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Eines Tages werden wir reisen wie Ihr

15.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.490; 30.106 sm total

Wir ankern in der Palikulo Bay. Von hier kommen wir per Anhalter oder mit dem Bus in die Stadt. Es sind nur zehn Kilometer. Der Besuch bei der Immigration ist halb erfolgreich. „Euer Visumsantrag wird in der Hauptstadt bearbeitet.“ Der Beamte in Luganville zuckt mit den Schultern. „Das System funktioniert heute nicht. Ich gebe Euch eine Nummer von Ella, der könnt Ihr eine Nachricht schreiben.“
Immerhin gibt er Entwarnung: Solange unser Antrag läuft, sind wir legal im Land. Auch über unseren ursprünglichen Ablauftermin hinaus.
Von Ella erhalten wir bisher keine Antwort.

Den Stadtbesuch nutzen wir aus und decken uns mit ein paar frischen Lebensmitteln ein. Rund um die Bucht gibt es nur ein paar Dörfer mit Verkaufsbuden.

 

Shop Nummer eins hat geschlossen.

Shop Nummer zwei hat gebackene Teigteilchen im Angebot.

 

So nah an Luganville haben die Siedlungen nicht mehr den Kustom-Charakter, wie auf den kleinen Inseln. Das bedauert auch Tahi, der uns anspricht, als wir an seinem Haus vorbeispazieren. „Heutzutage macht keiner mehr etwas freiwillig für den Nachbarn. Alle wollen Geld.“
Er lädt uns auf sein Grundstück ein. Stellt uns seine Frau und drei Töchter vor, die im Garten arbeiten oder aufs erste Enkelkind aufpassen. Seine zwei Brüder mit ihren Familien wohnen hier ebenfalls. Die Gräber der Vorfahren liegen zwischen den Häusern.

Am Grundstücksende haben wir Blick auf Atanga. Tahi wird philosophisch, als wir erzählen, dass wir die ganze Strecke aus Deutschland gesegelt sind: „Wir reisen so nicht. Bleiben auf unseren Inseln. Ich war noch nie in Fiji. Dabei stammt mein Vater von dort.“ Er erkundigt sich nach unseren Familien. „Keine Kinder? Oh, das tut mir schrecklich leid.“ Als wir ihm von den kleinen Familien in Deutschland erzählen, dass unsere Eltern verstorben sind und ich keine Geschwister habe, ist sein Gesicht ein einziges Bedauern. „Wir leben eng mit der Familie zusammen. Ohne geht es nicht. Aber eines Tages werden unsere Familien auch kleiner werden. Und wir werden reisen wie Ihr.“

Tahi macht sich viele Gedanken. Betont, dass er sich sehr freut, uns bei sich begrüßen zu können.

Zum Abschied schenkt er uns Trinknüsse. So ganz ist ‚Kustom‘ doch noch nicht verschwunden. Wir haben zum Revanchieren nichts dabei, aber dann fallen Achim die Müsliriegel ein, die wir als Snack eingepackt haben. Tochter, Mutter und Tahi freuen sich. Alle drei nehmen gerne die ungewohnten Leckerbissen.

Nüsse schlachten auf Atanga bitte in Vanuatu-Manier. Knochen und Fleisch heilen von alleine, der Decksbelag nicht.

Wir streifen durch die weitläufig verstreuten Siedlungen. Einige hundert Menschen wohnen hier. Es wird gerufen und gewunken, wenn man uns entdeckt. Wenn wir wollten, könnten wir an jedem zweiten Haus ein Schwätzchen halten. Ob wir Hilfe brauchen, fragen uns die Leute.

Für den Kirchgang werfen sich alle in ihr bestes Kleidungsstück.

Und sehen sehr adrett aus. Die Alltagskleidung der Ni-Vanuatu ist oft in einem schlechteren Zustand – mit Löchern und Flicken haben wir gesehen. Vollzeit arbeiten bringt beim Mindestlohn keine 400 Euro im Monat. Da wird Kleidung bis zum Ende getragen.

