf auftaucht, hat er das inoffizielle „Okay“ der Ältesten – sonst wäre er gar nicht da. Dieser Schutz gibt den Kindern die Freiheit, einfach unbedarft anzudocken. Urvertrauen ist das Wort, das mir dazu in den Sinn kommt.
Diese chaotischen, ehrlichen Begegnungen mit den Rasselbanden werden uns tief in Erinnerung bleiben.

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Segelrevier Vanuatu: Insel-Hopping vom Feinsten

18.07. – 29.07.2026; Vanuatu, Ambrym: Ranon + Malekula: Sandwich Bay, Port Stanley, Norsup; Tag 4.431 – 42; 30.047 sm total

Dieses Inselhüpfen in Vanuatu gefällt uns: 29 Meilen, 37 Meilen, 5 Meilen. Morgens los, nachmittags da. Der Wind kommt verlässlich aus Südost. Passat vom Feinsten. Stärke vier bis fünf, in Böen auch mal sechs.
Allerdings sorgen Kap-Effekte und ‚Wind-folgt-dem-Land‘-Regeln für Wirbel und Ablenkungen. Das ist anspruchsvolles Segeln, da sich alle paar Meilen Windstärke und Richtung ändern. Der große Ozeanschwell rollt ebenfalls aus Südosten an. Die vielen Inseln bringen den durcheinander. Abgelenkt durch Landmasse, weiß das Wasser nicht, was es machen soll. Steile Hacksee steht gegen die lange Dünung. Strömungen und stehende Wellen bilden sich an den Küstenlinien. Noch nie haben wir so viele Warnhinweise für Wellen in der Seekarte gesehen wie hier in Vanuatu.

Vor bis zu vier Knoten Strömung wird gewarnt. Stehende Wellen können entstehen.

Meistens stehe ich die gesamten Strecken am Ruder. Das macht Spaß. Abwechslungsreich und teilweise sogar mit echter Ruderarbeit verbunden. Nur die geraden, langweiligen Abschnitte übergebe ich der Windsteueranlage.

Überfahrt nach Stanley – Spaß am Ruder.

Von Ambrym zurück nach Malekula. Die Insel ist so groß, dass sie gut für drei Ankerplätze ist.

Genauso abwechslungsreich sind die Inseln. Pechschwarzer grober Strand wechselt zu rotbraunem Sand. Oder wir ankern vor Mangroven. Seit heute Morgen ankern wir vor einer weißen Sandbank. Türkise Träume mit kristallklarem Wasser sind noch Mangelware. Das Wasser ist meistens leicht trüb. An vielen Plätzen fühlen sich Dugongs wohl. Und neugierigen Bullenhaien mag das auch gefallen.

Schwarzer Stein-Strand auf Ambrym. Diese Steine werden von Frauen und Kindern in alte Säcke gepackt und nach Port Vila in die Hauptstadt geschifft.

Atanga vor rotbraunem Strand mit gleichfarbiger Kuh.

Südsee-Kulisse ohne Türkis in der Sandwich Bay. Total geschützte Bucht. Hier liegen wir ruhig.

Ankern in der Mausefalle in Port Stanley. Nach hinten haben wir drei Schiffslängen, 40 Meter. Der Ankerplatz hat uns bei 25 Knoten Böen etwas nervös gemacht. Das Riff fällt bei Ebbe trocken.

Die Menschen sind zurückhaltend, aber durchaus neugierig, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit erweckt. Als wir auf Ambrym am letzten Tag zum Dinghy zurückkommen, finden wir eine Sauerei vor. Der Benzinschlauch vom Motor hat aus nicht festzustellenden Gründen kontinuierlich über Stunden ins Boot getropft. Mit Wasser vermengt, schwappt ein Liter ölige Zweitakt-Brühe im Dinghy umher.
Und nun? Wohin damit? An den Strand zu kippen, gibt immer so schlechte Presse.
Achim opfert sein Ösfass, einen abgeschnittenen Wasserkanister, und schubst aus dem Lenzloch mit einem Holzstück die Benzinmischung in den Kanister. Längst werden wir beobachtet. Auch eine Horde Kinder ist schon angelaufen gekommen.
Während ich unter dem Baum im Rucksack nach Taschentüchern  zum Wischen suche, sprechen mich drei Männer an: „Was ist passiert?“ Ich erkläre kurz die Situation und bringe Achim die Tücher.
Zum Glück habe ich reichlich. Mit vereinten Kräften, Sand und Salzwasser bekommen wir das Dinghy wieder sauber. Die drei Männer wollen es nun genau wissen. Achim zeigt ihnen den Kanister. „Ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Gibt es einen Platz, wo ich das entsorgen kann?“ Eine kollektive Beratung in lokaler Sprache bricht los. „Gib her, wir kümmern uns drum.“ Wie dieses Kümmern aussieht, werden wir wohl nie erfahren …

Achim und seine neugierige Zuschauer-Schar.

