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Tag 4 nach Tahiti: Laeuft

So., 09.Aug.20, Pazifik, Tag 2261, 20.765 sm von HH
Kaum sind wir eingewoehnt, verwischen die Tage. Wie lange sind wir unterwegs? Schon fuenf oder erst vier Tage? Der uebliche Langstrecken-Dreikampf macht sich breit: Schlafen, Essen, Lesen, Schlafen, Essen, Lesen.
Das Meer ist tiefblau und praechtig, die Sonne scheint und das Segeln ist okay. Die Wellen sind etwas zurueck gegangen, der Wind auch. Tagsueber liegen die dicken Jacken nun ungenutzt in der Ecke. Es fallen Saetze wie ‚Schoen, dass die Schiffsbewegung moderat sind‘. Bloedsinn! Es schaukelt ganz ordentlich, vor drei Tagen haben wir noch darueber gemeckert. Jetzt ist alles im Lot, wir sind zufrieden.
Die Begeisterung von Segel-Kollegen, die auf dem Meer erst ihre innere Mitte finden, die den Einklang mit den Naturgewalten geniessen, in langen Passagen ihr Glueck auf Erden finden, – nein – , diese Begeisterung teilen wir nicht.
Das war von Anfang an so und wird sich wohl auch nicht mehr aendern. Fuer uns ist es ein Transport, einer der seine guten und seine schlechten Seiten hat, mehr nicht. Das Leben an Bord, irgendwo vor Anker, die Freiheit und die Abenteuer, die uns dieser Lebens-Stil bietet, die ungewoehnlichen Plaetze an die uns unser Schiff bringt, darin liegt fuer uns das Glueck auf Erden. Die Strecken werden abgerissen und wir machen das Beste draus: Schlafen, Essen, Lesen!
Tag 4: 112 Meilen
Rest: 413 Meilen

Tag 3 nach Tahiti: Besser, viel besser!

Sa., 08.Aug.20, Pazifik, Tag 2260, 20.653 sm von HH
Objektiv betrachtet sind die Bedingungen schlechter als an den ersten beiden Tagen. Trotzdem ist die Laune um Klassen besser. Immer wieder erstaunlich, wie der Koerper an Tag drei seinen Widerstand gegen gute Segelstimmung aufgibt. Der Wind blaest jetzt dauerhaft mit sechs Windstaerken. Noch immer schraeg von hinten. Die Welle hat wohl an die drei Meter und trifft aus aehnlicher Richtung auf uns. Das Wellenbild ist konfus, die Intervalle kurz, daher werden wir ganz schoen geschuettelt, aber ohne zu rollen. Nur ab und an gibt es einen Druecker, der uns hart auf die Seite legt. Wir laufen wie am Schnuerli-Band direkt aufs Ziel. Keine Patzer mehr durch unsere Wind-Herta. Die leicht gereffte Genua und das Gross im zweiten Reff passen gut zum Wind und Kurs.
Auch ist der mitteleuropaeische Hygienestandard wiederhergestellt – wir haben geduscht. Kein Vergnuegen mit Wind direkt aus der Antarktis. Brrr. Die Wassertemperatur hat allerdings bereits um zwei Grad zugenommen. Der kalte Meeresarm, der Gambier umschlingt, ist nach Westen abgeknickt. Genau, wie die Literatur es beschreibt. Also nur noch ein paar Meilen und wir haben wahrscheinlich wieder tropische Temperaturen an Bord.
Tag 3: 125 Meilen
Rest: 525 Meilen

