Mi., 27.Jan.16, Atlantik, Tag 606, 4.008 sm von HH, etmal 133 sm Die sanfte Atlantik-Duenung? Die atmende See? Die herrliche Passat-Segelei? Wir sind nicht sicher! Aber kaum, dass ich gestern von wechselnden Winden geschrieben habe, sind diese seit 24 Stunden Geschichte. Der Wind kommt jetzt konstant aus 60 Grad mit 5 Windstaerken. Unsere beiden Vorsegel fahren wir, eins links und eins rechts, sozusagen als ‚Passat‘-Besegelung. Der Wind kommt 10 Grad von Steuerbord, daher Fock an Backbord und Genua ausgebaumt an Steuerbord. Die Genua ist leicht gerefft, weil sie so am Achterliek besser steht. Perfekt! Besser kann es nicht laufen…wie auf Schienen. Da Wind und Welle fast von achtern kommen, machen wir kaum Schiffsbewegungen. Die bis drei Meter hohen Wellen heben uns sanft an und das war’s. Kleine Schlenker nach rechts und links sind so minimal, dass wir leichtsinnig werden und Dinge einfach hinlegen. So ein Uebermut wird mit Abwurf bestraft. Ueber Funk erfahren wir von unseren Freunden, die eine Woche vor uns losgefahren sind, dass sie fuerchterliche Hacksee aus zwei Richtungen haben und ihren Kurs entnervt korrigiert haben. Statt Martinique nun Barbados. Seit unserer Abfahrt ist es extrem diesig. Wir vermuten, dass es sich auch hier draussen noch immer um den Sahara-Wind ‚Harmattan‘ handelt. Wir sind gespannt, wann wir den loswerden. Die Luft ist so truebe, dass das Meer fast grau wie die Nordsee erscheint. Keine Delphine, keine Fliegenden Fische. Wir sind gut drauf und frisch geduscht und freuen uns, dass wir uns bei diesen ruhigen Bedingungen nach zwei Tagen eingewoehnt haben. Speiseplan Tag 2: Abendessen: Suesskartoffel-Eintopf mit Paprika, Moehren, Kokosmilch, Curry und Kreuzkuemmel Fruehstueck: Brot mit Kaese, Schinken, Rettich und Gurke Zwischenmahlzeiten: TUC-Kraecker mit Frischkaese und Tomate, Obstsalat, Kekse und China-Nudelsuppe (nur fuer Achim, mich wuergt vor diesen Dingern) Eine verschimmelte Pampelmuse ist schon aussenbords. Die Tomaten halten nur noch bis Morgen durch. Und die Paprika wird zu Typ Oma mit schrumpeliger Haut.
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Tag 1 – Im Passat
Mo., 25.Jan.16, Atlantik, Tag 604, 3.765 sm von HH, etmal 110 sm Ab Januar hat sich der Nord-Ost-Passat auf er Breite von Kap Verde fest etabliert. Bereits Kolumbus erkannte, dass es besser sei von Kap Verde statt von den Kanaren aus in die Karibik zu starten. Dieser Wind weht jetzt am staerksten mit etwa 25 kn und konstant aus 30 bis 80 Grad. Dieser Bericht erzaehlt von Zweien, die auszogen, diesen Wind zu finden.
Es faengt goettlich an. Fast 30 Knoten Wind zwischen Sao Vicente und Santo Antao und kaum Welle, bescheren uns einen schnellen Start. 9 kn Speed auf dem GPS. Wir rasen der neuen Welt entgegen. Nach ein paar Stunden gelangen wir aus der Abdeckung der Inseln und seitdem ist der Spass zu Ende. Das Gewackel haelt sich in ertraeglichen Grenzen und halbwegs normales Leben ist moeglich. Ich hab sogar schon abgewaschen. Zum Duschen hat aber noch keiner Bock. Und was macht der Wind? Wechselnde Staerken aus wechselnden Richtungen. Unsere Kurslinie sieht aus wie ein Laemmerschwanz. Mal die Fock (kleines Vorsegel) auf die eine Seite, dann die Genua (grosses Vorsegel) auf die andere Seite. Mal gerefft, dann wieder nicht. Das Unterfangen Atlantikuebersegelung artet geradezu in Arbeit aus. Uns geht’s trotzdem gut. Ich hab schon ein Buch durch. Achim hat noch nicht so recht die Ruhe zum Lesen gefunden. Er moechte staendig die Segel anders setzten, weil er uns fuer zu langsam haelt. Ich wurde gebeten jeden Tag zu berichten, was es unterwegs so zu essen gibt. Bitte schoen, hier kommt Tag 1: Nachmittags gab es vorgeschmierte Schnittchen. Schinken-, Kaese und Leberwurstbrot mit selbst gebackenem Koernerbrot. Dazu ein gemischter Salat. Den hatte ich aber auch schon vorgeputzt und geschnippelt. Den ersten Abend hatten wir Kartoffelsalat mit Frikadellen (vorbereitet in Mindelo). Den Rest gab es zum Brunch heute spaeten Vormittag und dazu eine Papaya mit Joghurt.
