Robinson Point Cay

Do., 11.Mai 17, Belize/Robinson Cays, Tag 1075, 10.243 sm von HH

Die Balou ist seit gestern auf ihrem Weg nach Florida.
Wir sind allein. Denken wir zumindest. Aber weit gefehlt, unsere Ankunft wird von vielen Augen gesehen. Die meisten der Inseln sind bewohnt, was wir erst erkennen, als wir mit unserem Dinghy eine Tour durch das Gewirr unternehmen.

Fischer hausen dort in schiefen Wellblech-Hütten. Uns haben sie längst gesehen und kommen längsseits. Abgewohnte Gesellen, kein Schwiegermutter-Traum.
Der Käpt’n mit den verfilzen Locken dröhnt uns barsch an. In einer unbekannten Sprache, die an Chewbacca erinnert. Die fehlenden Zähne helfen nicht bei der Verständigung.
Sein dunkelhäutiger Gefährte, eine Art Han Solo, übersetzt: „Könnt ihr unser Handy laden?“

Wir sind verblüfft. Wenn wir mit viel gerechnet haben, aber nicht dass wir als Docking-Station tätig sein sollen. :lol:
Das Handy wechselt die Seiten. „Wir kommen heute Abend wieder. Seid ihr dann noch da?“, will Käpt’n Locke wissen. Wir nicken. „Okay, alles klar, bis später.“

Der Korallenhaufen ‚Robinson Point Cay‘ wird von Gonzales bewohnt.
Was er macht und wovon er lebt, bleibt unklar, obwohl Gonzales englisch spricht.
Er hat kein Boot und muss auf seine Fischer-Kumpels warten, die ihn mit Nahrung versorgen.
Er heißt uns herzlich willkommen auf der Insel, die in Privatbesitz sei. Der Eigentümer käme aber nur selten vorbei und würde dann mit elf Personen im Obergeschoß des Stelzenbaus wohnen.
Dass das Haus noch steht, grenze an ein Wunder. Der Hurrikane im letzten Jahr hat die Insel mit Zwei-Meter-Wellen überspült. Kaum vorzustellen, wenn man sich jetzt den Ententeich betrachtet.

Wir sollen uns gerne umsehen auf Robinson Point Cay.
Früher gab es einen kleinen Werftbetrieb auf der Insel, der aufgegeben wurde, nachdem ein schlimmer Unfall passierte. Alte Slip-Anlagen und zwei Wracks im seichten Wasser sind die stummen Zeitzeugen.

Gonzales hat frischen Fisch geliefert bekommen und bietet uns einen halben Jack. Die Bezahlung erfolgt in der härtesten Währung der Welt: in Rum.
Ich hätte ihm lieber Reis gegeben, aber er ist da klar strukturiert, was er bevorzugt.

Strom erhält er über einen Generator. Der scheint kaputt oder es herrscht Geldmangel für Sprit. Abends liegt seine Behausung komplett im Dunkeln. Manchmal blitzt kurz eine Taschenlampe auf. Ein Solar-Panel wäre fein, lässt er uns wissen.

Der Wookiee kommt abends, um sein Handy zu holen.
Kein Fisch für Euch heute, bedauert er. Ob wir etwas Salz für ihn hätten zum Kochen? Klar, kein Problem.
Unverständliche Worte rufend, zieht er seines Wegs. Wer wohl Morgen sein Handy lädt?

