Archiv der Kategorie: Neuseeland

8 Jahre – 2 Fazits

Mi.,01.Juni 22, Neuseeland/Whangarei, Tag 2923, 24.696 sm von HH

Wie jedes Jahr getrennt von einander geschrieben.

Achim
Schon wieder ist ein Jahr um. Viel zu schnell. Das scheint aber die Realität zu sein, wenn man wie ich die 60 erreicht hat. Sagte doch so ein frecher „Bengel“ auf dem Yard zu mir, dass es den Älteren so vorkommt, dass die Zeit schneller liefe, weil es weniger gibt, auf das sie sich freuen können. Na dem werde ich es zeigen, der alte Mann steckt noch voller Pläne.

Die letzten zwölf Monate waren gemischt. Granaten Highlights wie das Tauchen an der Wall of Sharks in Fakarava wechselten hin zu wochenlangen Arbeiten am Boot. Dazwischen ein wenig ruhigere Zeiten in Tahiti, die garniert waren mit ein paar Einschränkungen wegen Corona und dann der Ritt non-stop von Papeete nach Neuseeland. Ganz neu für uns war die Erfahrung des House-sittings. Für die Ur-Deutsche Seele ist es schon ungewöhnlich, dass Menschen, die nichts von einem Wissen, einem Haus, Hof und Tiere überlassen und sich dann wochenlang verpieseln. Super cool und eine tolle Art mal in die Normalität einzutauchen.

Alles in allem also ein Jahr, was besonders war. Unvergessen, im Guten wie im Schlechten. Bunt, schön, grau, ätzend, aufregend und langweilig. Einfach Leben.

Sabine
Der Titel unseres Blogs lautet ‚Atanga – ein Blog vom Segeln um die Welt‘. Gefühlt ist da nichts mit Segeln gewesen, die letzten zwölf Monate. Aber so können Gefühle täuschen, denn wir haben tatsächlich unseren jährlichen Durchschnitt von ungefähr 3.000 Meilen eingehalten.
Das lag natürlich in erster Linie an der für uns längsten Strecke von Tahiti nach Neuseeland: 2423 Meilen. Nicht nur der längste Ritt, sondern auch der ruppigste. Eine heiße Erfahrung.

Jetzt steht Atanga seit genau sechs Monaten an Land und die Zeit rast genauso schnell wie sonst. Trotz Blut, Schweiß und Tränen, die bereits geflossen sind, freuen wir uns über das große Refit von Atanga (Spoiler: das Flexi Teek liegt bereits zur Hälfte – Fotos folgen im nächsten Bericht – schon mal so viel: es sieht geil aus :-) ).
Durch das Refit unterscheidet sich das letzte halbe Jahr deutlich von unserer bisherigen Reise. Langweilig ist es in keinem Fall. Von Neuseeland haben wir in zwei Wochen grade mal den nördlichsten Zipfel der Nordinsel gesehen. Reiseabenteuer stehen zurzeit im Hintergrund. Aber im Sprichwort heißt es: „Beim Reisen kann man Land und Leute kennenlernen“. Und wie könnte man die Leute besser kennen lernen als in ihren Häusern zu wohnen? Seit gestern wohnen wir mit Michael und Katze ‚Basil‘ zusammen unter einem Dach. Ich würde sagen, Air B&B ist nichts für Menschenfeinde. :mrgreen: Eine neue Erfahrung. Spannend und interessant für mich. Auch wenn nicht alles glänzt beim Air B&B (im wahrsten Wortsinn), so bietet es neben der Aufregung auf der Werft noch mal extra eine Unterhaltung.
Unsere Reise vom Segeln um die Welt hat in Neuseeland eine unerwartet lange Unterbrechung genommen, aber irgendwann kommt auch das Segeln und Reisen wieder zurück.