Sofort hat Achim die Kinder um sich herum. Wenn ich ihm bei der Arbeit zuschaue, werde ich weggeschickt: „Schau mir nicht auf die Finger.“ Er kann das so gar nicht leiden. Hier nun gleich fünf Augenpaare auf ihn gerichtet. Ich musste aus der Ferne so sehr lachen. :lol:

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Kava und Kult in Fanla

16.07.2026; Vanuatu, Ambrym, Ranon; Tag 4.430; 29.976 sm total

 Der jährliche Höhepunkt an Magie und Maskentanz findet auf Ambrym in Fanla statt. Ein Dorf im Inneren der Insel. Dass es so etwas heute noch gibt: Keines der gängigen Navigationssysteme wie MapsMe kennt den Weg dorthin. Google Earth zeigt nur dichtes Grün.
Wir fragen in Ranon, wo wir vor Anker liegen, ein paar Einheimische nach der Richtung. „An der Küste geradeaus, dann rechts dem 4×4-Pfad folgen. An der Gabelung links. Oder die Abkürzung vor der Abzweigung nehmen. Spart zwanzig Minuten Lauferei.“ :shock: Das klingt stark nach Verlaufen.

Fanla. Versteckt im Wald.

Seit zwei Tagen treffen wegen des Festivals immer mehr Segelboote ein. Am Ende sind wir dreizehn. So viele Boote haben wir in Vanuatu auf einem Haufen noch nicht gezählt. Ein Crew-Treffen wird organisiert. Infos ausgetauscht: Ein Guide wird uns begleiten und nach Fanla führen. Wer die knappe Stunde die Berge hinauf nicht laufen will, kann im Truck mitfahren. Treffen: Morgen früh um 7:30 Uhr. John wird uns erwarten.

Organisation ist das halbe Leben. Typisch deutsche Tugend? Von wegen!

Unterwegs gibt es ein paar Anekdoten über die Insel von John. 13 Boote, ungefähr 25 Touristen auf dem Festival.

Quer durch den Wald nach Fanla.

 

In Fanla gibt es zur Begrüßung Trinknüsse und Verhaltensregeln. Im Dorf dürfen wir uns frei bewegen, aber sobald wir uns auf dem Festplatz befinden, gelten Tabus. Gäste dürfen nicht einfach aufstehen und sich den Tänzern nähern. Wer sich falsch benimmt, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Fotos sind jederzeit erlaubt.

Nach relativ langer Wartezeit – Inselzeit, wie die Ni-Vanuatu ihre eigene Unpünktlichkeit auf die Schippe nehmen – ertönt verhaltenes Trommeln. Wir werden zum Festplatz geführt. Die Tanzgruppe steht schon bereit. Bei den Männern handelt es sich nicht um Show-Tänzer, sondern um Hüter uralter Geheimnisse. Magier und Würdenträger.
Die ranghohen Chiefs tragen Ketten aus kreisrunden Schweinestoßzähnen und eine rote Blume im Haar. Sie leiten das Dorf, bewahren das geheime Wissen und überwachen die Rituale.

Die Chiefs von Fanla.

Die Tänze beginnen. Guide John nennt uns ihre verschiedenen Namen und Bedeutungen. Auf europäische Augen wirken sie ähnlich. Meistens stehen die Männer im Kreis, die Gesichter zueinander geneigt. Sie singen und stampfen rhythmisch mit den Füßen. Umringen einen Trommler mit Bambus-Trommel. Oder sie versammeln sich um die beiden großen Tam-Tams in der Mitte des Platzes. Der Gesang hat wenig Höhen oder Tiefen, um das Wort ‚monoton‘ zu vermeiden. Ihre Sprache scheint überwiegend aus Vokalen zu bestehen.