Die Infrastruktur rund um die Bucht ist einfach. Das öffentliche Stromnetz aus Luganville reicht nicht bis in die Außenbereiche. Treibstoff für Generatoren ist teuer und kommt selten zum Einsatz. „Unser Trinkwasser sammeln wir mit Regenwassertanks an den Dächern. Ist das aufgebraucht, geht man zum Nachbarn“, hat uns Tahi erzählt. „Nutzwasser zum Wäschewaschen oder zur Gartenbewässerung holen wir aus Brunnen.“

Wasser holen in ausrangierten Eimern – ehemals Behälter für Frühstücks-Cracker.

Balkon-Kraftwerk auf vanuatisch. Das reicht zum Handy laden und für ein paar Lampen.

Öffentliche Minibusse verkehren unregelmäßig. Die Einheimischen nutzen wie wir Pick-ups per Anhalter als Transportmittel. Oder es wird ein Taxi gerufen. Tahi geht zu Fuß nach Luganville: „Ich kenne die Abkürzung durch den Wald. Früher konnte man auch über die Landebahn vom Flughafen laufen. Da steht jetzt ein Zaun.“ Er tritt gegen einen Baumstamm. Den Zaun findet er überflüssig.

Die meisten Anwohner der Bucht haben kein Auto. Pkw-Taxen quälen sich auf schlechten Wegen durch die Siedlungen. Wir sind zu Fuß häufig schneller.

Einmal haben wir Glück auf unserem Weg nach Luganville, dass wir einen Bus erwischen. Das andere Mal trampen wir und müssen zwei Kilometer zu Fuß gehen.

 

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Krasse Planänderung

08.09.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Palikulo Bay; Tag 4.483; 30.106 sm total

„Sie haben eine Lücke in Ihrem Lebenslauf.“
Jedes Mal, wenn mein Blick auf unsere Australienkarte fällt, kommt mir dieser Satz aus der Personalabteilung in den Sinn.

Vor zwei Monaten habe ich in Port Vila auf einer Mauer gesessen und auf Achim gewartet. Wieder fällt mir unsere Lücke im Lebenslauf ein. Und dass uns der Pazifik so gut gefällt. Einmal raus, dann kommen wir nicht zurück.
Als Achim mich an der Mauer abholt, mache ich den Vorschlag: „Was hältst du davon, wenn wir noch eine weitere Saison im Pazifik bleiben? Lass uns nach Australien segeln. Da gibt es eine Lücke zu stopfen.“
Ich blicke in große Augen, gefolgt von einem schiefen Grinsen. „Lass mich drüber nachdenken.“ Das Denken fällt kurz aus, bereits am Abend ist es beschlossene Sache. Wir ändern unsere Pläne.

Diese Lücke in der Australienrunde ist der Stein des Anstoßes.
Die wollen wir mit Atanga und nicht mit dem Auto schließen (das gibt prima Raum für weitere Planänderungen ;-) ).

Die Vorbereitungen dafür sind recht einfach. Wir brauchen nur hinzusegeln. Schlappe 1.200 Meilen bis nach Cairns. Bis Mitte November geht das gefahrlos. Wir sind noch außerhalb der Zyklonsaison. Der Wind wird schräg von hinten oder der Seite kommen – wahrscheinlich von der ersten bis zur letzten Meile.

Strecke Vanuatu nach Cairns. Nichts im Weg, Kurs 266°. Klingt so erstmal einfach.

Wind nach Cairns. So sieht es nahezu jeden Tag in der Vorhersage aus. Klingt so erstmal einfach.

