Unerwartete Schlepphilfe

So., 12.Feb.17, Mexiko/Isla Mujeres, Tag 988, 9.937 sm von HH

Isla Mujeres kann man gut mit dem Golf Cart (ähem, hüstel, 50 USD/Tag ist uns dann etwas viel) oder per Rad erkunden.
Also packen wir nach langer Zeit mal wieder die Räder aus.
Allerdings erweist sich die Insel ähnlich tückisch wie Dänemark. Von weitem sieht alles platt aus, aber beim Strampeln stellt man fest, dass es üble Hügel dazwischen gibt.

Schnell begreifen wir, warum der Strand im Norden so überbevölkert ist. Auf dem Weg Richtung Süden kostet es überall Eintritt, um ans Wasser zu kommen. :shock:
Der felsige Osten der Insel ist dann kostenlos. Aber auch nahezu Strandlos.

Grad als wir am weitesten entfernt von der Marina sind, meldet Achim einen Plattfuß. Mist. Eine Pumpe haben wir dabei, die hilft nicht, sofort ist die Luft wieder raus.

Wir wissen nicht genau, ob es Wege quer über die Insel gibt, die unseren Fußmarsch erheblich abkürzen würden. Ich fahre mit dem Rad vorweg, erkunde kleine Wege, um zu hören: Nein, hier kein Ausgang.

Achim schiebt. :mrgreen:

An einem kleinen Souvenirstand erkundige ich mich erneut, als eine Familie mit ihrem Golf Cart stoppt. Ich habe Glück.
Die Mutter kommt aus Argentinien und spricht besser Englisch als ich Spanisch.
Von der Souvenir-Frau erfahren wir, dass es ein Stück weiter eine Querverbindung über die Insel gibt.

Achim ist in der Zwischenzeit ebenfalls eingetroffen.
Da mischt sich der französische (mit kleinen Englisch-Kenntnissen) Vater ein: Wo wir hinwollen, kein Problem, sie nehmen uns mit.
Die Hilfsbereitschaft führt so weit, dass der Teenager-Sohn gezwungen werden soll, dass er mein Fahrrad fährt und ich im Golf Cart mitfahren darf.

Das lehne ich ab. Zur großen Erleichterung des Jungen. :lol:
Ich strampel also hinter dem Cart her, während Achim sich gemütlich über die Insel kutschieren lässt. Das Fahrrad quer auf den rückwärtigen Sitzen, die entgegengesetzt zur Fahrrichtung eingebaut sind.
So viel Glück muss man erst mal haben. :-)

Seltsame Fishing-Power-Boote

Fr., 10.Feb.17, Mexiko/Isla Mujeres, Tag 986, 9.937 sm von HH

Auf Isla Mujeres findet gerade ein Fishing-Wettbewerb statt.
Nicht angeln, sondern Hochsee-Fischen.
Somit erleben wir seit Tagen den absoluten Overkill. In jeder Beziehung.

Es fing ganz harmlos an. Als wir ankamen, standen ein paar Tiefkühlboxen auf dem Steg und es herrschte gemütliche Geschäftigkeit.
Mittlerweile sieht der Steg aus wie eine Caravan- und Campingmesse in Kombination mit einer Tiefkühltruhen-Ausstellung. Durchkommen nur noch im Slalom.

In unserer  Naivität nahmen wir an, dass die Kühltruhen für den gefangenen Fisch gedacht sind. So ein Blödsinn! :lol: Die sind nur für die Köderfische…

Die Powerboote fahren alle unter US-Amerikanischer Flagge. Bis zu sechs Hiwis (junge Amerikaner, ein paar Mexikaner dazwischen) kümmern sich um die Boote, Ausrüstung und Köder.
In den letzten Tagen sind nach und nach auch die Eigner der Millionen-USD-Yachten eingetroffen. Genächtigt wird allerdings im Hotel.

Der Haupt-Wettbewerb dieser Veranstaltung ist jedoch nicht das Fischen, sondern das Putzen der Boote.
Männer, die zu Hause für Klo und Küche den gleichen Lappen benutzen, wienern sich auf fremden Eigentum in Rage.
Jede freie Minute wird geschrubbt, abgespritzt, poliert, gefeudelt und gewischt. Bereits beim Festmachen läuft schon einer der Jungs mit einem Schlauch über Deck.

 

Ich bin mir sicher, dass diese Boote mit einer extra dicken Schicht Gelshield ausgeliefert werden. Soviel Geschrubbe hält kein normales Boot aus.
Die Buchhaltung so eines Kahns wird zeigen, dass die Aufwendungen für Putz-Zubehör die vom Treibstoff übersteigen dürfte.

