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Port Vila – eine überraschende Hauptstadt

Sa., 30.Mai bis 06.Jun.26; Vanuatu, Efate, Port Vila; Tag 4.382–89; 29.832 sm total

Die nächste Insel liegt 90 Meilen entfernt. Zu viel, um es bei Tageslicht zu schaffen. Dazu vorhergesagte schlappe drei Windstärken. Unser Routing wirft zwanzig Stunden aus. Wir starten am späten Vormittag, um im Morgengrauen anzukommen. Achim hat alles vorbereitet, die Genua ausbaumen zu können. Einmal mit Profis arbeiten. :lol:

Wir rasen mit sechs, sieben Knoten dem Ziel entgegen. Halt! So geht das nicht, dann würden wir Port Vila mitten in der Nacht erreichen. Wir reffen. Es könnte so schönes Segeln sein. Halber Wind, noch Wellenabdeckung der Insel. Aber nein.
Dann kommt der Wind vorlicher. Das Ausbaumen der Genua ist ein Witz. Sie flattert. Weg damit, die Fock muss ran. Zur Nacht nehmen wir das Vorsegel komplett weg. Wir sind zu schnell. Am Ende drehen wir vor der verwinkelten Bucht von Port Vila noch zwei Stunden bei, um Zeit totzuschlagen.
Da hat ein Plan ja mal richtig gut funktioniert.

Port Vila ist die Hauptstadt Vanuatus. Gut 50.000 Menschen, zwanzig Prozent der Bevölkerung, wohnen hier. Der Kontrast zu den Kastom-Dörfern könnte nicht größer sein. Es gibt sogar eine Marina mit Restaurant und Duschen. Wir mieten uns eine der Moorings, da die umliegenden Ankerplätze entweder sehr tief oder unrein sein sollen. Es ist sogar von Schwefelwasserstoff-Ausgasungen die Rede, die den Zink auf der Kette angreifen. Ob das Seemannsgarn ist oder vom Marinabetreiber erfunden wurde, wissen wir nicht. Möchten aber auch keine Versuchskaninchen sein.

Das Mooringfeld. Es ist eine ähnliche Parksituation wie in Fiji/Savu-Savu. Vorgelagerte Inseln bilden eine Art Kanal. Super Dinghy-Dock, kostenlos für Mooring-Nutzer. Auch seinen Müll wird man los und Wasser kann man bunkern. Passt!

Atanga in der Mitte. Im Hintergrund ein winziger Hafenbereich, der stört nicht wirklich.
Schwellfrei Tag und Nacht.

Auf zum Segler-Dreikampf. Dank Starlink entfällt neuerdings die SIM-Kartensuche. Es bleibt ein Zweikampf: Supermarkt und Wäscherei finden. Eine Wäscherei befindet sich direkt auf dem Marinagelände. Mamma Laundry hat ihre eigene Philosophie: Waschen, Trocknen, Falten kosten 16 Euro. *** Wer nur waschen lassen möchte, kein Problem, kostet dann aber das Gleiche. :mrgreen:

Der Supermarkt überrascht uns total. Eine große Auswahl an australischen und vor allem chinesischen Produkten. Bestimmt acht, neun Sorten Reis. Sogar abgepacktes Schwarzbrot. Bio-Qualität aus Frankreich. Zum halben Preis, weil das Ablaufdatum kurz bevorsteht. In den Warenkorb!

Zwei aufgeräumte Supermärkte in Laufweite. Frisches Fleisch hat uns nicht enttäuscht. Das beste Huhn seit Australien.

Aus acht Metern Milchprodukte in Nouméa sind zwei Meter geworden. Käse gibt es als Tasty, Mild oder Edam. 

Fast alles ist preiswerter als in Nouméa. Fühlt sich gut für uns an.
Wir werden noch einige Tage bleiben. Zwei Kartons Bier für den abendlichen Sundowner sind auf den kaputten Gehwegen schwer mit der Karre zu ziehen. Achim hat nach einer Runde keinen Bock mehr. Ich hingegen möchte die aufgemampften Gläser wieder voll kochen. Noch mehr Schlepperei. Aber nach Port Vila erwartet uns tiefste Kastoms-Pampa.

