So., 23.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1666, 14.889 sm von HH
„Wer Meer hat, braucht weniger“ – „VitaminSea“ – „Meer geht immer“ – Meer als Sehnsucht“, wer diese markigen Buchtitel und Lifestyle-Sprüche benutzt, dem empfehle ich eine lange Ozeanpassage auf einem Segelboot. Da bleiben einem diese Leitsätze schon mal im Halse stecken. Wir beide sind im Augenblick für weniger Meer. Wir kommen jetzt schlechter voran. Den dritten Nachmittag in Folge bricht der Wind auf 5 bis 7 Knoten ein. Zum Glück kommt er in den frühen Abendstunden (noch) wieder. In den Windkarten können wir allerdings schon das große windarme Feld sehen, was sich als Band zwischen uns und die Osterinsel gelegt hat. Das Hochdruckgebiet mit wenig bis keinen Wind ist also noch da.
Das Schlimme an wenig Wind ist nicht die langsame Fahrt, sondern das Rollen in der Dünung. Der Baum klappert, die Segel schlagen und in der Bude fliegt alles hin und her. Es macht mehr Lärm als mit 6 Knoten vorwärts zu preschen. „Segel runter, Bier raus“, lässt Achim vermelden.
Das Großsegel haben wir ins dritte Reff genommen, damit es nicht so knallt. Das Vorsegel steht noch halbwegs. Im Augenblick treiben wir mehr als dass wir segeln mit 2 Knoten in die richtige Richtung.“
Das Wetter ist Granate. Blauer Himmel bzw. tagheller Vollmondhimmel seit 24 Stunden. Und! die Wassertemperatur ist um 1,5 Grad gestiegen. Wir sind weiterhin allein hier draußen. Ein paar Seeschwalben begleiten uns. Immer mal wieder tauchen sie neben uns auf.
Essen: Abendessen: Chop Suey mit Rindfleisch, Möhren und Kohl (ja, etwas viel Kohl diese Tage
Aber ich musste zwei große Köpfe vor dem Gammeltod bewahren. Zum ‚Über-Bord-Gehen-lassen‘ haben wir inzwischen zu wenig Auswahl. Kohl angebraten mögen wir zum Glück beide ganz gerne. Und Achim findet, wenn die Griechen den ganzen Tag Krautsalat essen, kann er das auch) Frühstück: Brot mit Salami, Käse und Mortadella Mittag: Gesammelte Wochenübersicht: Bratreis mit Knoblauch, Zwiebeln und dem letzten Rest der Würstchen in Scheiben geschnitten. Dazu Cole Slaw. Obstsalat mit Grapefruit und Apfel.
Meilen: Tagesmeilen 89 , Rest 840 sm auf direktem Weg
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Tag 14 =>Osterinsel – Held an Bord
Sa., 22.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1665, 14.800 sm von HH
Nach drei Stunden Dümpelei werden wir dann doch tätig. Der Blister (das bunte Leichtwindsegel) wird hergeholt. Das Setzen gelingt problemlos. Wir haben einen Bergeschlauch, eine dünnen Hülle aus Tuch, in dem der Blister steckt. Dieser Schlauch wird mit einem Fall (das sind die Bänder die im Mast bist nach oben führen) bis in die Mastspitze gezogen. Anschließend wird mit einer Leine der Schlauch zusammen gerafft und das Segel entfaltet sich. Wir nehmen Fahrt auf, das Segel verrichtet seinen Dienst. Soweit so gut.
Die Freude währt nicht lange. Natürlich kommt nach kurzer Zeit wieder Wind auf. Der Blister muss zurück in seinen Schlauch. Kein Problem. Das klappt als ob wir Profis wären. Dann zieht Achim an dem Fall, um den 15 Meter langen Schlauch wieder an Deck zu holen. Er zieht und zieht. Nichts. Das Fall ist verklemmt. Uns ist klar, dass der Schlauch nicht am Mast hängen bleiben kann. Die 50 cm dicke Wurst schlackert ungesichert hin und her und würde sich aufreiben. Dann käme der Blister aus seinem Gefängnis und brächte uns bei viel Wind in arge Schwierigkeiten.