In der Marina-Dusche hängt ein Schild: „Wasser ist Leben“.
Wasser sparen ist also durchaus ein Thema auf der Insel. Das gilt nicht für die Powerboote.
Zum Teil haben sie Filteranlagen am Steg installiert, um das Trinkwasser noch einmal zu filtern. Nicht zum Überleben, sondern dafür, dass sich zu keiner Zeit ein einziger Salzkristall auf dem Kahn befindet. Hektoliter weise wird Wasser versprüht.

Armdicke Stromkabel sorgen für den nötigen Strom. Wir haben schnell unseren Stecker wieder aus dem Landanschluss gezogen als wir hörten, dass Strom pauschal 10 USD pro Tag kostet. :cool:

Nachts sind die Boote beleuchtet wie Weihnachtsbäume.
Es laufen Fernseher so groß wie Tischtennisplatten. Auch wenn keiner hinguckt. Im klimatisierten Salon.
Der Wahnsinn.
Wenn Geld keine Rolle mehr spielt, ist es dann Pflicht, dass Ressourcen einfach nur verschwendet werden?

Das nächste Phänomen ist der Hype um die Köderfische.
Die Köder werden gefroren und einzeln (!) eingeschweißt geliefert. Meistens handelt es sich um Hornhechte oder ähnlichen Fisch mit einem schnabelartigen, länglichen Maul. Diesen Fischen wird von der Crew der Schnabel gekürzt. :lol:
Im Ernst, ich schreibe die Wahrheit.
Hoffentlich weiß der Segeltisch das auch zu schätzen. Fängt er sich doch sonst seinen Fisch mit komplettem Schnabel.
Eine Boot-Crew habe ich sogar beim Saubermachen der Köderfische beobachtet.

Wenn die Hornhechte fertig präpariert sind, werden sie in einer Kühlbox auf Eis gelegt.
Je nach Geldbeutet auf Alufolie oder angefertigten Einsätzen aus Metall. Sorgfältig in Reih und Glied, wie rohe Eier werden die Fische in der Box gestapelt. Das macht auf einem schwankenden Schiff besonders viel Sinn. Bei der ersten Welle dürften die Köder durcheinander liegen. :mrgreen:

Der Neben-Wettbewerb, das eigentliche Angeln, findet im Umkreis von 50 sm um die Insel statt. Es geht im Prinzip nur um Segelfische.
Die werden nicht getötet, sondern wieder frei gelassen. Der Fisch wird bis ans Boot heran gekurbelt und sobald man das Stahlvorfach greifen kann, wird die Schnur durchgeschnitten. :shock:
Der Haken verbleibt im Maul des Fisches und soll sich nach wenigen Tagen ‚herauslösen‘. So lange hat der Fisch den Haken zu ertragen.

Beim Wettbewerb zählt, wer die meisten Marline auf diese Art gefangen hat. Es gibt noch die Kategorie dickster Thun, MahiMahi, Wahoo und so weiter. Von diesen Fischen sehen wir allerdings keine am Steg. Ob keine gefangen werden oder sie bereits vorher an der ‚Meß-Station‘ abgeliefert werden, wissen wir nicht.

Die Angler sind nicht sehr kommunikativ. Sie bleiben unter sich. Selbst wenn man an ihren Booten interessiert schaut, wird man nach einem „Hi, how are you“ ignoriert.
Kaum ein Blick oder Lächeln fällt für uns ab, obwohl wir Seite an Seite liegen. Weder Crew noch Eigner zeigen Interesse, was die ärmlichen Segler so treiben.

Auch untereinander ist keine große Gemeinschaft zu erkennen. Ist der Konkurrenzkampf so groß? Sind alle so satt an Kommunikation, weil sie grade in Florida beim letzten Contest neben einander gelegen haben? Alles arrogante Millionärs-Schnösel?
Aus der Ferne betrachtet eine traurige Veranstaltung.

Verhießen die kofferraumgroßen Grills doch einen großartigen Grill-Wettbewerb, so werden wir auch hier enttäuscht. Die meisten der uncoolen Gas-Grills bleiben unbenutzt.
Ab und an liegt ein Stück Fleisch (!) auf dem Rost.

Einmal kommt Achim mit einem der Angler ins Gespräch. Er sei nur Gast auf einem der Powerboote. Er betont mehrfach, dass er kein Millionär sei und nur zufällig dabei sein darf.
Er berichtet von der Marlin-Praxis und wir bekommen ein paar Red Snapper Filets geschenkt. Das ist nett, aber mehr Kontakt findet nicht statt.

