Sa., 30.Jan.16, Atlantik, Tag 609, 4.294 sm von HH, etmal 132 sm Was ist das bloss fuer ein Kaese mit der Angelei? Da haben wir endlich einen Fisch und dann gibt es abends doch wieder nur Wurstbrot. Aber der Reihe nach. Da unsere Spezial-Atlantik-Koeder (Glitzer-Imitate von Kalmaren) alle weg sind, basteln wir uns selber einen. Ein zu kleiner, roter Tintenfisch bekommt rotes Chiffon-Weihnachts-Band zur Seite gebunden und erhaelt einen groesseren Drilling als Haken. Nach einer Stunde, oh Wunder, ein Biss! Der Kamerad wird auch heil an Bord gehievt und fachmaennisch getoetet. Er ist mit 40 cm recht klein und hat keinen grossen Namen wie Thun, Bonito oder Goldmakrele. Eine Hochsee-Makrele wahrscheinlich, die von uns als essbar bewertet wird. Um Filets herauszuschneiden, ist sie mir zu klein, aber im Ganzen gebraten, gefuellt mit Kraeutern und Limette. Bitte, dafuer reicht’s. Dann gibt’s halt ein paar mehr Beilagen. Beim Ausnehmen finde ich keine Wuermer. Alles gut. Somit kommt sie geputzt, ohne Kopf und Schwanz in eine grosse Tupperdose. Mit Plastiktueten hatte ich schon einmal ein Auslauf-Malheur und nicht so viel Vertrauen. Die Dose ist rund und natuerlich zu klein, um den Fisch grade reinzulegen. Daher kommt er gekruemmt in den Kuehlschrank. So ca. um 15:00 Uhr. Um 18:30 Uhr hole ich unseren Fisch aus dem Kuehlschrank. Ich traue meinen Augen nicht! Der Kerl ist krumm wie ein Bumerang. Er laesst sich auch mit gutem Zureden und Gewalt nicht in eine grade Fischform zurueck biegen. Gefroren kann er nicht sein…hat er Leichenstarre, oder wie jetzt? Sowas haben Fische? Wie lange dauert so eine Starre und geht die beim Braten weg? Wo ist Daniel? Daniel ist Pathologe und wir haben ihn in Mindelo kennen gelernt. Der schippert grade Richtung Barbados. Um 21:00 Uhr ist Funkrunde, vielleicht ist er mit dabei… So wie unser Fisch jetzt geformt ist, kann ich ihn unmoeglich braten, er wuerde gar nicht gar werden, da er nicht die Pfanne beruehrt. Ob sich die Starre beim Braten aufloest, bezweifeln wir. Ihn in kleine Stuecke zu hacken, erscheint wegen der unkontrollierten Graeten, keine Option. Doch Filets raus schneiden? Das hab ich noch nie gemacht. Und schon gar nicht so einen krummen Hund. Vor der Abfahrt habe ich mir auf ‚youtube‘ noch Filme uebers Fisch filetieren angeschaut, aber die waren alle grade.
Uns bleibt nichts anderes als den Kameraden wieder in den Kuehlschrank zurueck zu legen und zu hoffen, dass Morgen (also heute) die Leichenstarre weg ist. Ansonsten alles wie gehabt, Wind, Welle und diesige Sicht unveraendert. Speiseplan Tag 5: Abendessen: Gurkensalat und Wurstbrot
Zum Kochen fehlt mir jede Motivation nach dem Fisch-Debakel. Fruehstueck: Brot, Kaese, Salami, Schinken Zwischenmahlzeit: Makrele, gebraten in Limetten-Butter, mittags hat sie aufgegeben und sich pfannengerecht zurueck verformt, Papaya mit Joghurt.
Tag 4 – Die Hochseefischer
Fr., 29.Jan.16, Atlantik, Tag 608, 4.294 sm von HH, etmal 132 sm In unserer 4.ten Nacht, kurz vorm Wachwechsel um 22:00 Uhr, wir sind beide wach, ploetzlich ein AIS Dreieck auf dem Plotter. Wir sind nicht laenger allein. Wie kann es sein, dass sich auf dem riesigen Atlantik zwei Schiffe zur gleichen Zeit am fast gleichen Ort befinden? Der Fischer faehrt mal in die eine, mal in eine andere Richtung, mal mit 1,2 Knoten, dann wieder mit 5 kn. Bei 2,5 sm Abstand ruft Achim ihn ueber Funk an – man weiss ja nie, was die Burschen so treiben. In der Sendung ‚die gefaehrlichsten Jobs der Welt‘, sind die Hochseefischer raue coole Gesellen, umsichtig und tuechtig. Unser Funker ist offensichtlich ein Ninja und macht den falschen Job: Atanga: Churamaru, Churamaru for Sailing Vessel Atanga Churamaru: ohhh, mhh, dschau, chau, ohhhhhh Atanga: Good evening. We are the sailing vessel 3 nm east of your position. Have you seen us? Churamaru: ohh, yau, ohhhh, ohhhh Atanga: Have you seen us? Churamaru: ohhhh, niiiine, ohhhh, zerooo Atanga: ???? Churamaru: ohhhhhhhhh, ohhhh, niiiine, Pause Churamaru: won mooooment, ohhhh, oooooohh, niiiine, ohhh zeroooo, mehr Pause Churamaru: niiiiine zeroooo, feif notts. Wir quaelen ihn nicht mit weiteren Fragen und interpretieren, dass der Dampfer 90 Grad mit 5 Knoten beibehalten will. Und so kommt es dann auch. Siehste, Fremdsprachen-Kenntnisse werden voellig ueberbewertet.
