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Revierführer für Mexiko und Belize

Sa., 16.Sep.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1204, 11.850 sm von HH

Für alle, die in der Karibik auf einer Suche nach einer Alternative zu den Kleinen/Großen Antillen und den Bahamas sind.

Als „Nicht-Segler-Land“ birgt Mexiko (und auch Belize) zwar ein paar Schwierigkeiten, aber auch die Chance auf leere Ankerplätze, extrem freundliche und offene Gastgeber und einer alten Kultur, die ihres Gleichen sucht.
Dazu ist es noch extrem preiswert und ein echter Budget-Schmeichler.

Für alle Interessierten, hier unser Revierführer: Revierführer Mexiko und Belize

„Ich habe heute leider kein Foto für dich“,

Do., 14.Sep.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1202, 11.850 sm von HH

würde Heidi Klum den Laufsteg-Hasen zurufen.
Als alte ‚Germanys next Top Model‘ Experten wissen wir natürlich worauf es ankommt: Attitude, Attitude und Attitude.

Modenschau-Alarm in der Marina.
Zugang nur für geladene Gäste mit Ausweis um den Hals. Da wir ja nun aber bereits hinter dem Pförtner wohnen und nicht durch eine Kontrolle müssen, haben wir ebenfalls Zugang zum Spektakel.

Ein weißer Laufsteg, gepolsterte Sitzgruppen aus weißem Kunstleder, Stehtische, Scheinwerfer, alles sieht nach einem Profi-Event aus. Den ganzen Tag wird gewerkelt und aufgebaut.

Der ewig schmuddelige Waschraum dient den Models als Garderobe, um sich zu schminken. Da konnte ich nachmittags beim Duschen schon beobachten, wie getrickst wird. Kofferraumgroße Schminktaschen mit Farbtöpfen, Nippel-Alarm-Pflaster und mir unbekannten Hilfsmitteln.
Letzte Laufprobe zwischen Spiegel und Dusche unter viel Gekicher und Palaver.

Als wir uns unter die VIP’s mischen, ist das Catering schon fast gelaufen. Leergefegte Teller, nur ein paar Nachtisch-Häppchen und ein Fruchtsaft werden uns noch angeboten.
Neben der Modenschau stellen sich Restaurants mit ihren neuesten Kreationen und eine Kochschule zur Schau. Fingerfoods sollen die Gäste auf den Geschmack bringen.

Noch während die Modenschau läuft, werden die Freßstände bereits wieder abgebaut. Mit der Gemütlichkeit hat es der Kolumbianer nicht so.

Die Modenschau stellt Kollektionen für Frühling/Sommer 2018 vor.
Albern, gibt es doch gar keinen Unterschied in den Jahreszeiten. Dementsprechend werden nur luftige Kleider für den Strand, für das Büro und für den Abend vorgeführt.

Die Models sind wohltuend nicht kurz vor dem Verhungern. Normale Mädchen, die als Amateurin über den Laufsteg staken. Mit mehr oder weniger Talent. Mit Klamotten, die man tragen kann. Ich hätte heute eine Menge Fotos zu verteilen.

Nach der Show gibt es für die verbliebenen Gäste noch einen Rum auf Eis :-)
Die Hälfte, der gelangweilt wirkenden Besucher ist längst gegangen. Nicht mal eine Stunde haben es die meisten ausgehalten.
Nach dem Rum ziehen wir auch davon. Die Klänge einer Band hallen noch lange über die Marina. Sie spielen für ein Publikum, was bereits verschwunden ist.

Eine sonderbare Veranstaltung. Viel Aufwand für vielleicht hundert geladene Gäste, die kein Interesse zeigen. Angetrunkene Gläser und Teller mit dem Essen, was wir verpasst haben, stehen überall herum.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott

 Di., 13.Sep.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1201, 11.850 sm von HH

Direkt nach unserer Ankunft in Santa Marta vor 2 Monaten habe ich mit den Leuten vom Boatyard bezüglich eines neuen Unterwants gesprochen. Alles hörte sich super an und es schien, als ob es in Cartagena einen Rigger gäbe, der ein neues Want anfertigen könnte. Unser defektes Unterwant, das seit unserer Überfahrt von Belize nach Providencia notdürftig mit einer Kette repariert seinen Dienst tat, habe ich der Werft als Muster übergeben.


Es dauerte knapp zwei Wochen, bis der Rigger mitteilen ließ, dass er das notwendige Stemball Terminal (das ist der „Haken“, der auf den Draht aufgepresst wird, um es am Mast zu befestigen) nicht in Kolumbien auftreiben könnte. Kein Problem dachte ich, da unsere Reise nach Hamburg bevorstand und ich die Terminals aus Deutschland mitbringen könnte.