Die Schlichtheit der Vorführung hat ihren Reiz. Alle Zuschauer sind vollkommen still, die Weißen wie die Locals. Eine andächtige Stimmung kommt auf. Besonders nachdem John das Applaudieren der westlichen Zuschauer unterbindet.

Der Tanz – überwiegend im Kreis stehend.

Gewagte Kleidung: Nambas werden diese Penisköcher genannt. Die sind je nach Status klein und unauffällig oder aus gefärbten Pandanuss-Fasern.

Nach den Tänzen erfolgt die berüchtigte schwarze Magie von Ambrym. Einige der Chiefs in Fanla gelten als mächtige Zauberer. Ihnen wird nachgesagt, dass sie das Wetter beeinflussen oder mit den Geistern des nahen Vulkans kommunizieren können.
Beeindruckend ist die Zauberei um das magische Bett. Auf eine Reihe lose ausgelegter Blätter legt sich ein etwa zehnjähriger Junge . Die Magier heben die Unterlage samt Jungen an und tragen ihn fort. Die Blätter reißen nicht, die Konstruktion fällt nicht auseinander. Physikalisch nicht zu erklären. Auf Ambrym gilt dies als sichtbarer Beweis, dass die Ahnengeister am Ort präsent sind.

Black Magic – die relativ kleinen Blätter liegen lose übereinander. Es wurde ein paar Mal kräftig drauf gespuckt. Ist das die Lösung?

 

Im Eintrittspreis – nur für Weiße, die Einheimischen zahlen nichts – ist ein Mittagessen enthalten. Ein kaltes Buffet und ein Traum für Veganer: Kürbis und Süßkartoffel mit und ohne Kokos. Yams, Kochbanane und Pak-Choi als gedünstetes Gemüse. Die Yams- und Maniokstücke sind etwas fade, der Rest schmeckt gut.

Buffet auf Vanuatisch.

Einweg-Geschirr – alles, was Farbe hat, schmeckt gut.

Am Nachmittag werden die beiden Tam Tams betrommelt. Und uns die typische Sandmalerei Vanuatus gezeigt. Sowohl Trommel als auch Sandbilder dienten früher zur Verständigung mit anderen Dörfern. Die Bilder wurden als Hinweise hinterlassen.

Tam Tam: Eine Schlitztrommel aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt.

Sie gelten heute als das inoffizielle Nationalsymbol von Vanuatu

Eigentlich sollen die Bilder ohne Absetzen gemalt werden. Bei dieser Zeichnung (Vogel) gab es ein paar magische Fehler.

Sandmalerei im Museum gesehen.

Der Abschluss des ersten Tages ist eine Kava-Verkostung. „Abwaschwasser, fürchterliche Brühe, Brechreiz erregend“, finden Fremde. „Gib uns unser täglich Kava“, sagen die Vanuatu-Männer. Frauen ist das Trinken untersagt.

Jedes Volk hat seine Drogen, im Westpazifik ist es der Pfefferstrauch. Kava wirkt entspannend, angstlösend und lässt die Muskeln weich werden. Der Geist bleibt dabei glasklar, aber der Körper möchte einfach nur noch irgendwo gemütlich sitzen und ins Leere schauen. Man nennt es in Vanuatu das „Kava-High“.

Auf manchen Inseln wird die Kava-Wurzel traditionell nicht zerrieben oder püriert, sondern von jungen Männern oder Kindern so lange gekaut, bis ein Brei entsteht, der dann mit Wasser durch Kokosfasern gedrückt wird. Als Tourist überlegt man vielleicht zweimal, bevor man die Schale austrinkt!

Kava – bei Touristen auch für Frauen erlaubt.
Eine echte Brühe! Die Darreichung aus Putzeimern passt perfekt zum Geschmack.

Mit leicht tauben Lippen und Zunge von der Verkostung trödeln wir entspannt unseren Heimweg durch den Wald zurück zum Schiff.
Wir freuen uns auf Tag zwei. Was wir noch nicht ahnen,  dass uns da härterer Tobak geboten wird …
Fortsetzung folgt!

Typische Toilette im Dorf. Diese ist schon sehr kaputt, deswegen konnte ich das Foto machen. Die Toilette, die wir Touristen benutzen durften, war in gutem Zustand. Komplett geruchlos.

