Kategoriearchiv: An Land

Ein Dieb in der Nacht

Di., 05.Dez.17, Panama, Puerto Lindo, Tag 1284, 12.217 sm von HH

Lautlos und als Vampir verkleidet, verschafft sich der Schuft Zugang zum Salon.

Wir sitzen gemütlich und schauen einen Film, als plötzlich eine kleine Fledermaus um unsere Köpfe kreist. Rotzfrech als würden wir gar nicht existieren, wird alles ausgespäht. Eine kurze Runde nach draußen und Schwupps, ist sie durch den offenen Niedergang wieder drin.

Ungerührt werden wir umkreist, um dann zielgerichtet auf unseren Kochbananen zu landen. Die sind schon etwas überreif und strömen offenbar einen unwiderstehlichen Duft aus.
Die kleinen Beißer werden in die Schale gehauen und bereits nach drei, vier Landungen ist ein deutliches Loch in die Banane gehackt. Das Schmatzen ist deutlich zu hören.

Der Bauch ist schnell voll und ohne einen weiteren Gruß verschwindet die kleine Flatter-Maus in der Dunkelheit.
Ich sehe die Papaya im Netz am Heckträger für die kommende Nacht stark in Gefahr. ;-)

Aus Puerto Lindo wollen wir weg. Seit einer Woche nur Regen.
Zwischendurch ist es mal für ein, zwei Stunden trocken, wir atmen auf. Dann erscheinen am Horizont wieder schwarze Fronten.
Der einzige Vorteil, wir haben Süßwasser bis zum Überlaufen. German Engineering , unser Provisorium, arbeitet im Akkord und tadellos.

Puerto Lindo Ankerbucht mit Regenfront

Puerto Lindo Ankerbucht mit Regenfront

Die Ankerbucht ist proppenvoll, das Wasser weit entfernt davon klar zu sein. Plastik-Müll treibt vorbei.
Puerto Lindo ist nur von weitem malerisch. Der Ort ist ebenso schimmelig, wie Portobelo. Bei dem Wetter kein Wunder. Der Strand liegt Müll und Schutt, die Häuser sind baufällig und heruntergekommen.
Das Beste an Puerto Lindo sind die Einwohner. Liebenswürdig und freundlich wird uns der Weg zum einzigen Laden gezeigt.

Von weitem ist Puerto Lindo total schön

Von weitem ist Puerto Lindo total schön

Es ist ein winziger Kiosk, der Konserven, Toastbrot und ein paar gammelige Zwiebeln verkauft.
Zum Glück erwischen wir den mobilen Gemüse-Truck, der unregelmäßig die Dörfer an der Küste mit frischem Gemüse versorgt. Prall beladen mit einer wohltuenden Auswahl an Grünzeug und Obst.

Unser nächstes Ziel heißt ‚Holandes Cays‘, ein Atoll der San Blas Inseln.
Die Entfernung ist für einen Tagestrip zu weit, also werden wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit starten und hoffen im Laufe des Vormittages dort einzutreffen.

Die ‚Holandes‘ sind fernab der Zivilisation und Internet-freie Zone.
Das Wasser sei kristallklar und gebratene Langusten flögen einem in den Mund.
Ein Paradies, sagt man.

Portobelo

Mi., 29.Nov.17, Panama, Puerto Lindo, Tag 1278, 12.217 sm von HH

Tiefe Wolken hängen morgens über unser Anker-Bucht.
Was bei unserer Ankunft freundlich sonnig wirkte, büßt spontan seinen Charme ein.

Wir düsen mit dem Dinghy zur Marina und mehr düstere Wolken erscheinen: Unser Krantermin ist ‚bis auf weiteres‘ verschoben. „Ich habe frühestens in zwei, vielleicht drei Wochen einen Termin für Euch.“ Hm, so haben wir uns das nicht vorgestellt. Da muss der Familien-Rat erst mal tagen, wie wir damit umgehen. :evil:

Nach dieser Enttäuschung fahren wir nach Portobelo.
Portobelo bedeutet schöner Hafen. Das klingt gut, denn da müssen wir hin zum Einklarieren.

Der Panamaer will es wissen.
395 USD! Wow! :shock:
Soviel haben wir noch nirgends bezahlt. Dafür erhalten wir Menschen 90 Tage Aufenthalt-Erlaubnis und Atanga darf 365 Tage bleiben.

