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Schweinischer Aufstieg: Der harte Weg zum Chief

17.07.2026; Vanuatu, Ambrym, Ranon; Tag 4.431; 29.976 sm total

 

Warnung für empfindliche Gemüter: Dieser Bericht kann Spuren von Tierquälerei enthalten.

Rette sich, wer kann.

 

Am zweiten Morgen finden wir unseren Weg nach Fanla alleine. Der Höhepunkt des Festivals steht auf dem Programm, der Maskentanz – der Rom-Dance.
Die Häuptlinge stehen versammelt auf dem Festplatz. Von der Seite huschen Blättergestalten herbei. Ihre knöchellangen Umhänge aus trockenen Bananenblättern rascheln. An den Fußgelenken klappern braune Samenkapseln. Das Auffälligste sind die Masken. Geometrische Muster als Gesicht, zauselige Bärte aus Pflanzenfasern und Federn am Kopfende. Das Gesamtkostüm misst über zwei Meter, verhüllt die darunter steckenden Männer komplett.

Rom Dance auf Ambrym. Die Tänzer geben ihre menschliche Identität auf und verkörpern Geister.

Die kräftigen Farben sind alle natürlich: Pflanzensäfte, Kalk und Mineralien.

Tanz und Gesang ähneln dem Vortag. Jedoch rücken die Männer heute immer näher, ihr rhythmisches Stampfen wird schneller und schneller. Zum Glück ist es taghell. Im Schein eines Feuers würde man leicht an Geister glauben.

Nur auserwählte Männer besitzen das Recht, die Masken herzustellen und zu tragen. Nach dem Tanz zerstören die Männer die Masken im Wald. Dies verhindert, dass die aufgerufenen Geister im Dorf verbleiben. Gruppenbild mit dem obersten Chief von Fanla/Ambrym.

Als der Tanz zu Ende ist, füllt sich der Platz mehr und mehr mit Einheimischen. Ihr persönlicher Festival-Höhepunkt ist gekommen. Eines der Mitglieder der erlauchten Häuptlinge soll heute vom ersten Grad in den zweiten erhoben werden. Die wichtigste Währung in diesem Ranking-System sind Schweine — insbesondere Eber, deren Stoßzähne sich kreisförmig über Jahre hinweg eingerollt haben. Um einen neuen Rang zu erwerben, muss der Anwärter Schweine an die bereits höherrangigen Ältesten opfern.

Und schon geht es los. Ein kleines schwarzes Schwein wird unter lautem Quicken mit einer Schnur am Vorderbein auf den Tanzplatz gezogen. Es schreit wie am Spieß. Einer der Chiefs tritt vor mit einem reich verzierten Holzhammer. Er überreicht den Hammer dem Ranganwärter. Der will doch nicht etwa? Doch! Und er tut es auch! Er hebt den Hammer. Ich lasse die Kamera laufen und schaue weg. Ein lautes Klatschen ist zu hören. Das Schwein schreit. Es klatscht erneut. Und noch einmal. Das Schwein ist ruhig. Ich mache die Augen wieder auf. Es lebt. Taumelt, stolpert. Das Publikum ist erstarrt. Kein Mucks ist zu hören. Selbst das Schwein ist still. Der Schreck über die Szene ist förmlich greifbar. Erleichtertes Aufatmen, als das taumelnde Schwein abgeführt wird. „Bitte hinter den Kulissen erschlagen“, geht ein stummes Flehen durch die Reihen der westlichen Besucher. Wir brauchen einen Moment, um uns von der Szene zu erholen.

Der Hammer.
Der eigentliche Punkt dieses Hammers ist, dass der Chief ihn nach den Schlägen auf das Schwein zurück auf die Matte legt, wo wir Touristen geschnitzte Masken und Tusker kaufen können.

