Sa., 06.Feb.16, Atlantik, Tag 616, 5.273 sm von HH, etmal 117 sm
Heute im Morgengrauen hat jemand den Reset-Knopf gedrueckt. Alle Systeme wieder auf normal runter gefahren. Der Gegenstrom ist fast verschwunden und das Wellenbild erscheint in ordnungsgemaesser Art und Weise nicht mehr so konfus. Die Wellenhoehe ist ebenfalls auf Normal-Mass geschrumpft. Wir wackeln noch mit, den fuer Monos (von Mono-Hull – Einruempfer) ueblichen, 10-15 Grad hin und her. Alles wieder fein. Seit ein paar Stunden scheint endlich die Sonne wieder. Ein grosses, dichtes Wolkenband war fuer fast zwei Tage ueber uns. Nachts funkeln keine Sterne und heute ist ausserdem Neumond. Die Naechte sind das Schwaerzeste, was ich je gesehen habe. Es ist als ob man in einem Sarg segeln wurde, nur nicht so leise. Zusaetzlich habe ich unter Deck alle Lichter aus gemacht und die Instrumentenbeleuchtung abgestellt. So muss blind sein. Nicht mal die Gischt direkt neben Atanga kann ich weiss aufblitzen sehen. Leuchtplankton zeigt sich nur als verstreute Sprenkel. Morgens zeigt sich dann, was nachts um uns passiert. Unser Deck sieht aus wie auf einem Fischkutter. Alles voll mit toten, fliegenden Fischen. Tagsueber kriegen die Kerle es gebacken und koennen uns ausweichen. Nachts jedoch unterschreiben sie ihr Todesurteil. Sie schaffen es sogar bis ins Cockpit wo sie Achim torpedieren. Der hat Glueck und wird gerettet. Lebendig stinken sie wie Huppe und lassen tot ueberall ihre Schuppen kleben. Die werden dann von der Sonne so an Deck festgebacken, dass sie sich nur durch Einweichen wieder entfernen lassen. Beim Blick ueber die Wellen sieht man permanent welche um ihr Leben flattern. Es muss Milliarden von ihnen geben. Neues vom Angelsektor: Verlust eines Koeders, zwei Bisse ohne Erfolg, es ist verhext. Ansonsten geht es uns super, denn Reststrecke kleiner 300 sm.
Speiseplan Tag 12: Abendessen: Gruene Bohneneintopf aus der Dose plus Dose Wuerstchen (bei dem Geschaukel koch ich nicht) Fruehstueck: Schwarzbrot und Muesli Zwischenmahlzeit: Krautsalat aus Rotkohl mit Orangenschale (auch nach ueber zwei Wochen ist der Kohl noch tip-top, obwohl er im Netz viel Sonne bekommt), Obstsalat und die vorletzte Schoki.
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Tag 10 – Ganz schoen warm
Do., 04.Feb.16, Atlantik, Tag 614, 5.055 sm von HH, etmal 118 sm ist es mittlerweile geworden. Tagsueber herrschen drinnen und draussen 30 Grad und nachts kuehlt es grade mal auf 27 Grad runter. Selbst in der Morgendaemmerung, der kuehlsten Zeit des Tages, brauche ich im Wind keine Jacke mehr. Willkommen in den Tropen. Der Wind ist wie Samt auf der Haut (seit nun fast zwei Jahren warte ich auf den Zeitpunkt, diesen Rosamunde-Pilcher-Satz endlich schreiben zu koennen.