Atanga vor Anker

Atanga vor Anker

 

Der Weg nach zu den Robinson Cays

Di., 09.Mai 17, Belize/Robinson Cays, Tag 1073, 10.243 sm von HH War Segeln je schöner? Entspannter? Einfacher? Nein! Die 50 Meilen zu den Robinson Cays sind ein Segeltraum. Durch den schwachen Wind haben wir keine Windsee. Genua und Groß ziehen uns ohne Krängung Richtung Süden. Atanga läuft bei 10 Knoten Wind mit 4,5 Knoten wie aufgezogen. Einen halben Knoten Strömung bekommen wir geschenkt. Die leichte Restdünung verschwindet auch noch als wir zwischen Riff und den vorgelagerten Atollen, Turneffe-und Lighthouse-Reef, gelangen.
Wir segeln parallel zum Barriere Riff an der Außenseite entlang. Wie der Name schon sagt, liegt das Riff wie eine Hürde in 20 Meilen Abstand zur Küste. Zwischen Riff und Küste kann man ebenfalls segeln. Das ist etwas für flache Boote oder Menschen mit mehr Nerven als wir es haben. Wir bleiben draußen.
Selten findet man in der Barriere einen Durchbruch. Vor Belize City existiert so einer. Ein tiefer, breiter Kanal, der von Kreuzfahrern und Versorgungs-Schiffen genutzt wird. Das erste Mal seit langer Zeit stimmen Karte und Realität überein. Es gibt Tonnen, die an den richtigen Stellen stehen.
Der Kanal ist zwölf Meilen lang und zieht sich in vielen Schleifen durch unsichtbare Untiefen. Die Bedingungen sind weiterhin so gut, dass wir den Kanal segeln. Erinnert an Elbsegeln, nur ohne Ufer. In den flachen Bereichen liegen verstreut kleine Inseln und Inselchen. Sie entsprechen zumeist nicht dem Karibik-Klischee. Es fehlen malerische Kokos-Palmen, es gibt keine Strände. Diese Inseln sind flache Korallen-Pfannkuchen mit Mangroven überwuchert. Ein Anlanden unmöglich.
Außer auf Robinson-Cays. Auf der Rückseite erkennen wir einen kurzen Strand. Mit der Balou davor. Der Ankerplatz ist zur Abwechslung mal richtig tief. Zehn Meter. Keine Barre, die eine Ansteuerung mit Schweiß auf der Stirn bedeutet. Der Ankergrund könnte nicht besser sein. Lehmiger Mud, der hält wie Zement. Der Lehm im Wasser macht leider das Wasser trüb. Die Sicht fällt unter einen Meter. Macht nichts, man kann nicht alles haben. Der Rest stammt aus dem Kitsch-Roman.

Es geht nach Robinson Cays

Mo., 08.Mai 17, Belize/San Pedro, Tag 1072, 10.193 sm von HH

Morgen geht’s weiter nach Robinson Cays.
Nur ein Tagestrip von knapp 50 sm. Wir erwarten schwachen Wind, müssen also früh raus, um noch im Hellen anzukommen.
Die Balou ist schon da. Beate und Reiner haben ihre Gäste aus Deutschland in Belize City „raus gekippt“ und warten dort auf uns, bevor sich unsere Wege trennen.
Einen Abend wollen wir noch ‚Robinson‘ spielen.
Die Balou will nach New York und für Mittwoch steht der Wind günstig. Ein Wiedersehen wird für den Jahreswechsel angepeilt. :-)

Auch für uns läuft die Zeit im Norden der Karibik langsam ab.
Das Wasser wird jeden Tag wärmer und das verheißt nichts Gutes. Die Hurrikan-Saison steht vor der Tür. Die zerstörerischen Wind-Teufel brauchen eine Wassertemperatur von 27 Grad, um sich überhaupt entwickeln zu können. Die Temperatur bis 50 Meter Wassertiefe ist entscheidend. Bis dahin kann ein Hurrikan das Meer aufwirbeln. Ist im Sommer die Karibik bis zu 100 Meter Tiefe lauwarm, so kann ein Hurrikan geradezu explodieren.
Ein Hurrikan schafft Wellenberge von 30 Metern zu erzeugen, wie Drucksonden im Golf von Mexiko gemessen haben.