Wunderbare Herbstwanderung am 8.Jubiläum

Wir haben frei – den Flexi Teek Jungs können wir nicht helfen – drei Wochen vor Winteranfang noch sommerliche Temperaturen

 

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Schleichender Fortschritt und ein drohender Umzug

So.,29.Mai. 22, Neuseeland/Whangarei, Tag 2920, 24.696 sm von HH

Das Deck
Die Tage ziehen ins Land. Es geht voran, aber langsam.
Zur Ehrenrettung der Werft muss ich berichten, dass das Deck vieler Arbeitsschritte bedarf, die alle ihre Zeit benötigen.
– Gelcoat abschleifen
– Matte kleben und spachteln
– Spachtel schleifen
– das total verklebte Malerband entfernen
– alles neu abkleben
– Unebenheiten finden und füllen (Spot filling)
– Schleifen
– Wiederholung vom Spot filling
– Schleifen
– letzte kleine Unebenheiten füllen und Mikrolöcher füllen (pin hole filling)
– Schleifen
– drei Anstriche mit Epoxy-Primer
– ein letztes Mal schleifen

Genau sechs Wochen sind darüber ins Land gegangen. Zur Anschuldigung der Werft muss ich berichten, dass die Arbeiten einfach nicht vernünftig koordiniert werden. Sieben verschiedene Handwerker haben bisher an unserem Deck gearbeitet. Einige von ihnen nur einen halben Tag. Zwischendurch werden die Jungs auf andere Schiffe abgezogen – fallen bei uns dann aus – für ganze zwei Tage. Dazu kommt die beißende Gemütlichkeit im Arbeitstempo von zwei, drei speziellen Kandidaten.

Nun wurde von Lance für Montag „einfach“ ein Termin mit der Flexi Teek Firma vereinbart. Ohne, dass er sich den Fortschritt der Arbeiten angeschaut hätte. Unsere Erwartung war, dass er abends mal vorbei schaut, begutachtet, was geschafft wurde und den Kunden (uns) beruhigt, dass alles wunderbar läuft. Wir waren fast jeden Tag auf der Werft, meistens beide, meistens bis Feierabend; darauf haben wir sechs Wochen vergeblich gewartet. Gespräche gab es nur, wenn wir uns in sein Büro gedrängt haben.

Jedenfalls wurde der Termin zu früh verabredet, den Leuten nicht Bescheid gesagt und nun ist Hektik. Seit vier Tagen wird wie verrückt an Deck gearbeitet. Freitag mit Überstunden, Samstag und sogar heute am Sonntag. Lance mit dabei. :mrgreen:

Morgen muss es fertig sein. Während ich schreibe, ist Achim vor Ort und bereitet die Püttinge (die Halter für die Wanten, die wir nun endlich von unten ins Deck stecken können) vor.

Die erste Lage Epoxy-Primer von dreien – Samstagarbeit

 

Der Rumpf
Am Rumpf wird effizienter gearbeitet. Hier führte allerdings zu feuchtes Wetter häufig zu Verzögerungen. Oder das Rumpf-Team arbeitete, wie vereinbart, an der Ari B. Somit ist auch der Rumpf nach sechs Wochen noch nicht ganz fertig.

Der Rumpf hat sein Spot Filling ebenfalls hinter sich

Mit Pin Hole Filling wurde angefangen – Ausfall des Arbeiters wegen Krankheit – da kann man nichts machen

Wow! Das hätten wir nicht erwartet. Aber den Tatsachen muss man ins Auge blicken – unsere schöne Zeit bei George geht zu Ende. Am Dienstag kommen unsere Gastgeber wieder. Wir müssen raus.
Eine tolle Zeit geht zu Ende. Das Haus könnten wir uns auch für uns vorstellen. Nicht zu groß, kleiner Garten, nette Terrasse und natürlich George. Was für ein liebenswerter Geselle. Die nächtlichen Einbrüche ins Schlafzimmer hat er schnell aufgegeben. Er hat nach ein paar Tagen brav vor der Tür gelegen und gewartet bis der erste von uns aufsteht und endlich Futter in die Näpfe füllt.

