Do., 07.Juni 18, Pazifik, Tag 1467, 13.056 sm von HH, etmal 97
Seit zwei Tagen haben wir konstanten Wind aus Süd-West. Meistens 13 Knoten, Windstärke vier. Wenn eine der Wolkenwände auf uns zu läuft, geht es mal hoch auf 17 Knoten Wind, danach der Absturz auf 9 Knoten. Die letzten 24 Stunden waren mit einem Schnitt von 4 Knoten ganz gut. Auch die Richtung passte einigermaßen. Sobald der Wind auch nur etwas dreht, fahren wir sofort eine Wende, um möglichst optimal aufs Ziel zuzusteuern. Das gelingt nicht immer gleich gut. Der Humboldtstrom redet ein kräftiges Wörtchen mit. Wir stecken jetzt mitten drin. Die Wassertemperatur ist schon um 1,5 Grad gesunken. Wo er am stärken ist, wissen die Götter.
Durch den schwachen Wind ist es an Bord ganz gemütlich. Wir haben uns längst an die Schräglage gewöhnt. Leichtfüßig bewegen wir uns im Schiff. Einen Schrank zu öffnen, stellt mich nicht mehr vor eine unlösbare Aufgabe. Die berühmten Seebeine sind, wie immer, ab Tag 4 voll ausgebildet. Heute Vormittag schien für 30 Minuten die Sonne. Dann wieder der graue Himmel mit tiefliegenden Wolken. Aus Westen kommt eine Wolkenwalze nach der anderen angerollt. Zum Glück sind Gewitter und Regen seit gestern ausgeblieben. Tagesmeilen 97 – davon 0 unter Motor Noch 196 sm direkter Weg (in 7 bis 8 Tagen, wie unsere Prognose war, wird das wohl nix)
Tag 5 nach Ecuador – Trotteliges Tölpel Treffen
Mi., 06.Juni 18, Pazifik, Tag 1466, 12.959 sm von HH, etmal 77
Am Nachmittag kreist ein Tölpel um Atanga. Eindeutig äugt er nach einem Landeplatz, den er nach einigen Landeversuchen auf dem Bugkorb findet. Wackelig sitzt er auf der dünnen Stange und wird prompt abgeworfen. Aber der Platz gefällt ihm. Ein erneuter Landeanflug folt. Er lernt schnell, von welcher Seite es einfacher geht. Er kommt auch zunehmend besser mit dem stampfenden Bug klar. Der Hub von einem Meter stört ihn kaum. Er findet sein Gleichgewicht und fällt nach kurzer Zeit nicht mehr runter. Mit Seelenruhe fängt er an sich zu putzen.
Eine Stunde später kreist ein zweiter Tölpel ums Schiff. Der hat den Trick mit der Landung noch schneller drauf. Tölpel Nummer eins meckert zwar den Neuankömmling etwas an, aber dann sitzen sie doch einträchtig beieinander. Keine dreißig Minuten später kommt ein dritter Tölpel geflogen. Hallo? Wir sind doch keine Vogel-Kolonie. Das finden Nummer eins und zwei ebenfalls und hacken auf den Neuen ein. Der will fliehen, rutscht mit gespreizten Flügeln von der Stange ab und sitzt prompt in der Falle. Der Bugkorb verjüngt sich nach vorne und der arme Kerl bleibt mit seinen Flügeln so ungünstig hängen, dass er weder vor noch zurück kann. Die Stange vom Bugkorb ist unter seinen Achseln eingeklemmt. Ein beidseitiger Armhebel sozusagen.
Jetzt ist auch klar, woher diese Vögel ihren Namen haben.
Achim sprintet schnell nach vorne und rettet den Tölpel aus seiner misslichen Falle (damit dürfte die alte Tölpel-Geschichte für alle Zeiten aus der Welt geschaffen sein). Überrascht von der schnellen Hilfe, stürzt der Trottel-Tölpel zunächst ins Wasser, kann dann aber unverletzt weiter fliegen.