). Wir befinden uns auf 8 Grad Nord, knapp 900 km vom Aequator entfernt und das merkt man. Zum Glueck segeln wir jetzt seit 10 Tagen absolut trocken. Keine Gischt, keine Welle klatscht an die Bordwand und ergiesst sich ueber das Deck. Nichts. Wir haben noch den Staub der Kap Verden ueberall kleben. Wir riskieren es, nachts eine Luke zum Schlafen geoeffnet zu haben. Nicht ganz ungefaehrlich, kann es doch jederzeit sein, dass eine vorwitzige Welle ‚hallo‘ sagt. Das Risiko wir mit viel Sauerstoff im Puma-Kaefig belohnt. Wir haben uns komplett eingewoehnt. Wir schlafen viel besser, die Rollerei kann uns kaum mehr stoeren. Handgriffe haben sich eingespielt. Abwuerfe und kleine Malheure werden deutlich seltener. Durch die konstant achterliche Welle, haelt sich die Schaukelei nach wie vor in Grenzen. Heute ist es ruppiger. Wir haben 1 kn Strom gegen die Welle stehen, so dass die sich konfus zeigt und ungewoehnlich hoch angerollt kommt. Der Aequatoriale Gegenstrom duerfte wo wir sind eigentlich gar nicht sein. Hatten wir doch extra bis 40 Grad West gewartet bevor wir tiefer als 10 Grad Nord gesegelt sind. Total nach Lehrbuch. Die Natur haelt sich mal wieder nicht dran. Ob es am El Niño Jahr liegt? Moeglich. So ein El Niño bringt ja noch viel maechtigere Stroeme zum Kippen. Wir hoffen, dass wir diese laestige Geschwindigkeits-Bremse bald wieder los sind. Das Lehrbuch sagt ja. Die Neuigkeiten von der Fischfront sind etwas frustrieren. Zwei Bisse auf meine Makramee-Koeder. Zweimal Goldmakrele. Zweimal konnte sie sich wieder vom Haken durch einen Sprung aus dem Wasser befreien.
Rest-Strecke kleiner 500 sm
Speiseplan Tag 10: Abendessen: Bauernfruehstueck mit Gurkensalat Fruehstueck: Reste vom Bauernfruehstueck, Muesli Zwischenmahlzeit: Nudeln, Melone, Schweineohren
Tag – Nachtwache
Mi., 03.Feb.16, Atlantik, Tag 613, 4.937 sm von HH, etmal 131 sm Meine Nachtwachen gehen von 22:00 bis 2:00 Uhr und wieder ab 6:00 bis 10:00 Uhr. Ich habe somit zwar zwei Schichten, muss dafuer aber nicht die ungeliebte Hundewache machen und mich mitten in der Nacht hoch quaelen. In meine Morgenschicht faellt ausserdem der Sonnenaufgang und das ist so eine schoene Tageszeit, die ich im normalen Leben verschlafe. Somit sind wir beide zufrieden mit der Einteilung. (Zitat gerade eben von Achim als er fragt, was ich schreibe:
„ich moechte aber nicht lesen, dass der Alte schoen 7,5 Stunden Schlaf bekommt, waehrend Muddi sich mit vier Stunden begnuegen muss.“) Die Zeit vor meiner ersten Schicht verbringen wir gemeinsam mit Kochen, Abendessen, Abwasch, Funkrunde usw. Meinen fehlenden Schlaf versuche ich nachmittags nachzuholen. So langsam macht sich trotzdem ein Schlafdefizit breit. Die zwei Stunden nach Mitternacht wach zu bleiben, faellt mir zunehmend schwerer. Lesen kann ich dann gar nicht mehr, dabei fallen mir sofort die Augen zu. Also muss anderer Kurzweil her. Uns gehen weiterhin die Angel-Koeder verloren (was machen wir nur falsch, dass die Koeder abgebissen oder abgerissen werden?). Wir brauchen unbedingt Nachschub. Der Schleifenband-Vorrat neigt ich dem Ende entgegen. Also pluender ich mein Naehkaestchen. Dort finde ich Seidenbaender, die ich aus Blusen oder T-Shirts geschnitten habe. Diese dienten zur Aufhaengung von zarten Oberteilen auf Buegeln. Aufbewahrt habe ich die nur, da man da gut abgerissene Henkel (passiert hier dauernd, weil sich jemand am Handtuch festhaelt) fuer Geschirrhandtuecher draus naehen kann. Diese Seidenbaender kombiniere ich mit geflochtenen Zoepfen aus duenner Wolle. Funktionieren perfekt die Koeder, einer ist bereits wieder weg aus dieser Nachtproduktion.