Die Fußwege. Zum Supermarkt sind es knapp 1,5 Kilometer. Das läuft sich mit Karre und Gewicht etwas hässlich.

Auf dem Zentral-Markt gibt es noch Kastom-Feeling.

Lotusblüten-Sträuße auf dem Markt. Nicht nur Deko. Die Blüten kann man essen und die Saat aus den Kapseln, die wie Duschköpfe aussehen, ebenfalls.

Die modernen Computer-Läden haben ein paar Handys und Notebooks. Vor allem aber diese ‚Batterien‘ für die Energieversorgung in den abgelegenen Inseln und Dörfern.
Man kann Sets inklusive Solarpanelen und Kühlschrank kaufen.

Wir genießen Vanuatu total.

 

Waschmaschinen-Talk

*** Dank der bordeigenen Buchhaltung weiß ich, dass wir in zwölf Jahren unfassbare 3.200 Euro für Wäschewaschen ausgegeben haben. Fast 25 Euro im Monat. Oder sechs Mittelklasse-Maschinen in der Anschaffung.
Solche teuren Klopper wie hier treiben die Preise nach oben. Da bekommt „schmutzig, aber noch dreimal tragbar“ eine andere Bedeutung. Und Bettwäsche wechseln wird sowieso überbewertet. ;-)

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Vom Wert eines Schweins und einer Packung Milch

Do., 28. Mai 26; Vanuatu, Erromango, Dillons Bay; Tag 4.380; 29.737 sm total

Wir verlassen den Vulkan. Ein letzter Ascheregen fällt in der Nacht ins frisch gewienerte Cockpit und der saure Fallout hinterlässt hässliche Flecken auf dem Edelstahl. Danke für nichts an dieser Stelle, schöner Yasur. ;-)

Ein letzter Blick auf den Yasur als wir morgens nach Erromango aufbrechen.

Die nächste Insel, Erromango, erreichen wir am Nachmittag. Wir werfen den Anker vor dem größten Ort auf der Insel. 800 Einwohner. Der letzte kannibalische Vorfall ereignete sich hier 1839. Ein damals bekannter Missionar wurde hier verspeist. Aber die Sache ist geklärt. Im Jahr 2009 nahmen die Nachkommen des Opfers eine offizielle Entschuldigung der Täter-Nachfahren entgegen. Wir sollten hier also sicher sein.

Kurz vor Sonnenuntergang erreicht uns ein Ausleger-Kanu. „Hi, ich bin David und der Betreiber des Yachtklubs vor Ort. Willkommen in meiner Bucht. Wenn ihr wollt, zeige ich euch morgen das Dorf. Kostet tausend Vatu pro Person.“
Wir schlagen ein.
Um die Abmachung zu besiegeln, wirft David einen Beutel Früchte aufs Deck. Erfreut von so viel pazifischer Gastfreundschaft, sammle ich Papaya und Passionsfrüchte aus dem Sack. Währenddessen möchte David von Achim eine Leine haben, um sein Kanu festzubinden. Ungefragt kommt er an Bord. Wie ein alter Schulfreund klettert er zu mir ins Cockpit. „Ich könnte Zucker oder Milch gebrauchen.“ Ich brauche einen Augenblick. Dann fällt der Groschen. Die Südseeromantik ist in Wahrheit ein Tauschgeschäft. Ich zahle artig mit einem Liter Milch.

David und unser Tauschgeschäft. Das härteste Zahlungsmittel auf Erromango: Milch!

Am nächsten Tag paddeln wir mit dem Aufblas-Kajak an Land. Ein Versorgungsschiff ist im Morgengrauen gekommen. Da es im Dorf keine Pier gibt, ist der Kahn direkt bis ans Ufer gefahren. Eine Landeklappe liegt am Strand und jeder einzelne Sack muss von Hand von Bord getragen werden.
Wir bahnen uns den Weg durch das geschäftige Treiben. David winkt uns schon von weitem und zeigt uns, wo wir anlanden können.