Unsere drei Freunde beraten sich kurz und entscheiden, wo Platz für zwei Tölpel ist, findet auch ein dritter noch ein Stück Stange. Friedlich hocken sie sich auf dem Bugkorb zusammen. Wenn wir eine Wende fahren, fliegen sie kurz davon und nehmen erneut Platz. „Wir bleiben über Nacht“, stellen sie klar. Im Morgengrauen sitzen noch zwei Tölpel am Bugkorb. Ob der Trottel in der Nacht abgestürzt ist, ist nicht verbürgt. Schon bald verschwinden auch die verbliebenen zwei. Einer kehrt nach anderthalb Stunden zurück und bleibt noch bis zum Mittag bei uns. Dann geht er endgültig wieder seiner Wege. Wahrscheinlich sind wir ihm doch zu langsam.
Wenn die Vögel unser Vorschiff so toll finden, will ein Thunfisch da nicht hinten an stehen. Kurz vor dem Dunkelwerden hören wir ein eigenartiges Flappen. Wir glauben es nicht. Auf dem Vorschiff zappelt ein kleiner Thunfisch. Übermütig scheint er etwas zu hoch gesprungen zu sein und landet an Deck. So ein Leckerbissen. Aber der Kerl ist recht klein und Achim befindet sich im Lebensretter-Modus. Der Thunfisch darf wieder schwimmen.
Wir mutieren zur Arche Atanga kommt es mir vor.
Tagesmeilen 77 – davon 0 unter Motor Noch 274 sm direkter Weg
Tag 4 nach Ecuador – Alle Farben grau
Di., 05.Juni 18, Pazifik, Tag 1465, 12.882 sm von HH, etmal 76
Was als schöner Hollywood-Film begann (da schaukelt es auch nie auf einem Segelboot), entpuppt sich als Woody Allen Tragikomödie: „Was Sie schon immer mal über Segler wissen wollten.“
„Du nervst vielleicht.“ Mein Konter ist originell: „Selber!“ „Olle Meckerziege.“ „Selber!“ „Geh‘ bloß ins Bett oder iss ein Stück Schokolade. Deine schlechte Laune hält ja keiner aus.“ „Sag du mir nicht, was ich machen soll. Hör lieber auf unterm Bimini zu qualmen. Du stinkst alles voll“, nörgeln wir uns gegenseitig an. „Immer muss alles nach Deiner Nase gehen.“ „Selber“, Achim kann es auch nicht besser. Ich folge dem unerwünschten Ratschlag und greife herzhaft in die Schoki. Achims Sucht siegt ebenfalls. Statt unterm Bimini wird am Heck eine gequarzt. Da kann der feine Herr dann auf einmal im Regen stehen ohne zu quaken. ![]()
Drei Tage nur Regen und Gewitter. Das Wetter drückt auf die Stimmung. 50 Shades of Grey, nur nicht so erotisch. Morgenrot grau, Himmel grau, Wasser grau, wahlweise mit oder ohne Regen. Abendrot grau. Laune grau. Wir dümpeln mit knapp drei Knoten in die halbwegs richtige Richtung. „Komm, lass uns nicht zanken, die Situation ist so schon unerfreulich genug“, bietet Achim an. Hand drauf.
Am Nachmittag muss die Maschine wieder ran. Kaum noch Wind. Wir treiben rückwärts. So langsam hat uns der Humboldtstrom am Wickel. Hier soll doch der Wind aus Süden kommen. Als wir vor uns, hinter uns und neben uns eine Gewitter-Zelle sehen, sind wir sicher, gleich geht es los. Einer Intuition folgend, greifen zu unserem schwersten Segel, der Fock. Nicht eine Minute zu früh. Gefühlt rücken alle drei Wolken-Wände näher. Zehn Knoten Wind, fünfzehn Knoten, es geht hoch auf zwanzig. Die Fock-Schoten dicht geknallt, brettern wir davon. Reffen ist was für Feiglinge, schließlich liegt unser Wunschkurs (190 Grad) an. Hoch am Wind entkommen wir dem Regen in die Dämmerung hinein.
