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Tag 3 – Kuddelmuddel

Mi., 7.Sep.16, Atlantik, Tag 830, 6.842 sm von HH Am spaeten Nachmittag taucht auf dem Plotter auf einmal ein neues AIS-Dreieck auf. 10 sm hinter uns. Ein Klick auf die Details verraet, es ist die Worlddancer II. Das ist ja ein Ding, denn die Worlddancer nimmt ebenfalls an der Rally teil. Ueber Funk erfahren wir, dass sich kurz vor ihnen die Blue Sun, das dritte deutsche Schiff im Bunde, befindet. Der vierte Deutsche Teilnehmer hat kurzfristig abgesagt. Was fuer ein Zufall, dass wir nun zu dritt auf einem Haufen duempeln. Sichtkontakt besteht leider nicht. Der Rest laeuft nicht so geordnet ab. Das Wetter macht uns ganz karussellig. Wir segeln in alle Richtungen mit Windstaerke 1 bis 6. Gleich im Morgengrauen der erste Squall mit der sich anschliessenden Flaute von einer Stunde. Normaler Wind zum Fruehstueck aus halbwegs richtiger Richtung, muehsam kommen wir mit drei Knoten voran. Dann frischt es gewaltig auf. Um 9:00 Uhr rauschen wir mit 6 Knoten Speed in ein riesiges Regengebiet. Es schuettet wie aus Eimern. Der Wind kommt aus Sued-West, statt Ost. Als nach 1,5 Stunden der Spuk vorbei ist, schliesst sich erneut eine Flaute an. Jetzt im Augenblick druempeln wir wieder mit drei Knoten voran. Aber immerhin, 252 sm haben wir bereits geschafft. :-) Schoen zu beobachten, dass es der Worlddancer nicht anders geht. ;-) Die sind jetzt 10 sm vor uns und wir koennen nur staunen: mal fahren sie Richtung Norden, dann folgt ein Suedkurs und dann kommen sie zurueck. Neben dem ganzen Gemecker ueber die Langsamkeit und des Kuddelmuddels ist zu berichten, dass die Segelbedingungen ansonsten super sind. Hoch am Wind zu segeln, kann bockiges, nasses Segeln bedeuten. Weit gefehlt. Wir liegen ruhig im Wasser. Die Welle ist so harmlos, die wir mit unserem schraegen Bug muehelos durchpfluegen koennen. Nachts machen wir die Luken zum Schlafen nur zu, wenn es regnet. Schlafen, Kochen, das Leben an Bord fuehlt sich an wie ein Ponyhof. Unser Thun ist nun alle. Am zweiten Abend habe ich ihn gebraten, dazu gab es Kartoffelpueree mit Kokosmilch und Chiliflocken. Aus dem Rest der gebratenen Stuecke habe ich heute Mittag einen Thunfisch-Salat mit Tomaten, Zwiebeln, Kapern und ein wenig Mayo gemacht. Eingerollt in Wraps war das ein lecker Fresschen.

