Archiv der Kategorie: Auf See

Tag 6 ==> Pitcairn – Flautenroller

So., 03.Mrz.19, Pazifik, Tag 1736, 16.326 sm von HH
Die Freude über den guten Wind währt nicht lange. Kontinuierlich werden wir langsamer. Dazu Squalls, Regenschauer, Wind aus allen Richtungen. Alle halbe Stunde müssen wir die Windsteueranlage nachjustieren, um auf Kurs zu bleiben. Achim gibt in seiner frühen Nachtschicht alles. Kurbelt bei strömendem Regen am Steuerrad rum. Eben noch 10 Knoten aus Ost, dann 22 Knoten aus Nord. Alles vergeblich, der Wind schläft ein. Flaute. Wir nehmen um Mitternacht erneut die erbärmlich schlagenden Segel runter.
Der Schwell, der uns nun durchschüttelt, stammt aus der Hölle. Diese Nacht bleibt unvergessen. Alle zwei, drei Minuten neigen wir uns 15 Grad zu jeder Seite. Es geht ein paar Mal hin und her. Dann 20 Grad. Atanga schaukelt sich auf. 30 Grad, 35 Grad Schräglage. Unangenehme Beschleunigungskräfte. Es fühlt sich an wie in einer Schiffs-Schaukel. Nur, dass diese Fahrt nie zu Ende geht. :mrgreen: In den Schränken klappert und rappelt es. Konserven, dicht gestaut, schütteln sich solange zusammen bis Luft dazwischen gelangt und sie anfangen zu klimpern. Topfdeckel klappern, Gläser klirren. Ein unbekanntes Klopfen im Badschrank. Die Geräuschkulisse ist grausam. Nach den schlimmsten Ausschlägen beruhigt sich das Geschaukel. Für einen wunderbaren Moment liegen wir ganz still. Werden angehoben, scheinen zu schweben. Leichtigkeit macht sich breit. Erleichterung für den Körper. Erleichterung für die Nerven. Die Seele. Für zehn Sekunden keine Bewegung, kein Geräusch. Dann fängt es wieder leicht zu wippen an. Atanga schaukelt sich auf, es geht von vorne los. Nach zwei Stunden ist das Schlimmste vorbei, die Wellen beruhigen sich etwas. Wir finden etwas Schlaf . Nach acht Stunden kommt zum Frühstück der Wind zurück. Eine leichte Brise aus Nordost. Mit drei Knoten nehmen wir wieder Kurs auf Pitcairn auf. Tagesmeilen: 58 ( :cry: ), noch 592 Meilen to go.

Tag 5 ==> Pitcairn – Flautenlieger

Sa., 02.Mrz.19, Pazifik, Tag 1735, 16.268 sm von HH
Wir fahren 3 Knoten, 2 Knoten, 1 Konten und stehen. Nach den Squalls kommt zum Abend die Flaute. Die Segel flappen, der Baum schlägt. Nichts geht mehr. Entnervt nehmen wir alle Segel runter, das halten wir nicht aus. Mit einem Resthauch von Wind treiben wir nach Süden in die falsche Richtung. Der Motor bleibt aus. Es ist sowieso zu weit, um unter Maschine fahrend anzukommen. Unseren Diesel brauchen wir noch in den nächsten Monaten für Riffeinfahrten. Ob wir immer überall Diesel nachkaufen können, ist fraglich. Und wie lange wollen wir den Motor laufen lassen? Eine Stunde, zwei Stunden oder fünfzig Meilen? Wir wissen nicht wo wir Wind finden. Also, der Motor bleibt aus.
Ohne Vortrieb rollen wir prächtig in der Dünung. Nach zwei Stunden wird es etwas besser. Achim findet als erster Schlaf. Wie zuckersüß verlockend wäre es, sich dazu zu legen. Aber wir behalten unsere Nachtschichten bei. Erstens wollen wir neuen Wind nicht verpassen und zweitens haben wir doch gestern tatsächlich einen Frachter gesehen. Der zog in fünf Meilen Abstand an uns vorbei. Ganz alleine sind wir also doch nicht. Ich sitze in stockdunkler Nacht im Cockpit und habe Phantasien: Wie klein wir doch auf diesem großen Gewässer sind. Kleiner als ein Fliegenschiss. Ich komme mir verletzlich vor, und verloren, ohne Fahrt im Schiff. Ein Fliegenschiss, der wie ein unsichtbarer Korken auf dem Wasser treibt.
Erst nach 7,5 Stunden, mitten in der Nacht, kommt der Wind zurück. Richtige Richtung, richtige Stärke. Mit fast fünf Knoten geht es wieder dem Ziel entgegen. Ich geh‘ jetzt ins Bett.
Tagesmeilen: 81 (immerhin!!!), noch 634 Meilen to go.

