So., 03.Juni 18, Pazifik, Tag 1463, 12.658 sm von HH, etmal 98
Pacifico – der Friedliche, so nannte Fernando de Magallanes 1520 den neuen Ozean auf der anderen Seite Amerikas. Seine Expedition entdeckte die, nach ihm benannte, Magellan-Straße in Feuerland, tief im Süden des neuen Kontinents. Ruhig und still kam ihm Pazifik nach den rauen Monaten im Atlantik vor. Fünf Schiffe mit 265 Mann starteten in Spanien, um zu beweisen, die Erde ist rund. Magellanes selber schaffte es nicht zurück nach Spanien, er kam auf den heutigen Philippinen ums Leben. Ein Schiff, die ‚Victoria‘ und 18 Seeleute erreichten nach drei entbehrungsreichen Jahren Spanien und gelten als die ersten Weltumsegler.
Der Friedliche, so zeigt sich auch uns der neue Ozean. Glatt gezogen wie ein Bettlaken. Kleine Wellen kräuseln die Oberfläche. Eine alte Dünung existiert nicht. Wir segeln aufrecht und es schaukelt an Bord weniger als so manchen Tag am Ankerplatz. Alle Luken bleiben geöffnet, beidhändig können wir essen, beidhändig abwaschen und beidhändig die Unterbüx runterziehen. Ja, sogar eine Dusche liegt drin. Das gibt es sonst nie an Tag 1 und wird nur allzu oft auch an Tag 2 ‚vergessen‘. Das Leben auf dem Meer kann so schön sein.
Die Wettervorhersage hat tatsächlich recht: wir haben Wind aus Nord-Westen. Unter Maschine kurven wir aus dem Inselgewirr und der Windabdeckung der Las Perlas. Schon bald setzten wir unseren Blister (das bunte Leichtwindsegel). Ein Hauch von Wind – 5 bis 8 Knoten – das ist grade mal Windstärke 2 bis 3, zieht uns in die gewünschte Richtung. Wir bekommen über einen Knoten Strom geschenkt und sind überraschend gut auf dem Weg. Zeitweise schaffen wir über vier Knoten.
Zum Abend wechseln wir auf unsere Genua. Der Wind ist gleichbleibend schwach, aber wir haben Schiss das 120qm große Tuch nachts stehen zu lassen. Zu wenig Übung haben wir mit dem Lappen. Wir baumen die Genua aus, aber die Performance lässt natürlich nach. Trotzdem schaffen wir noch 3,5 Knoten vorwärts. In der Nacht wird der Wind schwächer. Unsere eigene Geschwindigkeit fällt auf unter einen Knoten, aber weiterhin gibt uns eine Strömung Schwung. Der Motor bleibt aus. Geduldig sitzen wir das Schneckentempo aus. Die Richtung könnte nicht besser sein. Süd-West. Genau da wollen wir hin. Und wer weiß, wofür wir den Diesel noch brauchen.
Tagesmeilen 98 – davon 5 unter Motor Noch 472 to go…
Tag 1 – auf dem Weg nach Ecuador
Auf, auf, nach Ecuador
Sa., 02.Juni 18, Panama/Las Perlas – Contadora, Tag 1462, 12.560 sm von HH
Gleich geht es los. Überraschend zeigt sich ein Hauch von Nordwind am Ankerplatz. Und in den Vorhersagen. Wir hoffen, dass er draußen etwas mehr als 6 Knoten auf die Uhr bringt. Besser waren die Prognosen noch nie.
600 sm liegen vor uns, die wir unmöglich motoren können, soviel Diesel haben wir nicht.
Mit Glück kommen wir mit dem Nordwind an die Kante 150 sm weiter westlich von hier, wo der Südwind vorherrscht. Dann heißt es aufkreuzen. Zusätzlich zum Wind wird uns der Humboldtstrom entgegenkommt. Der stemmt sich mit bis zu 2,5 Knoten nordwärts. Aus 600 sm können schnell 800 und mehr werden.
Wir werden sehen, was das abgibt – wir haben es ja so gewollt.