Es gibt nur einen Weg das verklemmte Fall zu lösen: wir brauchen jemanden, der in den Mast klettert. Alle Augen auf Achim. Etwas blass um die Nase holt er sein Klettergeschirr. An dem befestigen wir ein weiteres Fall, so dass ich ihn von unten sichern kann, falls er abrutschen sollte. Das verhindert einen Einschlag auf Deck. Diese Methode wenden wir immer an, wenn Achim in den Mast klettern muss. Nur dass wir sonst ruhig im Hafen liegen, ohne Schiffsbewegung. Nicht verhindern kann die Sicherung, dass Achim, sollte er den Halt verlieren, in der Dünung hin und her pendeln wurde. Ohne Verletzungen bekäme er kaum den Mast wieder zu fassen. Die Beschleunigungen in sechstzehn Meter Höhe sind enorm.
„Gut stramm halten“, gibt Achim mir auf den Weg, „du darfst nicht die Spannung verlieren.“ Ich nicke nervös. Dann erklimmt er auch schon die ersten Maststufen. Ich halte das Fall auf Spannung. Plötzlich ist Schluss, ich merke, dass er nicht weiter klettert. Ein Blick nach oben. Achim hängt in sechs Meter Höhe an der ersten Saling. In inniger Umarmung klammert den Mast. „Ich brauche eine Pause“, ruft er mir zu, „es schaukelt ganz ordentlich.“ Du lieber Himmel. Und er muss noch zehn Meter höher. Mir zittern die Knie. Wie mag Achim das erst ergehen? Dann merke ich, dass er weiter klettert. Wenn sich Atanga ganz besonders schlimm auf die Seite legt, ist oben Pause. Ich sehe wieder die Umarmung. Was Achim sonst routiniert wie ein Affe erledigt, dauert heute ewig. Ich konzentriere mich auf mein Fall. Vom Ziehen tun mir hier unten schon die Hände weh. Ich mag nicht dran denken, wie es seinen Händen geht.
Oben angekommen ist das Problem recht schnell gelöst. Der Schäkel hat sich unglücklich hinter einer Rolle verklemmt. So stark verkeilt als wäre er mit einem Hammer dort hinein getrieben worden. Die Lösung heißt Schäkel öffnen und den Schlauch auf Deck fallen lassen. Achim hat zum Öffnen seinen Letherman dabei. Das ist pures Glück. Darüber nachgedacht hat er nicht. Er hätte dann tatsächlich ein zweites Mal klettern müssen
Mit zittrigen Gummihänden öffnet er den Schäkel. Dort oben hat der Mast Ausschläge von drei Metern zu jeder Seite. Und das bei nur 10 Grad Krängung. Einige der Wellen drücken uns durchaus noch kräftiger auf die Seite. Dazu kommen die Fliehkräfte, die ich schon an Deck spüre und zeitweise aus der Bahn geworfen werde. Da soll man wohl Gummiarme haben.
Ich trete zur Seite. Der Bergeschlauch kommt runter. Schnell hole ich die Hälfte an Deck, die ins Wasser gefallen ist. Dann kommt Achim runter. „Ich habe Wackelbeine“, grinst er mich an. Das Grinsen fällt noch etwas schief aus.
Wir umarmen und beglückwünschen uns. Tausend Steine fallen mir vom Herzen. Wir tanzen, jubeln und freuen uns. Ein paar Blessuren vom fest klammern an Oberarmen, Schienbeinen und Handgelenken sind nicht der Rede wert. Später in der Nacht lese ich im Logbuch, dass er unter die Beschreibung des Geschehens ‚Horror‘ geschrieben hat.
Das Segel kann nichts dafür, trotzdem steht Morgen bei Ebay Kleinanzeigen: Blister zu verkaufen.
Essen: Abendessen: Würstchen (so eine Art Hot Dog Wurst aus Bahía) mit dem Kartoffelsalat und Krautsalat (auch mal schön nicht kochen zu müssen) Frühstück: Brot mit Salami, Käse und Mortadella Mittag: Die verbliebenen Würstchen vom Vorabend in Scheiben geschnitten und mit Zwiebeln angebraten. Spiegelei drauf. Fertig. Dazu Cole Slaw (amerikanischer Krautsalat mit Mayo/Joghurt und Möhren – meine Kohlköpfe, die als Langzeitgemüse gedacht waren, neigen zum Gammeln und müssen verarbeitet werden). Ein Rest vom Milchreis zum Nachtisch.
Meilen: Tagesmeilen 80 , Rest 925 sm auf direktem Weg
Tag 13 =>Osterinsel – Wunderbar
Fr., 21.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1664, 14.720 sm von HH
Die letzten 24 Stunden läuft es ganz prima. Halber Wind, Stärke vier, angenehme Schiffsbewegung. Eine Art Genuss-Segeln.
