Biskaya-Querung

Dass dies unser erster richtiger Hochseetörn sein würde, habe ich ja bereits berichtet, dass es aber gleich unsere Feuertaufe werden würde, damit war eigentlich nicht zu rechnen.

Aber der Reihe nach:

Die ersten 36 Stunden sind so wie Gott Segeln gemeint haben muss. Wir brauchen kein einziges Mal die Segelstellung verändern oder den Kurs korrigieren. Gleichmäßiger Wind der Stärke 3 schräg von achtern lässt uns aufrecht und wie auf Schienen vorankommen.

Wache wird zur Freiwache. Becher, Teller und die Zeit bleiben stehen.

Die mondlose, sternenklare Nacht beschert Achim die ersten Delphine der Reise und mir ein paar Sternschnuppen. Dass wir nur mit 2,5 Knoten voran kommen und somit einen Tag länger als erwartet brauchen werden, stört uns Angesicht dieser Bedingungen gar nicht.

In der zweiten Nacht, die bedeckt und stockdunkel ist, haben wir Leuchtplankton und dieser schenkt mir dann den schönsten, unerwarteten Anblick seit langem. Delphine ziehen neben dem Schiff  im Leucht-Plankton eine torpedoartige Feuerspur hinter sich her. Man kann eindeutig den Umriss ihrer Körper erkennen und wie kleine, funkensprühende Raketen schießen sie um Atanga herum. So etwas mystisch, zauberhaftes habe ich noch nie gesehen…

Aber Gott hat einen harten, linken Haken *

Morgens um 2:00 Uhr frischt der Wind auf 20 Knoten auf und wir beschließen die große Genua gegen unsere kleinere Fock (beides Vorsegel) einzutauschen und außerdem ein Reff in unser Großsegel zu binden. Damit das morgens um 3:00 Uhr so einfach und angenehm wie möglich erledigt werden kann,  starten wir zur Manöverhilfe die Maschine.

Diese springt auch brav an und geht direkt eine Sekunde später wieder aus. Die Ursache ist schnell gefunden und ist eine der unnötigsten, die man sich vorstellen kann. Wir haben uns die Schot der Genua um den Propeller bzw. die Welle gewickelt. Wir prüfen sonst immer, wenn wir das große Vorsegel mit den etwas überlangen Schoten benutzt haben, dass sich beide Enden an Deck befinden.

Diese Nacht machen wir das leider nicht.

Nach einem kurzen Schreck besinnen wir uns, dass wir ein Segelschiff sind und Achim hat die Lösung: „Sobald es wieder hell und der Wind wieder etwas schwächer ist, gehe ich tauchen.“ Noch etwas geschockt wickeln wir unsere Nachtwachen bei weiterhin 5 Windstärken ab. Dieser Wind lässt  bis morgens um 9:00 eine Welle von deutlich über einen Meter entstehen, die einen sicheren Ein- und Ausstieg zum Tauchen zur Zeit nicht zulässt.

Aber in der wärmenden Morgensonne entwickeln wir, da wir bis zur Ankunft in La Coruña noch mindestens 48 Stunden Zeit haben, neue Zuversicht, Aktionismus  und Plan B. Wir bereiten alles für einen Tauchgang vor, was mit sehr viel Gerödel verbunden ist. Die Tauchausrüstung befindet sich im Vorschiff ganz unten und das benötigte Blei in der Backskiste ebenfalls natürlich ganz unten.

Dann spielen wir das Szenario durch, wer was wie wann womit macht, damit die Aktion schnell und sicher von statten gehen kann. Wir versuchen an alle Eventualitäten zu denken…das Wort Hai darf ich aber nur einmal in den Mund nehmen.

So gerüstet verbringen wir die nächsten zwei Tage und warten auf weniger Wind. Die Sonne scheint, wir liegen angenehm in der Dünung und segeln könnte fast schön sein, wenn da nicht immer dieser Gedanke an den Tampen wäre…

Der Wind hustet uns aber einen und legt noch eine Schippe drauf. Bis Mitternacht unserer vierten Nacht auf See haben wir nahezu drei Meter Welle. Der Tauchgang auf See ist somit endgültig gestorben und Plan B muss her.

Um 2:00 machen wir so viel Speed, dass wir weitere Reffs in die Segel bringen, damit wir nicht vor Sonnenaufgang in La Coruña ankommen.  Denn Plan B soll unbedingt im Hellen ausgeführt werden.

Wir wollen unter Segeln eine kleine Anker-Bucht, nur 1 sm tief in der La Coruña Bucht und ca. 3 sm vom Hafen entfernt, anlaufen, dort ankern und den Tampen klarieren. Leider ist die gesamte große Bucht überall sehr tief (30 bis 50 Meter) so dass im Prinzip nur diese eine Stelle zum Ankern in Frage kommt. Zur Windrichtung liegt sie passend, so dass wir uns dies zutrauen. Es gibt bei Plan B nur einen Versuch, der muss sitzen.

