Mo., 10.Aug.20, Pazifik, Tag 2262, 20.870 sm von HH
Der Wind hat weiter nachgelassen und zeitgleich auf Nord-Ost gedreht. Aus achterlichem Wind ist ein Vor-Wind-Kurs geworden. Das hat Vorteile, jetzt liegt Atanga bequem auf der Seite und leicht nickend naehern wir uns Tahiti. Der Traum zu Beginn des Toerns auf eine schnelle UEberfahrt, der ist geplatzt. Von sechs auf drei Knoten ist unsere Geschwindigkeit gesunken. Mal wieder Zeit fuer ein wenig ‚mimimi‘. Vor uns soll ein Flauten-Gebiet liegen. Eine der typischen pazifischen Konvergenzzonen. Auf der Wetterkarte sieht das aus wie ein blaues schmales Bad, wie ein blauer Fluss (blau = kein Wind) umgeben von sattem Gruen bis Gelb (anstaendiger Segelwind). Rechts vom Fluss kommt der Wind aus Sued-Osten – links vom Fluss aus Nord-Westen. Und nach Nord-Westen wollen wir. Nicht auszuschliessen, dass wir sogar noch kreuzen muessen auf diesem Toern. Manchmal ist der Teufel eine Konvergenzzone. ![]()
Ansonsten ist alles super. Zwei harmlose Squalls mit ein paar Regentropfen, der Rest ist eitel Sonnenschein. Es wird taeglich waermer. Nur noch zum Sonnenaufgang kommen die Jacken zum Einsatz. Erstaunlich, was drei Grad waermeres Wasser für eine Lufterwaermung bringt.
Tag 4: 105 Meilen
Rest: 308 Meilen
Tag 4 nach Tahiti: Laeuft
So., 09.Aug.20, Pazifik, Tag 2261, 20.765 sm von HH
Kaum sind wir eingewoehnt, verwischen die Tage. Wie lange sind wir unterwegs? Schon fuenf oder erst vier Tage? Der uebliche Langstrecken-Dreikampf macht sich breit: Schlafen, Essen, Lesen, Schlafen, Essen, Lesen.
Das Meer ist tiefblau und praechtig, die Sonne scheint und das Segeln ist okay. Die Wellen sind etwas zurueck gegangen, der Wind auch. Tagsueber liegen die dicken Jacken nun ungenutzt in der Ecke. Es fallen Saetze wie ‚Schoen, dass die Schiffsbewegung moderat sind‘. Bloedsinn! Es schaukelt ganz ordentlich, vor drei Tagen haben wir noch darueber gemeckert. Jetzt ist alles im Lot, wir sind zufrieden.
Die Begeisterung von Segel-Kollegen, die auf dem Meer erst ihre innere Mitte finden, die den Einklang mit den Naturgewalten geniessen, in langen Passagen ihr Glueck auf Erden finden, – nein – , diese Begeisterung teilen wir nicht.
Das war von Anfang an so und wird sich wohl auch nicht mehr aendern. Fuer uns ist es ein Transport, einer der seine guten und seine schlechten Seiten hat, mehr nicht. Das Leben an Bord, irgendwo vor Anker, die Freiheit und die Abenteuer, die uns dieser Lebens-Stil bietet, die ungewoehnlichen Plaetze an die uns unser Schiff bringt, darin liegt fuer uns das Glueck auf Erden. Die Strecken werden abgerissen und wir machen das Beste draus: Schlafen, Essen, Lesen!
Tag 4: 112 Meilen
Rest: 413 Meilen
Tag 3 nach Tahiti: Besser, viel besser!
Sa., 08.Aug.20, Pazifik, Tag 2260, 20.653 sm von HH
Objektiv betrachtet sind die Bedingungen schlechter als an den ersten beiden Tagen. Trotzdem ist die Laune um Klassen besser. Immer wieder erstaunlich, wie der Koerper an Tag drei seinen Widerstand gegen gute Segelstimmung aufgibt. Der Wind blaest jetzt dauerhaft mit sechs Windstaerken. Noch immer schraeg von hinten. Die Welle hat wohl an die drei Meter und trifft aus aehnlicher Richtung auf uns. Das Wellenbild ist konfus, die Intervalle kurz, daher werden wir ganz schoen geschuettelt, aber ohne zu rollen. Nur ab und an gibt es einen Druecker, der uns hart auf die Seite legt. Wir laufen wie am Schnuerli-Band direkt aufs Ziel. Keine Patzer mehr durch unsere Wind-Herta. Die leicht gereffte Genua und das Gross im zweiten Reff passen gut zum Wind und Kurs.
