Ein schlechter Start

So./Mo., 7./8.Nov.21, Neuseeland/Opua, Tag 2718, 24.685 sm von HH

Am frühen Abend meldet sich eine aufgeregte Frauenstimme über Funk. Sie sei vom Zoll und will wissen, warum wir noch nicht unsere Sim-Karte aktiviert hätten. Sie habe schon mehrfach versucht uns anzurufen, denn sie habe uns etwas Wichtiges mitzuteilen.
Ich denke noch so: „Na, dann sprich doch einfach los, altes Haus. Und sorry, aber wir entscheiden, dass wir erst Champagner trinken, dann aufräumen und dann die olle Karte aktivieren.“.

Achim verspricht der Dame sich der Karte zu widmen und sie dann anzurufen. Achim legt los. Tatsächlich hat er dann so seine Schwierigkeiten. Die SIM-Karte, die wir bekommen haben, ist eine Touristenkarte auf die man verschiedene Optionen buchen kann. Aus unverständlichen Gründen ist die Laufzeit der Bank bei der Kreditkartenzahlung zu lang. Der Vorgang wird ständig abgebrochen.

Das dauert der Dame vom Zoll zu lange. Sie ruft uns nach einer halben Stunde an. Noch immer ist sie total aufgeregt. Wir hätten heute Nachmittag Kontakt zu einem Dinghy gehabt. Warum hätten wir überhaupt mit jemandem gesprochen, wer saß im Dinghy, von welchem Boot stammen die Personen, will sie wissen. Das verstoße gegen die Quarantäne-Vorschriften und solche Vorgänge würden unsere Quarantäne-Zeit auf Null zurück setzten. Sie habe unser Vergehen an die übergeordneten Stellen eskaliert. Wow!

Zum Glück ist Achim am Telefon. Sonst würden wir jetzt wohl im Flieger nach Hause sitzen oder im Knast. Aber der Skipper in seiner ruhigen Art, holt die Dame etwas runter. Es hätte ja nicht mal einen Leinenkontakt zum Dinghy gegeben und der Abstand betrug ja mindestens drei Meter. Und ‚nicht annähern‘ sei ja eine Frage der Definition. Es hat ja keiner einen Zollstock dabei. Und es sind schließlich alte Freunde, die wir seit Jahren nicht gesehen haben. „Deine Frau hat gesessen und sei somit den Personen verdächtig nahe gekommen“, versucht die Zoll-Dame einen neuen Ausritt. Aber Achim bleibt cool. Am Ende von fünfzehn Minuten Schimpftiraden geht er als Gewinner aus dem Kampf. Unsere Quarantäne wird nicht auf Null gesetzt.
Mich bringt auf den Plan, dass ich gesessen haben soll. Wo zum Heck haben die ihre Kamera versteckt? Wir können keine entdecken. Abgehört werden wir jedenfalls nicht, denn unsere Verwünschungen nach Ende des Telefonats bleiben ungeahndet.

Nicht annähern, steht da. Das stimmt. Definiere annähern …

Beim Frühstück findet Achim, dass wir unter Deck essen sollten. Nicht, dass noch jemand sieht, dass wir unser Brot mit den von mir geschmuggelten Eiern belegen.

Mittags werden wir zum PCR Test abgeholt. Mit 1,5 Stunden Verspätung. Das ist eigentlich keine Erwähnung wert, aber wer sich so piefig anstellt, bitte. Dass wir überhaupt zum Test müssen, ist schon ein kleiner Witz – nach drei Wochen als 2er Crew ist man entweder tot oder genesen.
Dass wir aber an Land gefahren werden zum Testen, ist der Knaller. Wie schafft man es, dass wir als potentielle Virenschleudern mit möglichst vielen Personen Kontakt haben? Eine nette Dame vom Zoll holt uns mit dem Schlauchboot ab. Wir müssen Maske und Handschuhe tragen. Und eine Schwimmweste. Die ist Pflicht in Neuseeland, wenn man Dinghy fährt.  Da erzähle ich der jungen Frau mal besser nicht, dass ich bei Windstärke 8 vergessen habe mich anzuleinen. :mrgreen:
Am Zollponton wartet ein Herr, der den Tampen vom Schlauchboot in Empfang nimmt. Ein paar launige Sprüche an uns richtend, begleitet er und zu Gary.  Gary ist der Gesundheits-Inspektor und hat uns gestern bereits interviewt. Er stellt uns die gleichen zwanzig Fragen erneut. Wir sitzen beide nebeneinander auf zwei Stühlen im Freien vor einem Container. Er leiert die Fragen für Achim runter, wendet sich zu mir und leiert erneut. Man kommt sich vor, wie in einer Komödie. Gary schaut mich an und erzählt mir, dass er leider Kunde von unserem Vergehen gestern erhalten habe. Das ginge nicht, was wir uns da geleistet hätten. Das gefährde unsere Quarantänezeit. Ich schwöre ihm, dass wir so etwas nie, nie wieder machen würden und jeden, der sich nähert in Zukunft weg jagen würden. Zum Glück ist mein Gesicht von der Maske verdeckt. ;-)

Es erscheinen zwei Damen in Outbreak-Klamotten. Plastik-Einweg-Ganzkörperschutz, Handschuhe, Masken und Gesichts-Schild. Eine liest uns unsere „Rechte“ vor, die andere entnimmt die Proben. Da dem Zollpersonal langweilig und endlich mal was los ist auf dem Hof, treiben sich noch zwei weitere Personen im Testbereich herum. Wir haben also Kontakt zu sieben (in Worten sieben Menschen), aber uns den Bernd in seinem Dinghy madig machen. Pffft. Besser wäre ja wohl gewesen, wenn man die Dame mit den Teststäbchen zu uns gebracht hätte. Das war wohl zu einfach.

Zur Ehrenrettung der Beteiligten muss man sagen, dass alle unglaublich nett zu uns sind. Es werden kleine Witze gemacht und wir erhalten ein paar Informationen über die Corona-Lage in Neuseeland. Das Zero-Covid-Konzept weicht gerade etwas auf. Leider gäbe es viele örtliche Lockdowns. Man versucht uns das Prinzip der verschiedenen Stufen zu erklären.
Und Gary schildert Achim, dass er total ausgelaugt sei von den Maßnahmen und der Arbeit, die er machen muss.
Da tut er mir dann tatsächlich leid. Augen auf bei der Berufswahl, armer Gary.

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9 Gedanken zu „Ein schlechter Start

  1. Martina Hack

    Willkommen in Neuseeland. Ihr habt das super gemeistert und an Land dürft ihr sicher auch bald :-) .
    Viel Spaß dann beim refit und allem anderen. Immer eine Handbreit….
    Lieben Gruß
    Tina von der Alina

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  2. Akka

    .. oh me, oh my, the dustman , he wears the dustman’s hat…
    Da kannste nur lustige Lieder anstimmen. Macht nix, und nett bleiben sie ja trotzdem.

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  3. Mic

    Grins. Die Verteilung emotionaler Reaktionen auf Behördenschwachsinn ist bei uns ähnlich. Meiner Frau haben sie beim CheckIn mal ein Feuerzug aus der Handtasche genommen und unkommentiert per 3-Punkte Wurf entsorgt. Da kommt bei meiner Süßen der Hulk raus. Der Flieger war zum Glück verspätet.
    Viel Spaß im schönen Neuseeland

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