Dies ist das Dorf Emyotugan auf Ambrym. Beim Suchen nach dem Weg nach Fanla habe ich das gefunden. Ein Witzbold hat alle Toiletten des Dorfes in MapsMe eingetragen. ;-)
In ländlichen Dörfern Vanuatus teilen sich in der Regel 1 bis 3 Haushalte (oft erweiterte Familienstrukturen) eine Toilette, daher diese enorme Anzahl an öffentlichen Toiletten.

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Meerjungfrauen

09.07. – 12.07.2026; Vanuatu, Malekula, Gaspard Bay; Tag 4.422 – 26; 29.954 sm total

 Das Schöne an Vanuatu: In Tagestrips kann man Inseln und Ankerplätze wechseln und der Wind kommt verlässlich aus Südost. Super planbar, wenn wir weiterwollen.
Wir verstecken uns eine Insel weiter in den Mangroven. Der scheußliche Schwell aus dem Süden sollte hier nicht ankommen.

Vor diesem Schwell sind wir von Epi geflohen:

 

Die Strecken sind zudem auch noch abwechslungsreich mit Blick auf Vulkane. Allerdings sorgen die vielen Inseln für ein konfuses Wellenbild.

Erstmalig ist die Anfahrt etwas tricky. Bislang haben wir Buchen in Vanuatu einfach angesteuert – achte auf Korallen rechts und links – keine Untiefen oder Blöcke versperrten die Einfahrt. Diesmal müssen wir im Zickzack um Riffe navigieren. Navionics ist recht genau, zusätzlich läuft ein Satellitenbild-Overlay auf dem Laptop mit. Und die Sonne im Rücken.

Ein paar Paddelminuten entfernt, erreichen wir einen Bach, der in unsere Bucht mündet.

Mangrovenfluss

Schoten in den Mangroven: über einen Meter lang und Kilo schwer.

 

Wir liegen herrlich ruhig. Und dann sind sie da, die Meerjungfrauen. Ein halbes Dutzend Dugongs ploppt neben Atanga an der Wasseroberfläche auf. Wohl kaum ein Tier wurde von der menschlichen Phantasie so verdreht wie der Dugong. Die alten Seefahrer machten aus der gemütlichen Seekuh die sagenumwobenen Meerjungfrauen.

Wie kann man ein plumpes, rüsselnasiges Tier mit einer grazilen Nixe verwechseln?
Vielleicht weil Dugong-Mütter  ihre Milchdrüsen im Brustbereich (unter den Flipper-Flossen) haben. Wenn sie ihr Kalb säugen, halten sie es oft mit einer Flosse umschlungen, während sie vertikal im Wasser treiben und den Kopf an der Oberfläche haben. Aus der Ferne könnte das für einsame Matrosen verblüffend menschlich ausgesehen haben.

Wir bekommen das nicht zu sehen.

Suchbild mit Dugong. Nahe ans Boot kommen sie leider nicht. Als wir mit dem Kajak unterwegs waren, haben sie sich gar nicht gezeigt. Sich mit Außenborder nähern, ist in Vanuatu verboten.

Im Gegensatz zu Manatis (die eine runde Flosse haben) besitzen Dugongs eine gegabelte Schwanzflosse – exakt so, wie wir uns den Schwanz von Arielle der Meerjungfrau vorstellen.

Bei uns besteht auch Verwechslungsgefahr: Dies könnte noch alles mögliche sein. :lol:

Da taucht sie, ab die Meerjungfrau.

Die berühmteste Seemanns-Illusion geht auf Kolumbus zurück. 1493 schrieb er in sein Logbuch, er habe vor der Küste der Dominikanischen Republik drei Meerjungfrauen gesehen. Er notierte enttäuscht, dass sie „nicht annähernd so schön seien, wie man sie auf Gemälden malt“ und dass ihre Gesichter „einige männliche Züge“ aufwiesen.

Für uns ist es ein riesiger Spaß, die Tiere zu beobachten. Dabei darf man allerdings nicht einschlafen. Das Auftauchen geht blitzschnell: Sie strecken nur kurz die Nasenlöcher aus dem Wasser, atmen innerhalb weniger Sekunden ein und aus, und tauchen wieder ab.

Wäsche waschen mit Aussicht auf Meerjungfrauen. Bester Arbeitsplatz der Welt.

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