Der Wind hat etwas nachgelassen und mehr auf Ost gedreht, so dass wir nur noch die ausgebaumte Genua fahren. Das macht uns etwas langsamer und wir schaffen ein etmal von 132 sm. Zweimal steigt unsere Wind-Herta, unsere Windsteueranlage, aus. Das haben wir noch gar nicht erlebt. Offensichtlich druecken groessere Wellen das Hilfsruder der Anlage soweit zur Seite, dass der Zahnkranz ueberspringt. Das ist keine grosse Sache und leicht zu beheben: Allerdings haengt Achim dabei kopfueber ueber den Heckkorb gebeugt. Stirnlampe auf und los geht’s. Den Fehler bemerken wir schnell, weil dann das Segel anfaengt zu schlagen. Seit heute Morgen ist das Problem nicht wieder aufgetreten. Achim hat als Neuerung fuer diesen Toern zwei Hilfsbaender ins Cockpit verlegt, so dass wir die Wind-Herta bequem vom Cockpit aus verstellen koennen, wenn es noetig sein sollte. Bislang mussten wir dafuer immer nach achtern krabbeln. Eine Windsteueranlage haelt den Kurs des Schiffes nach dem Wind. Dreht der Wind, faehrt auch das Schiff in eine andere Richtung. Will man dies nicht, muss die Windsteueranlage am Schiff eine neue Einstellung erhalten. Das funktioniert bei uns ganz ausgezeichnet. Selbst platt vorm Wind haben wir keine Probleme unseren gewuenschten Kurs zu halten. Moderne Autopiloten koennen auch nach dem Wind den Kurs halten. Unser alter Kasten kann das nicht, der faehrt stur Kompass-Kurs. Speiseplan Tag 4: Abendessen: Gemuese-Kartoffelpfanne mit Moehren (frisch), gruenen Bohnen (Glas-Konserve), Zwiebeln, Kapern, Frischkaese und natuerlich Kartoffeln. Fruehstueck: frisches Brot mit Kaese und Aufschnitt Zwischenmahlzeit: Reste der Gemuesepfanne gepimpt mit angebratenen Dosen-Wuerstchen (ja, eine von den heiligen Dosen
), Kekse, Nuesse
Tag 3 – Wie Bus fahren
Do., 28.Jan.16, Atlantik, Tag 607, 4.162 sm von HH, etmal 154 sm Seit 48 Stunden ist unser Segeln wie Bus fahren. Okay, wie in der Mitte eines Ziehharmonika-Busses. Und auf schlechter Strasse. Und mit kaputten Stossdaempfern. Aber wir sind sehr zufrieden mit der geringen Schaukelei. Nach wie vor haben wir Passatbesegelung bei 5 Windstaerken aus Nord-Ost. Schade nur, dass es immer noch milchig trueb ist. So recht will sich da kein Blauwasser-Segel-Feeling einstellen. Zumindest optisch nicht. Der Rest passt schon. Ich bin bei Buch drei abgekommen, Achim ist auch schon viel ruhiger und hat Nummer zwei beim Wickel. Den Rest des Tages sind wir mit Essen beschaeftigt. Entweder mit der Zubereitung, Brot backen oder mit der Beseitigung des Abwasches. Oder mit der Suche nach einer Dose mit Tomaten. Trotz Staulisten ist keine spontan zu finden. Das geht dann nicht ganz stressfrei ab. Erzuernte unfreundliche Worte fallen, wenn die gesuchte Dose sich im Schrank versteckt. Die anderen Vorraete aus dem Schrank huepfen wollen, die Champignons Fluegel bekommen und der Goettergatte nicht griffbereit ist.
Sein Beitrag zur Essenbeschaffung ist bislang erfolglos. Statt dass Fisch dazu kommt, sind bereits drei Koeder weg. Trotz Stahlvorfach einfach abgebissen.
Also Leben ist da unten in den Fluten, es will nur noch nicht so recht auf unseren Tisch. Also vegetarisch heute Abend. Speiseplan Tag 3: Abendessen: Aus den Oma-Paprika mache ich eine Paprika-Pfanne mit Hack (eingekocht), Zwiebeln, Knobi, und Kraeuter- plus Reis. Fruehstueck: Spiegeleier mit Speck Zwischenmahlzeit: Den Rest der Paprika-Pfanne verlaenger ich mit Dosentomate (oha, doch noch gefunden
) und Faden-Nudeln zur Tomatensuppe mit Einlage. Obstsalat (warum werden alle Bananen gleichzeitig reif?)
Tag 2 – Gibt es sie doch?