Tag 2 – von der Langsamkeit des Seins

Di., 6.Sep.16, Atlantik, Tag 829, 6.773 sm von HH Es gibt einen neuen meistgesprochenen Satz an Bord: „Wer hatte eigentlich die Scheiss-Idee mit der Rally?“ :mrgreen: Bis Mitternacht verfolgen wir unseren Plan, Strecke nach Nord-Osten gut zu machen. Als der Wind unter 10 Knoten faellt, geben wir auf. Wir fahren rueckwaerts. Nachts den Blister zu setzten, ist keine Option fuer uns: 120 qm wildgewordenes Tuch zu baendigen im Fall von Problemen, braucht keiner. Also bleibt nur, die Maschine anzuwerfen. Mit dem Abtauchen des Windes sind auch die Wellen verschwunden. Geht also ganz gut, trotz Wind genau auf die Nase. Wir kommen voran. Im Morgengrauen haben wir Tobago rechts neben uns. Wir setzten Gross und Vorsegel. Ein kleiner Wind von knapp vier Windstaerken stellt sich ein. Wie durch ein Wunder koennen wir unseren Wunsch-Kurs von 150 Grad segeln. Genau zwei Stunden lang. Dann kommt der erste Squall. Squalls sind lokale Wetterstoerungen, dauern meist nicht laenger als 20 Minuten, haben viel Wind im Gepaeck und noch mehr Regen. Da haeufig extreme Wind-Dreher in einem Squall stecken, steuern wir diese von Hand. Nicht, dass man es der Wind-Herta nicht zutrauen wuerde, gibt es zusaetzlich ein gutes Gefuehl nicht den Maechten ausgesetzt zu sein. Der erste Squall hat nur 30 Knoten Wind. Die naechsten schon 35 Knoten. :shock: Mensch und Maschine halten das aus. Trotz Vollzeug, da wir sonst ja gar nicht voran kaemen. Ein uebler Nebeneffekt so einer Wind-Regen-Wolkeist, dass die auf der Rueckfront komplett wind-leer ist. Nach einer Stunde ist der normale Wind wieder da. Bis dahin fahren wir mal wieder rueckwaerts. Die Stroemung drueckt uns genau auf die Kurslinie aus der wir gekommen sind (Beweisfotos koennen geliefert werden). Es ist wie verhext. In diesem Augenblick haben wir 183 sm gesegelt (das ist an sich fuer 54 Stunden schon eine Frechheit – der geneigte Leser erinnert sich, dass wir an ziemlich dem gleichen Ort schon mal 180 sm in 24 Stunden hatten) und sind von unserem Startpunkt 125 sm entfernt. Dafuer geht es kulinarisch heiss her: der Gelbflossen-Thun von gestern ist koestlich und wird uns zwei Tage ernaehren. :-)

Tag 1 – die ersten 36 Stunden Richtung Sueden

So/Mo., 04./05.Sep.16, Atlantik, Tag 827/8, 6.695 sm von HH Zuerst denke ich, dass uns Engel in den Hals gepinkelt haben. Soviel Glueck kann man von alleine nicht haben. 24 Stunden spaeter bin ich ueberzeugt, dass es gefallene Engel gewesen sein muessen Nie, niemals, zu keiner Zeit gibt es in der Karibik Westwind. Und doch, wir erwischen diesen einen Tag. Dieser Westwind ist zwar mit unter 10 Knoten schwach, aber der Blister zieht uns auf Badewannen-glattem-Wasser Richtung Tobago. Am Nachmittag nimmt er zu und wir tauschen Blister gegen die Genua, unserer grosses Vorsegel. Sanftes Gleiten mit 3,5 Knoten Speed, genauso viel wie wir erwartet habe. Als dann noch ein Thun-Fisch an der Angel haengt, ist der Tag perfekt. Um 20:00 schlaeft der Wind komplett weg. Wenn wir uns treiben lassen, drueckt uns die Stroemung zurueck, also muss der Motor ran. In den fuenf Stunden machen wir weiter Meilen Richtung Ost gut. Der Wind, der mitten in der Nacht einsetzt, kommt aus Sued-Ost. Kraeftig, mit 20 Knoten. Durchs Wasser machen wir gute Fahrt, nur die Stroemung bremst unser Vorwaertskommen. Bis hierhin alles gut, unser Plan geht auf und ich glaube an die Kraft des Engels-Saft. Am fruehen Vormittag rechnen wir uns aus, dass wir langsam eine Wende fahren sollten. Rechnerisch muesste es passen, dass wir oestlich an Tobago vorbei kommen. „Klar zu Wende?“ „Ree“. Auf dem Plotter trauen wir unseren Augen nicht. Wir haben einen Wendewinkel von 150 Grad, fahren also fast auf der alten Kurslinie zurueck. Atanga ist kein Wende-Wunder, aber das ist nun doch zu viel. „Das gibt es doch gar nicht“, ist der meistgefallene Satz. Es kann nur die Stroemung sein. Wir gehen auf den alten Bug zurueck, wieder Richtung Nord-Osten. Vielleicht kommt der Wind bald oestlicher, dann wird unser Winkel besser. Am Nachmittag versuchen wir es erneut: „Ree“. Mit dem gleichen Effekt: Wendewinkel 150 Grad. Waehrend ich das schreibe, haben wir 105 sm zurueck gelegt. Vom Startpunkt aus sind wir 75 sm entfernt. Im Augenblick sind wir im Dreieck Grenada-Tobago-Barbados gefangen. Fuer eine Crew, die gerne segelt ein Hochgenuss. Die Bedingungen sind moderat bis nett. Einer Crew, die lieber ankert, beschert das Unlueste.