Offizieller Beginn der Saison ist am 01. Juni. Aber es geht schon zögerlich los.
Auf der Pazifik-Seite von Mexiko entsteht aktuell ein Tropischer Sturm. Mit 80%iger Wahrscheinlichkeit, dass er zum Zyklon wird. Ein Zyklon ist der gleiche Wind wie ein Hurrikane. Er hat nur einen anderen Name, da diese Biester im Pazifik toben.

Uns bleiben also noch drei Wochen für Belize übrig.
Den Anfang macht Morgen Robinson Cays. Ein palmenbewachsener Sandhaufen im endlosen Gewirr der Korallenriffe von Belize.
Einen Freitag gäbe es dort auch, weiß Beate zu berichten.

Lochfraß

Fr., 05.Mai 17, Belize/San Pedro, Tag 1069, 10.193 sm von HH

Zweitanker als Reitgweicht, 80 Meter Kette und weiß der Henker, was noch alles, hauen wir auf den Meeresgrund, damit wir auf der Stelle bleiben.
Und dann hängt unser ‚Leben‘ nur am rostigen Faden. Buchstäblich. :shock: :shock: :shock:

Ein Glied unserer Ankerkette ist total zerfressen. Das Eisen ist bis auf die Hälfte verschwunden. Weggefressen, durch ‚Bimetall-Korrosion‘.
Der Chemiker an Bord kennt sich mit sowas aus, ist Angesicht der schnellen und rücksichtslosen Zerstörung trotzdem überrascht.
Ich bin geschockt.

Lochfraß im verzinkten Kettenglied, rechts das Verbindungsglied aus Edelstahl

Lochfraß im verzinkten Kettenglied, rechts das Verbindungsglied aus Edelstahl

 

Mit Kauf des Schiffes haben wir 50 Meter Edelstahlkette erworben.
Über Edelstahl als Ankerkette gehen die Experten-Meinungen auseinander. Bei schlechten Stählen bzw. Verarbeitung kann Edelstahl porös werden, Löcher bekommen, ohne dass dies optisch zu erkennen ist. Trotzdem ist Edelstahl drei bis vier Mal so teuer.
Einig ist sich die Welt über das Fallverhalten von Edelstahl zurück in den Ankerkasten. Viel geschmeidiger.

Die 50 Meter Kette erschienen uns nicht als ausreichend und wir haben auf Martinique 45 Meter verzinkte Kette dazu gekauft. Die lag bislang nutzlos im Ankerkasten. Mit der Edelstahlkette durch ein Verbindungsglied, ebenfalls Edelstahl, verbunden.
So ein Verbindungsglied hat eine Bruchlast von ca. 4 Tonnen (laut Katalog :mrgreen: ). Das ist nicht so elegant, wie eine durchgängige Kette, aber passt schon.

Der erste Einsatz der verzinkten Kette erfolgte am letzten Samstag.
Bereits nach zwei Tagen im Salzwasser nahm Achim eine leichte Verfärbung des ersten verzinkten Ketten-Gliedes wahr. Merkwürdig, aber Mann denkt sich ja noch nicht so viel dabei. Der Fokus seiner Aufmerksamkeit beim Ankergeschirr galt dem Halt auf schlechtem Grund.

Weitere zwei Tage später war schon das zweite Glied betroffen.
Achim wurde jetzt stutzig und schnorchelte beunruhigt um das Verbindungsglied. Ihm gefällt nicht, was er sieht, aber beim Schnorcheln sind die Details nicht zu erkennen.

Heute, an Tag sechs im Salzwasser, holen wir die Kette ein.
Herr im Himmel. Das dritte Glied hat auch schon Farbe angenommen. Noch eine Woche weiter und wir wären durch gegammelt.
Der Witz an der Sache ist, dass die Edelstahlkette auch mit dem Anker verbunden. Der ist ebenfalls verzinkt und unedler als die Kette. Dort zeigen sich weder Verfärbungen noch Lochfraß. Nur die Kombination edel/unedel scheint also nicht zu reichen, um diesen Prozess der Zerstörung hervorzurufen.