Und der Trend geht zu Mitternachts-Putzen. Das Schiff sieht aus wie Sau! So richtig sauber machen kann man aber nicht wirklich. Erstens bleibt der Putzeimer nicht stehen und Staubwischen geht nur mit runden Ecken und mit Akrobat-Einlage. Also mache ich nur das Noetigste. Ungluecklicher Weise wird aber alles doppelt so schmutzig wie sonst. Hier kleckert Tee vorbei, dort rollen verlorene Reiskoerner und Brotkruemel liegen eigentlich ueberall. Und es ist unglaublich staubig. Woher der allerdings kommt, kann ich mir, 600 sm von Land entfernt, nicht erklaeren. Beim Wischen helfen ‚Muttis-feuchte-Spucke-Tuecher‘. Die habe ich noch aus Spanien und sind toll. Wie Kosmetiktuecher oder feuchtes Toilettenpapier gibt es die Putzlappen aus der Frischebox. Mit etwas Reiniger getraenkte, feuchte Zellstofftuecher. Unkompliziertes, schnelles Ueberputzen. Fertig! Schicht vorbei und ab ins Bett.
Speiseplan Tag 9: Abendessen: Spaghetti Bolognese Fruehstueck: Brot mit Schinken und Kaese, Melone Zwischenmahlzeit: Rest von den Spaghetti, Kekse (Schweineohren), Melone
Tag 8 – Wetter, Wind und Wellen
Di., 02.Feb.16, Atlantik, Tag 612, 4.806 sm von HH, etmal 126 sm Der Wind ist seit zwei Tagen im Schnitt um einige Knoten schwaecher. Die Vorhersage meint, dass dies auch so bleiben soll. Wir wissen das, weil wir unser Wetter ueber Funk bekommen. Es gibt kostenpflichtige Anbieter, wie SailMail. Fuer Amateurfunker mit Lizenz wurde WinLink geschaffen. UEber diese ‚Vereinigung‘ bekommen wir unser Wetter kostenlos. Wir fordern bei WinLink fuer ein gewuenschtes Seegebiet anhand von vier Koordinaten das Wetter an. Als Antwort werden uns Grib-Files als Anhang per e-Mail zugefunkt. Dieser Anhang kann dann im Laptop als ’normale‘ Wetterkarte geoeffnet werden. Windpfeile mit Staerke und Richtung fuer die naechsten 48 Stunden. Zur Zeit holen wir das Wetter von Kap Verde bis Franzoesisch Guyana in der Breite von 5-20 Grad Nord einmal taeglich ab. Will man den kompletten Atlantik, dauert es, da die Karten dann sehr gross sind, entsprechend laenger. Unter Umstaenden zu lange, wenn die Funkbedingung schlecht sind. Zusaetzlich gibt es zweimal taeglich die sogenannte ‚Intermar‘-Funkrunde fuer Amateurfunker. In Deutschland gibt eine Handvoll Amateurfunker, die sich ehrenamtlich zu Hause an ihre leistungsstarken Funkanlagen setzten und Segler im Mittelmeer und Atlantik mit Wetterdaten versorgen. Ein kleiner Schnack oder Gruesse von anderen Segler, die man selber nicht hoeren kann, ist inbegriffen. Es wird unsere uebermittelte Position festgehalten, die auf der Intermar-Internetseite abgerufen werden kann. www.intermar-ev.de Sollte die Verbindung nach Deutschland schlecht sein, springt Federico ein. Federico lebt auf La Palma, ist TO-Stuetzpunktleiter und kuemmert sich ruehrend und vollumfaenglich um ’seine‘ Segler auf La Palma. Er ist ebenfalls Amateurfunker und fungiert regelmaessig als Relais-Station, wenn wir Deutschland nicht verstehen koennen. Tolle Einrichtung, dieses Intermar. An dieser Stelle ein grosses Dankeschoen an alle Beteiligten.
Nachtrag zum Essen von gestern, hab ich vor lauter Stimmen hoeren in der Nacht ganz vergessen.