Das Schwein

Dass das Schwein überlebt hat, scheint im traditionellen Bezahlsystem kein „Fehler“ zu sein. Dem Ranganwärter wird gratuliert – er ist offiziell aufgestiegen. Mit dem Einzug christlicher Missionare wurde das tatsächliche Schlachten vor Ort in manchen Dörfern durch symbolische Handlungen ersetzt.
Das heutige Schwein wird entweder weiter gehegt oder, sollten die Kopfverletzungen zu stark sein, landet es im Erdofen.

Tatsächlich können wir uns über den niedrigen Rang des heutigen Grade-Taking-Schauspiels freuen. Insgesamt kann man dreizehn Stufen auf der Chief-Karriereleiter erreichen. Niemand wird durch Geburt oder Familientradition zum Chief. Diese Ehre muss man sich schlicht leisten können. Bei hohen Rängen kann die Bezahlung aus Dutzenden Schweinen bestehen. Nicht auszudenken, wäre so eine Knüppelei.

Tradition und Moderne in Reinkultur: Keine Show, sondern das Schweine-Kloppen wird für die Enkel festgehalten. Fast alle Teilnehmer tragen die auffälligen Zähne um den Hals oder auch als Armreifen.

Zum Schluss wird uns noch die harte Währung ‚Schwein‘ vorgeführt. Ein Eber mit bereits halbkreisförmig ausgebildeten ‚Tuskern‘. Dies sind die Eckzähne des Unterkiefers. Damit die überhaupt kreisförmig wachsen, werden dem jungen Schwein die oberen Eckzähne ausgeschlagen. Der untere Zahn wächst nun ohne Gegenspieler ungehindert weiter. Er krümmt sich im Bogen. Durchbohrt dabei häufig den eigenen Kiefer oder die Wangenwand des Ebers. Durch die Einwachsungen im Maul kann das Tier ab einem bestimmten Stadium kaum noch richtig kauen. Es muss jahrelang von Hand mit weichem Brei gefüttert werden.

Tusker schon gut gewachsen.

Die kulturelle Bedeutung der Tusker steckt in der Arbeit: Je mehr Windungen der Zahn hat, desto mehr Arbeit, Fürsorge und Wohlstand stecken im Tier. Heutige Marktpreise:

  • Livo – leicht gebogen – 40 bis 70 Euro
  • Rungwe – vollständiger Kreis – 200 Euro
  • Imbuile – zwei oder drei Windungen – gegen solch einen Zahn werden sogar heute noch Boote und ganze Landstriche getauscht.

Zähne zum Kauf im Angebot.
Das abgenutzte Preisschild (ungefähr 160 Euro) lässt vermuten, dass die Zähne nicht gut gehen …

Der kreisförmige Stoßzahn ist das zentrale Nationalsymbol – er ist sogar auf der Nationalflagge und den Münzen Vanuatus abgebildet. Ab heute bekommt der Name ‚Tusker‘ fürs lokale Bier eine ganz andere Note.

Info-Box

  • Jedes Jahr im Juli findet das Rom-Dance-Festival auf Ambrym statt. Der genaue Termin wird kurz vorher im Internet veröffentlicht.
  • Der Eintritt für westliche Besucher ist geschmalzen: pro Tag und Person 6.000 Vatu (knapp 50 Euro).
  • Eine Voranmeldung ist nicht nötig. Am besten einen Tag vorher im Dorf Ranon melden. Dort findet man Lokals, die Bescheid wissen. Bei uns „tauchte auf einmal John“ auf. Selber wohnhaft in Fanla, kennt er sich aus.
  • Vor Ranon kann man sehr gut ankern auf 8 Meter Wassertiefe. Wir hatten tagelang heftige Fallböen von über 35 Knoten. Der Ankergrund ist ausgezeichnet – kein einziges Boot (13 Stück) ist geslipt.
  • Trotz Eintritt und Guide mit Warnweste ist der Rom-Dance kein Touristenspektakel. Es gibt nachgestellte Shows für Kreuzfahrt-Gäste, die finden nicht in Fanla statt und es wird nicht auf Schweine eingeknüppelt.
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Kava und Kult in Fanla