Wir werden, wie immer, von unterwegs berichten.
Panama ist auf beiden Seiten eine Seglerfalle. Adios Panama. Unser Herz konntest Du nicht erobern. Aber wir verdanken Dir die Fahrten durch den Kanal. Was für ein wunderbares Erlebnis.
Vier Jahre – zwei Fazits
Do., 01.Juni 18, Panama/Las Perlas – Contadora, Tag 1461, 12.560 sm von HH
Wie immer getrennt voneinander geschrieben.
Die Fakten:
1.347 sm (Vorjahre im Schnitt: 3.737 sm )
2 besuchte Länder (Vorjahre im Schnitt: 8 Länder)
Achim:
Vier Jahre. Klingt erst einmal viel, ist es aber nicht.
An das alte Leben erinnert nicht mehr viel. Das Boot ist mein Heim und dort, wo es gerade liegt, ist mein Zuhause und das, was darum herum passiert, mein Leben. Recht simpel und auch sehr befriedigend. Ich möchte derzeit mit Niemandem tauschen.
Das letzte Jahr war besonders. Die sechs Monate in Kolumbien waren ein Geschenk. Tolles Land, nette Leute und aus meiner Sicht, ein sicheres Land. Es war eine schöne Zeit und ich hoffe sehr, dass das auch nach der Präsidentschaftswahl auch so bleiben wird. Kolumbien war die positivste Überraschung unserer Reise. Es wäre sehr schade, wenn der Friedensvertrag aufgekündigt würde und die Farc wieder „in den Wald zieht“.
Panama hat uns nicht nur Glück gebracht. Der Blitzeinschlag am 5. Januar hat unsere gesamte Planung durcheinander gebracht und mir drei heiße Monate unter Deck mit meinen Kabeln beschert. Das brauche ich definitiv nicht noch einmal und so schön ist es in Shelter Bay dann auch nicht. Insgesamt konnte Panama nicht mit Kolumbien mithalten. Vermutlich waren die Amis zu lange hier und haben nicht nur die erstrebenswerten Teile Ihrer Kultur hinterlassen.
Am meisten hat mich in den letzen zwölf Monaten der Müll schockiert, der überall in der westlichen Karibik, aber auch hier auf der Pazifik Seite umhertreibt. Egal, wann man auf das Wasser blickt, immer wieder sieht man Plastikteile an der Oberfläche treiben. Entsprechendes gilt für alle Strände auf der Windseite der Inseln, die wir besucht haben. Müll über Müll über Müll und in der Regel niemand, der sich dessen annimmt.
Ich frage mich, ob das überhaupt jemals reparabel ist. Ich wünschte es mir, glaube aber, dass aufgrund der langen Zeit, die es braucht, bis diese Plastikteile sich komplett zersetzt haben, es wohl nie passieren wird. So werden wir alle, einen großen Teil als Mikroplastik im Essen wieder finden. Was für eine Scheiße.
Jetzt freue ich mich auf Ecuador. Altes Heim, aber neues Zuhause und neues Leben für die nächsten Monate.
Sabine:
Viel gesegelt sind wir das letzte Jahr nicht. Da ist keiner an Bord böse drum. Weit rum gekommen sind wir ebenfalls nicht. Aber wir haben soviel erlebt.
Sechs Monate Kolumbien, das haben wir uns so ausgesucht und großartige Inlandsausflüge unternommen. Die Tour zur ‚verlorenenen Stadt‘ ist eine unvergessliche Erfahrung.
In Santa Marta und auf Providencia war die reisefreie Zeit unkompliziert und angenehm. Orte, wo man wohnen möchte. Für mich ist Kolumbien ein Highlight der letzten vier Jahre.
Weitere sechs Monate waren wir in Panama. Nicht ganz so freiwillig. Der Blitzeinschlag steckt uns noch immer ein wenig in den Knochen. Bei jedem Gewitter kreisen die Gedanken dorthin zurück. Zeitlich haben wir den Rückschlag längst akzeptiert: dann dauert die Reise eben ein wenig länger.