Als Hürde bleibt das Thema mit den Visa übrig. Von unserem Tasmanien-Besuch haben wir noch ein 3-Monate-E-Visum. Das ist gültig bis Mitte Dezember. Damit kommen wir problemlos rein. Dann können wir alle drei Monate in Australien um weitere drei Monate verlängern. Der Pferdefuß dabei: Wir müssen jeweils für einen Tag ausfliegen. Wohin ist egal. Deutschland (hurra, liebe Menschen besuchen), Neuseeland (pfui!, aber warum nicht?) oder nach Borneo (Affen bestaunen).
Die Möglichkeiten sind unerschöpflich.

Damit wir bis zum Ende der neuen Zyklon-Zeit – im Mai – nur einmal ausfliegen müssen, wollen wir nicht vor dem 1. November in Australien ankommen.
Bis hierher ein guter Plan.
Leider läuft unser Visum für Vanuatu am Samstag aus. In vier Tagen. Selbst wenn wir trödeln, wären wir zu früh in Cairns. Daher ist die schlaue Idee geboren, in Vanuatu einen Monat Verlängerung zu beantragen.

In Luganville waren wir bei der Immigration, um zu fragen, wie wir das anstellen sollen. Die nette Beamtin: „Ihr müsst das online machen. Am besten fünf Tage vorher.“
Das war Achim zu knapp. Der Antrag ist letzte Woche rausgegangen und hat den Status „unter Bearbeitung“ erhalten. Seitdem still ruht der See.

Immigration Office. Lange Schlange, aber der Weg zum Visa-Schalter ist frei. Hier melden die Menschen auch die Geburten ihrer Kinder an.

Der Sprechschlitz liegt kurz über Kniehöhe. Nicht optimal für längere Diskussionen.

Wir sind nicht so ruhig. Sollte bis Samstag nichts kommen, sind wir dann bereits illegal? Oder nicht? Morgen fahren wir noch einmal nach Luganville und hoffen auf Auskünfte.

Die Idee, am letzten Tag offiziell auszuklarieren und uns vier Wochen in irgendwelchen Buchten zu verstecken, haben wir verworfen. Es ist beliebig unwahrscheinlich, dass Vanuatu davon etwas mitbekommt. Die Offiziellen hatten ja nicht mal ein Funkgerät beim Einklarieren, geschweige denn ein Fahrzeug. Aber die Belohnungen, falls wir erwischt werden, sind zu groß. Es stehen bis zu 100.000 Euro im Raum, plus Meldung an ein internationales „rotes Register“ mit Visa-Vergehen.
Außerdem haben wir vor den Fragen in Australien deutlich Respekt. Die Inselstaaten im Pazifik werden zunehmend als Drogenstrecke von Südamerika aus genutzt. „Wo waren sie eigentlich die letzten sechs Wochen? Ach, der feine Herr ist Chemiker. Dann wollen wir doch mal schauen …“

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Vanuatu: Das sicherste Katastrophengebiet der Welt

16.08.2026; Vanuatu/Espiritu Santo/Luganville; Tag 4.460; 30.098 sm total

Sonntagnachmittag. Alles ist ruhig auf Atanga. Eine Fliege summt durch den Salon. Ich liege auf dem Sofa, verscheuche sie gelegentlich von meinem Bein und konzentriere mich auf meine Sprachen-App. Achim macht in der Achterkabine das Gleiche. Denke ich zumindest, vielleicht ist er auch eingenickt. Hinten ist es auffällig ruhig.

Plötzlich höre ich ein Rattern. Es rumpelt, als ob ein großes Schiff nahe an uns vorbeifährt. Sehr nahe. Zu nahe. Welcher Trottel will uns da rammen?
Ich springe vom Sofa auf ins Cockpit. Laufe aufs Vorschiff. Nichts zu sehen. Außer unsere Nachbarn auf ihrem Katamaran, die ebenfalls aufgeregt an Deck stehen. Es rumpelt wieder. Achim ist jetzt auch zur Stelle. Mit einem Fragezeichen am Kopf. Unsere Ankerkette kann die Geräusche nicht machen, wir hängen ja am Mooring-Seil. Es rattert erneut. Und dann kommt die Erkenntnis: ein Erdbeben!