Eine nette Holzveranda ist gleichzeitig der Eingang zum Haus – man kommt quasi durch die Terrassentür ins Haus

Drei Ratten und eine lebendige Maus, die ihm entschlüpfte und wir sie durchs Wohnzimmer jagen mussten, waren seine Geschenke. Seine größte Freude hat er daran, mit nassen Schmutzpfoten durch die Katzenklappe zu stürmen. „Halt, George, sofort stehen bleiben“, befolgt er mit Genuss. Weiß er doch, dass das grüne Handtuch zum Abrubbeln kommt. Bereitwillig schmeißt er sich dann auf die Seite und lässt sich laut schnurrend seine vier Pfoten sauber putzen. Anschließend dreht er eine kleine Runde über Sessel und Sofas, wirft einen Blick nach draußen: prima, es regnet noch! Und schon verschwindet er wieder nach draußen.  Eine halbe Stunde klappert erneut die Katzenklappe: „Halt, Geogie!“  Wir drei lieben dieses Spiel.

Danke, das war nicht nötig – zumindest kein Blut auf dem Teppich

 

Vorderpfoten – kein Problem

Hinterpfoten mit Genuss

Und nach der zweiten Rubbelrunde macht er es sich auf meinem Strickzeug gemütlich

Ein Anschluss-House-Sitting hat sich leider nicht angeboten, daher habe ich uns eine AirB&B Unterkunft gesucht.
Mal sehen, wie uns das gefällt. Wir haben das noch nie gemacht und sind gespannt. Wir werden unser eigenes Schlafzimmer haben. Küche, Essbereich und Bad teilen wir mit den Gastgebern. Als gutes Omen sehen wir, dass dort ebenfalls eine orangene Katze wohnt. Was kann also schief gehen?

Tschüss Georgie – dich geben wir nur schwer wieder her

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Das Umfeld von Whangarei

Di.,17.Mai. 22, Neuseeland/Whangarei, Tag 2908, 24.696 sm von HH

Wer uns nicht mehr in unseren „Blaumännern“ sehen kann, der ist hier und heute richtig. ;-)
Drei Tage können wir absolut nichts am Schiff arbeiten (weil der Rumpf der Ari B, unser Hallen-Nachbarschiff, an der Reihe ist und auf dem Deck sind wir überflüssig) – yippee – und dann ist auch noch das Wetter Granate. Drei Tage frei, los geht’s auf Wanderschaft.

Smugglers Bay Loop Track
Den ersten Tag fahren wir ans Ende der weitläufigen Bucht von Whangarei. ‚Mit guter Bademöglichkeit‘, verspricht die Touren-Beschreibung. :mrgreen: bei grade noch 19 Grad Wassertemperatur ist das ein drolliger Vorschlag. Der Weg beginnt auf einer Rinderweide. Durch eine nur für Menschen geeignete Schleuse im Zaun gelangen wir auf die Wiese. Die Tiere grasen in der Ferne und sind nur am Kauen interessiert. Nach hügeliger Weidelandschaft führt der Weg durch Buschland an der Küste entlang. Obwohl Sonntag ist, begegnen uns nur zwei weitere Wanderer. Das ist toll in Neuseeland – selten trifft man auf Menschenmengen.
Ein wenig anstrengender Weg mit moderaten Steigungen.

Erst über Wiesen

dann an der Küste entlang

Smugglers Bay Loop

Super schön am Ende der Bucht von Whangarei

Parihaka
Parihaka ist sozusagen der Hausberg von Whangarei. Fast zu Fuß von unserer Unterkunft aus zu erreichen. Der totale Kontrast zu gestern. Durch die Stadtnähe treffen wir auf viele Jogger und Fitness-Gurus, die für sich die 250 Höhenmeter des erloschenen Vulkans zur Fitness-Bude erklärt haben. Über siebenhundert Stufen erreicht man den steilen Gipfel mit einer Aussichtsplattform. Ganz Whangarei kann man überblicken.
Früher hatten die Maori hier eine Festung. Die Überreste sind mit Laienaugen wie unsere  kaum mehr zu erkennen. Als damals die weißen Siedler die Befestigung nicht einnehmen konnten, haben sie frisches Laub in die Palisaden gestopft und angezündet. Die Maori wurden quasi ausgeräuchert. Heute steht ein Kriegs-Mahnmal an dieser Stelle.

