Mo., 17.Apr.17, Mexiko/Espiritu Santo, Tag 1052, 10.079 sm von HH
Morgen geht es weiter. Wir verlassen Mexiko. Da wir uns illegal im Land aufhalten, wollen wir unser Glück nicht überstrapazieren. Hier im Nirgendwo ist keiner an uns interessiert. Aber was wird Belize bei der Ankunft zu unserer Lücke im Lebenslauf sagen? Dass wir nicht so lange gesegelt sein können, liegt auf der Hand. Man könnte uns für Drogen-Schmuggler halten, was sicherlich eine Durchsuchung des Schiffs zur Folge hätte. Das braucht kein Mensch, auch wenn dabei vielleicht ein lang vermisstes Maßband zum Vorschein käme.
Vor uns liegen hundert Meilen. Wieder eine schlecht zu kalkulierende Distanz. Für Belize gelten die gleichen Bedingungen wie hier. Es gibt nur die handgemalten Karten. Eine Ankunft am späten Vormittag ist erwünscht. Die Einfahrt durchs Riff wird schmal sein. Viel schmaler als hier in Espiritu Santo. Vielleicht hundert Meter. Noch in der Durchfahrt muss man sofort scharf rechts abbiegen. Ein weiteres Riff lauert hinter dem Durchbruch auf Rümpfe. So fährt man ein Stück weiter. (Definiere ‚Stück‘). Dann scharf links abbiegen. Aber nicht zu früh, sonst rauscht man auf Steine. Wir wissen nun, dass die Unterlagen, die wir haben, brauchbar sind. Trotzdem steigt der Blutdruck beim Gedanken an die Anfahrt. Der einsamste Ankerplatz, den wir je hatten, ist ein idyllischer Traum. Keine Lichtverschmutzung, kein Menschen gemachter Lärm stört den Frieden. Großartig. Achim und ich könnten es noch länger aushalten. Zum Zeitvertreib düsen wir mit dem Dinghy ans Riff zum Schnorcheln. Die Innenseite ist flach, nur zwei Meter tief. Es ist richtig was los: schlafende Ammenhaie, Barrakudas, Schildkröten und allerlei Kleinvieh. Hervorragende Sicht, die Sonne lässt die Korallen leuchten. Auf die Außenseite können wir nicht. Das Riff reicht bis zur Wasseroberfläche und die Wellen brechen sich fauchend am Riffdach. Schade, wenn auf der ’schlechten‘ Innenseite schon so viel los ist, wie mag dann die bewohnte Außenseite sein?
Kategoriearchiv: An Land
Verdreckte Einsamkeit
Sa., 15.Apr.17, Mexiko/Espiritu Santo, Tag 1050, 10.079 sm von HH
Der Weg zum Dorf fängt gut an. Zwei Delphine sagen am Dinghy kurz ‚hallo‘.
Was die wohl wollen, im nur zwei Meter flachen Wasser?
- Aufbruch zum Dinghy-Ausflug
- Espiritu Santo Ankerplatz
Kurz darauf dann der Schock: Der Strand im menschenleeren Paradies ist übersät mit Plastik. Ein Weltnatur-Erbe erstickt im Müll. Weit gereister Dreck wird vom Strom und Wind hier angespült. Was einmal den Weg über das Riffdach gefunden hat, ist in der Lagune gefangen.
Die drei Familien, 25 Personen, die in windschiefen Tom-Sawyer-Hütten wohnen, kommen gegen den Müll nicht an. Der Strand vor ihrer Haustür ist penibel vom Plastik und Seetang befreit. Rechts und Links mündet ihr Paradies in eine Katastrophe.
Geschockt waten wir durch Flaschen, Schuhe und Plastikdeckel. Tausende Plastikdeckel. Blaue, rote, weiße, grüne Makel im Naturschutz-Reservat.
Man möchte weinen und verzweifeln, wenn man den Müll betrachtet.
- Hütten Zauber
- und Dorf-Idylle, wenn der Müll nicht wäre
Der schüchterne, aber freundliche Empfang einer der Dorf-Familien tröstet über das Elend hinweg. Woher wir kämen, wollen sie wissen. „Ah, aus Alemania, gut, dann habt ihr keinen Trump“, wird gescherzt. Man ist informiert. Das Dorf hat zwar keine Straße, aber eine Satelliten-Schüssel.
