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Tag 3 nach Ecuador – Schietwetter

Mo., 04.Juni 18, Pazifik, Tag 1464, 12.803 sm von HH, etmal 67
Den ganzen Vormittag regnet und gewittert es. Nach dem Früh-Squall geht der Wind auf 5 bis 8 Knoten zurück. Mal segeln wir, mal läuft der Motor. Noch nie haben wir so häufig die Segel rein, die Segel raus lassen müssen. Hamburger Schietwetter, würde ich sagen. Grauer Himmel, graues Meer. Mittags hört der Regen auf, aber es bleibt grau. Wir segeln mit 3 Knoten im Schnitt auf dem richtigen Kurs. Wir müssen noch etwas West gut machen, bevor die Gegenströmung einsetzt und der Wind südlich dreht. Sonst landen wir in Kolumbien.
In der Nacht nimmt der Wind zu. Wahnsinn. Windstärke vier! Wir haben die Kante erreicht, wo der nördliche Wind aufhören soll. Leider hat die Vorhersage wieder recht. Der Wind dreht. Wir sind noch gar nicht westlich genug gekommen und werden bereits nach Osten zurück gedrängt. Noch können wir einen Kurs von 160 Grad halten. Im Morgengrauen (im wahrsten Wortsinn – die Sonne lässt sich nicht blicken) geht der Wind erneut zurück. Wir kriechen im Schildkrötentempo süd-ostwärts. Man, man, man, wir wollen doch süd-westwärts. Was für ein Törn. Rechnerisch könnten wir die restliche Strecke unter Maschine fahren. Aber drei Tage motoren, hält auch keiner aus. Wir bleiben tapfer und segeln weiter.
Catch of the Day … ein Gelbflossen Thun
Tagesmeilen 67 – davon 12 unter Motor Noch 334 to go

Tag 2 nach Ecuador – Wenn der Himmel brennt

So., 03.Juni 18, Pazifik, Tag 1463, 12.736 sm von HH, etmal 78
Sir Francis Drake, der anhand der Logbücher von Fernando Magellan als zweiter Entdecker den Erdball umsegelte, sah die Sache mit dem Pazifik anders. Er fand, dass der Name ‚Mare Furiosum‘ -der Aufgebrachte- die passendere Bezeichnung sei. Seit letzter Nacht wissen wir, wie er das meinte. Es beginnt alles ganz friedlich. Den ganzen Tag ziehen wir mit guten 3,5 Knoten unsere Bahn in genau die gewünschte Richtung. Der Wind kommt über Stärke drei nicht hinaus, so dass wir mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sind. Zur Dunkelheit bricht dann die totale Flaute über uns ein. Erst lassen wir uns noch ganz tapfer von der Strömung treiben. Wir schaffen drei Meilen in zwei Stunden. Wir werfen entnervt doch die Maschine an. Zum Beginn meiner Nachtwache, um 22:00 Uhr, ist ein zaghafter Wind zurück. Wir entscheiden uns gegen den Blister (wir haben noch immer Schiss bei Nacht mit diesem Teil zu segeln) und setzen Groß und Genua. Das Tuch der Genua ist deutlich schwerer, trotzdem steht das große Segel.
Mit mickrigen vier Knoten Wind schaffen wir einen Knoten Geschwindigkeit. Das geht eigentlich gar nicht. Normalerweise klappen die Segel bei so wenig Wind in jedem Wellental zusammen und man wird wahnsinnig vom Schlagen der Segel. Heute Nacht funktioniert es: eine alte Windsee existiert nicht, eine alte Dünung ebenfalls nicht. Was dann folgt, ist wohl die bezauberndste Stunde auf See, die ich je hatte. Geräuschlos ziehen wir durchs Wasser. Nur am Heck ist ein leises Gluckern zu hören. Keine Fahrgeräusche, kein Wind im Ohr, kein Wellengeplätscher. Unter Deck ist es totenstill. Nichts klappert oder rappelt. Kein Geplapper, Achim schläft. Der Mond ist noch nicht aufgegangen, ein paar Sterne sorgen für diffuse Beleuchtung. Über dem Festland flackert Wetterleuchten und macht die Szenerie noch gespenstischer. Wir gleiten durch die Nacht. Wir schweben förmlich. Wie ein Geisterschiff. Wir fliegen. Wie der Fliegende Holländer. Wir sind der Fliegende Holländer. Gänsehaut! Der Plotter teilt meine Begeisterung nicht. Frech grinst er mich an: bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit bräuchten wir noch 15 Tage bis Ecuador. Nach einer Stunde ist der Zauber vorbei, der Wind nimmt zu, die Geräusche ebenfalls. Das Wetterleuchten wird heftiger. Hinten rechts, über Panama, steht die größte Zelle. Dort brennt der Himmel. Wie ein Magengeschwür werden die Wolken von innen beleuchtet. Dann erscheinen kleinere Zellen hinten links und vorne links. Wir sind umzingelt von brennenden Wolken. Schön. Wunderschön. Aber beängstigend. In der Ferne grummelt der Donner, der zu den zuckenden Wolken gehört. Trotz Gewitterzellen an allen Fronten bleibt der Wind nur schwach, knapp 10 Knoten. Um 2:00 Uhr übernimmt Achim die Wache. Der Himmel brennt noch immer lichterloh und das soll bis zur Dämmerung so bleiben. Ich gehe ins Bett und werde um 5:30 Uhr fast aus der Koje gerollt. Atanga legt sich heftig auf die Seite. Squall Alarm. Eine der Gewitterzellen hat dann wohl doch etwas Wind im Gepäck. :mrgreen: Wie gut, dass wir den Blister nicht oben haben. Mit voller Genua und Groß ist es schon ätzend genug die 25 Knoten Wind abzuwettern. Natürlich gießt es wie aus Eimern. Eine kalte Dusche noch vor dem Aufstehen. Wie ätzend. Dreißig Minuten später ist die Angelegenheit wieder vorbei. Der Wind stirbt wie abgeschaltet, was bleibt ist der Regen und die Blitze. Noch 18 Tage bis Ecuador weiß der Plotter. Wir starten den Motor.
Tagesmeilen 78 – davon 28 unter Motor Noch 394 to go…

