Was für eine Sauerei

Di.,03.Mai. 22, Neuseeland/Whangarei, Tag 2894, 24.696 sm von HH

Heute geht es nun endlich los – unser Osmose geplagter, deswegen vor Monaten um 4,5 mm abgeschälter (wie alles begann) und dann geschliffener Rumpf  (Rückschlag durch unerwartete Löcher) wird wieder aufgebaut.

Im ersten Schritt werden die tiefsten Löcher mit Vinylester und etwas Matte zugespachtelt bzw. geklebt. Es folgen zwei Lagen Glasfasermatte (chopped strand fibre). Gewicht 450 Gramm pro Quadratmeter. Und zum Schluss eine Schicht Spachtelmasse – ebenfalls  aus Vinylester. Alles wird nass in nass auf den Rumpf aufgebracht.

Zuerst kommen ein paar Glasfasermatten-Pflaster auf die schlimmsten Stellen

Wie selbstverständlich sind Achim und ich als Handlanger eingeteilt. Wir sollen die benötigten Matten zuschneiden, die Harze mischen und den beiden Glasfaser-Experten Peter und Ben zuarbeiten.
Der Anfang ist noch entspannt, wir schneiden vier Meter lange Bahnen für den Bug zurecht. Im Grunde genommen, ist es ein wenig wie Tapezieren. Außer, dass die Matte unglaublich fuselt und man in Null-Komma-Nichts überall juckende Glasfasern kleben hat.

Zuschnitt der Matten an einer Art Tapeziertisch

Peter zeigt uns, was beim Harz mischen verlangt wird. Akribisch wird der Arbeitsplatz vorbereitet. Ist alles da? Handschuhe, Lappen, Eimer, Schüsseln, Farbrollen? Ja, alles liegt bereit. „Ist einmal der Härter im Harz, ist die Verarbeitungszeit kurz. Ich will weder Material noch Zeit verschwenden. Also, wenn ich euch antreibe und das böse F-Wort benutze, dann ist das nichts Persönliches“, grinst er uns an. Peter ist ein Alpha-Mann, ein Macher, ein schneller Arbeiter. Anerkannt als Experte für Glas-Arbeiten. Die Jungs mit denen er zusammen arbeitet stehen stramm – wir ebenfalls. Wir knallen die Hacken zusammen.

Ich werde zum Anrühren eingeteilt, Achim trägt das fertig gemischte Harz zu Peter und Ben, bringt ihnen die Matten und hilft beim Festhalten der langen Bahnen, bevor sie fest am Rumpf kleben.“Alle bereit? Gasmasken auf und los geht’s“. Nein halt, eins fehlt noch – Musik. Peter ist Metal-Fan. Und Peter ist es egal, ob andere seinen Musikgeschmack teilen. Zum Glück können wir beide sehr gut damit leben, dass Metallica, ACDC und Ramstein die Arbeit beschallen. Nur versteht man durch die Gasmasken schon schwer genug, was der anderen von einem will. Aber Peters Anweisungen sind einfach: „More resin – mehr Harz.“

Aus einem 20 Kilo Fass fülle ich in einen Messbecher einen Liter Harz ab. Der wird in eine Plastikschüssel umgefüllt und bekommt 1,5 Prozent Härter dazu. Das sind nur 15 Milliliter. Mit Hilfe einer großen Dosier-Pumpen-Füll-Flasche  ist das mess- und machbar. Dann mit dem Spartel ungefähr 30 Sekunden rühren bis sich die Farbe verändert. Dann reißt Achim mir auch schon die Schüssel aus der Hand. Schnell bereite ich den nächsten Liter vor. Und noch einen in Reserve. Achim bringt die leere Schüssel zurück. Um wenigstens etwas Müll zu sparen, wische ich die schnell sauber, um sie wieder verwenden zu können.
In kürzester Zeit ist alles klebrig und mit Glasfasern übersät. Ich kann den Spatel nicht mehr einfach aus der Hand legen. Er klebt am Handschuh fest. Der Messbecher ebenfalls. Umso länger die Aktion dauert, desto schlimmer wird es. Das erste Harz fängt an anzuziehen. Es klebt wie Sau. Zeit zum Verschnaufen liegt nicht drin. „More resin“, schallt es über Guns N‘ Roses. „One more container.“
Es ist für alle anstrengend, egal welchen Job man hat. Dann endlich sind alle Bahnen verklebt und luftfrei festgestrichen.

