Mehr Augenmaß, bitte!

Sa., 11.Apr.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2141, 20.254 sm von HH

Vorgestern ist eine erneute Verlängerung der Quarantäne bekannt gegeben worden: Lockdown bis 29. April! Wir dürfen weiterhin tagsüber nur einzeln an Land, maximal eine Stunde täglich und nur im Umkreis von einem Kilometer von Zuhause (Zuboote).
Die Regeln, die in Frankreich bestehen, gelten auch hier. Dabei haben wir es noch ganz gut. In Tahiti dürfen die Segler nicht mal ihre Propeller reinigen. Eine Tätigkeit, die zur Erhaltung der Seefähigkeit eines Segelbootes gehört. Eine Verbot ohne Augenmaß für die Belange von Seglern.
Die Anzahl der Corona Infizierten nimmt leider auch in Französisch Polynesien zu. Es gibt eine offizielle Zahl von gut fünfzig Fällen. Jeden Tag werden in der Länder-Statistik zwei, drei Fälle mehr gemeldet. Betroffen sind zwei Inseln: Tahiti und Moorea (wobei Moorea nicht mehr erwähnt wird, daher wohl nur noch Tahiti).
Alle anderen Atolle in Französisch Polynesien sind Corona frei. Das letzte Flugzeug in Gambier – hier bei uns- , was eine infizierte Peron hätte mitbringen können, ist vor drei Wochen gelandet. Die Bevölkerung vor Ort könnte also zur Normalität übergehen. Aber der ‚Haut commissaire‘, der ‚Hohe Kommissar‘ in Tahiti sagt: „Nein, die Regeln, die in Frankreich bestehen, gelten auch hier.“ Eine Entscheidung ohne Augenmaß für die Situation auf den kleinen Inseln.

Die Schule in der Gemeinde vor unserer Haustür ist weiterhin geschlossen. Der Lehrer erteilt Aufgaben übers Internet – nur hat nicht jeder Haushalt einen Anschluss. Im lokalen Fernsehsender werden Sportübungen gesendet, die die Kinder vor dem Gerät nachturnen sollen. Mir erzählte ein Anwohner, dass die Polizei nachts patrouilliert und die Ausgangssperre von 20:00 Uhr bis 5:00 Uhr überwacht. Wenn ich durchs Dorf gehe, dann sehe ich zwar mehr Erwachsene auf der Straße als vor drei Wochen, aber keine Kinder. Die werden weiterhin in den Häusern verschlossen gehalten. Nur vereinzelt können wir vom Wasser aus ein paar spielende Kinder in den Gärten am Ufer sehen.

Auch über Deutschland lesen wir von merkwürde Maßnahmen. Dass Spaziergänger nur noch links herum um einen See laufen sollen, dass ein Eis ‚to go‘ verkauft werden darf, aber der Buchladen daneben keine bestellten Bücher durch einen Schlitz in der Eingangstür übergeben darf. Dass eine Frau zu Ostern ihre Mutter nicht besuchen darf, die sie unter der Woche zweimal zum Arzt und zum Einkaufen fährt. Reiter dürfen ihre Pferde ausführen, Golfer keine Bälle schlagen und Segler dürfen in einigen Bundesländern nicht mal alleine auf ihren Booten arbeiten. Auch in Deutschland vermissen wir ein gesundes Augenmaß.