Nach ein paar Stößen ist es vorbei. Stärke 6,1. Einhundert Kilometer von uns entfernt. Es rumpelt in knapp 200 Kilometer [edit von m auf km nach Hinweis von Uli] Tiefe. Zu schwach und zu tief für einen Tsunami finden wir eine Entwarnung im Internet.
Mein Puls geht wieder auf normal.

Das Erdbeben, das wir deutlich an Bord spüren konnten. Keine Schäden in Vanuatu. [Grafik-Quelle: U.S. Geological Survey}

Alle Erdbeben der letzten 7 Tage als orangene Punkte. Die meisten Beben im Land sind schwach und richten kaum Schäden an. Ab 6.0 gilt ein Beben als stark. Davon gibt es in Vanuatu eine Handvoll im Jahr. [Grafik-Quelle: vmgd.gov.vu]

In Vanuatu ballen sich die möglichen Naturkatastrophen. Kaum anderswo auf der Welt ist die Bedrohung größer, durch so ein Ereignis zu Schaden zu kommen. Vulkanausbrüche. Tsunamis. Erdbeben. Und weil das noch nicht reicht, kommen im Sommerhalbjahr auch noch Zyklone dazu.
Vor drei Jahren schafften es innerhalb von 48 Stunden zwei Kategorie-4-Zyklone Vanuatu zu überrollen. Während alle noch ihre Häuser sicherten, gab es mittendrin noch ein 6,5-Erdbeben. „Das chaotischste Wochenende im Pazifik“ wurde ausgerufen.
Vor ein paar Jahren hob ein Beben eine Lagune so schnell an, dass die Bewohner mit Eimern bewaffnet Langusten und Fische auf dem neu entstandenen Land einsammeln konnten.
Beim Unterwasservulkan nahe der Insel Epi fing 2023 plötzlich das Meer an zu kochen. Einhundert Meter hohe Dampfwolken zwangen Schiffe zu Umwegen.

Ein gefährliches Pulverfass, dieses Vanuatu.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Kriminalstatistik. Platz 186 von 193 Ländern. In Vanuatu gibt es keine organisierte Schwerstkriminalität, keine Banden und selten Schusswaffengebrauch. Die Alltagskriminalität beschränkt sich in der Regel auf Diebstähle. In Luganville einen auf den Kopf zu bekommen, diese Chance ist kleiner, als vom Tsunami weggewaschen zu werden.

Entsprechend leer sind Gefängnisse. Kleinere Vergehen werden vom Chief des Kustom-Dorfes gelöst. Man entschuldigt sich, als Wiedergutmachung wechselt ein Schwein den Besitzer.
Schwere Delikte, wie Sexualstraftaten, Inzest und Gewalt enden im Gefängnis.

In Port Vila sind wir beim Stadtrundgang am Gefängnis vorbeigekommen. Von außen wirkte es eher wie ein gut gesichertes Internat. Massenausbrüche in Vanuatu machten bereits internationale Schlagzeilen. Die Insassen entkamen einfach durchs Anheben eines Zauns.
Die Häftlinge hatten gar nicht vor zu flüchten, sondern brachen aus, um die Familien zu besuchen, Weihnachten zu feiern oder die Gartenarbeit zu erledigen. Freiwillig kehrten sie in ihre Zellen zurück.

Das Gefängnis in Port Vila. Mit Natodraht gesichert, aber die Wärter saßen im Schatten und haben geschwatzt.

Der sicherste unsichere Ort der Welt. Wir spazieren also weiterhin unbefangen über die Inseln und schließen nachts die Türen nicht ab. Ein gutes Gefühl. Zyklone sind im Augenblick nicht zu erwarten. Den Vulkanen gehen wir aus dem Weg. Bleiben die Erdbeben und Tsunamis – was sagt eigentlich unsere Versicherung dazu?