Den Strom dafür liefern kleine Solar-Paneele. Da gehen nach einer Stunde fernsehen die Lampen aus. Kontakt zur Außenwelt erfolgt durch kleine Fischerboote oder über UKW. Eine entsprechende Antenne steht zwischen den Hütten. Handy-Empfang nicht vorhanden. Gelebt wird von Fischfang.
In der Mitte vom Dorf steht die Satelliten-Schüssel, etwas abseits der Häuser die Toilette.
Was für ein Kontrast.
Das Klo ist ein klapperiges Gestell, direkt am Ufersaum. Über einen kleinen Tritt kann man das Toiletten-Gerüst erklimmen. Platz nimmt man in einem Meter Höhe. Dort sind in ein Brett zwei (!) Klobrillen eingefasst. Schulter an Schulter kann man so sein Geschäft verrichten.
Mit Blick auf die Lagune. Den Blick wahlweise auf Sonnenauf- oder Untergang.
Mit Blick auf einen See aus geschmolzenem Türkis.
Romantischer kann man wohl kaum auf dem Pott sitzen. ![]()
- Ankerplatz Espiritu Santo
- auf dem Klo
Entwarnung
Fr., 14.Apr.17, Mexiko/Espiritu Santo, Tag 1049, 10.079 sm von HH
Das war doch halb so schlimm in die Bucht zu kommen.
Die Balou ist tatsaechlich vorweg gefahren: wenn es vorne knirscht, musst Du hinten bremsen. ![]()
Auch ohne diese, zweifelsohne tolle Hilfe, ist es kein Problem in die weitlaeufige Bucht zu kommen. Der Riffdurchbruch ist hunderte Meter breit und ueberall tief. Die Koordinaten der selbst gemalten Karte sind korrekt und die Angaben ueber Beschaffenheit des Grunds und der Tiefe stimmen ebenfalls. Trotzdem ist es ein komisches Gefuehl, wenn man gemaess der ‚offiziellen‘ Karte ueber Land faehrt.
Punktgenau um halb elf stehen wir vor der Riff-Tuer. Die Sonne im Ruecken. Als ob nichts leichter waere genau so einen 80 Meilen Toern zu planen. Das hat geklappt, weil wir nachts mehrfach ein-und ausgerefft haben. Eine Aktion, die wir uns im Dunkeln ueblicherweise verkneifen. Dadurch konnten wir unsere Geschwindigkeit dem Plan anpassen.
Im Nachgang war das ueberfluessig. Hinter dem Riff wechseln sich Seegraswiesen mit Sand ab. Die befuerchtete Augapfel-Navigation ist nicht erforderlich. Ja, gar nicht moeglich. Das Wasser ist recht trueb. Schuld ist das Seegras. Die Wasseroberflaeche ist zu wellig, um unterhalb etwas erkennen zu koennen. Zu sehen ist nur, es scheint tief genug zu sein. Wir tasten uns vorsichtig hinter dem Riff voran. Unser Ziel ist moeglichst nah vor dem einzigen Dorf zu ankern. Auf drei Meter fuenfzig faellt der Anker im Sand. Und haelt.
Die Bucht Espiritu Santo wird durch ein 15 km langes Riff gebildet. Das Riff haelt die schlimmste Atlantik-Duenung aus dem dahinter liegenden ‚Binnensee‘ fern. Kraeftiger Wind von 20 Knoten fegt ueber uns weg. Die Windwelle ist beachtlich und laesst Balou und Atanga kraeftig auf und ab nicken.
Espiritu Santo gehoert zum groessten Kuesten-Nationalparks Mexikos. Dem ‚Sian Ka’an‘ Reservat (maya ‚dort wo der Himmel geboren wurde‘) und ist Unesco Naturerbe. Eine menschenleere, weglose Wildnis, bestehend aus Mangroven, Schilfgebieten, Lagunen und Seen. Inklusive zwei grosser Meeresbuchten, der Espirtitu Santo und im Norden, der Bahía Asención.
Wir liegen kaum zwei Stunden am Anker, da bekommen wir Besuch. Zwei Park-Ranger haben unser Kommen bemerkt. Als das kleine Beiboot auf uns zuhaelt, gibt es nur zwei Moeglichkeiten: Entweder wir muessen wieder weg oder eine Gebuehr wird faellig.