16.07.2026; Vanuatu, Ambrym, Ranon; Tag 4.430; 29.976 sm total

 Der jährliche Höhepunkt an Magie und Maskentanz findet auf Ambrym in Fanla statt. Ein Dorf im Inneren der Insel. Dass es so etwas heute noch gibt: Keines der gängigen Navigationssysteme wie MapsMe kennt den Weg dorthin. Google Earth zeigt nur dichtes Grün.
Wir fragen in Ranon, wo wir vor Anker liegen, ein paar Einheimische nach der Richtung. „An der Küste geradeaus, dann rechts dem 4×4-Pfad folgen. An der Gabelung links. Oder die Abkürzung vor der Abzweigung nehmen. Spart zwanzig Minuten Lauferei.“ :shock: Das klingt stark nach Verlaufen.

Fanla. Versteckt im Wald.

Seit zwei Tagen treffen wegen des Festivals immer mehr Segelboote ein. Am Ende sind wir dreizehn. So viele Boote haben wir in Vanuatu auf einem Haufen noch nicht gezählt. Ein Crew-Treffen wird organisiert. Infos ausgetauscht: Ein Guide wird uns begleiten und nach Fanla führen. Wer die knappe Stunde die Berge hinauf nicht laufen will, kann im Truck mitfahren. Treffen: Morgen früh um 7:30 Uhr. John wird uns erwarten.

Organisation ist das halbe Leben. Typisch deutsche Tugend? Von wegen!

Unterwegs gibt es ein paar Anekdoten über die Insel von John. 13 Boote, ungefähr 25 Touristen auf dem Festival.

Quer durch den Wald nach Fanla.

 

In Fanla gibt es zur Begrüßung Trinknüsse und Verhaltensregeln. Im Dorf dürfen wir uns frei bewegen, aber sobald wir uns auf dem Festplatz befinden, gelten Tabus. Gäste dürfen nicht einfach aufstehen und sich den Tänzern nähern. Wer sich falsch benimmt, muss mit einer Geldstrafe rechnen. Fotos sind jederzeit erlaubt.

Nach relativ langer Wartezeit – Inselzeit, wie die Ni-Vanuatu ihre eigene Unpünktlichkeit auf die Schippe nehmen – ertönt verhaltenes Trommeln. Wir werden zum Festplatz geführt. Die Tanzgruppe steht schon bereit. Bei den Männern handelt es sich nicht um Show-Tänzer, sondern um Hüter uralter Geheimnisse. Magier und Würdenträger.
Die ranghohen Chiefs tragen Ketten aus kreisrunden Schweinestoßzähnen und eine rote Blume im Haar. Sie leiten das Dorf, bewahren das geheime Wissen und überwachen die Rituale.

Die Chiefs von Fanla.

Die Tänze beginnen. Guide John nennt uns ihre verschiedenen Namen und Bedeutungen. Auf europäische Augen wirken sie ähnlich. Meistens stehen die Männer im Kreis, die Gesichter zueinander geneigt. Sie singen und stampfen rhythmisch mit den Füßen. Umringen einen Trommler mit Bambus-Trommel. Oder sie versammeln sich um die beiden großen Tam-Tams in der Mitte des Platzes. Der Gesang hat wenig Höhen oder Tiefen, um das Wort ‚monoton‘ zu vermeiden. Ihre Sprache scheint überwiegend aus Vokalen zu bestehen.

Die Schlichtheit der Vorführung hat ihren Reiz. Alle Zuschauer sind vollkommen still, die Weißen wie die Locals. Eine andächtige Stimmung kommt auf. Besonders nachdem John das Applaudieren der westlichen Zuschauer unterbindet.

Der Tanz – überwiegend im Kreis stehend.

Gewagte Kleidung: Nambas werden diese Penisköcher genannt. Die sind je nach Status klein und unauffällig oder aus gefärbten Pandanuss-Fasern.