Beim roten Kreuz steht Atanga in der Halle

Rechts daneben folgt das Centrum von Whangarei mit Geschäften und Kleinindustrie – im Hintergrund schmiegen sich die Wohnhäuser an die Hänge

Noch weiter nach Norden – dort wohnen wir zur Zeit beim roten Kreuz

Barge Park – The nowhere Tree
Am dritten Tag beginnt unsere Wanderung an dem Park in dem wir beim ersten House Sitting morgens immer die Hunde ausgeführt haben. Es startet mit der Durchquerung einer Schafweide, dann müssen wir über einen Zaun klettern und durch eine Kauri-Schutz-Schleuse mit Schuhreinigung. Es folgt ein wenig begangener und nicht ausgebauter Pfad durch unberührten Urwald. Die Wegbeschreibung wies schon darauf hin, dass manchmal die orangenen Markierungen schwer zu finden seien. Und tatsächlich, wir müssen fix aufpassen, dass wir den schmalen Pfad nicht verlieren.
Urige Bäume, auch ein paar Kauris sind dabei, unbekannte Schlingpflanzen und unendlich viele, ausgesprochen gesunde Baumfarne. Eine Wanderung komplett ohne Aussicht, aber absolut lohnend für Waldfreunde. Die Strecke ist stellenweise recht steil, die Baumwurzeln sind nass und glitschig. Die Luftfeuchtigkeit beträgt bestimmt 95 Prozent, bei 19 Grad spätherbstlichen Temperaturen. Heute treffen wir unterwegs gar keine anderen Wanderer – das gefällt uns immer am Besten.

Leider sind die drei Tage Freizeit viel zu schnell vorbei, Morgen werden die Wanderschuhe wieder gegen einen Blaumann getauscht.

Es geht los über eine Bilderbuch-Schafsweide

Folgt den orangenen Pfeilen – so die Anleitung

Im Baumfarn-Wunderwald – gleich am Stadtrand

So ein schönes Muster entsteht auf einem halb toten Baumfarn-Stamm

Urige Bäume unterwegs – dieser ist abgestorben und fast komplett hohl

Die obligatorische Schuhreinigung in Kauri-Baum-Gebiet

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Arbeitstempo

Fr.,13.Mai. 22, Neuseeland/Whangarei, Tag 2904, 24.696 sm von HH

Nach der Regenpause und einem Wochenende geht es mit der Sauerei-Arbeit am Rumpf weiter. Zeitgleich wird mit den Arbeiten am Deck begonnen. Zuerst wird auch hier eine Schicht Glasfasermatte geklebt. Danach wird gespachtelt und hinterher geschliffen. Das Deck muss frei von Beulen und Dellen sein. Unter dem Flexi Teek wird man jede Unebenheit erkennen können.

Zunächst muss aber wieder alles abgeklebt werden. Da auf Grund der morgendlichen hohen Luftfeuchtigkeit erst um 10:30 Uhr am Rumpf begonnen werden kann, nutze ich die Wartezeit, um beim Abkleben an Deck zu helfen. Winschen,  Luken, Cockpit – alles muss geschützt werden. Nick und ich machen uns an die Arbeit. Ritssssch, ritssssch, ritssssch macht mein Klebeband. Ritsch    ….[pause]  ritsch   ….[pause]    ritsch    …[pause],   höre ich Nick. Ich will nichts behaupten, ach was soll‘s, ich behaupte es einfach ;-) , ich arbeite doppelt so schnell. Den jungen Mann lässt es ungerührt, dass die Eignerin direkt neben ihm sitzt und ranklotzt. Er lässt sich von meinem Tempo nicht anstecken. Er arbeitet seinen Stiefel. Ich kann das schwer ertragen und bin froh, als es mit den Arbeiten am Rumpf los geht. Hier wird rein gehauen. Peter spukt richtig in die Hände.