Das langsame Reisen gefällt uns von Jahr zu Jahr besser. Erst dadurch lernt man einen Ort richtig kennen. Bruce Chatwin, britischer Schriftsteller, bringt es auf den Punkt: „Wenn man weniger als drei, vier Tage an einem Ort bleibt, kommt die Seele nicht hinterher.“
Einfache Mathematik bringt es ebenfalls auf den Punkt: nach vier Jahren haben wir erst ein Viertel der rechnerischen Strecke hinter uns. ![]()
Dass man tatsächlich eine Weltumsegelung schafft, scheint nicht selbstverständlich. Wir haben überraschend viele Crews getroffen, für die vorzeitig die Reise zu Ende ist. Eine eigene Krankheit oder die von Familienangehörigen zwingt zum Abbruch. Es gibt Konflikte in der Partnerschaft, die zum Ausstieg eines Crewmitglieds an Ort und Stelle führen. In einem Fall einigte man sich grad noch auf eine gemeinsame Rückführung des Schiffes nach Europa.
Andere hören auf wegen ‚der Angst vor den langen Strecken‘ oder weil schlicht das Geld zu Ende ist.
Ich bin mir sicher, dass Achim mich auch gerne so manches Mal gerne auf einer einsamen Insel ausgesetzt hätte. Bis es soweit ist, genieße ich weiterhin jeden Tag und versuche die geschenkte Zeit nicht als selbstverständlich zu nehmen. (und ich freu mich im Sommer auf meinen Heimbesuch)
Ansonsten haben wir beide viel Spaß bei der Arbeit. ![]()
Die Wartung der Sicherheitsausrüstung
Mi., 30.Mai 2018, Panama/Las Perlas – Contadora, Tag 1460, 12.560 sm von HH
Rettungsinsel, Rettungswesten und Feuerlöschanlage – so eine Wartung dauert normalerweise Stunden und Fachfirmen sind erforderlich. Eine komplette Wartung dauert auf Atanga grade 10 Minuten. Macht die Crew selber. Ein Edding und spitze Fingernägel sind alles, was wir brauchen.
Wir befinden uns in den Vorbereitungen für Ecuador. Ecuador soll bei der Einreise von Yachten etwas pingelig sein. Auch Segelboote werden nach ‚Solas‘ kontrolliert. Safety of Life at Sea.
‚Solas‘ ist eine Vereinbarung der UN, die nach dem Untergang der Titanic ins Leben gerufen wurde. Anwendung finden diese Regeln überwiegend für die Berufsschifffahrt.
Unsere Rettungsinsel: abgelaufen 2016. Eine Wartung unterwegs bot sich bislang nur in Kolumbien an. Aus Sicherheitsgründen haben wir darauf verzichtet. Im Internet finden sich viele Berichte, dass man die Rettungsinsel schlechter wieder bekommt als man sie abgibt.
Eine Wartung in Deutschland, kurz vor unserer Abreise, bescheinigte damals ein tadelloses Auslösen der Insel, trotz einer Wartungsüberschreitung von mehreren Jahren. Wir fühlen uns somit sicher.
Die Behörden in Ecuador sollen schon darauf bestanden haben, dass abgelaufene Ausrüstungsgegenstände getauscht werden. Besser sei es, einen Gegenstand gar nicht zu haben als mit falschem Datum. Na, wenn das so ist. Nichts leichter als das. Die alten Prüf-Etiketten sind schnell abgepuhlt. Mit Edding kommt ein neues Siegel bis 2/2020 drauf, Handzeichen drunter, schon fertig.
Abgelaufene Medikamente und Lebensmittel werden ebenso bemängelt. Kopfschmerztabletten – abgelaufen 2016 – entsorgen wir. Meine letzten zwei Dosen Würstchen – abgelaufen 2015 – verstecke ich. Die sollen unbedingt in die Südsee mit. Vor ein paar Wochen haben wir noch eine Dose gegessen. Alles ta-del-los. Ein Glas Himbeeren und eine Dose Sauerkraut (beides 2017) kommen mit in das Versteck. Wäre ja noch schöner, wenn meine Schätze in den Mülleimer müssten.