Auch ist der mitteleuropaeische Hygienestandard wiederhergestellt – wir haben geduscht. Kein Vergnuegen mit Wind direkt aus der Antarktis. Brrr. Die Wassertemperatur hat allerdings bereits um zwei Grad zugenommen. Der kalte Meeresarm, der Gambier umschlingt, ist nach Westen abgeknickt. Genau, wie die Literatur es beschreibt. Also nur noch ein paar Meilen und wir haben wahrscheinlich wieder tropische Temperaturen an Bord.
Tag 3: 125 Meilen
Rest: 525 Meilen
Tag 1+2 nach Tahiti: Mimimi
Do/Fr.,06./07.Aug.20, Pazifik, Tag 2258/9, 20.528 sm von HH
Wir sind flott unterwegs, zeitweise rauschen wir mit sieben Knoten voran. Bereits im Atoll koennen wir Segel setzten, die Sonne scheint, ein paar Passatwolken ziehen am Himmel. In der Nacht leuchtet uns ein noch fast runder Mond den Weg. Es ist perfekt, aber an Bord hoert man nur ‚mimimi‘! Wir haben die ‚Segeln-ist-doof-an-den-ersten-beiden-Tagen-Brille‘ auf.
Das Schiff wackelt zu sehr, es ist zu anstrengend und wir schlafen zu schlecht. Gejammer und Wehklagen aus allen Rohren. Ist es noch weit? Sind wir bald da?
Und es ist zu kalt. Mimimi!
Obwohl das mit der Kaelte stimmt, muss man zu unserer Verteidigung sagen. Doppel-Fleece-Jacken plus Faserpelz-Hose plus Socken, anders ist es im Cockpit nicht auszuhalten – da kann man schon mal greinen. Der Wind kommt schraeg von hinten. Mal mit acht Knoten, mal mit zweiundzwanzig Knoten. Uns waren fuenfzehn Knoten im Durchschnitt vorhergesagt worden, aber doch nicht so. Gleichmaessig fuenfzehn Knoten, so hatten wir es bestellt. Diese harten Wechsel stellen die Windsteueranlage – Herta – vor ein Problem. Ab zwanzig Knoten fangen wir an aus dem Ruder zu laufen, luven viel zu stark an, legen uns mit Vollzeug hart auf die Backe. Extrem mimimi!
Statt traege in der Ecke zu liegen, muessen wir haendisch dem Ruder und Herta helfen. Dazu haben wir nun gar keine Lust. Schon gar nicht nachts, wenn es so richtig bitterkalt draussen ist. So hatten wir uns die Segelei nach einem halben Jahr nicht vorgestellt. Also wird getrimmt, was das Tuch hergibt: wir reffen das Gross, wir holen das Gross dicht, wir reffen mehr. Das kostet uns Geschwindigkeit. Das gefaellt uns auch nicht. Wieder mimimi. Hoffentlich ist bald Tag drei!
Tag 1: 150 Meilen (wow!) Tag 2: 124 Meilen
Rest: 650 Meilen
Nun aber wirklich: Au revoir, Gambier!
Mi.,05.Aug.20, Franz.Polyn./Gambier/Insel Mangareva, Tag 2257, 20.254 sm von HH
Die Entscheidung ist gefallen, wir setzten alles auf eine Karte. Noch haben wir keine Genehmigung nach Neuseeland einreisen zu dürfen. Das Prozedere zieht sich und ist ein brutal formalistischer Akt, der seinen Gipfel in einem 24-seitigem Papierwerk gefunden hat und nun diversen Kiwi-Behörden vorliegt. Wir sind optimistisch, dass es klappen wird und daher geht es Morgen nach Tahiti!
Gestern sind wir noch einmal unseren Lieblingsweg gelaufen und die Augen tränen. Oh ja, hier könnten wir uns tatsächlich vorstellen zu leben. Das ist wahrscheinlich romantisch verklärt, denn die drei deutschen bzw. elsässischen älteren Herren, die auf Mangareva wohnen, zeigen in Gesprächen alle die gleichen Symptome: gepflegte Langeweile!
Wir sind aber sehr dankbar, dass wir die Lock-down-Zeit hier verbringen durften. Tief in unseren Herzen bleibt dieser Aufenthalt eingebrannt.
Aber es wird nun wirklich Zeit. Unsere Vorräte an Leckerlies sind am Ende. Wir haben kein Vollkornmehl und keine Getreidekörner mehr, Haferflocken sind alle und mal wieder ein paar Tomaten oder Gemüse, was nicht aus der Dose kommt, das hätte was. Es gibt seit Monaten keinen schwarzen Pfeffer zu kaufen – dafür in rauen Mengen ‚Ras el Hanout‘. Eine Gewürzmischung, für die ich in der Weltstadt Hamburg vor Jahren mal unendlich viele Läden abklappern musste. Verrückte Welt, diese Atolle.