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Die Kinder in Vanuatu

31.07.2026; Vanuatu/Malekula/Norsup; Tag 4.444; 30.047 sm total

Wir folgen Olson in seinem Ausleger-Kanu mit unserem Kajak an den Strand. „Willkommen auf Norsup. Ich zeige euch die Insel.“ Norsup ist winzig, es gibt keinen Strom, keine Straßen, kein Auto. Trinkwasser muss aus einem Brunnen per Hand nach oben gezogen werden. Schnell haben wir einen Trupp Kinder neben uns. Anfänglich scheu, tauen sie auf, sobald wir sie nach ihren Namen fragen. Julie, Thomas, Samalia, Max und Jill.

Typischer Rundgang durch ein Kastom-Dorf. Sofort hat man Kinder im Schlepptau.

Der Inselbrunnen. Norsup ist extrem einfach. Wir haben auch schon Brunnen mit solarbetriebenen Pumpen gesehen.

Olson spricht Englisch, die Kinder Französisch. Das ist etwas kompliziert in Vanuatu. Zuerst lernen Kinder ihre eigene „Insel“-Sprache, danach Bislama, als verbindendes Element aller Einwohner und danach noch Englisch oder Französisch. Für uns nicht durchschaubar, wohnen Menschen aus englischem und französischem Schulsystem durcheinander in der gleichen Gemeinschaft.

Samalia ist besonders zutraulich. Lächelt viel, kuschelt mit ihrem Arm an meinem, sucht Körperkontakt. Ich kann noch weniger Französisch als sie, wir verstehen uns trotzdem. Samalia gewinnt an Mut, streckt ihre Hand aus und befühlt mein Haar. Was sie fühlt, gefällt ihr offenbar. Sie strahlt und macht eine Streichelbewegung.

Während wir weiter unsere Inselrunde drehen, finde ich in meiner Hosentasche eine silbrige Kette. Nichts Wertvolles. Die habe ich auf einer anderen Insel am Strand gefunden und vergessen, im Dorf an einen Baum zu hängen zum Wiederfinden. Spontan schenke ich Samalia die Kette.
Das Eis ist gebrochen. Sie fragt nun offen, ob sie meine Haare anfassen darf. Ich nicke und nutze die einmalige Gelegenheit: Ich darf auch!
Die Ni-Vanuatu bezeichnen selber ihre Haare auf Englisch als „puffy“. Das beschreibt das enorme Volumen und den Bausch-Effekt der Locken gut.
Es ist fest, aber weich, flaumig und einfach „plusterig“.

Als wir wieder das Kajak erreichen, verlässt uns Olson. Wenn wir mögen, können wir gerne noch am Strand spazieren gehen. Er gibt den Kindern mit auf den Weg, dass sie einfach Bislama mit uns sprechen sollen, das würden wir schon verstehen.

Am Strand fängt Samalia an, nach Muscheln zu suchen. Sie bringt mir eine. Dann eine zweite. Die anderen Kinder folgen ihrem Beispiel. Schnell habe ich beide Hände voll. Achim kramt im Rucksack nach irgendeinem Behälter. Zur großen Begeisterung der Kinder findet er einen großen Beutel. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Die Kinder brechen in kollektives Sammelfieber aus. Sie strömen über den Strand und füllen den Beutel. Zum Abschied schleppen sie selbstbewusst für uns das Kajak zum Wasser. Sie lassen keinen Zweifel, dass sie die Aufgabe übernehmen wollen. Sie winken uns so lange nach, bis wir Atanga erreicht haben. „Tankyu tumas! Lukim yu!“

Alle helfen mit. Der größte Spaß ist, wenn ich so tue, als könnte ich den Beutel nicht mehr tragen.

Ein wenig ungerecht war es ja schon. Ich hatte aber nur die eine Kette. Die anderen Kinder haben es mit scheinbarer Gelassenheit genommen.

Die Beute. Das freut den Zoll im nächsten Land.

Die schönsten Schnecken dürfen bleiben.