Nach den Tänzen erfolgt die berüchtigte schwarze Magie von Ambrym. Einige der Chiefs in Fanla gelten als mächtige Zauberer. Ihnen wird nachgesagt, dass sie das Wetter beeinflussen oder mit den Geistern des nahen Vulkans kommunizieren können.
Beeindruckend ist die Zauberei um das magische Bett. Auf eine Reihe lose ausgelegter Blätter legt sich ein etwa zehnjähriger Junge . Die Magier heben die Unterlage samt Jungen an und tragen ihn fort. Die Blätter reißen nicht, die Konstruktion fällt nicht auseinander. Physikalisch nicht zu erklären. Auf Ambrym gilt dies als sichtbarer Beweis, dass die Ahnengeister am Ort präsent sind.

Black Magic – die relativ kleinen Blätter liegen lose übereinander. Es wurde ein paar Mal kräftig drauf gespuckt. Ist das die Lösung?

 

Im Eintrittspreis – nur für Weiße, die Einheimischen zahlen nichts – ist ein Mittagessen enthalten. Ein kaltes Buffet und ein Traum für Veganer: Kürbis und Süßkartoffel mit und ohne Kokos. Yams, Kochbanane und Pak-Choi als gedünstetes Gemüse. Die Yams- und Maniokstücke sind etwas fade, der Rest schmeckt gut.

Buffet auf Vanuatisch.

Einweg-Geschirr – alles, was Farbe hat, schmeckt gut.

Am Nachmittag werden die beiden Tam Tams betrommelt. Und uns die typische Sandmalerei Vanuatus gezeigt. Sowohl Trommel als auch Sandbilder dienten früher zur Verständigung mit anderen Dörfern. Die Bilder wurden als Hinweise hinterlassen.

Tam Tam: Eine Schlitztrommel aus einem einzigen Baumstamm geschnitzt.

Sie gelten heute als das inoffizielle Nationalsymbol von Vanuatu

Eigentlich sollen die Bilder ohne Absetzen gemalt werden. Bei dieser Zeichnung (Vogel) gab es ein paar magische Fehler.

Sandmalerei im Museum gesehen.

Der Abschluss des ersten Tages ist eine Kava-Verkostung. „Abwaschwasser, fürchterliche Brühe, Brechreiz erregend“, finden Fremde. „Gib uns unser täglich Kava“, sagen die Vanuatu-Männer. Frauen ist das Trinken untersagt.

Jedes Volk hat seine Drogen, im Westpazifik ist es der Pfefferstrauch. Kava wirkt entspannend, angstlösend und lässt die Muskeln weich werden. Der Geist bleibt dabei glasklar, aber der Körper möchte einfach nur noch irgendwo gemütlich sitzen und ins Leere schauen. Man nennt es in Vanuatu das „Kava-High“.

Auf manchen Inseln wird die Kava-Wurzel traditionell nicht zerrieben oder püriert, sondern von jungen Männern oder Kindern so lange gekaut, bis ein Brei entsteht, der dann mit Wasser durch Kokosfasern gedrückt wird. Als Tourist überlegt man vielleicht zweimal, bevor man die Schale austrinkt!

Kava – bei Touristen auch für Frauen erlaubt.
Eine echte Brühe! Die Darreichung aus Putzeimern passt perfekt zum Geschmack.

Mit leicht tauben Lippen und Zunge von der Verkostung trödeln wir entspannt unseren Heimweg durch den Wald zurück zum Schiff.
Wir freuen uns auf Tag zwei. Was wir noch nicht ahnen,  dass uns da härterer Tobak geboten wird …
Fortsetzung folgt!

Typische Toilette im Dorf. Diese ist schon sehr kaputt, deswegen konnte ich das Foto machen. Die Toilette, die wir Touristen benutzen durften, war in gutem Zustand. Komplett geruchlos.

Dies ist das Dorf Emyotugan auf Ambrym. Beim Suchen nach dem Weg nach Fanla habe ich das gefunden. Ein Witzbold hat alle Toiletten des Dorfes in MapsMe eingetragen. ;-)
In ländlichen Dörfern Vanuatus teilen sich in der Regel 1 bis 3 Haushalte (oft erweiterte Familienstrukturen) eine Toilette, daher diese enorme Anzahl an öffentlichen Toiletten.

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