Archiv der Kategorie: Auf See

Tag 5 – Ankunft

Fr., 04.Nov.16, Atlantik, Tag 888, 8.253 sm von HH
Wir koennen Grenada schon sehen. In knapp vier Stunden werden wir wohl da sein. Es liegen dann 650 sm (1.200 km) hinter uns. Wir haben einen Tag laenger gebraucht als erwartet. Mit dem Morgengrauen haben wir Tobago passiert und da hat uns die beruechtigte Stroemung zwischen Grenada und Tobago mal so richtig fort gerissen. Nach vier Stunden war das Vergnuegen leider schon wieder vorbei. Den Rest der Strecke ist sie deutlich hinter unseren Erwartungen (und Erfahrung aus dem Maerz) geblieben. Was soll’s. Jetzt, wo es ‚Land in Sicht‘ heisst, ist alles egal. Vergessen die Schaukelei, verziehen der verschuettete Kaffe, Schwamm ueber die verkleckerte Butter.
Wir werden, natuerlich moechte man sagen, erst ankommen, wenn es bereits dunkel ist. Nur eine mickrige Stunde zu spaet. :cry: Wir wollen in die St. David’s Harbour-Bucht, ganz im Sued-Osten von Grenada. Die Bucht hat einen arg schmalen Zugang, der soll allerdings beleuchtete Fahrwassertonnen haben. Ob die aber wirklich leuchten, muss sich noch heraus stellen. In eine unbekannte Bucht in der Nacht einzulaufen ist kein Vergnuegen. Als scheint viel naeher zu sein als in Wirklichkeit. Entfernungen sind wahnsinnig schwierig abzuschaetzen. Zudem haben wir keine Ahnung, wie voll die kleine Bucht sein koennte.
Wir haben diese Bucht gewaehlt, weil sich dort ein grosser Werft-Betrieb befindet. Am Montag haben wir einen Kran-Termin und Atanga kommt aus dem Wasser. Der Unterwasser-Anstrich ist nach einem Jahr dringend faellig. Und ein, zwei weitere Dinge sind zu erledigen (spannend, ich werde berichten :-) ). Unser Plan sieht vor, dass wir spaetestens am Freitag wieder schwimmen wollen. Aber wie war das noch mal mit Plaenen…?

Tag 4 – Mikro-Kosmos

Do., 03.Nov.16, Atlantik, Tag 887, 8.032 sm von HH

Wir droehmeln so vor uns hin. Wind, Wetter, Welle, alles identisch. Es passiert nichts. Das ist einerseits gut, denn wuerde was passieren, waere was kaputt oder die Elemente waeren gegen uns. Andererseits ist es, wenn auch nicht grade langweilig, aber doch monoton.

Das Meer in seiner unendlichen Weite und seinem abgrundtiefen Blau ist wunderschoen. Kaeme nicht ab und an mal eine Seeschwalbe vorbei oder ein Trupp Fliegender Fische, haette es aber doch etwas von einem TV-Testbild (die aelteren Leser erinnern sich). Wir sind gefangen in unserem Mikro-Kosmos und ab Tag drei verschwimmen die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Tage. Um zu wissen, wie lange wir unterwegs sind, muessen wir ins Logbuch schauen und die Tage an den Fingern abzaehlen.

Unseren Rhythmus, den wir bereits vor Monaten gefunden haben, behalten wir bei: Nach dem Abendessen lege ich mich um 20:00 Uhr hin. Um 22:00 Uhr beginnt meine Nachtwache bis 02:00 Uhr, danach ist Achim dran, bis 6:00 Uhr. Waehrend ich dem Sonnenaufgang zuschaue, schlaeft er ebenfalls noch mal zwei Stunden bis 8:00 Uhr. Somit sehen wir uns schon mal 12 Stunden gar nicht. Die Wechsel in der Nacht erfolgen wortkarg. „Keine besonderen Vorkommnisse, gute Nacht.“ ;-)

Um 9:00 Uhr gibt es ein gemeinsames Fruehstueck. Jetzt sprechen wir auch wieder ganze Saetze miteinander. Wir sprechen ueber Gott, ueber die Welt. Und ueber die Nicht-Ereignisse der letzten Nacht: mein Funk-Kontakt mit einem Tanker, dass er auf meine Bitte hin seinen Kurs um 15 Grad aendert, um hinter uns durch zu fahren, kann schon mal Thema fuer eine halbe Stunde sein :mrgreen:

Die letzten Tage haben wir intensiv geplant, wie wir die Hurrikan-freie-Zeit in der Karibik nutzen wollen. Solche Themen sind Gold wert, damit der Tanker nicht zum Dauer-Gespraech wird. Tagsueber haben wir keine festen Zeiten. Jeder von uns macht noch mal ein Nickerchen. In Summe kommen wir somit auf sieben Stunden Schlaf, allerdings nie laenger als vier Stunden am Stueck. Das ist nicht so erholsam, fuehrt zu einer leichten Dauermuedigkeit. Sind die Schiffbewegungen heftig, schlafen wir schlechter, ergibt noch mehr Muedigkeit, ergibt noch mundfaulere Wachwechsel. :shock:

Mittags gibt es einen Snack, nachmittags Kekse oder Obst und abends eine warme Mahlzeit. Im Grunde verbringen wir den ganzen Tag mit Schlafen und Essen. :-)
Die uebrige Zeit nutzen wir zum Lesen oder spiele ein daemliches Spiel auf dem iPad. Zeit absitzen nennt man das wohl.
An Tag vier sind wir total eingestimmt auf ‚das-auf-See-sein‘, die Seebeine sind gewachsen. Wir waeren in der Lage alles zu machen wie immer. Allein das Gewackel erlaubt wenig Abwechslung. Feinmotorische Dinge, Micado spielen, Patiencen legen, Handarbeiten oder Malen, faellt alles weg. Viele Crews gucken dann eine DVD. Das haben wir noch nie gemacht. Bei uns wird dann das Tanker-Thema wieder hervorgeholt. ;-)
Vielleicht sollten wir auch mal einen Film schauen.

Gestern hat ein alter Frachter auf uns zugehalten. Ein echter Seelenverkaeufer, der mit seinem Heck kurz vor dem Absaufen war. Kein AIS, keine Anzeichen, dass er uns gesehen hat. Wir mussten eine Halse fahren, wir mussten ausweichen, damit wir nicht gerammt werden. Das bringt Adrenalin ins Blut und Abwechslung in die Bude.
Das muessen wir aber auch nicht haben. Wie undankbar, da passiert mal was, aber sowas bitte nicht. Menschen sind schon komisch und Segler ganz besonders. :mrgreen:

Der wollte uns rammen

Der wollte uns rammen

Tag 3 – Schon besser

Mi., 02.Nov.16, Atlantik, Tag 886, 8.032 sm von HH

Die Gegenstroemung ist weg. :-) Fuer ein paar Stunden hatten wir sogar etwas Strom mit uns. Jetzt ist es neutral. Der Wind ist nach wie vor die meiste Zeit eher schwach mit 10 bis 13 Knoten. Wir kommen voran und haben nicht auszustehen. Ein ereignisarmer Tag liegt hinter uns. Außer, dass ein kleiner Barrakuda angebissen hat, ist nichts passiert. Dem haben wir die Freiheit geschenkt, da er einen auffaellig dicken Bauch hatte. Vielleicht ein Weibchen mit Eiern im Bauch. Oder er hat grade einen Fisch gefressen. Wir wissen es nicht. Er hat sich gefreut, noch mal die enormen Zaehne in einem Barrakuda-Laecheln gezeigt. Dafuer gibt es jetzt Ruehrei mit Speck und Pilzen.

 

Tag 1+2 – Nereid’s Rally, die Rueckreise

Di., 01.Nov.16, Atlantik, Tag 885, 7.887 sm von HH

Wir sind jetzt knapp 60 Stunden unterwegs und sind enttaeuscht. Wir sind ernuechtert, betruebt. Wir wurden getaeuscht. Ja, man darf sagen, wir werden beschissen. :evil:

Die ersten 24 Stunden laufen voll nach Plan. Wir kommen mit ablaufend Wasser gut aus dem Maroni raus. Die Barre an der Muendung hat noch 3,10 Meter Wasser ueber sich. Mehr als genug fuer uns. Zwei Knoten Strom spuken uns in den Atlantik.

Dort warten fuenf Windstaerken auf uns. Perfekt! Wir machen gute Fahrt und bekommen einen Knoten oben drauf, eine Geschenk vom „Nord-Aequatorialstrom“. Der Strom, der uns auf dem Hinweg so ausgebremst hat. Dass der Wind genau von hinten kommt, macht zunaechst nichts aus. Wir liegen etwas neben der Kurslinie, gleichen das durch eine Halse (das Segel kommt auf die andere Seite des Schiffes) alle sechs Stunden aus. Kaum Welle. Wieder perfekt. Nach der ersten (erholsamen) Nacht ist das Wasser endlich wieder tiefblau. Dieses unbeschreibliche Blau. Nach zwei Monaten Abwaschwasser ein toller Anblick. Die ersten Delphine kommen. Perfekt perfekt!