Mi., 27.Jan.16, Atlantik, Tag 606, 4.008 sm von HH, etmal 133 sm Die sanfte Atlantik-Duenung? Die atmende See? Die herrliche Passat-Segelei? Wir sind nicht sicher! Aber kaum, dass ich gestern von wechselnden Winden geschrieben habe, sind diese seit 24 Stunden Geschichte. Der Wind kommt jetzt konstant aus 60 Grad mit 5 Windstaerken. Unsere beiden Vorsegel fahren wir, eins links und eins rechts, sozusagen als ‚Passat‘-Besegelung. Der Wind kommt 10 Grad von Steuerbord, daher Fock an Backbord und Genua ausgebaumt an Steuerbord. Die Genua ist leicht gerefft, weil sie so am Achterliek besser steht. Perfekt! Besser kann es nicht laufen…wie auf Schienen. Da Wind und Welle fast von achtern kommen, machen wir kaum Schiffsbewegungen. Die bis drei Meter hohen Wellen heben uns sanft an und das war’s. Kleine Schlenker nach rechts und links sind so minimal, dass wir leichtsinnig werden und Dinge einfach hinlegen. So ein Uebermut wird mit Abwurf bestraft. Ueber Funk erfahren wir von unseren Freunden, die eine Woche vor uns losgefahren sind, dass sie fuerchterliche Hacksee aus zwei Richtungen haben und ihren Kurs entnervt korrigiert haben. Statt Martinique nun Barbados. Seit unserer Abfahrt ist es extrem diesig. Wir vermuten, dass es sich auch hier draussen noch immer um den Sahara-Wind ‚Harmattan‘ handelt. Wir sind gespannt, wann wir den loswerden. Die Luft ist so truebe, dass das Meer fast grau wie die Nordsee erscheint. Keine Delphine, keine Fliegenden Fische. Wir sind gut drauf und frisch geduscht und freuen uns, dass wir uns bei diesen ruhigen Bedingungen nach zwei Tagen eingewoehnt haben. Speiseplan Tag 2: Abendessen: Suesskartoffel-Eintopf mit Paprika, Moehren, Kokosmilch, Curry und Kreuzkuemmel Fruehstueck: Brot mit Kaese, Schinken, Rettich und Gurke Zwischenmahlzeiten: TUC-Kraecker mit Frischkaese und Tomate, Obstsalat, Kekse und China-Nudelsuppe (nur fuer Achim, mich wuergt vor diesen Dingern) Eine verschimmelte Pampelmuse ist schon aussenbords. Die Tomaten halten nur noch bis Morgen durch. Und die Paprika wird zu Typ Oma mit schrumpeliger Haut.
Tag 1 – Im Passat
Mo., 25.Jan.16, Atlantik, Tag 604, 3.765 sm von HH, etmal 110 sm Ab Januar hat sich der Nord-Ost-Passat auf er Breite von Kap Verde fest etabliert. Bereits Kolumbus erkannte, dass es besser sei von Kap Verde statt von den Kanaren aus in die Karibik zu starten. Dieser Wind weht jetzt am staerksten mit etwa 25 kn und konstant aus 30 bis 80 Grad. Dieser Bericht erzaehlt von Zweien, die auszogen, diesen Wind zu finden.
Es faengt goettlich an. Fast 30 Knoten Wind zwischen Sao Vicente und Santo Antao und kaum Welle, bescheren uns einen schnellen Start. 9 kn Speed auf dem GPS. Wir rasen der neuen Welt entgegen. Nach ein paar Stunden gelangen wir aus der Abdeckung der Inseln und seitdem ist der Spass zu Ende. Das Gewackel haelt sich in ertraeglichen Grenzen und halbwegs normales Leben ist moeglich. Ich hab sogar schon abgewaschen. Zum Duschen hat aber noch keiner Bock. Und was macht der Wind? Wechselnde Staerken aus wechselnden Richtungen. Unsere Kurslinie sieht aus wie ein Laemmerschwanz. Mal die Fock (kleines Vorsegel) auf die eine Seite, dann die Genua (grosses Vorsegel) auf die andere Seite. Mal gerefft, dann wieder nicht. Das Unterfangen Atlantikuebersegelung artet geradezu in Arbeit aus. Uns geht’s trotzdem gut. Ich hab schon ein Buch durch. Achim hat noch nicht so recht die Ruhe zum Lesen gefunden. Er moechte staendig die Segel anders setzten, weil er uns fuer zu langsam haelt. Ich wurde gebeten jeden Tag zu berichten, was es unterwegs so zu essen gibt. Bitte schoen, hier kommt Tag 1: Nachmittags gab es vorgeschmierte Schnittchen. Schinken-, Kaese und Leberwurstbrot mit selbst gebackenem Koernerbrot. Dazu ein gemischter Salat. Den hatte ich aber auch schon vorgeputzt und geschnippelt. Den ersten Abend hatten wir Kartoffelsalat mit Frikadellen (vorbereitet in Mindelo). Den Rest gab es zum Brunch heute spaeten Vormittag und dazu eine Papaya mit Joghurt.
