Archiv der Kategorie: Auf See

Tag 3 nach Gambier – Guten Rutsch

Di.,31.Dez.19, Pazifik, Tag 2039, 19.336 sm von HH
Unser zweites Silvester in Folge auf See. Gleiche Situation wie letztes Jahr: Achim verschläft den ‚Big Bang‘ und ich sitze allein im Cockpit. Letztes Jahr war es unsere letzte Nacht, bevor wir die Osterinsel erreichten. Dieses Jahr liegen noch mindesten acht Tage Segelei vor uns. Wieder eine Party verpasst. Macht nichts. Silvester wird nach meiner Meinung von jeher überbewertet (es sei denn man sitzt im Wald am Lagerfeuer und überfrisst sich mit gegrillten Scampies). :-)
Unser Silvester-Dinner besteht aus Salat und frisch gebackenem Brot mit Heringsfilet aus der Dose in Dill-Sahne-Soße. Ein Deutsches Produkt, gekauft in Kolumbien und noch nicht mal abgelaufen. Da sehnt man sich in den Wald zurück. Der dritte Tag in Folge ohne Geschaukel. Wir bekommen viel Schlaf und sind hoch zufrieden. Segeln kann ja sooo schön sein. Der Wind bleibt schwach mit 12 Knoten. Leider hat er etwas nach Ost nachgegeben, so dass wir unseren reinen Ostkurs aufgeben mussten. Wir sind weiterhin ungerefft hoch am Wind unterwegs und schaffen knapp vier Knoten im Schnitt.
Wir wünschen allen Lesern, der Familie und unseren Freunden einen tollen Start 2020. Viel Glück, Zufriedenheit und immer den richtigen Wind.
– gesegelte Tagesmeilen: 91, davon 75 nach Osten gutgemacht
– gesegelte Meilen gesamt: 292
– verbliebene Meilen: 651
– Kartenkurs: 118 Grad
– gesegelte Kurse: 100 Grad

Tag 2 nach Gambier – Go East!

Mo.,30.Dez.19, Pazifik, Tag 2038, 19.245 sm von HH
Der versprochene Nordwind ist da. Wir koennen einen direkten Ostkurs segeln. Zwar verschenken wir dabei die Suedkomponente, das macht aber nichts, denn jede Meile weiter oestlich ist eine gute Meile. Die sind am schwierigsten zu gewinnen. Der Wind ist schwach. Neun bis vierzehn Knoten Wind – eine schlappe Windstaerke vier. Hin und wieder ueberlaeuft uns eine dicke Wolke (ohne Regen), die schickt uns fuenf Knoten mehr. Wir schweben langsam vor uns hin. Gemuetlich ist es. Nichts wackelt, nichts rappelt – alles steht grade. Es schlaeft sich wie in einer gepanzerten S-Klasse auf frisch geteerter Autobahn. Koestlicher, suesser Schlaf. Das ist gut fuer die Stimmung, die am zweiten Tag schon deutlich besser ist. So langsam kommen die Seebeine zurueck. Nur kulinarisch ist noch Luft nach oben. Da ich aus aberglaeubischen Gruenden (insgesamt hatte ich uns sieben Mal so vorbereiten wollen und jetzt die Faxen dicke :roll: ) nicht vorgekocht habe, muss der Meister der Nudel ran.
– gesegelte Tagesmeilen: 91, davon 91 nach Osten gutgemacht
– gesegelte Meilen gesamt: 201
– verbliebene Meilen: 740
– Kartenkurs: 115 Grad
– gesegelte Kurse: 90 bis 100 Grad