Der Komfort an Bord ist schlagartig vorbei. Wir schieben reichlich Lage. Zwanzig Grad machen jeden Handschlag anstrengend. Der beste Ort ist im Bett – gut gepolstert zur schrägen Seite. Meine Schicht beginnt wie immer um 22:00 Uhr. „Wir müssen eine Wende fahren“, empfängt Achim mich, „der Wind hat etwas gedreht.“ Schlaftrunken stehe ich im Niedergang. Ich mag nicht hinter der Sprayhood herauskrabbeln, es gießt wie aus Eimern. „Zieh am besten nur Deine Regenjacke an, sonst nichts“, rät Achim mir. „So wie ich“. Wieder muss ich an ‚Fifty Shades of Grey‘ denken. Also, Augen zu und raus. Vorstellen mag ich mir unseren Anblick nicht.
Die Wende ist schnell abgearbeitet. Achim verschwindet ebenso schnell: „Du machst das schon. Wenn der Wind noch heftiger wird, lass die Großschot etwas raus.“ Die Nacht ist dunkel wie im Bärenarsch. Ein Blindflug. Es regnet, es donnert, es blitzt. Heute Nacht wird an diesem Ort der Weltuntergang geprobt. Der Wind geht nicht über zwanzig Knoten, reffen brauchen wir nicht, aber schön geht anders. Hinter meiner Sprayhood gibt es eine kleine trockene Ecke. Dort mache ich es mir ‚gemütlich‘. Mein Blick fällt auf den Windanzeiger. Huch, 25 Knoten, sagt die Anzeige, hab ich gar nicht mitbekommen. Dann 28 Knoten, 30 Knoten. Mir rutscht das Herz in die Hose. Dafür haben wir zu viel Tuch oben. 32, 33, 35. Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Alle Signale stehen auf ‚Flucht‘. Als ich 38 sehe, fängt endlich das Gehirn an zu arbeiten: Unmöglich! Die Anzeige muss spinnen. Das blöde Gerät zählt noch bis 81 hoch, dann geht es zurück auf anständige 19 Knoten. Ich zähle die Minuten bis ich Achim wecken darf und zurück in mein Bettchen kann.
Catch of the day: ein zu kleiner Gelbflossenthun, der zurück ins Meer kommt Tagesmeilen 79 – davon 16 unter Motor Noch 312 sm direkter Weg
Tag 3 nach Ecuador – Schietwetter
Mo., 04.Juni 18, Pazifik, Tag 1464, 12.803 sm von HH, etmal 67
Den ganzen Vormittag regnet und gewittert es. Nach dem Früh-Squall geht der Wind auf 5 bis 8 Knoten zurück. Mal segeln wir, mal läuft der Motor. Noch nie haben wir so häufig die Segel rein, die Segel raus lassen müssen. Hamburger Schietwetter, würde ich sagen. Grauer Himmel, graues Meer. Mittags hört der Regen auf, aber es bleibt grau. Wir segeln mit 3 Knoten im Schnitt auf dem richtigen Kurs. Wir müssen noch etwas West gut machen, bevor die Gegenströmung einsetzt und der Wind südlich dreht. Sonst landen wir in Kolumbien.
In der Nacht nimmt der Wind zu. Wahnsinn. Windstärke vier! Wir haben die Kante erreicht, wo der nördliche Wind aufhören soll. Leider hat die Vorhersage wieder recht. Der Wind dreht. Wir sind noch gar nicht westlich genug gekommen und werden bereits nach Osten zurück gedrängt. Noch können wir einen Kurs von 160 Grad halten. Im Morgengrauen (im wahrsten Wortsinn – die Sonne lässt sich nicht blicken) geht der Wind erneut zurück. Wir kriechen im Schildkrötentempo süd-ostwärts. Man, man, man, wir wollen doch süd-westwärts. Was für ein Törn. Rechnerisch könnten wir die restliche Strecke unter Maschine fahren. Aber drei Tage motoren, hält auch keiner aus. Wir bleiben tapfer und segeln weiter.