Achim musste das Verbindungs-Glied aufsägen (einmal geschlossen, ist es nicht wieder zu öffnen) und hat die drei befallenen Glieder der verzinkten Kette ebenfalls entfernt.

Beide Ketten sind wieder miteinander verbunden. Jetzt mit einem Ankerwirbel ( mit deutlich weniger Bruchlast als eine Verbindungsglied), ebenfalls aus Edelstahl.
Das Experiment hat begonnen. Alles zusammen ist im Salzwasser versenkt. Jetzt brauchen wir nur noch abwarten, ob sich wieder die Bimetall-Korrosion zeigt.

Wohnen in einer Fisch-Suppe

Do., 04.Mai 17, Belize/San Pedro, Tag 1068, 10.193 sm von HH

Manchmal kommt sogar ein Delphin durch die Suppe geschwommen. Dann hört man es neben dem Schiff schwer atmen und einen Augenblick später erscheint die Finne.
Als Einzelgänger kommen sie in die Lagune. Vielleicht zum Schlafen.

Als Untermieter haben wir eine Bande Adler-Rochen. Bis zu sechs Mann stark ist die Truppe, die unermüdlich ihre Kreise im flachen Wasser zieht. Auf der Suche nach Futter, lassen sie sich kaum stören. Nur, wenn man direkt auf sie zu paddelt, nehmen sie reiß aus.
Elegante Gleiter im Pünktchen-Kleid.

Adlerrochen

Adlerrochen

 

Am Riff, keine fünf Minuten mit dem Dinghy, wohnt ein Ammenhai. Ein kleiner Kerl, der schon mal aufdringlich nah heran kommt. Deutlich in die eigene Mensch-Hai-Komfort-Zone hinein. Das muss doch nicht sein. ;-)

Ammenhai

Ammenhai

Bissige Drucker hat es hier keine, dafür buntes Kein-Vieh in rauen Mengen.

Stachelrochen

Stachelrochen

 

Was fehlt, sind Langusten. Alle weg gefressen.
Zeitzeugen berichten, dass früher -in den 20er Jahren- die Langusten vom Strand aus gesammelt werden konnten. Für die Einheimischen waren Langusten ‚Müll-Fisch‘.
Aus ‚Müll‘ wurde ‚Gold‘ als der US-Markt seine Fühler nach Belize ausstreckte.

In den ersten Jahren des Exports, verkauften die Fischer die Langusten noch
für 2 Cent das Kilo. :shock:
Bereits in den 40er Jahren war Languste der maritime Verkaufs-Schlager Belizes. Die Riffe waren voll, 400 Stück konnte ein Fischer problemlos am Tag fangen. Richtig an den Kragen ging es den Langusten als Tauchermasken und Flossen ‚erfunden‘ waren.
Die Preise für Languste stiegen und in den 80er Jahren verdiente ein Fischer das fünffache eines Arbeiters an Land.

Das System kollabierte Ende der 80er Jahre. Game over. Die Riffe waren leer. Aus Fischern wurden Tour-Guides oder Arbeitslose.

Bereits 1948 wurde erlassen, dass Eier tragende Weibchen nicht gefangen werden durften. So gut gemeint dieser Erlass war, so schwer war es, seine Einhaltung durchzusetzen. Es dauerte noch bis 2010, bis Belize sich mit seinen Nachbarn, Guatemala, Panama, Costa Rica, Nicaragua und Honduras sich auf ein einheitliches Langusten-Fang-Verbot von März bis Ende Juni verständigen konnte.

Die Bestände haben sich etwas erholt. In der Saison 2014/2015 wurden in Belize wieder 200.000 Kilo geerntet. Mit einem Umsatz von 7,5 Millonen USD stellt die Languste nach wie vor einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für Belize dar.
In den Restaurants in San Pedro hält man sich an die Schonzeit. Es sind keine Langusten auf den Grills zu sehen. Leider auch nicht an den Riffen.