Cancún

Mi., 08.Feb.17, Mexiko/Isla Mujeres, Tag 984, 9.937 sm von HH

Cancún ist eine künstliche Stadt, die man sich in den 70er Jahren ausgedacht hat.
In Acapulco, auf der Pazifik-Seite, fand schon längst der amerikanische Luxus-Urlaub statt, während die Karibik-Küste noch nichts vom großen Geld-Verdienen ahnte.
Da erfand man Cancún am Reißbrett. Mittlerweile zählt die Stadt mehr als eine halbe Million Menschen, die alle direkt oder indirekt vom Tourismus leben.
Eine gesichtslose Stadt ohne Geschichte, ohne Charme, so steht es geschrieben.

Nach dem Import von Atanga sind wir ja nun schon mal am Festland und wollen uns selber überzeugen. Ein Typ, den wir nach einer Bushaltestelle fragen, entpuppt sich als Taxifahrer.
„Ich bring Euch ins Zentrum. Kostet 60 Pesos.“
In Mexiko ist es üblich zu handeln. Das vergessen wir angesichts der günstigen 2,85 EUR für die Fahrt.

Er soll uns am Markt absetzten, so unsere Idee. Sehenswürdigkeiten gibt es nicht, also ist man mit dem Markt ja immer gut bedient. Wir haben keinen Stadtplan und keine Idee wo unser Amigo uns absetzt.
Aber es ist am Markt.

Der Markt ist nicht besonders schön, aber es gibt alles, was das Herz begehrt. Eine riesen Auswahl an Obst und Gemüse, endlich wieder frische Kräuter und nicht nur Bananen.
Und Fress-Stände, jede Menge Fress-Stände mit lockenden Köstlichkeiten.
Alle ‚boil it, peel it or forget it-Regeln‘ ignorierend, futtern wir uns durch.
Dass der Teller in Plastik eingeschlagen ist, damit er nicht abgewaschen werden muss, ist allerdings ätzend.

Wir bekommen einen ersten Eindruck einer total schrägen Preisgestaltung in Mexiko.
Beim Einklarieren werden wir so richtig gemolken (der Stachel mit den 275 USD für nichts, steckt noch tief), dagegen ist auf dem Markt alles preiswert: Wir bezahlen 4,50 EUR für unseren Snack, inklusive einem halben Liter frisch gepressten Orangensaft.
Das teuerste Fleisch kostet 5,00 EUR das Kilo und Tomaten sind für 20 Cent das Kilo zu haben. :shock:

Dann der Gegensatz im benachbarten Einkaufszentrum. Pipi machen kostet 0,25 Cent.
Das ist mehr als ein Kilo Tomaten kostet. Kopfschüttel. Das passt irgendwie nicht.
Das beste am Toilettenbesuch ist das abgezählte Klopapier. Auf einem Tisch liegen kleine Häufchen sauber abgewickeltes Papier von denen man sich einen Stapel nehmen darf. ;-)

Wir lassen uns durch die Stadt treiben, die in der Tat nichts besonderes bietet. Im Schachbrettmuster angelegt, ist es aber leicht sich zu orientieren. Wir finden tatsächlich unseren Weg hinaus. Plötzlich tauchen Schilder Richtung Puerto Juarez auf von wo wir mit der Fähre zurück zur Insel fahren.

Einklarieren in Mexiko

Mi., 08.Feb.17, Mexiko/Isla Mujeres, Tag 984, 9.937 sm von HH

Der Mexikaner an sich stempelt gern, liebt Fotokopien und hat für alles ein Formular.
Im Vorwege hatten wir umständliche Dinge über das mexikanische System gelesen.

-Zoll
-Immigration
-Gesundheits-Check
-das Schiff muss befristet ins Land importiert werden
-der Kahn wird ausgeräuchert (damit sich Antillen-Kakerlaken nicht mit hiesigen Viechern mischen :mrgreen: )
-man benötigt eine Fishing-Licence (eigentlich schon bevor (!) man in mexikanische Gewässer vordringt). Pro Person 40 USD, sobald sich auch nur eine Angel, ein Haken oder Köder an Bord befindet.

Um uns einreisenden Gästen das Leben zu erleichtern, bieten Agenten ihre Dienste an.
In der Marina Puerto Isla Mujeres übernimmt dies German. Per Mail wusste er, wann wir ankommen würden und alles war in die Wege geleitet: Schon drei Stunden nach Ankunft misst der Gesundheitsmann bei Achim Fieber. Körpertemperatur 36 Grad. „Du bist gesund und ihr Deutschen seid sowieso gegen alles geimpft.“
Ohne mich je gesehen zu haben, trägt er für mich ebenfalls ‚kein Fieber‘ ein.

