Tarkine – Albtraumstrecke für Autovermieter

4. März 2026; Australien/Tasmanien/Tarkine/Granville Harbour; Tag 24, Tageskilometer 141, gesamt 1.376 km

Hinter dem letzten Haus von Arthur River hört alles auf, was man Straße nennt: Asphalt, Verkehr, Orte. Auf der Piste durch die ‚Tarkine‘ fährt man automatisch langsamer, selbst wenn man gar nicht müsste. Links Regenwald, rechts Regenwald. Mächtige Scheinbuchen und Huon-Kiefern. Überzogen mit Moos und Flechten. Dazwischen offene Buttongrass-Flächen. Die sehen aus, als hätte jemand eine grün-goldene Steppe in den Wald gemalt. Die Tarkine ist der größte zusammenhängende Regenwald in Australien. Ein Naturerbe vom Ur-Kontinent Gondwana.

Der Blick auf die Landschaft ist phantastisch.

 

Enge Straßen – macht nichts, es kommen uns in Summe nur drei Autos entgegen.

Vor 13 Monaten hat es leider großflächig gebrannt – ein neuer Austrieb von knapp 50 Zentimetern ist schon zu sehen.
Die Brände wurden durch Trockengewitter (Blitzeinschläge) ausgelöst und durch eine extreme Hitzewelle und Trockenheit im Januar und Februar 2025 angefacht. Besonders kritisch war, dass das Feuer bis auf wenige Meter an uralte Huon-Pine-Bestände herankam, die teilweise über 3.000 Jahre alt sind.

Für unsere Geduld zwei Nächte in Arthur River ausgeharrt zu haben, bekommen wir fetten Lohn. Die Sonne strahlt vom Himmel. Das macht die Fahrt einfacher. Vor uns liegen über einhundert Kilometer Schotterstraße. ‚Maps.me‘ sagt, wir sollen vier Stunden planen. Ein Schild am Straßenrand behauptet: Eine Stunde und 55 Minuten. Wir rätseln über die 55 Minuten. Wird das Schild jedes Mal ausgetauscht, wenn jemand einen neuen Rekord gefahren hat?
Am Ende brauchen wir gute drei Stunden.

Ich hatte uns diese Strecke vom Autovermieter extra genehmigen lassen. Nach den drei Stunden wundern wir uns, dass wir die Erlaubnis bekommen haben. Viele Schlaglöcher und einige heftige Steigungen überraschen uns. Es ist nicht so, dass unser Vehikel das nicht schaffen könnte. Aber die Schüttelei hält zehnfach aufs Material, wie wir leidvoll im großen Australien selber feststellen durften. Außerdem sind die Reifen am Mietauto keine echten Offroader. Ihnen fehlt ‚more aggressive‘.

Es wird bergiger.

Die vier Spanner, die unsere Wohnkabine auf dem Auto-Chassis halten, haben sich los gejackelt.
Mit dem Leatherman kann Achim Schlimmeres verhindern. Splinte fehlen. Bei zwei Spannern sind nur ein paar Gewindegänge genutzt.
Vielleicht sollte da mal ein Rigger oder Bootsbesitzer drauf schauen. ;-)

Wir erreichen Corinna am Pieman River gelegen. Die einzige Siedlung auf der Strecke.
Corinna wurde im Jahr 1881 gegründet, nachdem in der Region Gold entdeckt worden war. In seiner Blütezeit war es eine Pionierstadt mit über 2.500 Einwohnern. Es gab zwei Hotels, mehrere Läden, ein Postamt, eine Schule und sogar eine eigene Zeitung.

Da es damals keine Straßen in diesen Teil der Westküste gab, war Corinna der wichtigste Versorgungshafen für Minenarbeiter. Schiffe fuhren vom Meer kommend die Mündung des Pieman River hinauf, um Vorräte zu bringen und Erz abzutransportieren. Der Goldrausch hielt nicht lange an. Anfang des 20. Jahrhunderts war Corinna fast vollständig verlassen und verfiel zur Geisterstadt.
Heute ist Corinna ein geschütztes historisches Juwel: Einige der ursprünglichen Holzgebäude wurden restauriert oder im passenden Stil wiederaufgebaut. Man hat die Möglichkeit, im Urwald zu übernachten. Das würden wir gerne, aber der Zeltplatz (nur zehn Plätze) ist ausgebucht bis Ende März.

Eines der Resthäuser. Heute Eco Lodge. Ausgebucht auf Wochen.

Wir lassen uns in Corinna von der ‚Ein-Auto-zur-Zeit-Fähre‘ auf die andere Flussseite übersetzen. Die Fähre ist an dicken Stahlseilen geführt, die über den Pieman River gespannt sind. Ein alter Dieselmotor treibt die Fähre an. Früher musste man sich per Hand selber rüber ziehen.

Auf Knopfdruck kommt der Fährmann. Kostenpunkt stolze 18,00 Euro.

Wir fahren noch dreißig Kilometer weiter nach Granville Harbour. Eine kleine Gemeinde, vielleicht zwanzig Häuser, keine Geschäfte, keine Kneipe. Wir schauen uns den dazugehörigen Campingplatz direkt am Wasser an.
Liebe auf den ersten Blick. Der Weg zum Campingplatz ist sehr schlecht. Aber hier wollen wir unbedingt bleiben! Wir suchen uns einen Stellplatz noch vor dem eigentlichen Campingplatz. Es sind noch zweihundert Meter. Wir verzichten auf die Holperpiste. Unser Vermieter soll doch keinen Herzinfarkt erleiden, falls er in seinem Büro auf den Tracker schaut, wo sich sein Fahrzeug gerade befindet. :mrgreen:

Fast leer Platz – nur zwei weitere Camper stehen mit uns am Wasser.

Diese Strecke wollen wir dem Leihwagen nicht antun.

Ich mache noch ein paar Werbefotos für den Vermieter. Damit der weiß, wo sein Auto überall stehen kann.

Leise ist der Platz nicht – die Brandung tobt.

Wir schätzen drei Meter.

Neben der Bootrampe dieses Schild. Ungefährlich ist der „Hafen“ nicht. Die Wellen dürften hier 360 Tage im Jahr rollen.

Der Abend endet toll. Vor uns der Sonnenuntergang. Hinter uns ein paar Stunden später eine (fast) totale Mondfinsternis. Zu sehen im Osten Australiens diese Nacht.

Der Platz ist kostenlos. Es gibt eine Toilette und hinter den Dünen liegt ein weitverzweigter Off-Road-Spielplatz für Quads und andere 4×4-Fahrzeuge. Morgens kommt eine nette Dame mit einem Quad und reinigt die Toilette.
Warum die kleine Gemeinde Granville Harbour den Platz und die Rennpiste kostenlos zur Verfügung stellt? Sie könnten doch wenigsten 20 Dollar in einer Ehlichkeits-Box sammeln.
Wir haben keine Idee. Vielleicht um sichtbar zu bleiben/zu werden? Damit die Infrastruktur dort erhalten bleibt, wie Müllabfuhr und Handymast?

Wer dort durch ihre Dünen pflügt, ist den Anwohnern nicht ganz egal. Das Fahrzeug muss eine Straßenzulassung haben und der Fahrer einen Führerschein besitzen. Die bereits angelegten Tracks dürfen nicht verlassen werden. Und ganz wichtig – wir zählen drei Schilder: „Bitte fahrt unsere Kinder nicht tot.“

Eine nicht zu viel verlangte Bitte der Granville Harbour Bewohner.

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