Tag 1 nach Ecuador – der Friedliche

So., 03.Juni 18, Pazifik, Tag 1463, 12.658 sm von HH, etmal 98
Pacifico – der Friedliche, so nannte Fernando de Magallanes 1520 den neuen Ozean auf der anderen Seite Amerikas. Seine Expedition entdeckte die, nach ihm benannte, Magellan-Straße in Feuerland, tief im Süden des neuen Kontinents. Ruhig und still kam ihm Pazifik nach den rauen Monaten im Atlantik vor. Fünf Schiffe mit 265 Mann starteten in Spanien, um zu beweisen, die Erde ist rund. Magellanes selber schaffte es nicht zurück nach Spanien, er kam auf den heutigen Philippinen ums Leben. Ein Schiff, die ‚Victoria‘ und 18 Seeleute erreichten nach drei entbehrungsreichen Jahren Spanien und gelten als die ersten Weltumsegler.
Der Friedliche, so zeigt sich auch uns der neue Ozean. Glatt gezogen wie ein Bettlaken. Kleine Wellen kräuseln die Oberfläche. Eine alte Dünung existiert nicht. Wir segeln aufrecht und es schaukelt an Bord weniger als so manchen Tag am Ankerplatz. Alle Luken bleiben geöffnet, beidhändig können wir essen, beidhändig abwaschen und beidhändig die Unterbüx runterziehen. Ja, sogar eine Dusche liegt drin. Das gibt es sonst nie an Tag 1 und wird nur allzu oft auch an Tag 2 ‚vergessen‘. Das Leben auf dem Meer kann so schön sein.
Die Wettervorhersage hat tatsächlich recht: wir haben Wind aus Nord-Westen. Unter Maschine kurven wir aus dem Inselgewirr und der Windabdeckung der Las Perlas. Schon bald setzten wir unseren Blister (das bunte Leichtwindsegel). Ein Hauch von Wind – 5 bis 8 Knoten – das ist grade mal Windstärke 2 bis 3, zieht uns in die gewünschte Richtung. Wir bekommen über einen Knoten Strom geschenkt und sind überraschend gut auf dem Weg. Zeitweise schaffen wir über vier Knoten.
Zum Abend wechseln wir auf unsere Genua. Der Wind ist gleichbleibend schwach, aber wir haben Schiss das 120qm große Tuch nachts stehen zu lassen. Zu wenig Übung haben wir mit dem Lappen. Wir baumen die Genua aus, aber die Performance lässt natürlich nach. Trotzdem schaffen wir noch 3,5 Knoten vorwärts. In der Nacht wird der Wind schwächer. Unsere eigene Geschwindigkeit fällt auf unter einen Knoten, aber weiterhin gibt uns eine Strömung Schwung. Der Motor bleibt aus. Geduldig sitzen wir das Schneckentempo aus. Die Richtung könnte nicht besser sein. Süd-West. Genau da wollen wir hin. Und wer weiß, wofür wir den Diesel noch brauchen.
Tagesmeilen 98 – davon 5 unter Motor Noch 472 to go…

Quickstart an Neujahr

Mo., 01.01.2018, Panama/Kanlildup, Tag 1311, 12.312 sm von HH

Schluss mit Inselhopping. Unser Inseltraum nimmt ein abruptes Ende. Eben feiern wir Silvester noch mit Lagerfeuer, Vollmond und einer Gruppe bekannter und unbekannter Crews am Strand und erfreuen uns an der Romantik. Ein unvorsichtiger Blick auf das Wetter mahnt uns gleich heute Richtung Colon zurück zu fahren, wollen wir nicht die gesamte Strecke Gegenwind haben. Der verlässliche Passat soll einbrechen.
Im Dunkeln durch die Riff gespickten San Blas zu fahren, ist eine schlechte Idee. Aber in Puerto Lindo können wir im Dunkeln rein. Dort haben wir unseren alten Track und kennen die Begebenheiten. Also fahren wir am Nachmittag los und sind bei Sonnenuntergang aus dem Inselgewirr raus. Das passt.
In Puerto Lindo parken wir bis Freitag zwischen. Ab 5. Januar haben wir einen Platz in der Shelter Bay Marina reserviert. Von dort können schon mal einen Blick auf die großen Tore der Schleusen werfen. Bevor sie sich für uns Mitte Januar öffnen werden.