Dagegen will der Immigrations-Inspektor einen Blick auf mich werfen und mein Konterfei mit dem Pass vergleichen. Alles gut.
Die Pässe nimmt er allerdings mit…Stempel vergessen. Die bringt er am nächsten Tag brav zurück. Nun gestempelt.
Auch das Ausreisepapier aus Curaçao ist übersät mit Stempeln und Unterschriften. Achim als Skipper muss an 16 verschiedenen Stellen unterschreiben. :shock:

Parallel dazu arbeitet der Zoll ebenfalls sein Pensum ab. Die benötigten Papiere bekommen wir nach drei Tagen geliefert. Wegen Feiertag am Montag hat es einen Tag länger gedauert als üblich. Grins.

Auf’s Ausräuchern und auf die Fishing-Licence wird verzichtet. Ob es an German’s Einsatz liegt oder wir einfach nur Glück haben, werden wir nie erfahren.
Trotzdem waren die 75 USD für German gut investiertes Geld. Anderenfalls hätten wir drei verschiedene Stellen an mehreren Tagen ablaufen müssen, so sind sie alle zu uns gekommen. :-)

Nur die Einfuhr (am Festland) von Atanga müssen wir selber vornehmen. Dabei darf German uns nicht helfen.
Dafür hilft Helena, die gute Seele der Marina.
Sie erklärt uns genau von welchen Dokumenten wir wie viele Kopien brauchen. Und warnt uns vor, dass häufig nicht elektronisch bezahlt werden kann, wir sollen auch Bargeld mitnehmen.
Elisabeth von der ‚Einfuhr-Behörde‘ sei zwar nett, aber wenig flexibel. Kopien macht sie nur für die Behörde. Sollte also eine fehlen, wird man erst durch die Stadt zu einem Kopier-Laden gehetzt.
Natürlich befindet sich die Behörde nicht im Zentrum.

So vorbereitet ist es ein schnelles, aber teures (60 USD) Vergnügen Atanga nach Mexiko zu importieren. Dafür hat dieser Import eine Gültigkeit von 10 Jahren. Na dann.
Über Sinn oder Unsinn dieser Vorschrift wollen wir nicht nachdenken.

Insgesamt kostet uns die Einreise 275 USD. Inklusive German und Aufschlag für Anreise am Wochenende. Viva Mexico.

Isla Mujeres Downtown

So., 05.Feb.17, Mexiko/Isla Mujeres, Tag 981, 9.937 sm von HH

Die Hauptpromenade im Hauptort der Insel ist voll. Propevoll mit Touristen, Souvenirläden, buntem Talmi und Golf Carts. Dem Fortbewegungsmittel auf Mujeres.
Nicht nur für lauffaule Amis. Jeder scheint sich mit so einer Karre fortzubewegen. Wir sind die einzigen, die zu Fuß unterwegs sind auf der Zubringerstraße zum Ort.

Alles ist voll im Ort (der hat irgendwie keinen Namen): selbst die Strände sind mit Booten zugeparkt. Erst ganz im Norden findet der Tagestourist ein kleines Fleckchen Strand. Wahrscheinlich Traumstrand, das ist aber wegen der Überfüllung nicht klar zu erkennen.

Es ist kein Wunder, dass Isla Mujeres mit Touris überfüllt ist. Im Halbstunden-Takt kommen die Schnellfähren aus Cancún vom Festland. Eine größere Touri-Schmiede als Cancún dürfte schwierig zu finden sein.
Auf eine Länge von 27 Kilometer steht ein Hotel-Hochhaus am nächsten. Tausende und Abertausende Touristen machen dort Urlaub. Und ein kleiner Teil kommt als Tagestourist zur kleinen Insel rüber gedüst.

So gruselig die Promenade ist, zeigt die zweite Reihe ein Lichtblick, einen kleiner Vorgeschmack wie Mexiko vielleicht sein kann, den Vorstellungen von Mexico entsprechend: alles ist bunt in Leuchtfarben gestrichen, blumig bemalt, grafische Muster auf Decken, Ponchos und Häuserwänden. Unkomplizierter Mustermix.

Der kleine Friedhof ist unordentlich.
Alle Gräber sind durcheinander gebaut, bunt zwischen weiß, schlicht zwischen pompös. Kunstblumen, Kacheln, echte Pflanzen, Madonnen, handgetöpferte Figuren.
Eine Bauvorschrift scheint es nicht zu geben, jeder macht, was ihm und seinem Geldbeutel gefällt. Es gibt handbeschriftete Kreuze und kleine Verschläge, die an Tauben-Häuser erinnern. Überall wurde noch ein Grab dazwischen gequetscht, so dass stellenweise kein Durchkommen ist ohne auf die Gräber zu treten.
Eine liebenswerte Unordnung, ein sympathisches Chaos. Schon jetzt einer meiner Lieblings-Friedhöfe.

Vielleicht ist das ja schon ein wenig ‚das echte‘ Mexiko.