Mittags kommt dann der Einbruch. 10 Knoten, 8 Knoten, dann nur noch 5 Knoten Wind. Wir treiben mehr als dass wir segeln. Immerhin in die richtige Richtung. Da wir kaum noch Fahrt machen, spielt die Dünung mit uns Ping Pong. Der fehlende Druck in den Segeln lässt das Groß hilflos hin und her schlagen. Mit einem Knall beutelt sich das Tuch zur windzugewandten Seite aus und kommt mit einem neuen Knall zurück. Das ist nervig und hält aufs Material. Das Groß-Segel bergen wir und lassen uns von der Genua ziehen. Dieser schwache Wind ist eindeutig Blister Wind. „Jetzt bloß nicht hektisch werden“, stoppen wir aufkeimenden Aktionismus. Wir sitzen das erst mal aus. Die letzten Tage haben gezeigt, dass sich ein Segelmanöver kaum lohnt. Zu schnell ändern sich die Windstärken. Mal sehen, wenn es so bleibt, können wir am späten Nachmittag noch immer tätig werden.
Wetter: Es ist weiterhin kalt. Das Wasser hat seinen vorläufigen Tiefpunkt mit 20 Grad erreicht. Die Sonne scheint nur am Nachmittag. Einen glühenden Sonnenaufgang gab es bislang noch gar nicht. Die Vormittage sind garstig grau mit tief hängenden Wolken. Regen hatten wir bislang noch keinen. Das ist ja auch was. Essen: Abendessen: Gebratene Kasseler-Koteletts (zweite Hälfte aus dem Packet) mit Kartoffelsalat (Hamburger Art mit Ei, Gewürzgurke und Apfel) und Krautsalat (ein Kohlkopp musste weg) Frühstück: Ganz frisches Brot mit hartgekochtem Ei und Tomate Mittag: Milchreis mit Zimt und Zucker
Meilen: Tagesmeilen 109 , Rest 1.007 sm auf direktem Weg
Tag 12 =>Osterinsel – Halbzeit
Do., 20.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1663, 14.611 sm von HH
Die Hälfte der Strecke liegt jetzt im Kielwasser. Ob es wirklich Halbzeit oder nur Halbstrecke ist, wird sich zeigen. Leider haben wir bereits vor unserer Abreise ein langgezogenes Flautengebiet zwischen uns und der Osterinsel gesehen. Über hunderte Meilen erstreckt es sich als schmales Band von Südamerika weit in den Pazifik hinein. Ein lokales, dauerhaftes Hochdruckgebiet sorgt für Windarmut in dieser Region. In vier, fünf Tagen erreichen wir dieses Gebiet. Das wird spannend.
Der wechselhafte Wind hat sich etwas normalisiert. Die Sprünge sind nicht mehr ganz so heftig und es überwiegt seit zwölf Stunden ein konstanter Wind mit vier Windstärken. Der Wind kommt etwas vorlicher als halber Wind, so dass wir seit heute Morgen flott unterwegs sind. Daumen drücken, dass dies so bleibt.
Die Stimmung an Bord ist durchgängig gut bis sehr gut. Abgesehen von heute Vormittag. Da war der Skipper etwas unleidlich. Ein Spleiß, den er in unsere Ankertrosse arbeiten wollte, ging nicht wie gewünscht von der Hand. Da wird die Crew schon mal ungerecht angemeckert. Nur weil ich mit der Kamera vor seiner Nase gefuchtelt habe, um den schleppenden Fortschritt der Arbeit festzuhalten.
Mir wurde gedroht, dass ich auf Pitcairn ausgesetzt werde. Unverschämtheit.
Die Ankertrosse brauchen wir als Kettenverlängerung, um vor der Osterinsel sicher ankern zu können. Die Ankerplätze sind 20 Meter tief, da reichen unsere 50 Meter Kette nicht aus. Der Spleiß ist trotz Grummelei dann noch was geworden, so dass es jetzt los gehen kann. Von mir aus könnten wir schon da sein. So toll ist das Rumgeschippere hier draußen dann auch wieder nicht.
Essen: Abendessen: Bohneneintopf von dreierlei Bohne mit Möhren (frisch) und Speck (getrocknete Black Eye Peas, kleine weiße Bohnen und schwarze Bohnen gemischt, über Nacht eingeweicht). Der Speck ist aus Südtirol, ein Mitbring aus Deutschland und extra für diese Fahrt aufbewahrt. Frühstück: Brot mit Käse, Salami und einer Art Mortadella Mittag: Der Rest vom Bohneneintopf und zum Nachtisch eine halbe Wassermelone.
