Neuseeland – eine Segler-Nation

Sa., 19.Sep.20, Franz.Polynesien/Tahiti/Papeete, Tag 2302, 21.218 sm von HH

Vorbei. Ende. Ausgeträumt.
Wir haben unsere Entscheidung getroffen und Neuseeland (für dieses Jahr?) von unserer Reiseliste gestrichen. Die vermutlich größte Segler-Nation der Welt hat kein Herz für Segler. Wir werden von der Regierung hingehalten und es werden immer neue Fußangeln nach uns ausgeworfen. Frau Premierministerin Jacinda Ardern und ihr Gesundheitsminister erkennen im Prinzip ‚Humanitäre Gründe‘ als Begründung für eine Einreise in ihr Land an. Nur leider hat bisher noch niemand herausgefunden, was als ‚humanitär‘ gelten könnte. Die herannahende Zyklon-Saison im Südpazifik ist es jedenfalls nicht! „Sollte ein Zyklon im Anmarsch sein, wo sich ein Schiff befindet, so bin ich bereit von Fall zu Fall zu entscheiden, ob ich eine Einreise genehmige“.  Der Gesundheitsminister übertrifft in seiner Plattheit durchaus noch unseren Bundes-Spahn. „Suchen Sie doch rechtzeitig Schutz in einem sicheren Hafen – zum Beispiel in ihrem Heimatland „.
Ein Schaden am Schiff, der hier nicht zu reparieren ist und dadurch bedingte finanzielle Einbußen oder gar der Verlust des Schiffes sind ebenfalls nicht humanitär. Und Frau Ardern sieht nicht, dass für die meisten Segler ihr Boot das zu Hause ist, sondern sie hält Segler für ‚privilegierte Reiche‘, denen sie kein Hintertürchen öffnen möchte, um ins Land zu schlüpfen. Es ist halt Wahlkampf.

Herr Minister, das sind die Flugbahnen von Zyklonen über einen Zeitraum von 25 Jahren im Südpazifik – nur mal so

Die Neuseeländische Regierung hatte aber trotz aller Bedenken kurzfristig die Dollar-Zeichen in den Augen und signalisierte, dass Schiffe, die einen finanziellen Vorteil von mindesten 30.000 Euro ins Land spülen, einen Antrag auf Einreise stellen können. Humanitäre Gründe zählen nicht – aber Geld ist willkommen. Pfui, schämt euch. Wir haben an einem Pilot-Programm teilgenommen und den Antrag gestellt, da wir in größerem Umfang Arbeiten am Schiff zu erledigen hätten.
Wir sind unter dem verlangten Betrag geblieben, aber das ist nicht der Grund, warum wir seitdem hingehalten werden. Das Konzept für die Quarantäne sei auf einmal nicht mehr ausreichend. Der ursprüngliche Ort könne die Auflagen nicht erfüllen, der Quarantäne-Steg an dem neu gewählten Ort sei jedoch zu kurz. Dabei ist die Quarantäne für Segler denkbar einfach, bringen wir unsere Quarantäne-Behausung praktischer Weise doch gleich mit. Außerdem wären wir ohnehin ungefähr drei Wochen auf See. Und müssten vor Abreise einen negativen Corona-Test vorweisen. Die neuen Argumente sind Ausreden, wie wir glauben. Solange noch Wahlkampf herrscht (bis Ende Oktober), wird hier keine Entscheidung getroffen werden. Und danach ist es für uns zu spät.

Die Seglergemeinde, die nach Neuseeland möchte, ist sauer. Ein britischer Kommentar hat die Premierministerin als ‚AdolfArdern‘ beschimpft. Wir finden die Entscheidungen der Kiwis schlicht unanständig. Zumal der Start für den berühmten ‚Americas Cup‘, der Mutter aller Segel-Regatten, planmäßig im Dezember in Auckland stattfinden soll. Das lässt sich die große Segler-Nation nicht nehmen. Dafür werden 110 (in Worten einhundertzehn) Team-Mitarbeiter mit Familie, Anhang, Tross und Kegel erwartet. Für uns ist das zweierlei Maß. Dann könnte man doch auch die ca. 250 Boote rein lassen, die jährlich im November nach Neuseeland möchten.

Ihren eigenen Landleuten gegenüber verhält sich die Regierung übrigens auch recht schäbig. Nach wie vor kommen die Kiwis nur häppchenweise ins Land zurück. Man muss nach der Ankunft in eine überwachte vierzehntägige Quarantäne und dafür gibt es nicht genug Plätze. Paare sind seit Monaten getrennt, ein Ende ist nicht in Sicht.
Eine Familie in Südafrika, der Vater mit einem Arbeitsvertrag in der Hand, hat ihr Haus und Hof verkauft, Hab und Gut in einem Container verpackt, der auf dem Weg nach Neuseeland war. Da kam Corona. Der Flug nach Neuseeland gestrichen und die Familie nur noch mit ihrem Handgepäck und den Klamotten am Leibe bekommt zu hören : „Ihr kommt hier nicht rein“.