Die super freundliche Immigration-Offizierin stempelt und fotokopiert, fotokopiert und stempelt.
Die kopierten Fotos unserer Pässe werden säuberlich ausgeschnitten und an diverse Formulare geheftet. Ein bisschen Gefängnis-Feeling kommt durch die Abnahme unser Daumenabdrücke per Stempelkissen auf. Sogar die USD-Noten mit den wir bezahlen, kopiert die Lady.
Mit welchem Trick sie auch immer den Kopierer dazu überlistet hat.

Portobelo entpuppt sich dann als nicht so belo. Die dunklen Wolken verdüstern den Ort apokalyptisch.
Die Wehranlage in der Bucht ist Unesco Weltkulturerbe. Steht aber auf der roten Liste als ’stark gefährdet‘. Die Gebäude sind zerfallen und von Moos überwuchert. Alles ist schimmelig und bröckelig. Gier hocken auf den maroden Mauern.

Symbolträchtiger kann ein Geier nicht plaziert werden

Symbolträchtiger kann ein Geier nicht plaziert werden

nur die Kirche strahlt in Portobelo

nur die Kirche strahlt in Portobelo

Passend dazu liegen in der Ankerbucht etliche Wracks und Halbwracks. Grün besparkt, auf der Seite, rostig. Endstation Sehnsucht!

Die Häuser im Ort sind hüfthoch schimmelig schwarz. Scheint denn hier niemals die Sonne?
Die Fußwege sind glitschig bemoost, glatt wie Schmierseife. Ich mache den Abflug und schlage mir das Knie blutig.
Es gießt wie aus Eimern. Dazu Gewitter. Blitz und Donner kommen fast zeitgleich. Achim vergleicht das Kaff mit ‚Georgsmarienhütte‘, dem düstersten Ort an dem er bislang gewesen sei.

Portobelo. Dieser Name erscheint uns falsch.
Portobelo erscheint uns Gott verlassen.

Wir fahren nach Puerto Lindo zurück.
Noch mehr düstere Wolken erscheinen am Himmel: Unser Dinghy finden wir mit einer platten Wulst am Steg.
Das passt ja gut in diesen Tag. Jackpot. Hauptgewinn. Sind wir jetzt auch von Gott verlassen?

Wir kommen mit dem Dinghy noch zu Atanga zurück. Das Dinghy kommt an Deck und das Loch ist schnell gefunden. Dann können wir nichts weiter machen. Dunkelheit legt sich über den düsteren Tag.

 

Infobox:
Cruising-Permit 185 USD – erhältlich in der Lintonbay-Marina
Yatista-Visa 105 USD pro Person – erhältlich in Portobelo
Porvenir ist nicht länger Einklarierungshafen. Dort erhält man keine Cruising-Permit.

 

 

Adios Colombia

Fr., 24.Nov.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1273, 11.850 sm von HH

Kolumbien ist ganz weit vorne:

-Die Nummer zwei der Welt als Schnittblumen-Exporteur
-bei der Nelken-Produktion gar auf Platz 1
-Nirgends auf der Welt gibt es mehr Smaragde
-Bei Kaffee an vierter Stelle
-Bei Kokain macht Kolumbien niemand etwas vor: Platz 1
-Bei Bananen ist Kolumbien Nummer fünf

-im Vordrängeln und im „Weg stehen“ ist Kolumbien Weltmeister

In einer Warteschlange einen Diskretions-Abstand zum Vormann halten: Ein dummer deutscher Anfängerfehler. Der Kolumbianer weiß geschickt die Lücke zu schließen. Unschuldig lächelnd reiht er sich vor einem ein.
An der Supermarktkasse eben mal von der Seite der Kassiererin ein paar Artikel unterjubeln, für einen Kolumbianer kein Problem. Wieder dieses Lächeln.

Vor Ausgängen, auf dem Fußweg, in Supermarkt-Gängen. Jeder Ort erscheint dem Kolumbianer geeignet, um ein Schwätzchen zu halten. Er weicht einige Zentimeter zu viel zur Seite, falls er überhaupt Platz macht. Mit Einkaufswagen oder Rucksack muss man sich vorbei drängeln. Der dadurch entstehende Körperkontakt juckt den Kolumbianer nicht, er lächelt.

Es ist keine unfreundliche Art uns Gringos gegenüber, sondern untereinander sozial anerkanntes Verhalten.

Und der Kolumbianer ist Nummer eins in ‚Daumen hoch‘ zeigen. Er könnte der Erfinder des facebook-Daumens sein.
Ein Geschäft auf dem Markt erfolgreich abgewickelt? Daumen hoch. Sich erfolgreich vor einem Moped-Fahrer an den Straßenrand gerettet? Daumen hoch. Bei der Bitte nach einem Foto: beide Daumen hoch.
Hoch, hoch, hoch.