Die totale Fehleinschaetzung. Man heisst uns herzlich willkommen. Wir duerfen bleiben so lange, wie wir wollen. Kein Eintritt, keine Gebuehr. Nur auf Kanal 16 sollen wir in Funkbereitschaft bleiben.
Wir atmen auf. Denn ganz legal halten wir uns nicht mehr in Mexiko auf. Der letzte Hafen zum Ausklarieren war auf Cozumel. Dort fragten wir die Offiziellen, ob wir noch ein paar Tage im Sueden ankern duerfen: „Si, claro, no es un problem“. Allerdings haben wir das Gefuehl, dass diese Antwort nur auf Halbwissen beruht.
Cozumel – Trauminsel?
Mo., 10.Apr.17, Mexiko/Cozumel, Tag 1045, 9.996 sm von HH
Die wichtigste Urlaubsinsel Mexikos will uns nicht gefallen. Schlicht gesagt, ist sie öde.
Flach, knapp 50 km lang und mit dem Yucatan-üblichen Buschwerk bewachsen.
Kein Berg, keine Cenotes, kein Wasserfall.
Die wahre Schönheit Cozumels liegt unter Wasser verborgen.
Wir sitzen mit Beate und Reiner im Mietauto und befahren die einzige Straße, die es auf Cozumel gibt. Busse verkehren leider nicht. An den schönsten Strandabschnitten stehen Hotels oder private Tore verwehren den Zugang.
Im Süden und Osten wo die Dünung ungeschützt an den Strand rollt, hört die Bebauung auf. Ein paar windschiefe Bretter-Kneipen stemmen sich gegen den Wind.
Der Strand ist naturbelassen.
Baden nur möglich, wo vorgelagerte Korallen vor gefährlichen Strömungen schützen. Mexikanische Familien rücken mit Tellern und Schüsseln an. Als Sonnendach dient ein altes Spannbetttuch. Echte Profis. Sie wissen wo es am schönsten ist auf Cozumel.
In der Karwoche haben viele Mexikaner Urlaub. Die ‚heilige Woche‘ wird für einen Kurztrip genutzt.
- Mexikanische
- Strand-Profis
- Strand von Cozumel
Bis zur Ankunft der Spanier war Cozumel eine wichtige Pilger-Stätte für die Maya.
Sie beteten hier ihre Regenbogen- und Fruchtbarkeits-Göttin an.
Seefahrende Maya richteten Handels-Zentren ein – für Honig und Chicle-Saft (dem Ur-Produkt für Kaugummi, bevor er chemisch hergestellt wurde).
Bis 1519 Hernán Cortés die Insel betrat.
Der mächtige Eroberer hörte auf der Insel von einem ‚bärtigen Mann‘ und fand in ihm seinen Landsmann Geónimo de Aguilar.
Dieser war sieben Jahre zuvor bei einem Schiffbruch ans Festland von Yucatan gespült worden. Die Maya nahmen ihn gefangen und hielten ihn auf Cozumel als Sklaven.
Als er von Cortes befreit wurde, soll er ‚vor Entzücken geweint‘ haben.
Eine Begegnung von historischer Bedeutung.
Aguilar, der Maya Sprache mächtig, begleitete Cortes fortan als Dolmetscher.
Als Cortés das erste Mal Azteken-Land betrat, war Aguilar für ihn zunächst wertlos.
Die Azteken sprachen ‚Nahuatl‘.
Aber Cortés hatte Glück. Unter zwanzig Sklavinnen, die er von einem besiegten Maya-Stamm als Geschenk erhalten hatte, befand sich Malinche. Malinche beherrschte sowohl ‚Maya‘ als auch ‚Nahuatl‘.
Zusammen mit Aguilar bildete sie fortan ein Dolmetscher-Dream-Team für Cortés.
Cortés machte Malinche zu seiner Geliebten. Bald lernte sie selber Spanisch und machte Aguilars Dienste überflüssig. Sie übersetzte nun allein die Worte Cortés und fügte eigene Worte hinzu. Da sie immer an seiner Seite war, wurde Cortés von den Azteken ‚Capitan Malinche‘ genannt, weil sie Malinche als ihren Gebieter wahrnahmen.
„Diese Frau war ein entscheidendes Werkzeug bei unseren Entdeckungsfahrten. Ohne sie hätten wir so manche Unternehmung nicht durchführen können“, so ein Soldat aus dem Heer von Cortés.