Gegen Abend beginnt der Betrug. Der Wind ist schwaecher, Staerke vier, vielleicht noch 11 Knoten. Wir machen trotzdem fuenf Knoten Fahrt durchs Wasser, kommen jedoch nur mit vier Knoten voran. Eine Gegenstroemung (!) bremst uns aus. Hallo? Wir glauben an einen oertlichen kleinen Wirbel, der nach ein paar Stunden vorbei ist. Defekte Anzeigen werden in Betracht gezogen. Nein, das GPS ist nicht bestechlich. Wir haben Gegenstroemung! Die haelt jetzt bereits seit 24 Stunden an… Wie kann das sein? Die gibt es hier eigentlich gar nicht…was fuer ein Betrug.

Dazu kommt, dass der Wind so schwach ist, dass das Vorsegel in den Wellentaelern einfaellt. Das flappt und klappert, das ganze Schiff zittert. Nicht zum Aushalten. Daher ist das Vorsegel jetzt ausgebaumt. Dies ist eine nicht so beliebte Taetigkeit an Bord. Der Umgang mit der fuenf Meter langen Stange ist auf dem schaukelnden Schiff eine echte Herausforderung. Nun steht das Segel und es ist Ruhe. Gegen den Rest sind wir machtlos. Wir rollen prima von einer Seite zur anderen und haben aktuell noch einen halben Knoten Gegenstroemung. :cry:

Tag 7 -Die Wende

Mo., 26.Sep.16, Franz. Guayana – Coswine Creek, Tag 849, 7.614 sm von HH Die Wende tritt am Nachmittag ein. Was wir nicht zu hoffen wagten, passiert. Der Wind dreht, wie vorhergesagt, auf Nord-Ost. Wir koennen unseren Ziel-Kurs anlegen. Groooossartig! Wenn man nun seine Nachtwache nach vier Stunden Schlaf antritt, haben wir zwoelf Meilen geschafft und nicht nur vier. Ein gutes Gefuehl. Die Meckerei hat ein Ende. Es stoert auch gar nicht, dass wir noch immer total lahm sind. Das Wichtigste ist, dass nun die Richtung stimmt. Der Wind wird kontinuierlich schwaecher und schlaeft morgens um 5:00 Uhr komplett ein. Fast moechte man sagen, zum Glueck. ;-) Wir bergen die Segel und fahren die verbliebenen 50 Meilen unter Maschine zum Ziel. Wir und unsere Schweizer Mitsegler koennen uebrigens keine Freunde bleiben. Die verlieren frueher die Nerven und motoren nachts an uns vorbei. :cry: Wir ueberschreiten die Ziellinie 500 Meter hinter ihnen. Als Letzte. Wir haben 409 sm segeln duerfen fuer eine Strecke von grade mal 202 sm. Eine geile Quote fuer eine Crew, die lieber ankert als segelt. :mrgreen: Dafuer haben wir 137 Stunden gebraucht, was uns eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 2,9 Knoten beschert. Richtig uebel ist die Betrachtung des Durchschnitts auf die Distanz: 1,47 Knoten. Das macht 2,7 km/h. Weniger als Schrittgeschwindigkeit. Das Segeln eine traurige Art der Fortbewegung ist, war uns schon laenger klar. Die Worlddancer (schon seit zweit Tagen vor Ort) nimmt uns liebevoll in Empfang. Es gibt Kaffee, Kuchen und ein heiss ersehntes Anleger-Bier. Noch sagt Achim, dass er das nie, never ever, niemals, unter keinen Umstaenden wiederholen wuerde. Auch beim dritten Bier bleibt er fest dieser Meinung. Wir kippen noch ein paar Rum-Punsch oben drauf. Hilft nicht. Schoen trinken klappt in diesem Fall nicht. Mir geht es etwas anders. Ich fand die Sache so schlimm nicht. Die Bedingungen waren mehr als moderat. Kaum mal Wind ueber 20 Knoten. Kein Regen, keine Squalls. Dass es nicht gut vorwaerts ging, war nervig, aber wir haben es vorher gewusst. Schlimmer finde ich es, wenn Wind und Stroemung ueberraschend gegen uns sind. Wir liegen nun in einem Nebenarm vom Maroni, dem Coswine Creek. Irgendwo in der endlosen Weite des Dschungels. Morgens wecken uns Voegel und anderen Stimmen aus dem Urwald. Idyllischer geht nicht. Mal sehen, wann beim Skipper das Vergessen einsetzt. ;-)