Die Kolumbianer lieben es, sich fotografieren zu lassen. „Si, claro“. Brust raus, Lächeln angeknipst, Daumen hoch.

Seit Juli kosten Plastikbeutel im Supermarkt Geld, Mülltrennung wird zaghaft eingeführt. Die Orte in denen wir waren, sind auffallend sauber. Wenig Müll in den Straßen im Vergleich zu den Kleinen Antillen und den Guyanas.
Es hängen keine jungen Männer auf der Straße rum, die vor langer Weile nicht wissen, was sie machen sollen. Fast jeder geht einem Geschäft nach, und sei es nur, dass er kaltes Wasser aus einer Styropor-Box verkauft.

Es gibt auch Dreck-Ecken, wie die Strecke nach Cartagena. Dort wohnen die Menschen knietief in Plastik-Müll, Bau-Schutt und alten Kühlschränken.
Die Straße quer durch die Mangroven hat ihnen ihre Existenz als Fischer genommen und gilt als eine der schlimmsten Umweltsünden Kolumbiens.
Wer keine Perspektive hat, dem ist die Umwelt egal.

Diese Straße soll zurück gebaut werden. Ein Lichtstreifen für die armen Menschen an dieser schlimmen Überlandstraße.

Fast ein halbes Jahr waren wir in Kolumbien und haben viele schöne Erlebnisse gehabt und tolle Landschaften bereist. Die Menschen sind herzlich freundlich und lächeln nicht nur, wenn sie vordrängeln wollen. ;-)W
Wer seinen Besuch auf Santa Marta und Cartagena begrenzt, verpasst das Beste.

Ein aufstrebendes Land, was sich herrlich unperfekt zeigt.
Ein Land, dem man nur wünschen kann, dass es politisch so stabil bleibt. Ein Land, das wir uneingeschränkt zum Reisen und zum Übersommern (Hurrikan-Saison) empfehlen können.

Und am Essen kann ja noch gearbeitet werden. ;-)

Typische Vorsuppe

Typische Vorsuppe

Das sieht schlimmer aus als es ist- echte, gute, alte Hausmannkost. :-)

Minca mit Hindernissen

Mi., 08.Nov.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1257, 11.850 sm von HH

Minca liegt nur 40 Minuten Fahrt mit dem Bus entfernt. Von dort gibt es ein paar Wanderwege zu Wasserfällen, Kaffee-Plantagen und Aussichtspunkte auf schneebedeckte Gipfel der Sierra Nevada. Auf 600 Meter ist es etwas kühler als im Hochofen Santa Marta.
Also flüchten Einheimische wie Touristen gerne nach Minca.

Entsprechend touristisch geht es dort zu. Ein kleiner geschäftiger Ort mit Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten.
Wir wählen einen Rundweg gegen den Uhrzeiger-Sinn. Und sind etwas enttäuscht. Der Weg lässt keinen Blick auf die Landschaft zu. Mopeds knattern vorbei und ab und an ein Lkw, der Obst aus den Bergen zum Markt nach Santa Marta transportiert.

Und wir werden gestochen. Von was, wir wissen es nicht. Die Stiche sehen aus, wie mit Zangen-Biss-Werkzeugen in die Haut getackert. Blut-Tropfen hängen an der Wunde.
Es schwillt enorm an und juckt nach wenigen Minuten wie die Hölle.
Weder die Landung von ‚was-auch-immer‘, noch der Biss sind zu spüren.
Durch Insekten-Schutz werden wir etwas verschont, aber nicht komplett sicher.

Als sich dann noch der Himmel zuzieht, fliehen wir mit dem nächsten Bus aus Minca.

Keine halbe Stunde zu früh.
Kaum, dass wir auf dem Schiff zurück sind, öffnen sich die Schleusen. Dieser Regenguss beeindruckt uns nachhaltig. Soviel Wasser auf einmal. :shock: 130 mm in einer Stunde.
Das ist sogar dem Lokal-„Sender“ einige Berichte wert.

Santa Marta steht unter Wasser.
Man ein Glück, dass unser zu Hause schwimmen kann.