Tag 1+2 nach Tahiti: Mimimi

Do/Fr.,06./07.Aug.20, Pazifik, Tag 2258/9, 20.528 sm von HH
Wir sind flott unterwegs, zeitweise rauschen wir mit sieben Knoten voran. Bereits im Atoll koennen wir Segel setzten, die Sonne scheint, ein paar Passatwolken ziehen am Himmel. In der Nacht leuchtet uns ein noch fast runder Mond den Weg. Es ist perfekt, aber an Bord hoert man nur ‚mimimi‘! Wir haben die ‚Segeln-ist-doof-an-den-ersten-beiden-Tagen-Brille‘ auf.
Das Schiff wackelt zu sehr, es ist zu anstrengend und wir schlafen zu schlecht. Gejammer und Wehklagen aus allen Rohren. Ist es noch weit? Sind wir bald da?
Und es ist zu kalt. Mimimi!
Obwohl das mit der Kaelte stimmt, muss man zu unserer Verteidigung sagen. Doppel-Fleece-Jacken plus Faserpelz-Hose plus Socken, anders ist es im Cockpit nicht auszuhalten – da kann man schon mal greinen. Der Wind kommt schraeg von hinten. Mal mit acht Knoten, mal mit zweiundzwanzig Knoten. Uns waren fuenfzehn Knoten im Durchschnitt vorhergesagt worden, aber doch nicht so. Gleichmaessig fuenfzehn Knoten, so hatten wir es bestellt. Diese harten Wechsel stellen die Windsteueranlage – Herta – vor ein Problem. Ab zwanzig Knoten fangen wir an aus dem Ruder zu laufen, luven viel zu stark an, legen uns mit Vollzeug hart auf die Backe. Extrem mimimi!
Statt traege in der Ecke zu liegen, muessen wir haendisch dem Ruder und Herta helfen. Dazu haben wir nun gar keine Lust. Schon gar nicht nachts, wenn es so richtig bitterkalt draussen ist. So hatten wir uns die Segelei nach einem halben Jahr nicht vorgestellt. Also wird getrimmt, was das Tuch hergibt: wir reffen das Gross, wir holen das Gross dicht, wir reffen mehr. Das kostet uns Geschwindigkeit. Das gefaellt uns auch nicht. Wieder mimimi. Hoffentlich ist bald Tag drei!
Tag 1: 150 Meilen (wow!) Tag 2: 124 Meilen
Rest: 650 Meilen

Regen!

So., 08.Mrz.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2107, 20.254 sm von HH
Regen mit viel Wind. Regen ohne Wind. Auch mal Wind ohne Regen. Dann wieder viel Regen. Und wenig Regen. Und jetzt auch noch Regen im Schiff. Gestern Abend tropft es ploetzlich durch unsere Salon-Luke. Wobei ‚tropfen‘ trifft es nicht … es rinnsalt. Ein Handtuch liegt auf den Salontisch, ein Feudel auf den Boden. Wir stellen zusaetzlich eine Schuessel drunter. Auf einem Schiff ist das eine muede Aktion. Atanga bewegt sich, wackelt mal nach rechts, mal nach links und die Tropfen suchen sich ihren eigenen Weg. Eben tropft es vorne vom Fensterrahmen im naechsten Moment hinten oder an beiden Stellen gleichzeitig. Es ist bereits dunkel, aber der Boots-Mechaniker versucht sein Bestes. Schuld sei die Gummidichtung. Die loest sich vom Glas auf der Innenseite und nun sei Wasser zwischen Scheibe und Dichtung. Achim drueckt das eingedrungene Wasser aus dem Hohlraum und es wird besser. Es droeppelt nur noch ein wenig. In der Nacht beruhigen sich die Niederschlaege und somit steht am Morgen der Salon nicht unter Wasser. Schwein gehabt.
Puenktlich zum Fruehstueck tauchen neue Schauer auf. Die Luke ist dicht. Selbstheilung, oder was ist hier los? Wir wissen es nicht, nehmen das Wunder aber dankbar an. Sobald es trocken ist, kommt eine Abdichtung von draussen drauf und in Papeete ist wohl eine neue Gummidichtung faellig. Hoffentlich gibt es dort die passende Groesse.
Ich hatte mir ja Regen gewuenscht, damit der Skipper genug Zeit hat, seine Schraenke zu wienern. Fehler! Niemals, zu keiner Zeit, unter keinen Umstaenden, sollte man sich so einen Mist wuenschen. Der liebe Gott mit seinem speziellen Humor erfuellt manche Wuensche sofort – schlechtes Wetter seit zehn Tagen. Es gibt mal einzelne Stunden Aufheiterungen, aber dann geht das Theater von vorne los.
Wir nehmen es gelassen, was koennen wir auch anderes tun? Es sind im Augenblick ungefaehr 15 bis 17 Schiffe im Atoll. Die meisten haben sich auf kleine Inseln in den Windschatten verzogen. Wir sind in Rikitea geblieben. Der Nachteil hier, man liegt mit auflandigem Wind und bei Hochwasser, wenn die Wellen es ueber die vorgelagerten Riffe schaffen, wird es etwas schauklig. Aber dafuer haben wir die meiste Zeit Internet an Bord und somit etwas Abwechslung. Ueber Funk hoeren wir, dass es ‚draussen‘ nicht besser ist: „Unser Boot tanzt wie eine Verrueckte an der Ankerkette.“ Wir sind also zufrieden und in einer wind- und regenlosen Pause schaffen wir es an Land, um eine Pizza essen zu gehen. Wenn das kein Leben ist. :-)