Tag 4 ==> Pitcairn – Alles im Lot

Fr., 01.Mrz.19, Pazifik, Tag 1734, 16.187 sm von HH
Unsere Rechnung ist aufgegangen. Wie vorhergesagt, hat der Wind auf Nord gedreht und wir haben schon 50 sm Richtung Nord ‚im Sack‘. Sehr gut. Die vierte Nacht ist ein Traum: Milchstraße von Horizont zu Horizont. Das Kreuz des Südens ist klar zwischen den anderen Sternen auszumachen (also von Achim, ich bin da untalentiert und sehe vor lauter Sternen die Sterne nicht). Die meterhohe Dünung aus Westen ist verschwunden. Sanfte Wogen kommen nun aus Nord. Es ist schon beachtlich, wie dieser Ozean hin und her schwappt. Ohne Schiffsbewegung ziehen uns die Segel durch die Sternennacht.
Am Vormittag gibt es eine Dusche auf dem Vorschiff, so ruhig und grade liegen wir. Und das bei einem ‚am Wind‘ Kurs. Eine willkommene Abwechslung. Wasser in unbegrenzter Menge. Achim kippt uns literweise Meerwasser über den Kopf. Ein bisschen Süßwasser zum Abspülen. Fertig. Sich mit drei Liter Süßwasser im Cockpit zu waschen, ist auf Dauer nicht befriedigend. Obwohl wir erst 400 Seemeilen voran gekommen sind, ist die Wassertemperatur schon um einen Grad gestiegen.
Ab Mittag geht der Wind hoch auf vier Windstärken. Im Zwei-Stundentakt kommen jetzt Squalls vorbei. Kleine, harmlose Regenfelder von 20 Minuten. Keine großen Winddreher oder Überraschungen drin. Es bleibt friedlich auf Atanga. Aber Kino fällt aus deswegen.
Tagesmeilen: 104, noch 714 Meilen to go.

Tag 3 ==> Pitcairn – Kinotag

Do., 28.Feb.19, Pazifik, Tag 1733, 16.083 sm von HH
Die Strecke nach Pitcairn hat nicht den besten Ruf. Winde in allen Stärken aus allen Richtungen sind keine Seltenheit. Wir befinden uns am südlichen Rand des Süd-Ost-Passats. Ein verlässlicher Wind aus Süd-Ost ist somit nicht garantiert. Das haben wir schon auf der Osterinsel gemerkt. Der Wind kam bestimmt 30% der Zeit aus Norden und Nordwesten.
Von der Osterinsel nach Pitcairn sind es Luftlinie 1.120 Seemeilen Richtung Westen. Davon müssen wir 120 Seemeilen nach Norden gut machen. Die ersten beiden Tage schenkten uns einen Süd-Ost-Wind. Perfekt für unsere Richtung. Aber die Vorhersage sieht Nordwind ab Donnerstag. Wir entscheiden uns somit bereits vor der dritten Nacht auf den anderen Bug zu wechseln und uns mit dem kräftigen Wind Richtung Nord-Nord-West blasen zu lassen, um etwas Strecke gut nach Norden zu machen. Wir verschenken dann zwar Wegstrecke nach Westen, kommt dann aber wirklich der Nordwind könnten wir damit prima nach Westen segeln. Soweit die Theorie. ;-)
Der neue Tag deutet an, dass die Entscheidung richtig war. Kontinuierlich dreht der Wind über Ost weiter auf Norden. Wir sind begeistert. Zumal die Bedingungen angenehm sind. Atanga liegt recht stabil und das Wetter spielt ebenfalls mit. Ab und an kommt ein dunkler Wolkenkragen vorbei ohne viel Wind und nur ein wenig Nieselregen.
Somit haben wir eine Prämiere an Bord. Wir gucken am Nachmittag einen Film. Bildungsfernsehen für das nächste Ziel: ‚Die Bounty‘. Das ist die Neuverfilmung von dem Bounty-Klassiker mit Marlon Brando. Der Film fällt bei uns durch. Langweilig wird die bekannt Story der Meuterer runter geleiert. Morgen gibt es dann das Original.
Tagesmeilen: 125, noch 818 Meilen to go.

Tag 1+2 ==> Pitcairn – Go West

Mo./Di., 25./26.Feb.19, Pazifik, Tag 1730/1, 15.744 sm von HH
Wir kommen erst am Nachmittag los. An Land, zum Ausklarieren, lassen wir uns von Tauchbooten bringen. Die Wellen im Hafen sind auch heute zu hoch für unser Dinghy. Noch ein wenig Obst und Gemüse gekauft, dann geht es los. Man merkt keinen Unterschied. Faktisch ist segeln wie ankern: Es liegt die gleiche Anzahl Antirutschmatten aus, alle Luken stehen offen, die Schiffsbewegungen bleiben gleich. Draußen sieht man wunderbar die Drei-Meter-Dünung anrollen. Der Horizont hat Buckel. Die See atmet. Jetzt wissen wir woher der Ausdruck stammt. Lange tiefe Lungenzüge macht der Pazifik.
Wir kommen quälend langsam voran. Bis zum Dunkelwerden sehen wir noch die Osterinsel. Weniger als zehn Knoten Wind lassen uns mit 2 Knoten Geschwindigkeit dahin schleichen. Die Genua ist ausgebaumt. Das Großsegel steht als Stütze dazu. Die Segel schlagen unangenehm in den Wellentälern. Der Vorteil des ruppigen Ankerplatz der Osterinsel: Eingewöhnen auf See entfällt. Ich kann bereits am ersten Abend kochen. Die Seebeine sind am Ankerplatz gewachsen. Toll. Genuss-Segeln ab der ersten Minute. :lol:
Tag 2 ist schon besser. Wir haben jetzt Windstärke 5, in Böen 6. Der Wind kommt etwas südlicher, so dass wir uns genau auf Kurs befinden. Die letzten acht Stunden hatten wir einen Schnitt von sechs Knoten. Dazu blauer Himmel. Besser geht es nicht. Obwohl die Wellen jetzt konfuser sind und sich auf die Dünung eine Windwelle legt, macht Atanga angenehme Bewegungen. Weich schaukeln wir mit Spitzengeschwindigkeiten auf Pitcairn zu.
Nach 48 Stunden haben wir 214 sm geschafft. Noch 906 Meilen to go.