Land unter am Hafen

Land unter am Hafen

Gleiche Stelle- Am nächsten Morgen steht nur noch ein bisschen Wasser auf den Straßen

Gleiche Stelle- Am nächsten Morgen steht nur noch ein bisschen Wasser auf den Straßen

Bus fahren in Kolumbien

Mi., 18.Okt.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1237, 11.850 sm von HH

Das Bus-System in Kolumbien bringt einen in das letzte Dorf.
Man muss keine Angst haben, dass man auf einem Busbahnhof stecken bleibt. Irgendein Fahrzeug findet sich immer.
Mehrmals täglich wird auch die letzte Siedlung angefahren. Nach Fahrplan – alle 23 Minuten in ein 5.000 Seelen-Kaff zum Beispiel.

Das System ist allerdings schwer zu durchschauen.
Auf den Bahnhöfen gibt es zig Anbieter, die um ihre Gäste buhlen. Viele Anbieter haben das gleiche Ziel. In Reihen stehen mit Reklame zugekleisterte Buden.
Neon-Laufbänder zeigen blinkend diverse Ziele. Die Mitarbeiten winken mit Schildern, rufen unter den Schlitzen der Glas-Trennscheiben ihre Angebote den Suchenden zu.
Welche Linie man am besten nimmt, ist eine Art Glücks-Spiel. Sind eure Busse komfortabel? „Si, claro“, lautet die ewig gleiche Antwort. Da wird auch schon mal geschwindelt. ;-)

Der Preis ist ebenfalls kein verlässlicher Indikator für eine komfortable Reise.
Wir sind 300 Kilometer für 8,00 EUR (pro Person) im blitzsauberen Luxus-Bus mit Liegesitzen und Wifi gefahren und haben für 160 km im ausgelutschten Klapperbus fast das gleiche bezahlt.

Die Busse fahren auf die Minute pünktlich ab.
Was umso mehr verwundert, weil bei der Fahrtdauer grundsätzlich untertrieben wird. Als Faustformel kann man pro Stunde Fahrzeit 15 Minuten drauf rechnen. Klingt harmlos, macht bei versprochenen sechs Stunden bereits 1,5 Stunden mehr. :shock:

Zum Busfahren gehört eine gute Portion Mut. Es wird gefahren wie Sau.
Dagegen sind die Fahrer in Mexiko lahme mittelamerikanische Enten.
Auf dem Weg nach Silvia wäre unser Bus beinahe frontal mit einem Lkw zusammen gestoßen. Ein beherzter Schlenker des Fahrers hat uns das Leben gerettet.

In vielen Bussen zeigt eine, zu den Fahrgästen gedrehte, Digital-Anzeige die aktuelle Geschwindigkeit. Das ist praktisch. So kann man die gefahrene Geschwindigkeit prima mit den Straßenschildern abgleichen. Fast immer ist es mehr als das Doppelte. :mrgreen:

Kamikaze-Überholmanöver, dichtes Auffahren, hupen , statt bremsen.
Kurven schneiden, auch sehr beliebt. Das Beste ist, man achtet nicht drauf, sondern erfreut sich an der traumhaften Landschaft (dann hat man wenigsten noch mal was Schönes gesehen, bevor die Lichter für immer aus gehen).

Die Einfallstraßen vor großen Städten sind autobahnähnlich. Zweispurig und getrennt durch Mittelstreifen vom Gegenverkehr. Hier könnte man aufatmen, weil die unerhörten Überholmanöver eine Ende haben. Was macht der kolumbianische Busfahrer? Nun überholt rechts. Im Prinzip bleibt ihm nichts anderes übrig, da die lahmen LKWs gerne die linke Spur blockieren.
Dazwischen düsen Mopeds, die im Zick-Zack ihren eigenen Stiefel fahren.

Die Quote der Verkehrs-Toten beträgt das vier- bis sechsfache Vergleich zu Deutschland, je nachdem welche Statistik im Internet Recht haben mag.

In Summe sind wir 2.100 km Bus gefahren – wir haben es überlebt – und können es daher mit gutem Gewissen weiter empfehlen. :lol:
In Medellin endet unsere Rundreise, leider streikt eine Airline noch immer. Chaos am Flughafen, Verschiebung und Flugausfall müssen wir nicht haben. Wir entscheiden uns nach Santa Marta ebenfalls den Bus zu nehmen.

840 km! Versprochen wurden uns 15 Stunden, gebraucht haben wir 19 (logisch).

Kann man überstehen. Wichtig sind dann ausreichend Jacken, Mützen, Schals und Decken. Wir haben unterwegs eine zwei mal zwei Meter super Fluschi-Wärme-Decke auf einer Raststätte in den Bergen erstanden.

Ein Lebensretter für den kleinen Preis von vier Euro.