Speiseplan Tag 7: Abendessen: Gulasch (selbst eingekochtes) mit Nudeln Fruehstueck: wieder Bratnudeln, Rest vom Abend (er), Brot mit Kaese und Schinken (sie) Zwischenmahlzeit: kalter Milchreis mit Himbeeren (Glas, Aldi, Deutschland
), Krautsalat (Weisskohl haelt sich im Heckkorb-Netz ausgezeichnet) mit dem letzten Feta-Kaese noch aus Spanien, ohne Zaziki
, wieder diese Nuesse, Haribo Goldbaeren Speiseplan Tag 8: Abendessen: Haehnchenbrustfilet (eingekocht nur das Fleisch) als Geschnetzeltes mit Moehren (frisch) und Champignons (Dose) in Sahnesauce mit Reis Fruehstueck: frisches Brot Zwischenmahlzeit: Rest vom Geschnetzelten, Rest Krautsalat, Rest Gummibaeren
Tag 7 – Halbzeit
Mo., 01.Feb.16, Atlantik, Tag 611, 4.547 sm von HH, etmal 130 sm
Halb-Zeit.
Praeziser gesagt Halb-Strecke. Fast auf die Stunde genau, nach einer Woche, erreichen heute die Mitte unserer Atlantik-Querung. Weiter weg von Land koennen wir auf unserem Toern nicht sein. In jede Richtung sind es mindestens 1.635 km.
Ausser nach unten, da sind es nur 4 km. ![]()
Ein komisches Gefuehl macht diese Fahrt. Besonders nachts. Nachts, alleine mit mir und meinen Gedanken. Gerade unter Deck stellt sich dieses Gefuehl ein.
Hier hoere ich das Klatschen der Bugwelle an den Rumpf. Es plaetschert und schlaegt kraeftig an unser Zuhause.
An die duenne Aussenhaut, die uns von der unendlichen Wassermenge trennt. So duenn ist die Haut, dass man von innen sehen kann, wie die Sonne hell durchscheint. Wenige Millimeter bilden unseren schuetzenden Kokon, diese Eierschale.
Unseren Mikro-Kosmos. Unsere kleine Welt mit Essen und Trinken, unser Zuhause.
Wenig Millimeter schuetzende Haut, die uns von der grossen Welt trennt.
Was kann da alles passieren! Daran denke ich wenig. Klar, kommen mal Gedanken hoch, dass es aus waere mit uns, wenn wir auf einen Container rauschen wuerden. Den wuerden wir selbst tagsueber nicht rechtzeitig entdecken.
Da wir uns nachts per Blindflug der neuen Welt naehern, haelt schon laengst keiner mehr permanent Ausguck. Alle 20 Minuten, mehr oder weniger, nach fremden Schiffen geschaut, muss als Versicherung reichen. Wie gesagt, diese Gedanken kommen sowieso nur selten.
Trotzdem ist diese Fahrt unheimlich, geheimnisvoll, unwirklich. Nicht von dieser Welt.
So anders als alles, was ich zuvor gemacht habe.
Achim verwendet, wenn wir drueber sprechen, immer wieder das Wort irreal.
Ja, was fuer eine irreale Sache das ist, wird mir erst jetzt, unterwegs, bewusst.
Soviel Wasser. So weit weg von Land. Tag und Nacht gleiten wir ueber diesen Ozean.
Wissend, dass es bereits nach Tag eins kein Zurueck mehr gab.
Was immer passiert, der weitere Weg ist vorgegeben. Aussteigen? Kein Bock mehr? Nicht moeglich!
Manchmal hoere ich bei der Nachtwache Stimmen.
Leises Gewisper, Fluestern, ohne einzelne Worte verstehen zu koennen. Mal kommen die Stimmen aus der Pantry, dann wieder von oben aus dem Cockpit.
Manchmal nur kurz, dann wieder laenger.
Ich freue mich, dass Achim mit bestaetigt, er hoere sie auch.
Ich hab mal gelesen, dass seien ertrunkene Seeleute, die zu einem sprechen. Das kann man glauben, wenn man es moechte, so klar sind die Stimmen zu hoeren.
Angst haben wir beide nicht. Aber diese Weite, diese Unendlichkeit und, nicht zuletzt, die Einsamkeit, die beeindrucken uns sehr. Das geht nicht emotionslos an einem vorbei.
Und dann kommt es wieder, dieses komische Gefuehl. Nachts.
Auf See bist Du in Gottes Hand.
- Die unendliche Weite