Catch of the Day … ein Gelbflossen Thun
Tagesmeilen 67 – davon 12 unter Motor Noch 334 to go
Tag 2 nach Ecuador – Wenn der Himmel brennt
So., 03.Juni 18, Pazifik, Tag 1463, 12.736 sm von HH, etmal 78
Sir Francis Drake, der anhand der Logbücher von Fernando Magellan als zweiter Entdecker den Erdball umsegelte, sah die Sache mit dem Pazifik anders. Er fand, dass der Name ‚Mare Furiosum‘ -der Aufgebrachte- die passendere Bezeichnung sei. Seit letzter Nacht wissen wir, wie er das meinte. Es beginnt alles ganz friedlich. Den ganzen Tag ziehen wir mit guten 3,5 Knoten unsere Bahn in genau die gewünschte Richtung. Der Wind kommt über Stärke drei nicht hinaus, so dass wir mit dem Ergebnis mehr als zufrieden sind. Zur Dunkelheit bricht dann die totale Flaute über uns ein. Erst lassen wir uns noch ganz tapfer von der Strömung treiben. Wir schaffen drei Meilen in zwei Stunden. Wir werfen entnervt doch die Maschine an. Zum Beginn meiner Nachtwache, um 22:00 Uhr, ist ein zaghafter Wind zurück. Wir entscheiden uns gegen den Blister (wir haben noch immer Schiss bei Nacht mit diesem Teil zu segeln) und setzen Groß und Genua. Das Tuch der Genua ist deutlich schwerer, trotzdem steht das große Segel.
Mit mickrigen vier Knoten Wind schaffen wir einen Knoten Geschwindigkeit. Das geht eigentlich gar nicht. Normalerweise klappen die Segel bei so wenig Wind in jedem Wellental zusammen und man wird wahnsinnig vom Schlagen der Segel. Heute Nacht funktioniert es: eine alte Windsee existiert nicht, eine alte Dünung ebenfalls nicht. Was dann folgt, ist wohl die bezauberndste Stunde auf See, die ich je hatte. Geräuschlos ziehen wir durchs Wasser. Nur am Heck ist ein leises Gluckern zu hören. Keine Fahrgeräusche, kein Wind im Ohr, kein Wellengeplätscher. Unter Deck ist es totenstill. Nichts klappert oder rappelt. Kein Geplapper, Achim schläft. Der Mond ist noch nicht aufgegangen, ein paar Sterne sorgen für diffuse Beleuchtung. Über dem Festland flackert Wetterleuchten und macht die Szenerie noch gespenstischer. Wir gleiten durch die Nacht. Wir schweben förmlich. Wie ein Geisterschiff. Wir fliegen. Wie der Fliegende Holländer. Wir sind der Fliegende Holländer. Gänsehaut! Der Plotter teilt meine Begeisterung nicht. Frech grinst er mich an: bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit bräuchten wir noch 15 Tage bis Ecuador. Nach einer Stunde ist der Zauber vorbei, der Wind nimmt zu, die Geräusche ebenfalls. Das Wetterleuchten wird heftiger. Hinten rechts, über Panama, steht die größte Zelle. Dort brennt der Himmel. Wie ein Magengeschwür werden die Wolken von innen beleuchtet. Dann erscheinen kleinere Zellen hinten links und vorne links. Wir sind umzingelt von brennenden Wolken. Schön. Wunderschön. Aber beängstigend. In der Ferne grummelt der Donner, der zu den zuckenden Wolken gehört. Trotz Gewitterzellen an allen Fronten bleibt der Wind nur schwach, knapp 10 Knoten. Um 2:00 Uhr übernimmt Achim die Wache. Der Himmel brennt noch immer lichterloh und das soll bis zur Dämmerung so bleiben. Ich gehe ins Bett und werde um 5:30 Uhr fast aus der Koje gerollt. Atanga legt sich heftig auf die Seite. Squall Alarm. Eine der Gewitterzellen hat dann wohl doch etwas Wind im Gepäck.
Wie gut, dass wir den Blister nicht oben haben. Mit voller Genua und Groß ist es schon ätzend genug die 25 Knoten Wind abzuwettern. Natürlich gießt es wie aus Eimern. Eine kalte Dusche noch vor dem Aufstehen. Wie ätzend. Dreißig Minuten später ist die Angelegenheit wieder vorbei. Der Wind stirbt wie abgeschaltet, was bleibt ist der Regen und die Blitze. Noch 18 Tage bis Ecuador weiß der Plotter. Wir starten den Motor.
Tagesmeilen 78 – davon 28 unter Motor Noch 394 to go…