Tag 3 – Mahi Mahi

Mo., 10. Apr.16, Atlantik, Tag 680, 6.145 sm von HH, etmal 142 sm Wie erwartet, ist die Stroemung querab zu Trinidad abgerissen und wir muessen nun aus eigener Kraft vorwaerts kommen. :-( Schluss mit Rauschefahrt. 142 sm ist aber auch noch ein guter Wert. Rechnerisch ist es noch immer zu schaffen, dass wir in vier Tagen Martinique erreichen. Die traumhaften Segelbedingungen halten an. Es ist ein klein wenig welliger geworden, trotzdem bleiben Tee-Becher noch stehen und wir schlafen wie zu Hause auf dem heimischen Sofa. Toll. Und heute, endlich, fangen wir unseren ersten Dolphin-Fisch, auch Goldmakrele oder Mahi Mahi genannt. Vormittags springt uns mal wieder einer kurz vorm Reinziehen vom Haken. Wie oft wir das schon hatten? Wir koennen es nicht mehr zaehlen. Der Biss vom Nachmittag ist zu doof oder wir lernen dazu. In jedem Fall liegt der Bursche filitiert im Kuehlschrank und wird gleich gebraten. Mit meiner ersten Filitierung bin ich zufrieden, koennte schlechter sein (das Messer ist grossartig, liebe Petra und Andreas :-) ). Da uns ja alle professionellen Koeder geklaut wurden, angeln wir noch immer mit meinen Eigen-Kreationen. Und worauf stehen Mahi Mahis? Auf babyrosa Schleifenband mit weißen Puenktchen….

Tag 2 – Wie gewonnen, so zerronnen

So., 09. Apr.16, Atlantik, Tag 679, 6.003 sm von HH, etmal 169 sm

Wir haben ja zur Zeit kein Internet und wissen nicht, wer 169 sm getippt hat, aber „herzlichen Glückwunsch“ an den unbekannten Tipper. Das kommt zwar nicht an den Spitzenwert von gestern ran (übrigens, es waren 180 sm :-) ), ist trotzdem ein super Wert.

Soweit so gut.

„Mit Verlaub, Herr Neptun, Sie sind ein Arschloch.“ Mit der einen Hand gibt er, um mit der anderen doppelt zu nehmen.
Erst beschert er uns die wohl schönsten 48 Segelstunden am Stück mit diesem göttlichen etmal. Lässt uns im Geschwindigkeits- und Glücksrausch taumeln, um dann voll hinzulangen.

Heute Morgen greift er nach dem Hilfsruder unserer Windsteueranlage.
Das liegt jetzt auf 3.624 Meter Tiefe. Mittlerweile sollte es unten angekommen sein. :mrgreen:

Auf einmal hält Atanga nicht mehr den Kurs zum Wind. Es gibt Situationen, da verschieben sich zwei Zahnräder, kommt schon mal vor.
Eine Kontrolle von Achim ergibt, nein, alles in Ordnung.
Mag sein, aber der Kahn läuft nicht auf Kurs.

Es dauert eine Weile und bedarf des Absteigens auf die Badeplattform bis er sieht, das Ruder fehlt. Tuti kompletti. Inklusive Befestigungs-Flansch. Alles weg. :cry:

Fassungsloses Staunen macht sich breit. Wie kann das sein?
Die Schrauben für das Ruder haben sich schon mal nicht losgejackelt, dann wäre der Flansch ja nicht ebenfalls weg. Ein Studium der Sprengzeichnung der Anlage bringt auch keine Erhellung.

Diverse Lager, Verlängerungsrohre, noch ein Lager, Dichtungen und Zeug sind noch da.
Zu sehr möchte Achim auch nicht an dem Restrohr wackeln, sonst verabschiedet sich der Inhalt dieses Rohres auch noch in die Fluten.

Ohne Ruder keine Windsteueranlage, also müssen der Autopilot oder die Menschen ran.
Ein neues Ruder zu besorgen, dürfte ein ziemlicher Aufriss werden. Das Teil ist wohl 1,20 Meter lang und wiegt 15 kg.

Was will man sagen? „Scheiße“, tritt es irgendwie ganz gut.
Oder, etwas poetischer: Wie gewonnen, so zerronnen. Unverhofft kommt oft.
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Wo viel Licht, da auch viel Schatten. Ende.