Ein letzter Test
Wie weit noch bis Mindelo?…
So., 27.Dez. 15, Atlantik, Tag 575, 3.627 sm von HH, etmal 116 sm …Herr, noch eine Stunde bis Mindelo! Die Herzen sind weit, die Herzen sind froh. Unsere voraussichtliche Ankunft wird im Augenblick mit 17:00 Uhr utc berechnet. Das ist schoen, so wird es noch nicht dunkel sein in Mindelo auf Sao Vicente. In Summe mussten wir leider 24 Stunden motoren, bevor uns gestern Abend der Wind wieder hatte. Da absolute Flaute nicht so haeufig vorkommt, nutze ich die ruhige See fuer ein Bad in 3.700 Meter Wassertiefe. Es ist sehr frisch, sehr blau und sehr unheimlich. Unheimlich ist nicht diese abstruse Tiefe, sondern das vorher gelaufene Gespraech ueber Haie. Das macht den Gruseleffekt. Ich halte es fuer beliebig unwahrscheinlich zur gleichen Zeit am gleichen Ort auf einen Hai zu treffen. Aber Achim kommt mit Wahrscheinlichkeits-Berechnungen und zitiert Hans Hass (kennt den ueberhaupt noch jemand?), dass alle 50 km ein Hai lauern soll. Schoen das Spiel verdorben.
Mit der aufgehenden Sonne besuchen uns uebermuetige Delphine, die sich, scheinbar lebensfroh, drei Meter aus dem Wasser schrauben. Und wir sehen unsere ersten fliegenden Fische. Ein paar Schuppen an Deck sind stummer Zeuge, dass zumindest ein Fisch heute Nacht an Deck gelandet sein muss. Da es keine Leiche gibt, konnte er sich wohl befreien. Apropos Fisch! Heute Mittag fand das vorlaeufige Highlight in unserer Angelkarriere statt: Wir haben eine Goldmakrele. AEh, wir hatten eine Goldmakrele.
Wunderschoen gold-blau glaenzend, in der richtigen Groesse, ein saftiger, suesser Fisch, fast zu schoen zum Schlachten. Fuer ein Foto hat’s noch gereicht (wird nachgeliefert), dann reisst sich das Prachtstueck los und verschwindet wieder in den blauen Fluten. Es ist alles andere als langweilig auf so einer UEberfahrt. Und es stimmt, was fast alle Langfahrer berichten: Ab Tag fuenf hat man sich so eingelebt, dass so eine Fahrt unendlich weiter gehen koennte. Jetzt freuen wir uns aber auf ein Wiedersehen mit der La Joya und somit ist gut, dass wir nachher ankommen werden.
Erwischt
Sa., 26.Dez. 15, Atlantik, Tag 574, 3.506 sm von HH, etmal 121 sm Noch 115 sm bis Mindelo. Leider ist uns seit gestern Abend 18:00 Uhr der Wind komplett eingebrochen und wir motoren seitdem. An Tag fuenf auf See haben wir uns gut eingelebt und angepasst. Die Tage gehen ineinander ueber und wir muessen die Finger zur Hilfe nehmen oder ins Logbuch schauen, um zu wissen welcher Tag heute ist. Wir haben unseren Rhythmus gefunden und kommen gut damit klar. Ausserdem wird es waermer. Tagsueber ist der Temperatur-Unterschied noch nicht so entscheidend, aber die Naechte sind deutlich milder. Ich bin waehrend meiner Nachtwachen gerne an Deck und kann mich nicht sattsehen an den Wellenbergen. Besonders schoen ist es, wenn sie wie die letzten Tage vom Vollmond angestrahlt werden. Wenn es zu kalt wird, gehe ich unter Deck und lese meistens. Alle 15 Minuten den beruehmten Rundumblick, zurueck ins Warme und weiter lesen. Es kommt dann ganz auf das Buch an, ob die Wache von vier Stunden sich endlos zieht. Als ich heute Morgen um 6.00 Uhr zur Schicht gehe, ist es kalt, dunkel, kein Mond, keine Wellen, ich bin todmuede und der Motor brummt einschlaefernd vor sich hin. Ich kann kaum die Augen offen halten. Mein neues Buch ist etwas zaeh, also mach ich es mir auf der Salonbank gemuetlich. Ich stelle die Eieruhr auf 15 Minuten fuer den Rundumblick, Temperatur und Oeldruck kontrollieren, fertig. Und wieder zurueck auf mein Lager. Das klappt prima. Bis zum letzten Check um 8.00 Uhr, kurz vor Sonnenaufgang. Als ich wieder aufwache ist es kurz vor 9:00 Uhr und der Kaept’n sitzt bereits im Cockpit. „Guten Morgen“, sagt er und ich bin erleichtert, er hat nix gemerkt.
Ich grinse ihn an. „Wenn Du hoch kommst, dann bring gleich die Neunschwaenzige mit nach oben und mach Dich schon mal frei zur Auspeitschung“. Oh, da hat er wohl doch was gemerkt.
Jawohl, hat er. Er sei um 8:20 Uhr aufgestanden und da haette ich seelig geschlafen und noch nicht einmal gemerkt, dass er mir die Eieruhr aus der Hand genommen und sich einen Kaffee gekocht habe. Wie sich herausstellt hatte ich vor dem letzten Schlaefchen vergessen, die Eieruhr auf ’start‘ zu druecken. Peinlich.
Allerdings: gutes Gewissen, ruhiges Ruhekissen. Kann so schlimm ja nicht sein, schliesslich war die ganze andere Zeit auch kein weiteres Schiff zu sehen… Den Strafvollzug kann ich abwenden durch ein Fruehstueck und bestellte Delphine, die lange bei uns bleiben.
