Scheitere erneut, scheitere besser!

Do., 07.Nov.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1985, 19.044 sm von HH

Wir sind schon wieder umgedreht! :mrgreen:
Diesmal nach Tahiti zurück. Wären wir bloß letzte Woche weiter gesegelt, da hatten wir nur Windstärke 6, heute hatten wir Windstärke 7.

Als wir aus der Cook Bay kommen, gibt es zunächst in der Abdeckung keinen Wind. Bis zur Windkante motoren wir. Die Dünung, die uns entgegenkommt, ist unangenehm hoch und spitz und kurz in der Frequenz. Das hätte uns stutzen lassen können. Nach einer Stunde stellt jemand die Windmaschine an: von jetzt auf sofort haben wir 25 Knoten Wind. Ätzend. Wir fahren im zweiten Reff im Groß und in der Fock hoch am Wind. Liegen hart auf der Kante. Aber wir kneifen die Backen zusammen. Umdrehen kommt nicht in Frage. Das ruiniert ja den Ruf total.

Beweisstück Nr. 1 – hier zittern sogar dem Fotografen die Hände und alles ist verwackelt

Vorhergesagt ist ein Grundwind von 16 Knoten. Der Wind weiß davon nichts und legt eine Schippe drauf. Über 30 Knoten in Böen. Wir müssten eigentlich noch ein Reff mehr einbinden. Achim spricht als erster von ‚umdrehen‘. Ich stehe am Ruder (mach ich immer, wenn es etwas wilder zugeht. Das bewahrt mich vor Seekrankheit – bei hoch am Wind trifft es mich am leichtesten – und vermeintlich habe ich dann die Kontrolle, was mir ein besseres Gefühl gibt als nur auf den Windmesser zu starren) und will davon nichts hören. „Lass uns noch warten, vielleicht lässt der Wind ja nach.“ Wenn wir jetzt umdrehen, weiß ich nicht, wo ich erneut die Motivation für einen dritten Versuch (eigentlich ja sogar fünften Versuch, wenn man die beiden Abbrüche wegen ‚kein Wind‘ mitzählt) hernehmen soll.

Beweisstück Nr. 2 – Schieflage

Beweisstück Nr. 3 – gute Laune sieht anders aus

Beweisstück Nr. 4 – ’n büschen Wind

Zwei Stunden donnern wir nach Norden, schaffen zwischen 10 und 20 Grad, das ist nicht berauschend, wir wollen doch Ost gut machen. Teilweise schaffen wir 7,5 Knoten, manchmal blitzen sogar 8 Knoten auf. Ein weiteres Reff wäre nicht schlecht, aber wir bleiben hart gegen uns selber. Die Welle kommt sehr seitlich und ungewöhnlich hoch. Noch nie haben wir so viel Wasser genommen, selbst auf dem schlimmen Trip nach Kolumbien nicht.
Am Ruder stehend, bekomme ich eine Dusche nach der anderen und das Wasser, was wir über den Bug aufnehmen, schwappt buchstäblich als Welle an unserer Sprayhood hoch. Achim steckt tatsächlich das untere Schott vor den Niedergang. Das machen wir nur äußerst selten. Hab ich schon gesagt, dass ein Reff nicht schlecht wäre?

Beweisstück Nr. 5 – frisch geduscht

Es wird immer unerfreulicher, statt besser. Ich sehe es ein, das ist es nicht wert. Wir drehen um! Nach Moorea wollen wir nicht zurück, die 15 Meilen Ost-Gewinn geben wir nicht wieder her. Das bedeutet, der Rückweg ist ebenfalls hoch am Wind. Eigentlich müsste ein weiteres Reff in die Segel, ;-) aber unser Wendewinkel ist mit 150 Grad so schon bescheiden genug. Damit wären wir nie angekommen. Wir bleiben hart und reffen nicht. Der Wind bleibt ebenfalls hart. Keinen Knoten gibt er nach, Grundwind 10 bis 12 Knoten mehr als vorhergesagt. In Böen entsprechend mehr.

Jetzt liegen wir in Papeete und halten es mit ‚Samuel Beckett‘: „Immer versucht, immer gescheitert, egal, versuch‘ es wieder, scheitere erneut, scheitere besser.“

Beweisstück Nr. 6 – auf dem Rückweg ist die Laune schon besser

Beweisstück Nr. 7 – weiterhin viel zu viel Wind für hoch am Wind

Beweisstück Nr 8 – Kleiner Ausritt nach Norden. Zwanzig Meilen gesegelt und Nach Osten vielleicht 4 Meilen gut gemacht

2 Gedanken zu „Scheitere erneut, scheitere besser!

  1. Michael

    Sabine, dein Gesichtsausdruck am Steuer ist unbezahlbar. Da lässt kurz der Neid auf eure tolle Reise etwas (aber auch nur etwas..) nach.

    Bitte weiter so in diesem tollen Blog!

    Handbreit
    Michael

    Antworten

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