Neuseeland erscheint uns als das ängstlichste Land im weltweiten Corona-Vergleich. Drei positive Tests in der Millionenstadt Auckland: Lockdown! Ein Infizierter im Supermarkt: Desinfektion des gesamten Geschäfts!  Die Maßnahmen werden in halbe Stufen eingeteilt: Level 2, Level 2,5, Level 3. Die Nachrichten überschlagen sich im Panik-Modus. Frau Ardern will die beiden Inseln partout Covid-19 frei bekommen. Koste es was es wolle. Leben mit dem Virus ist für sie keine Option. Ihr Volk kommentiert dies eher positiv. Aber es gibt auch spöttische Meinungen zu den Maßnahmen: „Wo bleibt eigentlich Level 2,49?“
Und der Inhaber eines Werftbetriebes in Neuseeland beteuert uns Seglern gegenüber sein Bedauern über die Entscheidungen. Gerne hätte er für die Yachties seine Tore geöffnet, so wird er wohl ein Jahr ohne Einnahmen bleiben. Hoffentlich kann er bis nächstes Jahr überleben.

Wir haben jetzt genug davon. Wir fühlen uns unwillkommen. Das gibt uns eine Ahnung, wie die Menschen auf Lesbos sich fühlen müssen. Wir haben vom Schwebezustand die Nase voll. Keine Entscheidung, ob wir am Boot noch in Tahiti etwas reparieren; ob wir Essen und Trinken für mehrere Monate bunkern müssen; ob Achim sich neue Schuhe kauft, die er eigentlich gar nicht mag; keine Entscheidung kann getroffen werden. Damit ist jetzt Schluss und das fühlt sich richtig gut an.
Neuseeland, du enttäuscht und kannst uns mal den Buckel runter rutschen.

13 Gedanken zu „Neuseeland – eine Segler-Nation

  1. Carsten

    Bei allem Verständnis für den Unmut,
    Eure oder Unsere Situation bitte nicht mit Lesbid und den Lebensbedingungen in Lesbos vergleichen.
    Warum, muss ich nicht ausführen.
    Das passt auch gar nicht zu Euch.
    Ansonsten Alles gut und beste Wünsche für die richtige Entscheidungsfindung.

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    1. Maria Ines

      Und da ist er wieder…ein wunderbar geschriebener Text und das einzige was Karsten dazu zu sagen hat, ist ein Hinweis auf seine eigene politische Korrektheit. Applaus Karsten!

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      1. Carsten

        Es war ganz höflich angedeutet und unter menschlichen und nicht unter politischen Gesichtspunkten geschrieben. Wir haben Alternativen aus einer komfortablen Situation heraus, die Menschen dort nicht.
        Ich habe Frust nachvollziehen können und fand den Text gut, die Emotionen nachvollziehbar.
        Könnte es mit dem Vergleich aber nicht unterschreiben.
        Ansonsten Alles Gut und Glück gewünscht.

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    2. Sabine

      Hallo Carsten,
      ich habe unsere Situation nicht mit Lesbos verglichen. Das hat nun wirklich nichts miteinander zu tun.
      Aber ich bekomme eine Idee, wie es sich anfühlt, wenn man nicht gewollt ist. Das ist kein gutes Gefühl.
      Viele Grüsse
      Sabine

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  2. Oliver

    Die Begründung mit dem zu kurzem Quarantäne-Steg ist ja hanebüchen. Eine Quarantänebije oder vor Anker ist völlig ausreichend. Versorgung dann mit einem Boot auf Bestellung, so haben wir es in Panama gemacht und auf den Azoren/Horta wurde es auch so gehandhabt. Aber wenn man eben nicht will.

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  3. Martin Everts

    ENZA waren immer tolle Schiffe, aber Eat New Zeeland Apples – NIE MEHR !! Sollen die Kiwis dran ersticken und den Americas Cup – BOYKOTT ! Kein Rennen anschauen, sich nirgends einloggen, nichts weiterleiten !!

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  4. Richard Stoll

    Es geht nicht nur um Neuseeland, auch Australien hat die Tür für Boote zugemacht, wie die aktuelle Verlautbarung von Noonsite zeigt:
    https://www.noonsite.com/news/south-pacific-australia-and-new-zealand-refuse-cyclone-refuge-for-yachts/
    Dieser Standpunkt ist für alle Yachten schlichtweg katastrophal, für die Crews lebensgefährlich. und nicht durch irgendein COVID Risiko verständlich. Selbst anstehende Wahlen (NZ und QLD) können das nicht erklären, hier ist m.M. nach pure Panik unterwegs.
    Ich wünsche Atanga, dass Ihr die jetztige Situation mit Mut und ruhigem Herzen angehen könnt um ein geeignetes Cyclone Hole zu finden.

    Ich schäme mich für meine Heimat. Segler hängen zu lassen ist schlicht unaustralisch !

    -Richard (VK4WRS)

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    1. Reini

      Richard, voll ins Schwarze getroffen. Wir überlegen nun an Bord, doch lieber Äpfel aus China und den USA zu speisen anstelle jenen aus Neuseeland. Schade, aber belohnen werden wir solches Benehmen sicherlich nicht.

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      1. Sabine

        Es wird sich sicher sowieso so ergeben … FFF wird weiter ‚um sich greifen‘. Dann geht das ganz schnell und neben Flugscham kommt eine noch größere Abneigung gegen ’nicht local‘ auf. Dann kann NZ sich mit seinen Äpfeln, Wein, Butter und Lammfleiach warm anziehen.

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