Mit zunehmender Ebbe liegt der Dampfer hinten auf. Nach dem Entladen muss auf Hochwasser gewartet werden.

Alle Männer des Dorfes scheinen auf den Beinen zu sein.

Der blaue Kasten enthält eine Batterie. Solarpanele gibt es reichlich. Jedoch keine Wasserleitungen. Zentrale Wasserhähne sind im Dorf verteilt.

Das Gelbe sind wieder die handlichen Reissäcke – 25 Kilo.

Er führt uns zu seinem Yachtclub. Ein kleines Betonhaus mit Veranda und herrlichem Ausblick auf die Bucht. Mit viel Aufwand hat er per Schiff den Zement aus der Hauptstadt liefern lassen. Da dies viel Geld kostet, zogen sich die Bauarbeiten über Jahre hin.
Seine zwei Gästebücher gehen bis ins Jahr 2014 zurück. Etliche Boote, die sich verewigt haben, kennen wir. Das ‚who is who‘ der Langfahrt-Szene.

Der Yachtklub – viele Länderflaggen und Einträge in seinen Büchern hat David in zwölf Jahren gesammelt.

Danach bekommen wir die versprochene Dorfführung. David führt uns zwei Stunden lang  zwischen den Hütten hindurch bis in die abgelegenen Gärten des Dorfes.  Wir nutzen die Gelegenheit, um Fragen über das Leben in einem Kastom-Dorf, einem traditionellen Dorf, zu stellen.

Die Wege zwischen den Hütten-Häusern. Pikobello. Hübsch mit Kies abgestreut.

Total gepflegte Reihenhaussiedlung.

David knackt uns eine Kokosnuss – die beste seit Jahren.

David erzählt, dass er unterhalb seines Yachtclubs Hochzeiten ausrichtet. Das ist eine bedeutsame Sache in Vanuatu. Eine Frau kostet mindestens ein Schwein, wenn ein Mann heiraten möchte. Der Preis hängt von der Form der Hauer des Ebers ab. Je runder die Zähne, desto wertvoller das Schwein. Wenn sich ein Paar gefunden hat, wird die Frau symbolisch geblockt. Nun hat der Bräutigam die oft jahrelange Arbeit, die nötigen Eber mit den entsprechenden Hauern heranzuzüchten.

Der Brautpreis ist eine stolze Tradition, steht in Vanuatu jedoch zunehmend unter Kritik. Frauenrechtsorganisationen beklagen, dass manche Männer das Gefühl entwickeln, sie hätten ihre Ehefrau gekauft. Der Vorwurf des Kaufens hat sicherlich einen wahren Kern. Mehrmals benutzt David das Wort ‚to buy‘ als er von den Schweinen erzählt, lacht Achim ins Gesicht und zeigt dabei verschmitzt auf mich.

Geduldig beantwortet er all unsere Fragen. Auf Englisch können wir uns verständigen, sprechen aber trotzdem nicht dieselbe Sprache. Bei einigen Fragen habe ich den Eindruck, David denkt, dass wir wirklich dumme Fragen stellen. Und vermutlich hat er recht.

Wir hätten die Wege auch alleine abwandern können. Durch den bezahlten Guide bekommt das Ganze wieder diesen ‚Museumsdorf-Charakter‘. Auf der anderen Seite wären uns Einblicke ins Kastom-Leben entgangen.
Unterschiedlicher können zwei Lebensläufe nicht sein. Wie seltsam wir ihm vorkommen müssen. Da segeln wir mit dem Boot aus einem Land, das er nur vom Fußball kennt, mitten in sein Dorf – während seine Leute noch nicht mal drüben beim Vulkan gewesen sind. Zu weit weg.

Junge Leute – immer das Handy dabei. Bei dem Thema ist kein Unterschied zwischen Dritter und Erster Welt mehr zu erkennen.

Starlink neben der Schule. Das traditionelle Kastom trifft auf modernste Technik. Wie mögen das die Kinder verarbeiten?

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