Ueberraschung!â?¬%&13333

So.,29.Dez.19, Pazifik, Tag 2037, 19.154 sm von HH
Wir sind unterwegs. Einfach aufgebrochen, ohne Vorkochen und ohne grosse Vorankuendigung. Und diesmal scheint es zu klappen. Bereits 110 Meilen liegen hinter uns nach den ersten 24 Stunden. Es ist unser fuenfter Anlauf uns von Tahiti freizuschaufeln.
Der Wind ist wie vorhergesagt: laue 10 bis 14 Knoten. Zwar genau auf die Nase, aber mit so wenig Wind macht das nichts.
Wir sind mit Vollzeug unterwegs, die See ist glatt und Atanga haengt nicht zu schief auf der Seite. Alles gut. Es gab am Nachmittag sogar eine Dusche mit reichlich Wasser auf dem Vorschiff. Es koennte schlechter laufen. Zwar sind wir steifbeinig und noch lustlos dabei, aber nach der zweiten Nacht sollte das besser werden.
Um uns von Tahiti frei zu kreuzen, haben wir einen langen Schlag nach Norden (30 Grad) und dann suedoestlich an Tahiti runter mit 130 Grad gemacht. Wenn die Vorhersagen stimmen, dann gibt es ab Morgen Nordwind fuer ein paar Tage. Mit dem hoffen wir deutlich Ost gut zu machen.
– gesegelte Meilen: 110, davon 60 nach Osten gutgemacht (7 Meilen motort) – verbliebene Meilen: 820 – Kartenkurs: 115 Grad – gesegelte Kurse: 0 bis 30 Grad und 130 bis 140 Grad

Scheitere erneut, scheitere besser!

Do., 07.Nov.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1985, 19.044 sm von HH

Wir sind schon wieder umgedreht! :mrgreen:
Diesmal nach Tahiti zurück. Wären wir bloß letzte Woche weiter gesegelt, da hatten wir nur Windstärke 6, heute hatten wir Windstärke 7.

Als wir aus der Cook Bay kommen, gibt es zunächst in der Abdeckung keinen Wind. Bis zur Windkante motoren wir. Die Dünung, die uns entgegenkommt, ist unangenehm hoch und spitz und kurz in der Frequenz. Das hätte uns stutzen lassen können. Nach einer Stunde stellt jemand die Windmaschine an: von jetzt auf sofort haben wir 25 Knoten Wind. Ätzend. Wir fahren im zweiten Reff im Groß und in der Fock hoch am Wind. Liegen hart auf der Kante. Aber wir kneifen die Backen zusammen. Umdrehen kommt nicht in Frage. Das ruiniert ja den Ruf total.

Beweisstück Nr. 1 – hier zittern sogar dem Fotografen die Hände und alles ist verwackelt

Vorhergesagt ist ein Grundwind von 16 Knoten. Der Wind weiß davon nichts und legt eine Schippe drauf. Über 30 Knoten in Böen. Wir müssten eigentlich noch ein Reff mehr einbinden. Achim spricht als erster von ‚umdrehen‘. Ich stehe am Ruder (mach ich immer, wenn es etwas wilder zugeht. Das bewahrt mich vor Seekrankheit – bei hoch am Wind trifft es mich am leichtesten – und vermeintlich habe ich dann die Kontrolle, was mir ein besseres Gefühl gibt als nur auf den Windmesser zu starren) und will davon nichts hören. „Lass uns noch warten, vielleicht lässt der Wind ja nach.“ Wenn wir jetzt umdrehen, weiß ich nicht, wo ich erneut die Motivation für einen dritten Versuch (eigentlich ja sogar fünften Versuch, wenn man die beiden Abbrüche wegen ‚kein Wind‘ mitzählt) hernehmen soll.

Beweisstück Nr. 2 – Schieflage

Beweisstück Nr. 3 – gute Laune sieht anders aus

Beweisstück Nr. 4 – ’n büschen Wind

Zwei Stunden donnern wir nach Norden, schaffen zwischen 10 und 20 Grad, das ist nicht berauschend, wir wollen doch Ost gut machen. Teilweise schaffen wir 7,5 Knoten, manchmal blitzen sogar 8 Knoten auf. Ein weiteres Reff wäre nicht schlecht, aber wir bleiben hart gegen uns selber. Die Welle kommt sehr seitlich und ungewöhnlich hoch. Noch nie haben wir so viel Wasser genommen, selbst auf dem schlimmen Trip nach Kolumbien nicht.
Am Ruder stehend, bekomme ich eine Dusche nach der anderen und das Wasser, was wir über den Bug aufnehmen, schwappt buchstäblich als Welle an unserer Sprayhood hoch. Achim steckt tatsächlich das untere Schott vor den Niedergang. Das machen wir nur äußerst selten. Hab ich schon gesagt, dass ein Reff nicht schlecht wäre?