Wieder in Santa Marta, übergab ich die neuen Terminals der Werft, um dann 2 Wochen später erfahren zu müssen, dass ein 10mm Draht in Kolumbien nicht erhältlich sei. Hier gäbe es nur 3/8 Zoll Drähte…. Hätten sie das gleich gesagt, dann hätte ich solche Terminals mitbringen können. Es drängt sich leider der Verdacht auf, dass die Werft hier nicht besonders bewandert ist, wenn es um Segelboote geht.

Um für zukünftige Notfälle gerüstet zu sein, hatte ich in Hamburg aber auch noch eine Reihe von Schraubterminals gekauft. So einen Notfall hatten wir nun und ich beschloss das alte Want mit einem Schraubterminal zu reparieren.

Schritt 1: Absägen des alten Terminals oberhalb der Bruchstelle. Den Draht habe ich in einen Schraubstock geklemmt wobei dessen Backen mit Bleiplatten bedeckt waren, um Beschädigungen des Wants zu vermeiden.

Schritt 2: Einfädeln des Konus. Dazu werden die 12 Drähte, die den Kern umspannen gelöst und leicht geöffnet, sodass sich der Terminal-Konus über den aus 7 Drähten bestehenden Innenkern des Wants geschoben werden kann. Bei einem 10er Want schreibt sich das leichter als es ist… Die Kardeele dürfen bei dieser Aktion auf keinen Fall geknickt werden.

Schritt 3: Nun werden die losen Drähte des Wants ordentlich um den Kern gelegt und die äußere Schraubhülse darüber gezogen.

Schritt 4: Wenn alles gut aussieht, wird das Gegenstück aufgesetzt und mit moderater Kraft verschraubt.

Schritt 5: Die Verbindung wird noch einmal aufgeschraubt und die Drahtenden sollten sich nun schön um den Konus gelegt haben.

Schritt 6: …mit Kraft verschrauben….

Logischerweise wird das Want insgesamt etwas kürzer. In unserem Fall reichte jedoch ein Toggle (das ist so eine Art Verlängerungsstück), um das Want wieder anzubringen.

Jetzt muss es nur noch halten …..

Fazit: ich habe es leider versäumt mir eine Reihe von Schraubterminals für jede Wantenstärke zu besorgen bevor wir losgefahren sind. Das war ein Fehler, den ich jetzt allerdings korrigieren konnte.

 

Kunst in Cartagena

Do., 07.Sep.17, Kolumbien/Cartagena, Tag 1195, 11.850 sm von HH

Die erste Kunst auf die wir stoßen, ist eine dicke Frau. Die dicke Gertrudis.
Die stammt von Fernando Botero, dem wohl bekanntesten Maler und Bildhauer Südamerikas. „Großzügigkeit und Üppigkeit stehen für mich in enger Verbindung mit der Sinnlichkeit“.

Na, dann ist anfassen ja wohl ausdrücklich erlaubt.
Ein Aberglaube in Cartagena behauptet, wer den Hintern der dicken Frau berührt, kehrt eines Tages nach Cartagena zurück. Das Anfassen der Brüste sorge für eine lange Beziehung.
Kaum jemand, der sich diese Chance entgehen lässt.

Der Besuch im Inquisitions-Palast enttäuscht.
Hinter der herrlichen Fassade fand die grausame Verfolgung Andersgläubiger statt. Indigene und afrikanische Einflüsse stellten einen guten Nährboden für schwarze Magie dar. Diese galt es auszurotten. Dem Beispiel aus Europa folgend, wurden die Beschuldigten solange gefoltert, bis ein Geständnis abgelegt wurde.
Am Tag der Unabhängigkeit 1811 wurde der Inquisitions-Palast vom Volk gestürmt.
Die Aufmachung am Eingang verspricht einen abwechslungsreichen Rundgang mit englischer Beschriftung. Leider hat man diese nach dem Erdgeschoß vergessen aufzuhängen.

Um 15:00 Uhr nehmen wir den Bus nach Santa Marta zurück.
Klimatisiert diesmal. So sehr, dass wir nach fünfeinhalb Stunden (wer hat eigentlich die Lüge, dass der Bus vier Stunden braucht, erfunden?) als Stock gefroren aus dem Bus fallen.

Ein lohnender Ausflug ist Cartagena allemal. Mit zwei Übernachtungen hat man ausreichend Zeit die Altstadt mit angrenzenden Sehenswürdigkeiten zu bewundern.
Wir freuen uns über unsere Entscheidung Cartagena per Bus besucht haben. Die Marinas und der Ankerplatz liegen zwar verlockend nah am alten Kern, aber Dinghy Dock oder ähnliches konnten wir nicht entdecken. Im halb so kleinen Santa Marta sind die Wege kürzer, die Preise kleiner, die Straßen leerer aber leider die Häuser hässlicher.