 

Solche unbeschwerten Momente und die herzliche Art der Erwachsenen machen für uns den Umgang mit den Ni-Vanuatu einfach und angenehm zugleich.
Es sind die Kinder, die es zu etwas Besonderem machen. Die Größeren, die bereits Englisch oder Französisch gelernt haben, testen ihre Kenntnisse schon bei erster Annäherung: „Wie heißt du? Woher kommst du?“ Von den meisten Seglern bekommen sie Australien oder Neuseeland zur Antwort, Deutschland ist mal etwas anderes. „Ui, Deutschland, das ist aber weit weg!“ Man sieht es förmlich in ihren Köpfen rattern, wie weit das wirklich weg sein könnte. Achims Spruch, genau auf der anderen Seite der Welt, führt zu Heiterkeitsausbrüchen.

Wenn ich die Kinder frage, ob ich ein Foto machen darf, wird ungeduldig gezappelt. „Warum fragst du denn jetzt erst?“ Sofort wird sich in Positur geworfen. Ein Blick auf das Ergebnis im Display führt zu noch mehr Gelächter. Sie können nicht genug davon bekommen.

Fast immer wird ein Blick aufs Display eingefordert.

Auffällig sind die guten Zähne. Keine Süßigkeiten zu haben, hat Vorteile. Auch die Erwachsenen haben meistens noch ein sehr gutes Gebiss.

Die Kids in Vanuatu wachsen im Trupp auf. Kleine Geschwister immer im Schlepp. Helikopter-Eltern gibt es nicht. Sobald die Kleinen laufen können, ziehen sie los, klettern auf Palmen, paddeln im Meer und knacken Kokosnüsse mit Macheten. Spielzeug? Dafür fehlt das Geld. Sie spielen mit unreifen Pampelmusen Fußball, bis der Ball platzt. Dann wird sich eine neue Frucht vom Baum geholt.

Faden- oder Hexenspiel. Ich habe mich schlecht an die Abnahmen erinnert und total versagt. Natürlich unter johlendem Gelächter.

Die Muster sind kompliziert. Das Band sind verknotete Grashalme.

Gelernter Umgang mit der Machete von klein auf. Mädchen oder Jungen macht dabei keinen Unterschied.

Im Dorf kennt jeder jeden. Vanuatu ist nicht gewaltfrei, so ein Paradies ist wohl auf der ganzen Welt nicht zu finden. Aber in den kleinen Gemeinschaften bleiben Täter nicht anonym. Sobald ein Fremder im Dorf auftaucht, hat er das inoffizielle „Okay“ der Ältesten – sonst wäre er gar nicht da. Dieser Schutz gibt den Kindern die Freiheit, einfach unbedarft anzudocken. Urvertrauen ist das Wort, das mir dazu in den Sinn kommt.
Diese chaotischen, ehrlichen Begegnungen mit den Rasselbanden werden uns tief in Erinnerung bleiben.

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Segelrevier Vanuatu: Insel-Hopping vom Feinsten

18.07. – 29.07.2026; Vanuatu, Ambrym: Ranon + Malekula: Sandwich Bay, Port Stanley, Norsup; Tag 4.431 – 42; 30.047 sm total

Dieses Inselhüpfen in Vanuatu gefällt uns: 29 Meilen, 37 Meilen, 5 Meilen. Morgens los, nachmittags da. Der Wind kommt verlässlich aus Südost. Passat vom Feinsten. Stärke vier bis fünf, in Böen auch mal sechs.
Allerdings sorgen Kap-Effekte und ‚Wind-folgt-dem-Land‘-Regeln für Wirbel und Ablenkungen. Das ist anspruchsvolles Segeln, da sich alle paar Meilen Windstärke und Richtung ändern. Der große Ozeanschwell rollt ebenfalls aus Südosten an. Die vielen Inseln bringen den durcheinander. Abgelenkt durch Landmasse, weiß das Wasser nicht, was es machen soll. Steile Hacksee steht gegen die lange Dünung. Strömungen und stehende Wellen bilden sich an den Küstenlinien. Noch nie haben wir so viele Warnhinweise für Wellen in der Seekarte gesehen wie hier in Vanuatu.