Beweisstück Nr. 5 – frisch geduscht

Es wird immer unerfreulicher, statt besser. Ich sehe es ein, das ist es nicht wert. Wir drehen um! Nach Moorea wollen wir nicht zurück, die 15 Meilen Ost-Gewinn geben wir nicht wieder her. Das bedeutet, der Rückweg ist ebenfalls hoch am Wind. Eigentlich müsste ein weiteres Reff in die Segel, ;-) aber unser Wendewinkel ist mit 150 Grad so schon bescheiden genug. Damit wären wir nie angekommen. Wir bleiben hart und reffen nicht. Der Wind bleibt ebenfalls hart. Keinen Knoten gibt er nach, Grundwind 10 bis 12 Knoten mehr als vorhergesagt. In Böen entsprechend mehr.

Jetzt liegen wir in Papeete und halten es mit ‚Samuel Beckett‘: „Immer versucht, immer gescheitert, egal, versuch‘ es wieder, scheitere erneut, scheitere besser.“

Beweisstück Nr. 6 – auf dem Rückweg ist die Laune schon besser

Beweisstück Nr. 7 – weiterhin viel zu viel Wind für hoch am Wind

Beweisstück Nr 8 – Kleiner Ausritt nach Norden. Zwanzig Meilen gesegelt und Nach Osten vielleicht 4 Meilen gut gemacht

Viele Grüße von Moorea

Mi., 30.Okt.19, Franz.Polyn./Moorea/Cook’s Bay, Tag 1977, 19.044 sm von HH

Bei der Ausfahrt aus der Marina haben wir Null Wind. Wir liegen im Windschatten der Berge, aber durchs Fernglas sehen wir weiße Schaumkrönchen weiter draußen. Da ist Wind.
Wir setzten Vollzeug und motoren auf die Windschneise zu. Beim Erreichen legt sich Atanga hart auf die Backe. Wir tauchen in die Wellen ein. Bereits die zweite Welle spritzt Gischt bis zum Cockpit. Ist wohl mehr Wind als erwartet. :mrgreen: Windstärke fünf – 16 bis 18 Knoten – hart am Wind.
Schön ist das nicht, aber auszuhalten, nur der Kurs ist bescheiden. Wir müssten 35 Grad fahren, schaffen knapp 20 Grad. Eine Viertelstunde später geht Achim reffen, Windstärke sechs in Böen. Der Kurs wird durch das Reffen noch beschissener. Nur noch zehn Grad jetzt. Aber mit Vollzeug hält das keiner aus. Also, wir Warmduscher halten das nicht aus.
Bald sind wir komplett aus der Abdeckung von Tahiti raus. Der Kurs wird nicht besser. Trotz Reff liegen wir schwer auf der Seite. Konstant haben wir jetzt über 21 Knoten Wind. Wahren Wind. Es ist ekelhaft. Schnell ist errechnet, dass wir bei dem Kurs maximal 30 Meilen am Tag nach Osten gut machen würden. Beanspruchung für Mensch und Maschine.

Ein Blick über die Schulter nach hinten links: Moorea im Blick! Süßes Eiland, verlockend nach. Oh, du wunderschöne Insel. Ruder hart Backbord und die Sache ist erledigt. Wir brauchen genau 50 Minuten für diese Entscheidung. Sofort ist Ruhe im Schiff. Den Wind haben wir jetzt achterlich und herrliches Kaffee-Segeln.
Wenn einem unterwegs so ein Wetter erwischt, dann muss man dadurch. Oder wenn man nicht anders kann, weil man irgendwo weg muss. Aber ohne Not – nein danke, das brauchen wir nicht. Wir haben genug Zeit, um auf ein Wetterfenster zu warten und uns Plan C und Plan D zu überlegen.

Drei Stunden später erreichen wir die Cook’s Bay. Ohne Wale heute, aber noch genauso schön wie letzte Woche. Und mein, zum dritten Mal, wichtig vorgekochtes Essen schmeckt auch am Anker.

Viele Grüße von Moorea,
Eure Weicheier von der Atanga

Die Softy-Crew der Atanga