Paradoxer Weise geht uns eine Stunde vor Sonnenaufgang eben der Wind, der uns die ganze Nacht viel zu schnell voran getrieben hat, verloren. Wir warten auf’s Hellwerden bei nur 5 Knoten Wind und unsere größten Bedenken bei Plan B ist, dass der Wind beim Einfahren in die Bucht ganz weg ist und wir unseren ausgewählten Ankerplatz nicht mehr erreichen. Atanga ist bei 5 Knoten Wind fast nicht mehr manövriertüchtig, da unser schwimmendes Schwergewicht einfach etwas mehr Vortrieb benötigt. Das hieße, wenn wir stehen blieben, dass uns der Strom vertreiben könnte oder wir auf 30 Meter in der „Fahrrinne“ den Anker fallen lassen müßten.

Außerdem schwirren noch unendlich viele Fischer in die Bucht rein und raus, so dass wir uns in der Wartezeit überlegen doch einen Securite-Funkruf abzusetzen, damit die Fischer von uns Abstand halten und uns nicht zu unnötigen Manövern zwingen, die uns unseren Schwung kosten könnten.

Unmittelbar nach unserem Funkruf meldet sich Harbour Control und fragt, ob sie helfen können. Wir erklären unseren Plan und bekommen unsere schlimmste Befürchtung bestätigt, im Hafen ist gar kein Wind. Man rät uns dringend, dass wir uns von einem Rescue Boot Schlepphilfe geben lassen sollten.

Nach kurzer Beratung nehmen wir den Rat an. Sollten wir trotz Kenntnis der Bedingungen im Hafen keine Hilfe annehmen und Plan B geht schief, kann man uns sicherlich den Vorwurf der Fahrlässigkeit machen und das ist ja immer das Schlüsselwort für Versicherungen. Somit ist bereits 30 Minuten später ein offizieller Schlepper von Savamento Marine neben uns, der uns zügig und sehr grob in Schlepp nimmt.

Es gibt im Bug von Atanga einen lauten Schlag und wir befürchten schon, dass eine unserer Klampen ausgerissen ist. Nein, nur eine Stahltrosse des Schleppers ist gerissen….die war dann wohl morsch! Ein Funkspruch, dass unsere Rumpfgeschwindigkeit endlich ist, bringt unsere Helfer zur Besinnung und der weitere Schleppvorgang verläuft problemlos und wir werden sicher in den Hafen gebracht.

Der nun letzte Schreck dieses unleidlichen Themas kommt beim Bezahlen. 708 EUR wollen die Jungs haben, wohl wissend, dass solche Hilfen bei und zu Hause kostenlos sind. Wir beschliessen nach kurzem Schock und Klagen,“den Ankerplatz hätten wir wohl noch erreicht, bla, bla“, mit „hätte, hätte“ aufzuhören und die Dinge so zu nehmen wie sie sind. Wir haben alles richtig gemacht (außer das mit dem Tampen), allein die Elemente waren gegen uns.

Wir wir an der Rezeption erfahren, wir haben noch Glück, dass wir schon so weit in die  Bucht hinein gesegelt sind, etwas weiter draußen kostet es mit jeder Meile mehr…

Jetzt liegen wir sicher an unserem finalen Platz. Den Tampen hat Achim nun am Steg tauchend von der Welle gewickelt (hier kommt nun auch mal Glück ins Spiel, denn wir sparen uns zugeflüsterte 150 bis 300 EUR für einen Taucher) und die neue (von Achims Kollegen gesponserte) Tauchflasche kommt  viel früher zum Einsatz als geplant.

Wir feiern jetzt unsere persönliche Biskaya Querung und die dafür zugedachte und aufbewahrte Flasche Champagner, die ich von einem lieben Kunden zum Abschied geschenkt bekommen habe, hilft die Welt nur noch rosa rot zu sehen. :-)

* Zitat Peter Fox

 

4 Gedanken zu „Biskaya-Querung

  1. Jürgen

    Ups, das war mehr als ich gedacht hatte. Im Marine Traffic waren nur so um die 11-15 kn Wind angezeigt. Und Sonntag bevor das AIS außer Reichweite war, segelte eine Jacht „fischermen “ vor euch. Die war aber am Montag schon in coruna. Aber das war ja bei dann doch etwas erlebnisreicher geworden.

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  2. Michael

    na dann viel Freude in Galizien!
    Die Spannung – ohne Motor und bei wenig Wind – im engen Fahrwasser und bei Landnähe Kurs halten zu müssen kann ich nachfühlen.

    …und die Moral von der Geschichte lautet: kleine Fehler werden sofort bestraft.

    Gruß
    Michael

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  3. Sabine

    Das mit dem „ein wenig mehr Wind als vorhergesagt“ war noch Mädchen, aber das mit dem Tampen war echt ein blödes Gefühl.
    Und das Schlimmste daran ist, dass es seit mittags wieder bläst. Wir hätten nur wieder raus segeln brauchen, warten und von neuem rein in die Bucht.
    Aber das ist uns erst nach dem ersten Glas Champagner eingefallen…

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