Archiv der Kategorie: Franz. Guyana

Organisation läuft…

Di., 16.Feb.16, Französisch Guyana/Kourou, Tag 626, 5.573 sm von HH

Trotz aller Hindernisse, die uns sprachlicher und untouristischer Natur in den Weg gelegt werden, bekommen wir etwas gebacken.
Wir finden eine Autovermietung, eigentlich sogar alle drei, die vor Ort ansässig sind.
Die eine hat zu, die andere spricht nur französisch und bei der dritten reservieren wir fürs Wochenende ein Auto. Recht teurer Spaß ist das hier, 82 EUR für zwei Tage und auf 200 km/Tag begrenzt.

Außerdem radeln wir zum Ariane-Space-Center, um uns einen Termin für eine Führung zu holen.
Dies soll man eigentlich per Mail erledigen, wir versuchen es persönlich.
Unser Einsatz wird belohnt: Die Damen vor Ort sprechen sehr gut Englisch und bieten uns Freitag in einer Woche sogar eine Führung auf Englisch an. :-)
Alle bis dahin erhaltenen Informationen lauteten, es gäbe nur Führungen auf Französisch.

Hinter dem Space-Center scheint die ESA ihre europäischen Angestellten mit allerlei Freizeitangebot bei Laune halten zu wollen. Es gibt Bogenschieß-Anlagen, einen Golfplatz, einen Flugplatz für fliegende Seifenkisten, Jogging- und Gymnastik-Parcours und gute Wege zum Radeln.

Am Wegrand scheuchen wir einen Schwarm grüner Sittiche oder Papageien auf. Wie schööön.

Als der Weg in den Wald hineinführt, hört der Spaß spontan auf.
Die Geschwindigkeit darf nicht unter 10 km/h abfallen. Sofort fallen die Mücken über uns her, wir geben Gas. Nicht genug, wir holen uns reichlich Stiche ab. Merke!, nie ohne Mückenspray auf Tour gehen, selbst tagsüber nicht. :cry:

Untouristisches Kourou

Mo., 15.Feb.16, Französisch Guyana/Kourou, Tag 625, 5.573 sm von Hh

Unsere kurze Atlantik-Überquerung; bei der wir gegenüber der Karibik zwei bis vier Tage gespart haben, müssen wir uns nun teuer „bezahlen“.
In der Karibik ist alles auf die Ankömmlinge aus der Alten Welt eingestellt.
Boat-Boys, die wahlweise Brot, Wäschedienst, Ausflüge und Shuttle-Service anbieten.
Nimmt man an einer der Rallyes teil, warten sogar Früchtekorb und kühler Rum-Punch auf einen.
In Kourou herrscht touristisches Niemandsland. Nicht nur, dass uns keiner winkend und voll Begeisterung in Mindelo verabschiedet hat, in Kourou wartet auch keiner auf uns.  :-(

Weder befreundete Segler, noch überhaupt jemand.
Kourou ist der untouristischte Ort, den wir je gesehen haben. Niemand wartet hier auf uns, niemand auf Urlauber im allgemeinen.
Keiner scheint hier vom großen Kuchen Tourismus etwas abhaben zu wollen.

Kein Hinweis, wie man zum Weltraum-Bahnhof kommt, der Haupt-Attraktion in Kourou.
Keine Wegweiser zu Autovermietungen, zum Archäologie-Zentrum, keine Werbung für Fahrten zu den Teufelsinseln, keine Busfahrpläne, Nichts.
Ja, es gibt noch nicht mal ein Marina-Office in dem wir sonst die wichtigsten Infos schon bei der Anmeldung erhalten.

Unser Land-Reiseführer berichtet von einer Touristen-Information. An der beschriebenen Stelle ist sie schon mal nicht.
Am Fluss weist ein Schild auf einen Tourist-Point an der Marina hin. Das finden wir erst an Tag vier, da es abgebrochen auf der Erde liegt.
An einer verrammelten Tür gibt es Öffnungszeiten, die mit der Realität nichts gemein haben.
Es wird noch auf ein weiteres Büro am Strand hingewiesen. Das finden wir, allerdings ebenfalls verschlossen.

Nach einer knappen Woche erwischen wir dann doch jemanden im Touri-Büro.
Wie kann es anders sein, die nette Dame spricht nur Französisch. Mit Hilfe eines Wachmanns werden für uns in eine Karte von Kourou dort Kreuze hin gemalt, wo Autovermietungen zu finden sein sollen.