Abenteuerspielplatz Pass

Mi., 26.Feb.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Totegegie, Tag 2096, 20.243 sm von HH
Flaute! Kein Windhauch streift über den Pass. Das Wasser liegt wie ein Spiegel vor uns. Wir schweben mit unseren Kajaks über die Korallendächer und erkennen jeden Stein unter Wasser. Ab und an zerschneidet die Rückenflossen eines Hais die Wasseroberfläche. Es sind erwachsene Exemplare von einem Meter fünfzig und auch noch gerne drüber. In einer flachen Zone, einem großen Swimming Pool ähnlich, die sich bei Ebbe bildet, tummeln sich zehn Haie gleichzeitig. Wir paddeln näher heran. Aber als sie unsere Kajaks entdecken, tauchen sie ab oder schlängeln sich über das Riff-Plateau ins Tiefe. So wie wir uns verstohlen umblicken, wenn wir in ihrem Element schwimmen, so sind sie misstrauisch gegenüber dem, was von oben kommt. Wir lassen uns treiben und warten einfach ab. Und richtig, die Neugierde der Haie siegt. Zwei, drei Tiere kommen näher und umkreisen unsere Kajaks. Toll! Bei den windlosen Bedingungen ist das besser als schnorcheln – und mit deutlich weniger Adrenalin-Ausstoß verbunden. :mrgreen: Ein Adlerrochen kommt vorbei, ein Stachelrochen schwebt über einer Sandfläche. Wir könnten uns ewig hier treiben lassen.
Wie bei den großen Pässen, die befahrbar sind, muss man auch bei den falschen Pässen auf die Strömung achten und seine Schnorchelzeiten darauf einstellen. Auslaufende Strömung saugt einen in den Ozean hinaus und an der Riffkante bilden sich ähnliche Turbulenzen und stehende Wellen wie im großen Pass. Die Oberfläche ist örtlich scharf begrenzt total kabbelig und plötzlich landet man mit dem Kajak oder schwimmend in einer unsichtbaren Gegenströmungen. Ein echter Abenteuerspielplatz.
Trotz der tagelang dauernden Flaute warnt der Wetterbericht vor Schwell aus Süden – entstanden durch einen Sturm irgendwo im Südpazifik. Drei Meter lautet die Vorhersage. Das bekommt Warnstufe ‚orange‘. Das Atoll Gambier ist nach Süden offen wie ein Scheunentor, durch einen weiten Pass kommt der Schwell ungehindert ins Atoll gerollt. Zwischen uns, ganz im Norden ankernd, und dem Süden von Gambier liegen diverse Riffe, Untiefen Inseln und Motus (Mikro-Inseln) im Weg. Trotzdem erreicht uns bald das üble Geschaukel. Dreißig Stunden schaukelt Atanga wie ein Lämmerschwanz an der Ankerkette hin und her. Auf und ab und von links nach rechts. Es wird schwierig wieder an Bord zu kommen.
Die Lagune läuft voll. Das gibt am Pass noch mal ein ganz anderes Bild. Wir werden in unseren Kajaks auf langgezogenen Wellen angehoben und wieder abgesetzt. Als würden wir auf dem Brustkorb eines schlafenden Riesens treiben. Die Riffe tauchen in den Wellentälern aus dem Wasser auf. Die zu große Wassermenge läuft auf der ‚falschen‘ Seite über das Riffdach. Es kabbelt und wackelt. An diesem Tag trauen wir uns nicht über die Riffkante aufs offene Meer. Es ist uns zu unheimlich – zu viel Abenteuerspielplatz an diesem Tag. ;-)