Das Vollkorn wurde die letzte Zeit rationiert – ein Halb-Weißbrot und Halb-Vollkornbrot. Achim backt übrigens alle Brote – man, darüber bin ich soooo happy
Die Bordküche ist eintönig geworden: Der beste Kauf ist ein Huhn. Davon essen wir drei Tage. Ich habe alle Varianten durch, wie man ein Huhn verkochen kann: Hühnerfrikassee deutsch, asiatisch scharf, Curry indisch. Am ersten Tag gibt es die Keulen und die Flügel. Am zweiten Tag gibt aus den Rippen abgekocht eine Hühnersuppe und am dritten Tag die Brust, die ich am ersten Tag gleich mit brate. Nach zehn Tagen kommt ein neues Huhn. Zwischen den Hühnern gibt es (mindestens) einen Spaghetti-Tag, einen Kartoffelmus-Tag (für viel was anderes taugen die Kartoffeln nicht), einen Tag mit Eiern und zwei Hülsenfrüchte-Eintopf-Tage. Der Eintopf kann auch schon mal ‚aus Versehen vegan sein‘. Besonders beliebt beim Skipper.
Die Geschirrspül-Bürste ist inzwischen der Sammelpunkt für die Keime dieser Welt. Wir haben die Wahl – diese Ekel-Bürste behalten oder keine haben. Meine Flip-Flops haben Löcher. Dafür gibt es die Nachhaltigkeits-Ehrenmedaille am Greta-Zopf. Ich habe die Wahl – diese Flip-Flops oder keine.
Es ist problemlos möglich neue Batterien oder ein Solarpanel in Tahiti zu bestellen. Eine Mail an den richtigen Shop, die Kreditkarte gezückt und drei Wochen später liefert die Dinge das Versorgungs-Schiff. Aber die genannten Kleinigkeiten zu bestellen, ist uns nicht gelungen. Die Shops haben abgewunken für uns etwas zu besorgen und die gelangweilten Herren waren auch nicht hilfreicher. Es soll ‚fliegende‘ Moped-Fahrer in Tahiti geben, die Geschäfte und Supermärkte nach Nüssen und Spülbürsten abklappern, ein Paket schnüren und es auf einem Schiff aufgeben. Wir haben weder geschafft herauszufinden, wer das macht, noch was es kostet. Also haben wir aufgegeben. Die Einheimischen schicken sicherlich Freunde und Verwandte los, die diese Jobs übernehmen.
Obwohl wir am teuersten Platz unserer Reise leben, sind unsere Durchschnitts-Kosten ganz massiv gesunken. Da die Vorrats-Schränke leer sind, geben wir inzwischen über tausend Euro im Monat für Essen und Trinken aus. Mal ein Glas Gurken, ein Paket Kekse und das abendliche Bier hauen wirklich rein. Das war’s dann aber auch schon, was man hier an Geld ausgeben kann. Sprit für den Außenborder, Wäsche waschen und hin- und wieder eine Pizza, mehr geht nicht. Die fehlenden Ausgaben sind aber im Prinzip nur aufgeschoben. Das Schiff wird – gefühlt – nur noch von Provisorien zusammen gehalten. Was kaputt geht, bleibt kaputt oder wird irgendwie geflickt. Der abgebrochene Rückwärtsgang am Außenborder besteht jetzt aus einem alten Schraubenzieher und die gerissene Dichtung am Stöpsel für das Waschbecken in der Pantry ist durch einen Tupperdeckel ersetzt worden. Achim hat aus zwei Lesebrillen eine zusammengeschraubt und die kaputte Go-Pro liegt im Mülleimer. Unsere T-Shirts haben alle Flecken und aufgestickte Blümchen, die gefallene Maschen aufhalten sollen, unsere Shorts haben Flicken auf dem Hintern und wir benötigen dringend neue Bettwäsche, Kissen und Bezüge. Die Laken werden mit Kaltwäsche einfach nicht sauber und passen optisch zur Abwaschbürste. ![]()
In Tahiti können wir Lebensmittel aufstocken und mal wieder essen gehen. Große Ersatzbeschaffungen, nach sechs Jahren endlich ein neues Handy und einen neuen Laptop, würden wir gerne bis Neuseeland verschieben.
Also, auf nach Tahiti – 850 Meilen – sieben bis zehn Tage. Morgen geht es los. Nun aber wirklich.

Präpariert für die Stadt. Für uns noch ungewohnt – wir sehen wie Sofakissen aus – Reste vom Stoff für Kopfkissenbezüge für die Schlafkoje