Bei uns und auch auf den Marquesas kommen weiterhin neue Segelboote an. Aus Mexiko, aus Galapagos oder Panama. Sie stehen vierzehn Tage unter Quarantäne nach einer Anreise von zwanzig Tagen oder mehr. Ich will es nicht überstrapazieren, aber wo besteht hierbei ein gesundes Augenmaß? Die Neuankömmlinge melden Mangel an Diesel, Mangel an Essen und/oder Wasser an. Jedes Boot hat wundersamer Weise mindestens zwei gravierende Probleme, die eine Weiterfahrt nach Tahiti verhindert. Das zieht allerdings nicht gut, die Regeln vom ‚Haut commissaire‘ sind deutlich: die Crews dürfen sich proviantieren und nötige Reparaturen vornehmen, müssen dann aber zügig nach Tahiti weiter. Ob ein Schaden so gravierend ist, dass er eine Weiterreise verhindert, soll an Hand von eingesendeten Fotos in Tahiti entschieden werden. Man schickt gesunde Crews an den einzigen Ort in Französisch Polynesien mit Corona -Fällen. Ist das gesundes Augenmaß?
Warum die Behörden das möchten? Es heißt, damit die Regierung weiß, wo sich alle Schiffe befinden – das weiß sie sowieso. Jede Crew hat sich bei der Neuankunft auf einer Insel zu melden und bewegen darf sich seit Wochen niemand mehr.
Ein weiteres Argument sollen die Einwohner sein, die sich durch den Aufstau und dadurch hohe Anzahl an Booten gestört, gar bedroht, fühlen. Das kann man gelten lassen, wer plötzlich doppelt so viele Schiffe wie in anderen Jahren vor der Haustür hat, mag sich belästig fühlen. Hier sind wir Segler gefordert uns mit gesundem Augenmaß in die lokalen Regeln einzupassen.

Rikitea wird lebendiger ;-)

 

 

6 Gedanken zu „Mehr Augenmaß, bitte!

  1. Oertwig Gundolf

    Servus, dieser Virus tötet Menschen aber vorher verursacht er bei sehr Vielen einen „Dachschaden“. Grenzen rauf! Überall! Die anderen sind die Verseuchten, was könnten wir denn noch gegen DIE machen….? Ah! Da hätte ich so‘n Vorschlag: könnte man nicht quer durch Berlin eine Mauer bauen? Dann brauchen die Leut‘ keine Angst mehr zu haben von DEN ANDEREN angesteckt zu werden. Bücher sind gefährlicher, als Eis, welches gerne weiter verkauft wird. Na, das gab‘s auch schon mal… die Angst vor Büchern. Den Virus noch besser bekämpfen, jedoch mit Augenmaß!
    Gruss, Gundolf

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  2. Michael Gramse

    Moin in die Südsee,
    nur aus Interesse: wie genau würde deiner Meinung nach eine „Reaktion mit Augenmaß“ aussehen, die der Gouverneur eines in jeder Hinsicht von Frankreich abhängigen Inselstaates, mit (außerhalb von Tahiti) eher unterentwickelter medizinischer Infrastruktur im Sinne seines Landes verantworten kann?
    Ganz liebe Grüße und alles Gute aus der inzwischen mehr als einmonatigen Quarantäne in Argentinien,
    Micha (SY Samai)
    P.S. Wir verfolgen Eure Reise schon länger mit großem Interesse :-)

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    1. Sabine

      Hallo Michael,
      der Bürgermeister auf dem Atoll hätte es unter Kontrolle, wenn er wollte. Er weiß, dass er keinen Krankheitsfall hat, kann also seinen Leuten und den Seglern normale Freiheit gewähren. Kinder wieder in die Schule schicken usw. Er kann die Crew der eingehende Versorgungs-Schiffe streng von der Bevölkerung fern halten (wird hier gemacht – etwas lasch nach meinem Geschmack, da ist noch Luft nach oben, aber vom Prinzip ist eine Ansteckung durch die Besatzung sehr unwahrscheinlich).
      Für medizinische Notfälle, auch abseits von Corona, gibt es Sonder-Flüge nach Tahiti. Es wurden zwei Schwangere und ein anderer medizinischer Fall gerade vor drei Tagen aus einem Atoll ausgeflogen. Die Besatzung der Flieger braucht auch keinen Kontakt zur Bevölkerung herstellen – problemlos zu realisieren, zumal der Flughafen sich häufig auf einer unbewohnten Insel befindet.
      Ich denke, damit kann man ’seine‘ Insel wirklich ’sauber‘ halten, gewährt aber den Einwohnern ein normales Leben.

      Herzliche Grüsse nach Argentinien
      Sabine

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