Tag 4 nach Ecuador – Alle Farben grau

Di., 05.Juni 18, Pazifik, Tag 1465, 12.882 sm von HH, etmal 76
Was als schöner Hollywood-Film begann (da schaukelt es auch nie auf einem Segelboot), entpuppt sich als Woody Allen Tragikomödie: „Was Sie schon immer mal über Segler wissen wollten.“
„Du nervst vielleicht.“ Mein Konter ist originell: „Selber!“ „Olle Meckerziege.“ „Selber!“ „Geh‘ bloß ins Bett oder iss ein Stück Schokolade. Deine schlechte Laune hält ja keiner aus.“ „Sag du mir nicht, was ich machen soll. Hör lieber auf unterm Bimini zu qualmen. Du stinkst alles voll“, nörgeln wir uns gegenseitig an. „Immer muss alles nach Deiner Nase gehen.“ „Selber“, Achim kann es auch nicht besser. Ich folge dem unerwünschten Ratschlag und greife herzhaft in die Schoki. Achims Sucht siegt ebenfalls. Statt unterm Bimini wird am Heck eine gequarzt. Da kann der feine Herr dann auf einmal im Regen stehen ohne zu quaken. :roll:
Drei Tage nur Regen und Gewitter. Das Wetter drückt auf die Stimmung. 50 Shades of Grey, nur nicht so erotisch. Morgenrot grau, Himmel grau, Wasser grau, wahlweise mit oder ohne Regen. Abendrot grau. Laune grau. Wir dümpeln mit knapp drei Knoten in die halbwegs richtige Richtung. „Komm, lass uns nicht zanken, die Situation ist so schon unerfreulich genug“, bietet Achim an. Hand drauf.
Am Nachmittag muss die Maschine wieder ran. Kaum noch Wind. Wir treiben rückwärts. So langsam hat uns der Humboldtstrom am Wickel. Hier soll doch der Wind aus Süden kommen. Als wir vor uns, hinter uns und neben uns eine Gewitter-Zelle sehen, sind wir sicher, gleich geht es los. Einer Intuition folgend, greifen zu unserem schwersten Segel, der Fock. Nicht eine Minute zu früh. Gefühlt rücken alle drei Wolken-Wände näher. Zehn Knoten Wind, fünfzehn Knoten, es geht hoch auf zwanzig. Die Fock-Schoten dicht geknallt, brettern wir davon. Reffen ist was für Feiglinge, schließlich liegt unser Wunschkurs (190 Grad) an. Hoch am Wind entkommen wir dem Regen in die Dämmerung hinein.
Der Komfort an Bord ist schlagartig vorbei. Wir schieben reichlich Lage. Zwanzig Grad machen jeden Handschlag anstrengend. Der beste Ort ist im Bett – gut gepolstert zur schrägen Seite. Meine Schicht beginnt wie immer um 22:00 Uhr. „Wir müssen eine Wende fahren“, empfängt Achim mich, „der Wind hat etwas gedreht.“ Schlaftrunken stehe ich im Niedergang. Ich mag nicht hinter der Sprayhood herauskrabbeln, es gießt wie aus Eimern. „Zieh am besten nur Deine Regenjacke an, sonst nichts“, rät Achim mir. „So wie ich“. Wieder muss ich an ‚Fifty Shades of Grey‘ denken. Also, Augen zu und raus. Vorstellen mag ich mir unseren Anblick nicht.
Die Wende ist schnell abgearbeitet. Achim verschwindet ebenso schnell: „Du machst das schon. Wenn der Wind noch heftiger wird, lass die Großschot etwas raus.“ Die Nacht ist dunkel wie im Bärenarsch. Ein Blindflug. Es regnet, es donnert, es blitzt. Heute Nacht wird an diesem Ort der Weltuntergang geprobt. Der Wind geht nicht über zwanzig Knoten, reffen brauchen wir nicht, aber schön geht anders. Hinter meiner Sprayhood gibt es eine kleine trockene Ecke. Dort mache ich es mir ‚gemütlich‘. Mein Blick fällt auf den Windanzeiger. Huch, 25 Knoten, sagt die Anzeige, hab ich gar nicht mitbekommen. Dann 28 Knoten, 30 Knoten. Mir rutscht das Herz in die Hose. Dafür haben wir zu viel Tuch oben. 32, 33, 35. Adrenalin pumpt durch meinen Körper. Alle Signale stehen auf ‚Flucht‘. Als ich 38 sehe, fängt endlich das Gehirn an zu arbeiten: Unmöglich! Die Anzeige muss spinnen. Das blöde Gerät zählt noch bis 81 hoch, dann geht es zurück auf anständige 19 Knoten. Ich zähle die Minuten bis ich Achim wecken darf und zurück in mein Bettchen kann.
Catch of the day: ein zu kleiner Gelbflossenthun, der zurück ins Meer kommt Tagesmeilen 79 – davon 16 unter Motor Noch 312 sm direkter Weg

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