Eine Recherche zu Fuß und mit dem Rad ergibt dann, Fehlanzeige. Wo die zwei Experten Kreuze in die Karte gemalt haben, ist maximal der Friedhof in der Nähe. :mrgreen:

Apropos Friedhof.
In Kourou hat man es mit Kacheln. Alles, was die Schwimmbäder-Kachel-Ausstellung hergibt, wird hier zu Kachel-Turm-Gräbern zusammen gebaut.
Die meisten Gräber sind ohne Namen, so dass man wissen muss, Oma liegt unter den Pastel-Mauve-Fliese mit den  Blumenranken.

Da die Touri-Info uns nicht weiter bringt, versuchen wir weiterhin alleine unser Glück.
Selbst die allwissende Google-Maschine ist wenig hilfreich. Ein paar spärliche Hinweise, meistens der Natur „es gibt in Kourou nichts“, sind zu finden.

Wir haben jetzt das zweite Fahrrad an Land, so dass wir auf Bus fahren komplett verzichten werden. Äh, ganz ehrlich, eher verzichten müssen.
Wir kennen keine Linie, keine Zeiten, keine Haltestellen.

Grrr, das wir aber auch kein Französisch können.
Kinder, ein gut gemeinter Rat uns von weit gereisten Menschen: Lasst die Finger von Latein! Wählt unbedingt Französisch oder Spanisch.
Für uns ist zu spät, sich an das unlernbare Französisch zu wagen. Alea iacta est.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kourou per Rad

So., 14.Feb.16, Französisch Guyana/Kourou, Tag 624, 5.573 sm von HH

Schnell wird klar, dieses Kourou kann man effizient und sinnvoll nur mit dem Rad bereisen.
Bis zum Super ‚U‘ sind es sechs, bis zum Waschsalon drei Kilometer, eine Tour, versteht sich.

Da es recht umständlich ist das Fahrrad im Dinghi hin- und herzufahren, muss dafür ein sicherer Platz an Land gesucht werden. An dem soll es dann über Nacht bleiben.
Meine Idee bei der Feuerwehr zu fragen, scheitert schlicht an mangelnden Sprachkenntnissen. Achim meint, dass die denken ich wolle ihnen mein Rad schenken und dass sie ein neues Dienstfahrzeug haben.

Dann kommt uns die Idee, es in der Marina anzuschließen.
Eine Marina im herkömmlichen Sinn ist der Steg allerdings nicht. Vielleicht ein Dutzend Schiffe finden dort ihren Platz. Es handelt sich bei den Schiffen allerdings um die vergammelte Flotte von dauerliegenden Franzosen.
Die Dinger sind in einem furchtbaren Zustand, aber alle sind super freundlich und hilfsbereit.
Außer Pierre kann kaum einer ein paar Brocken Englisch.

Der Marina-Steg wird bewacht. Wobei der Wachmann häufig durch Abwesenheit glänzt. Trotzdem halten wir die Räder hier für sicher.


Direkt neben der Marina gibt es noch einen Fischerei-Steg an dem nachmittags die Fischer festmachen.
Zuerst haben wir dort mit dem Dinghi geparkt, aber wen die Fischer kommen, liegen wir dann etwas im Weg.
Uns schein diese Tatsache mehr als die Fischer zu stören, denn es wird uns hilfsbereit beim Festmachen geholten und gleich Fisch offeriert (Flussfisch 5,50EUR/kg, Dorade-Filet 7,00 EUR/kg).

Mein erster Weg mit dem Rad führt zum Waschsalon. Nach über drei Wochen hat sich so manches schweißige Shirt angesammelt. Den Waschsalon haben wir zufällig beim Rundgang durch den Ort gefunden.
Moderne 7 oder 14 kg Maschinen, alles sauber. TipTop und noch recht preiswert dazu.
14 kg Wäsche kosten gerade mal 10 EUR. Das hatten wir schon teurer.

Bei der französischen Gebrauchsanweisung steht man mir hilfreich zur Seite.
Ein Farbiger in meinem Alter erklärt amüsiert, wie man am Schaltpanel die richtige Maschine wählt und wie man Waschpulver erhält, so man welches benötigt.
Immer wenn jemand rein kommt, lacht er sich kaputt, da er einer Frau erklären muss, wie gewaschen wird.