Meilen: Tagesmeilen 106 , Rest 1.115 sm auf direktem Weg
Tag 11 =>Osterinsel – Weiße Folter
Mi., 19.Dez.18, Süd-Pazifik, Tag 1662, 14.505 sm von HH
Amnesty International und das Komitee gegen Folter haben klar gestellt, dass Folter durch Schlafentzug bestialisch ist und haben sie folgerichtig verboten. Die sogenannte ‚weiße Folter‘ erfreut sich dennoch großer Popularität, bietet sie doch eine wirksame Methode, um „den Willen des Gefangenen zu brechen“. Eine Methode sei es, die Schlafzeit auf vier bis sechs Stunden zu verkürzen.
Bereits elf Tage reichen uns, um Amnesty International Recht zu geben. Es schlaucht unerwartet schnell nur noch vier Stunden am Stück schlafen zu können. Wir sind dauermüde. In Gänze bekommen wir beide eigentlich genug Schlaf. Ich gehe um 20:00 Uhr ins Bett, schlafe bis 22:00 Uhr, habe Wache bis 2:00 Uhr und darf dann ins Bett bis 6:00 Uhr morgens. Das macht während der Nachtstunden sechs Stunden Schlaf plus eine bis anderthalb am Tag. Achim schläft von 22:00 Uhr bis 2:00 Uhr und ab 6:00 Uhr solange bis er von alleine aufwacht.
Leider sind die vier Stunden in der Nacht nur ein theoretischer Wert. Trotz extremer Müdigkeit kann ich meistens nicht sofort einschlafen. Irgendwas ist immer. Vorgestern liege ich in der Koje und dann ist es plötzlich da. Tok-tok … tok-tok. Ein ganz neues Geräusch. Wo(wtf) kommt das her? Einfach gar nicht ignorieren, ist die beste Devise. Aber das klappt nicht, ich wälze mich. Tok-tok. Sobald ich mich aufrichte zum Lauschen, ist das Geräusch verschwunden. Und sofort wieder da, sobald ich liege. Grrrr! Nach vier Lauschangriffen ist der Übeltäter gefunden. Der Zipper einer Jacke schlägt gegen die Tür. Jedoch nur bei den großen Ausschlägen des Schiffs.
Gestern war es ein leichtes Flattern, eine Art Klatschen an Deck. Ein Geräusch an Deck zu finden, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Draußen hört man das Flattern nicht. Wegen der Windgeräusche. Und was unter Deck wie Schläge mit einem Hammer klingt, kann an Deck ein Tampen sein, der zwei Zentimeter hin und her rollt. Da bleibt nur Methode ‚Kissen über den Kopf‘.
Bin ich dann mit einer Viertelstunde Verspätung eingeschlafen, kommt kurz darauf die Lokomotive. So nenne ich die Bedienung der Winschen. Die Winschen sind direkt über der Achterkoje angebaut und machen einen unglaublichen Radau. Die letzten Tage sind viele Lokomotiven unterwegs. Vorsegel kleiner: die große Lokomotive an Steuerbord. Baum dicht holen: die kleine Lokomotive, wahlweise Backbord oder Steuerbord, je nach Laune vom Chef. Eine Stunde später kommt der Güterzug: der Baum kommt rasselnd wieder raus. Morgen schreibe ich einen Brief an Amnesty International.
Wind und Wetter: Der Wind ist weiterhin flatterhaft. Innerhalb einer Stunde geht es von 12 Knoten hoch auf 22 Knoten und runter auf 7 Knoten. Der schwache Wind hält dann für 30 Minuten oder auch für drei Stunden an. Es folgt die nächste Wechselphase. Das Groß reffen wir gar nicht mehr aus. Sobald wir das nur denken, haben wir wieder über 20er Wind. Das lässt uns in den schwachen Phasen natürlich mit angezogener Handbremse unterwegs sein. Highspeed und Schneckentempo macht einen noch ganz guten Schnitt von 4 Knoten. Passt für uns.
Essen: Abendessen: gebratene Kasseler-Koteletts (in Bahía gab es eingeschweißte Koteletts im 4er-Pack) mit Röstzwiebeln und Kürbis-Kartoffel-Mus Frühstück: Brot mit Käse, Salami und einer Art Mortadella Mittag: Achim und seine Nudeln (mit den Augen roll): kalt, vom Vortag direkt aus dem Kühlschrank mit Ketchup. Ich ziehe eine Schale Müsli vor.
Meilen: Tagesmeilen 97 , Rest 1.219 sm auf direktem Weg