Mein Arbeitsplatz – in der Tonne links ist das Harz – 6 bis 7 Fässer werden wir davon verbrauchen, wenn wir in ein paar Tagen fertig sind – á 20 Kilo

Giftmischer – Foto Credit Alex von der Ari B

Der fertig mit Matte überzogene noch feuchte Bug

„Wir machen dreißig Minuten Mittag. Dann kommt der Spachtel auf das Harz.“ Peter legt die Werkzeuge vor uns hin. „Bitte gut sauber machen, das brauchen wir Morgen alles wieder.“ Achim und ich starren auf die pappigen Scheren und Rollen. Mit Bergen an Aceton und Lappen rücken wir dem klebrigen Überzug auf den buchstäblichen Pelz. Alles ist überzogen mit Glasfasern und Harz. Billige Malerrollen und Plastiktabletts landen gleich im Müll, da lohnt sich die Reinigung nicht.

Nach zwanzig Minuten sind wir fertig. Unsere mitgebrachten Nudeln vom Vorabend sollten eigentlich in der Werftküche in der Mikrowelle  heiß gemacht werden. Keine Zeit. Kalt verschlingen wir sie neben der Halle auf einem Kantstein. Als ich noch schnell zur Toilette gehe, kommt Peter auch schon zurück.

Wertiges Werkzeug muss schnell sauber gemacht werden – alles wir unglaublich rasch hart

Zehn Minuten Mittagspause mit kalten Nudeln – das Leben ist zur Zeit kein Pony-Schlecken ;-)

Es folgt der zweite Streich: es soll Spachtel auf die noch feuchten Matten. Das Anrühren ist aufwendiger. Diesmal mischen Achim und ich gemeinsam. Für die Spachtelmasse kommt ein halber Liter Harz aus dem gleichen Fass in einen Eimer. Zwei Prozent eines Wachs  dazu – aufgezogen aus einer Flasche mit Hilfe einer Spritze. Es folgen zwei Sorten Mirkoballons. Das ist ein federleichter Füllstoff (3,5 Kilo haben das Volumen von einem Viertel Kubikmeter). Diese Mikroballons verändern die Struktur vom Harz, zur besseren Verarbeitung und Schleiffähigkeit der Spachtelmasse.  Die Kunst ist es soviel Ballons hinzuzufügen, dass Peter mit der Konsistenz zufrieden ist. Am Schluss noch einen Schuss Härter in den Eimer. Das Ganze wird mit der Bohrmaschine gerührt, noch einmal die Ränder mit einem Spachtel sauber gemacht und im Schweinsgalopp zu Peter gerannt. „Zu dünn“! Ich renne zu Achim zurück. Mehr Ballons dazu, rühren, Eimerrand säubern und wieder zu Peter bringen. Der ist jetzt zufrieden. Einen bereits leeren Eimer nehme ich mit, sauber machen und sofort die nächste Mischung ansetzen. Bloß keine Zutat vergessen. Schnell entwickeln Achim und ich ein System, wer für was zuständig ist. Aber Peter ist schnell und die Spachtelmasse schnell alle. Wir schwitzen.

Drei Eimer werden vorbereitet – den Vorlauf brauchen wir – sonst kommen wir hinter Peter nicht hinterher

Schließlich ist auch das geschafft. „Gut gemacht, der Spachtel wurde am Schluss immer besser“. Ein Lob von Peter. Wir schauen zufrieden und freuen uns. „Morgen soll es regnen. Bei Regen können wir nicht glasen. Dann ist die Luftfeuchtigkeit zu hoch. Es muss unter 70 Prozent sein, sonst funktioniert es nicht. Wir werden sehen, was Morgen für ein Wetter ist. Tschüüüß.“

Der gespachtelte Bug – alles leicht rosa – eine Sorte Mikroballons ist rot – die andere weiß – ergibt babyrosa

Achim und ich beseitigen noch die Sauerei des zweiten Aktes. Alles was wir in den letzten Jahren an Plastiktüten eingespart haben, ist mit einem Schlag zunichte gemacht. Eine gerammelt volle Mülltonne ist das Endergebnis. Eimer, Container, Handschuhe. Überreste vom Harz. Alles ungesundes Zeug. Und alles wird auf der Müllkippe landen. Sondermüll ist leider eine Fehlanzeige in Neuseeland.

Kaputt fahren wir in unser gemütliches Zuhause mit dem entzückende Leihkater. Viel Energie haben wir nicht mehr, aber für einen Regentanz reicht es noch. Mit Erfolg. Am nächsten Morgen gießt es wie aus Eimern – wir haben einen Tag Pause. :lol:

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2 Gedanken zu „Was für eine Sauerei

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