Der Salon befindet sich mitten im Wohngebiet und ist gut besucht.
Um mir die Wartezeit zu vertreiben, packe ich den Laptop aus und schreibe diesen Bericht. Niemand interessiert sich für mich. Es fühlt sich, wie überall in Kourou, alles sicher und freundlich an.
Ein kleines Mädchen bietet mir einen klebrigen Erdbeer-Gummibären an. Leider kann ich mich mit nichts revangieren, da ich es schon lange aufgegeben habe, Süßigkeiten mit zu nehmen. Da sind schon die schlimmsten Dinge im Rucksack zusammen geklebt. ;-)

da so viele Einheimische mit dem Rad unterwegs sind, gibt es sogar Fahrradwege entlang der Ausfallstraßen. Diese sind in einem passablen Zustand, nur wenn es stark geregnet hat, steht ein Drittel wadenhoch voll Wasser.

Die Schwarzen fahren übrigens alle, egal ob jung oder alt, Mann oder Frau mit dem Sattel ganz unten. Das sieht etwas merkwürdig aus, wenn ein 80 kg Mann mit krummen Beine, wie auf einem Kackstuhl hockt.
Jedem das seine…. :roll:

Einklarieren in Kourou

Fr., 11.Feb.16, Französisch Guyana/Kourou, Tag 621, 5.573 sm von HH

Französisch Guyana ist Europa.
Als Französisches Übersee-Department gehört es zu 100 % zu Frankreich und ist damit Teil der Europäischen Gemeinschaft. Es gehört allerdings nicht zu Schengen.
Und da wir über eine Außengrenze in Europa eingereist sind, ‚müssen‘ wir uns beim Zoll melden.

Gestern hätten wir das Unterfangen schon fast komplett aufgegeben.
Wen immer fragen, alle zucken nur mit den Schultern. Ratlose Gesichter im Rathaus, Kopfschütteln und ein ’no, no‘.
Wobei unklar bleibt, ob das ’no‘ auf ‚ich habe keine Ahnung‘ oder ‚ihr braucht das nicht‘ bezieht.

Bis wir Pierre treffen. Pierre bastelt an einen Schiff in der Marina herum und gibt den entscheidenden Hinweis. Der Zoll ist am Ende vom Industriegebiet, 5 km weiter flussaufwärts. Am alten Hafen.

Somit machen wir uns gleich morgens auf den Weg.
Die Strecke ist unschön, direkt an der Landstraße und führt raus aus dem Wohngebiet. Wir kommen vorbei an kleinen Tischlereien, Metallbauern und Händlern französischer Autohersteller.
Die Wege werden schlechter, aus Asphalt wird Schotterweg. Aus Schotter wird Feldweg.

Ein Weißer hält mit dem Auto an und fragt uns, ob wir zum Zoll möchten. Wenn ja, sagt er, dann seit ihr hier richtig. Beruhigend. Wir gehen weiter.

Nach 10 Minuten bekommen wir aus einem anderen Auto einen Daumen hoch gezeigt. Wir interpretieren es als Hinweis, dass wir noch immer richtig laufen.

Das letzte Haus, kurz vor dem Fluss, ist es dann.
Ohne das ‚Douanes‘-Schild am Tor wären wir vorbei gegangen. Nicht mal für eine Trikolore hat es gereicht. Wer hier arbeiten muss, hat Schlimmes verbrochen.


Das Büro hat tatsächlich geöffnet und der zuständige ‚Beamte‘ kommt in Turnhose und Addiletten daher.
Er versteht was wir wollen.
Schnauft hörbar auf und setzt sich dann umständlich vor den Computer. Oft hat er an dem Teil noch nicht gesessen und die beiden sind keine Freunde.

Zum Glück zieht er eine laminierte Gebrauchsanweisung aus der Schublade. Mit dem Finger fährt er Punkt für Punkt ab, was er uns zu fragen hat, welche Papiere er benötigt und von was er wie viele Kopien machen muss.

In den Rechner tippt er unsere Schiffdaten und unsere persönlichen Daten. Final sind fast alle Namen auf dem Dokument, was wir von ihm bekommen falsch geschrieben. :roll:

Dafür vergisst er nicht es zweifach zu stempeln (der letzte Punkt auf seinem Aufgabenzettel). Und er macht uns klar, dass wir uns bei der Ausreise bei ihm wieder abmelden müssen. Europa? Nie und nimmer sind wir in Europa.