Vor bis zu vier Knoten Strömung wird gewarnt. Stehende Wellen können entstehen.

Meistens stehe ich die gesamten Strecken am Ruder. Das macht Spaß. Abwechslungsreich und teilweise sogar mit echter Ruderarbeit verbunden. Nur die geraden, langweiligen Abschnitte übergebe ich der Windsteueranlage.

Überfahrt nach Stanley – Spaß am Ruder.

Von Ambrym zurück nach Malekula. Die Insel ist so groß, dass sie gut für drei Ankerplätze ist.

Genauso abwechslungsreich sind die Inseln. Pechschwarzer grober Strand wechselt zu rotbraunem Sand. Oder wir ankern vor Mangroven. Seit heute Morgen ankern wir vor einer weißen Sandbank. Türkise Träume mit kristallklarem Wasser sind noch Mangelware. Das Wasser ist meistens leicht trüb. An vielen Plätzen fühlen sich Dugongs wohl. Und neugierigen Bullenhaien mag das auch gefallen.

Schwarzer Stein-Strand auf Ambrym. Diese Steine werden von Frauen und Kindern in alte Säcke gepackt und nach Port Vila in die Hauptstadt geschifft.

Atanga vor rotbraunem Strand mit gleichfarbiger Kuh.

Südsee-Kulisse ohne Türkis in der Sandwich Bay. Total geschützte Bucht. Hier liegen wir ruhig.

Ankern in der Mausefalle in Port Stanley. Nach hinten haben wir drei Schiffslängen, 40 Meter. Der Ankerplatz hat uns bei 25 Knoten Böen etwas nervös gemacht. Das Riff fällt bei Ebbe trocken.

Die Menschen sind zurückhaltend, aber durchaus neugierig, wenn etwas ihre Aufmerksamkeit erweckt. Als wir auf Ambrym am letzten Tag zum Dinghy zurückkommen, finden wir eine Sauerei vor. Der Benzinschlauch vom Motor hat aus nicht festzustellenden Gründen kontinuierlich über Stunden ins Boot getropft. Mit Wasser vermengt, schwappt ein Liter ölige Zweitakt-Brühe im Dinghy umher.
Und nun? Wohin damit? An den Strand zu kippen, gibt immer so schlechte Presse.
Achim opfert sein Ösfass, einen abgeschnittenen Wasserkanister, und schubst aus dem Lenzloch mit einem Holzstück die Benzinmischung in den Kanister. Längst werden wir beobachtet. Auch eine Horde Kinder ist schon angelaufen gekommen.
Während ich unter dem Baum im Rucksack nach Taschentüchern  zum Wischen suche, sprechen mich drei Männer an: „Was ist passiert?“ Ich erkläre kurz die Situation und bringe Achim die Tücher.
Zum Glück habe ich reichlich. Mit vereinten Kräften, Sand und Salzwasser bekommen wir das Dinghy wieder sauber. Die drei Männer wollen es nun genau wissen. Achim zeigt ihnen den Kanister. „Ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Gibt es einen Platz, wo ich das entsorgen kann?“ Eine kollektive Beratung in lokaler Sprache bricht los. „Gib her, wir kümmern uns drum.“ Wie dieses Kümmern aussieht, werden wir wohl nie erfahren …

Achim und seine neugierige Zuschauer-Schar.

Sofort hat Achim die Kinder um sich herum. Wenn ich ihm bei der Arbeit zuschaue, werde ich weggeschickt: „Schau mir nicht auf die Finger.“ Er kann das so gar nicht leiden. Hier nun gleich fünf Augenpaare auf ihn gerichtet. Ich musste aus der Ferne so sehr lachen. :lol:

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