Dass Cortés nur zwei Jahre brauchte, um Mexiko zu unterwerfen, ist Geschichte. Dass eine ehemalige Sklavin einen guten Teil dazu bei getragen hat, sehr beeindruckend.
Malenches Ansehen ist gepalten im modernen Mexiko. Die einen sehen in ihr eine der umstrittensten Frauen der Weltgeschichte, eine Verräterin am eigenen Volke.
Die anderen halten sie für eine Art ‚Mutter der Nation‘. Da ihr Sohn mit Cortés einer der ersten gezeugten Mestizen gewesen ist.
Fazit der Geschichte: Lerne Sprachen! Das reitet Dich aus jeder Scheisse raus.
Dinghy anlanden schwer gemacht
Mo., 03.Apr.17, Mexiko/Cozumel, Tag 1038, 9.996 sm von HH
Mexiko ist nicht auf Segler eingestellt.
Das ist ganz prima, so teilen wir uns die weitläufige Bucht vor Cozumel mit zwei weiteren Yachten. Dass wir Yachties gerne an Land wollen, darauf ist man ebenfalls nicht vorbereitet. Keine Dinghi-Docks, keine Stege, keine Pier in Sicht.
Der Strand ist zum Anlanden denkbar ungeeignet. Davor liegt eine Korallenplatte, schädlich für Dinghy und Füße.
- Schlechtes Ufer zum Anlanden
Die Pier für die Fähren ist überdimensioniert. Damit können wir nichts anfangen.
Wir entdecken einen niedrigen Beton-Stummel. Als wir festmachen wollen, kommt ein Wachmann des Fähren-Terminals und lotst uns auf die andere Seite. Dort gäbe es „Boxen“, die Dinghy geeignet wären. ![]()
In einer Box könnten wir zwanzig Dingies unterbringen. Die Wände sind zu hoch, die Schlauchboote werden vom Schwell darunter gedrückt. Die Bojen müssen her halten als Hecksicherung. Spinnnetzartig verzurrt können wir die Dingies alleine lassen.
- Dinghy-Dock in Cozumel
- In den Boxen herrscht unglaublicher Schwell
Der pfiffige Wachmann warnt uns gleich vor: umsonst ist das nicht hier zu parken.
Das wissen wir, zwei EUR pro Dinghy pro Tag. So die Info vom Motorboot-Nachbarn aus Puerto Morelos.
Das Büro hat heute geschlossen. Wir können bei ihm 25 EUR Kaution hinterlegen, die wird dann Morgen mit den Parkgebühren verrechnet. Gebongt.
Am nächsten Tag wartet unser Wach-Freund schon an der Box auf uns.
Er führt Achim und mich ins Büro. Dort ist auch tatsächlich die Kaution und die Kunde von zwei Dinghies angekommen.
Höfflich bittet man uns Platz zu nehmen. Zum Glück. Sonst wären wir wohl umgefallen als der freundliche Büro-Mensch uns mit 15 EUR Tagespauschale konfrontiert.
Ungläubig starren wir ihn an. „No, no es possible.“ Er lächelt.
Achim berichtet ihm von der Geschichte mit den zwei Euro.
Er lächelt. Und winkt ab: davon weiß er nichts. Achim bleibt am Ball. Der Büro-Mann knickt ein. Er greift zum Handy und berichtet jemanden von unser 2 EUR-Version.
Viel verstehen wir von dem Telefonat nicht. Vorsichtshalber lächeln wir jetzt auch. Allerdings nur kurz. Als er auflegt ist sein Angebot nicht viel besser.
Wir geben auf und signalisieren, dass wir dann wohl am Strand parken müssen. Mit verzagter Mine fragen nach einer Alternative. Nun mischt sich die, bis dahin stumme, Kollegin ein.
Es gäbe Fischerpiers, schlecht und unbewacht. Ihr Gesicht sieht besorgt aus. Wir lächeln.
Unser Mann greift erneut zum Handy. Diesmal macht er ein vernünftiges Angebot: Wenn wir eine Woche buchen, gibt er uns den Tag für 3 EUR.
Na bitte, geht doch. Allgemeines Grinsen.
Bei der Quittung verhaut er sich im Datum, so dass wir nun sogar acht Tage zum Sonderpreis bekommen.