Als wir auf unserem Rückweg sind, kommt er mit seinem Auto an uns vorbei gefahren. Wahrscheinlich ist er von seiner Arbeit so erschöpft, dass er erst Mal nach Hause fahren muss. und zwei Tage Sonder-Urlaub benötigt.  ;-)

 

Kourou

Mi., 10.Feb.16, Französisch Guyana/Kourou, Tag 620, 5.573 sm von HH

An Tag zwei nach Ankunft und einigen Gezeiten-Wechseln verlassen wir gemeinsam das Schiff.
Ein paar frische Sachen zum Essen wären nicht schlecht. Wir schätzen allerdings den hiesigen Karneval falsch ein: Aschermittwoch ist Feiertag, fast alle Geschäfte haben geschlossen. Nur ein paar Mini-Markets, betrieben von Chinesen bzw. Laoten, haben geöffnet.

Einklarieren können wir vergessen. Einkaufen auch.
An Bord befinden sich noch ein Kürbis, ein paar Möhren und eine Salatgurke. Okay, mal sehen was das gibt, ich bin allerdings sicher, dass Achim enttäuscht sein wird. :mrgreen:

Es soll in Kourou einen großen Super-U geben, der die gesamten Köstlichkeiten aus Frankreich im Sortiment haben soll. Den wollen wir finden.
Schnell stellen wir fest, dass das Französische Schulsystem prima in Französisch Guyana greift: keine Fremdsprachen-Kenntnisse auf weiter Front zu finden. Keiner versteht uns. :-(
Erst als wir nach McDonalds fragen, der in der Nähe sein soll, funktioniert es bei einer jungen Frau.

Sie kann uns leidlich den Weg beschreiben, mindestens noch weitere 3 km Fußmarsch.
Achim ist schon alles egal, er will zu Mekkes…

Wir trotten guter Dinge neben einer viel befahrenen Ausfallstraße entlang, als neben uns ein Auto hält. Zwei junge, hübsche Latinas fragen wo wir hinwollen. „McDonald.“
Wir werden eingeladen mit ihnen zu fahren. Na, dann mal los, besser als laufen.
Die sind ja mal richtig nett.  :-)

Fünf Minuten später setzten sie uns direkt vor der Tür ab und noch fünf weitere Minuten hat Achim das erste BigMac Menü seit Monaten vor der Nase.

 

Zurück müssen wir zwar zu Fuß. Das hilft aber schon mal zur ersten Orientierung im Ort.
Kourou ist flach wie Ostfriesland.
Optimales Fahrrad-Gebiet und man sieht auch eine Menge Einheimischer durch die Stadt radeln.
Der Ort ist sehr in die Fläche gebaut, die Wege sind weit. Und Kourou ist total nichtssagend.

Es kommt behäbig und verschlafen daher. Kein Südamerikanisches Temperament zeigt sich. Gegen den Trubel in Mindelo kommt es hier schon traurig lahm daher.
Die Menschen sind entweder ganz schwarz oder ganz weiß. Die beiden Milchkaffe-Mädchen sind die Ausnahme. Eine Vermischung, wie sie in Kap Verde stattgefunden hat, ist hier offensichtlich ausgeblieben.

Wir fühlen uns spontan wohl und sicher. Die Leute grüßen freundlich und blicken uns interessiert, offen und herzlich in die Augen. Es ist so schade, dass wir keine gemeinsame Sprache haben. Reiseführer und Internet wissen wenig über Kriminalität zu berichten.
Kourou ist Malaria und Banditen frei :-)

Die Menschen wohnen viel in Reihenhäusern oder in dreigeschossigen Wohnblocks. Ein paar Privilegierte haben Einzelhäuser. Es wirkt nicht arm, aber doch recht dürftig. Alles ist etwas ramponiert, rummelig, stellenweise schmuddelig.

 

Das Leben spielt sich vor der Haustür ab, die offen steht und von der Straße durch Gitter abgetrennt ist. Die Hintertür ist gleichfalls offen, damit möglichst viel Durchzug durch das Haus fegt.

Die gesamt Familie lümmelt auf Plastikstühlen oder ausrangierten Sofas. Der Grill verströmt köstliche Düfte. Die Dame des Hauses steht gerne nur in ein Handtuch gewickelt (über der Brust zusammengeknotet) vor der Tür.

Der kleine Garten wird weder für Blumen noch zum Gemüseanbau genutzt (Saat-Tüten habe ich im Baumarkt gesehen). Statt dessen liegen Bretter, Bleche, alte Kühlschränke und sonstiger Gammel herum. Es gibt kaum Ausnahmen.