Altstadt und Kastell von Cartagena

Mi., 06.Sep.17, Kolumbien/Cartagena, Tag 1194, 11.850 sm von HH

Die Altstadt von Cartagena ist klein. Wenn man von der gewaltigen Stadtmauer und Festung liest, ist die Erwartung, sie muss riesig sein. Aber zwei Kilometer Durchmesser, mehr mag es gar nicht sein.

Es gibt einen perfekt restaurierten Teil. El Centro und San Diego.
Hier ist schon fast steril. Alles ist für die Touristen hergerichtet. Teure Boutiquen und edle Souvenir-Shops. Dazwischen eine Armee an Hutverkäufern, Touren-Anbietern und Schmuck-Händlern.
Man wünscht sich ein T-Shirt mit der Aufschrift. ’no quiero nada‘. Man wird sie nicht wieder los.

Im Hinterland von Cartagena gibt es einen Ort, San Basilio de Palenque.
Hier wohnen die Nachfahren entflohener Sklaven, die cimarrónes, wie die Spanier sie nannten.
Die
schwarzen Frauen kommen in die Stadt, um auch eine Scheibe vom Touristen-Kuchen zu ernten.
Verkleidet in „Sklaventracht“, wie ein Tourist sich eine Sklaventracht so vorstellt, geben sie vor, Obst zu verkaufen. Anmutig tragen sie Schalen auf dem Kopf. Hübsch dekorierte Obst Stillleben. Aber es geht nicht um Obstverkauf. Wer ein Foto von ihnen machen will, soll zahlen.

Glücksjäger, Wasserverkäufer, Bettler und Trickbetrüger. Sie alle lockt es in das Unesco Kulturerbe.

Von weit her kommen die fliegenden Händler. Ein Schmuckverkäufer erzählt uns, dass er 25 Stunden mit dem Bus nach Hause fahren muss.
Er hat eine Handvoll Ketten über dem Arm. Billigst-Ware ‚made in einem Land‘, in dem das Lohn-Niveau noch niedriger ist als in Kolumbien.
Er findet Deutschland gut. Vor allem wegen der Bundesliga. Er kennt alle Vereine, erzählt uns die Tabellenstände und grinst über den HSV. :shock:

Schön ist es in El Centro und San Diego. Aber zum Wohlfühlen ist das nicht.

Unser Hostel liegt in Getsemani, dem abgewohnteren Teil der Altstadt. Er ist nicht so perfekt renoviert, die Touristen-Dichte nimmt ab. Restaurants haben keine Klima-Anlage mehr, ein Bier kostet nur noch 3000 statt 5000 Pesos.

Abends kommen die Selbstdarsteller und Musiker auf die Straße. Die Plaza Trinidad ist der Treffpunkt für Künstler und solche, die es werden wollen: Breakdancer Battle, Folkloregruppen, Beatboxer, schlechte Gitarrenspieler und gute Sänger. Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Vor ein paar Jahren galt das Viertel noch als gefährlich, heute ist es ein lebendiger Mix aus echtem Leben und Tourismus.
Ein hohes Polizei-Aufgebot sorgt für Ruhe. Bier bekommt man auf der Plaza nur im Plastikbecher, Glas ist verboten. Trotzdem, unter den Augen der Polizei werden uns ‚Happy Brownies‘ angeboten. Frech in der Tupperdose präsentiert.

Außerhalb der Altstadt liegt das mächtige ‚Castillo de San Felipe de Barajas‘.
Es ist die größte Festung, die Spanien in einer ihrer Kolonien errichtete. Uneinnehmbar, so lautete der Auftrag, sollte das Bollwerk sein. Und es hielt Stand.

Sogar den stärksten Angriff in der Geschichte der Stadt. Den Überfall durch Admiral Vernon 1740. Der englische Admiral war sich seines Sieges gewiss, lies er doch schon vor dem Angriff Gedenkmünzen prägen: „Der Stolz Spaniens gedemütigt durch Vernon“.
Sein Gegenspieler war ein alter Kriegsveteran, Don Blas de Lezo. Bereits einbeinig, einarmig und einäugig, verlor er in der Schlacht gegen Vernon noch sein zweites Bein, konnte aber den Sieg davon tragen. Vernon war nun der Gedemütigte.

Heute kann man das Kastell besichtigen.
Ein besonderes Vergnügen ist das ausgeklügelte Tunnel- und Wegesystem. Mehrere Hundert Meter Gänge mit Pulverkammern, Kasematten und Vorratslagern. Das Fort erstreckt sich über mehrere Etagen, die durch Treppen verbunden sind.