Alles abkleben – Gemeinschaftswerk

Nach fünf Tagen ist es geschafft. Atangas Rumpf sieht aus wie eine schlecht verzierte Erdbeertorte. Das wird natürlich noch glatt geschliffen. Aber Peter demonstriert uns, dass das Lösungsmittel im Spachtel sofort die Schleifscheiben dicht setzt. „Ihr könnt eine Menge Scheiben sparen, wenn ihr mit einem Abzieher die Oberfläche anraut.“ Wir hören auf diesen Rat. Sparen klingt gut, verschlingen doch die Jungs an Deck eine Menge Geld.
Und viel was Besseres haben wir am verregneten Wochenende sowieso nicht zu tun. Es ist eine echte Trottel-Arbeit: mit einer Klinge von 5 cm Breite eine Fläche von 45 Quadratmetern zu bearbeiten. Überhaupt kommen wir dahinter, dass Bootsbauer nicht unser Traumjob wäre. :lol:

 

Erdbeersahne-Torte – die wellen kommen noch weg

Große Fläche für kleines Gerät – nach einem Wochenende ist es erledigt

 

Während der Rumpf sich in einen rosa Traum verwandelt, geht es auch am Deck voran. Langsam, ganz langsam. Zwei Arbeiter wurden dafür eingeteilt. Der schon bekannte Nick bekommt Gesellschaft von John. Wer kennt das Video-Spiel ‚Siedler‘? Und die dort arbeitenden Holzfäller und Häuslebauer, die soviel unsinnige Wege laufen, dass sie Spuren im Waldboden hinterlassen? Das sind Nick und John. Leiter hoch an Deck. Upps, Klebeband vergessen. Leiter runter. Mal eben zum Shop gelaufen – eine Rolle Klebeband kommt auf Atangas Rechnung. Leiter wieder hoch. Doppel-upps, Schleifpapier vergessen. Es folgt der nächste Gang zum Shop …

Wir sind deutsch, wir sind pünktlich. Nick und John sind Neuseeländer. ;-)
Was soll ich sagen, es ist schwierig. Wir bekommen die beiden 8 Stunden am Tag berechnet, obwohl sie nur 7,5 Stunden arbeiten. Eine halbe Stunde Frühstückspause geht auf unsere Kappe. Die Arbeiter sollen während dieser Zeit keinen Lohn bekommen. Okay, wenn das so ist in Neuseeland, kannst nix machen.
Auf einmal ertönt ein Handyalarm von oben vom Deck. Achim geht nachschauen. „Frühstückspause“ heißt der Alarm, eingestellt drei Minuten vor 10:00 Uhr. Achim stellt den Alarm auf stumm, davon wurde hier heute niemand geweckt, weil Nick und John bereits vor fünf Minuten zur Pause gegangen sind. :mrgreen:

Viel machen können wir dagegen nicht. Die Neuseeländer sind sensible Seelen, Gemecker und direkte Kritik sollen sie schlecht vertragen können. Sie machen dann „zu“. Das entspricht nicht ganz unserem Naturell, aber wir trösten uns damit, dass A) die Arbeit ganz gut aussieht (soweit wir das beurteilen können) und B) die Stundenlöhne in Neuseeland echt niedrig sind. Ein Hilfsarbeiter wird uns mit 40 Dollar berechnet, ein „Geselle“ mit 58 Dollar und ein Vorarbeiter mit 72 Dollar. Das sind Stundenlöhne zwischen 25 und 45 Euro. Das ist sehr moderat. Und außerdem haben wir ja durch Eigenleistung schon so viel gespart, dass es jetzt auch mal ans Ausgeben gehen kann.
Also Freunde der Sonne, auf Atanga geht es vorwärts. Wir sind trotz allem begeistert.

Das Bild des Tages – Feierabend – da fehlte einfach die Zeit, um das Tape noch abzureißen

Eine Lage Matte und Spachtel – nass in nass gearbeitet

Es wird gearbeitet an Deck

Fortschritt bis nach hinten

Inzwischen (14 Tage später) wurde das ganze Deck geschliffen – demnächst folgt das Füllen der noch vorhandenen Unebenheiten – alles Stellen, die noch dunkelrot scheinen

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Was für eine Sauerei

Di.,03.Mai. 22, Neuseeland/Whangarei, Tag 2894, 24.696 sm von HH

Heute geht es nun endlich los – unser Osmose geplagter, deswegen vor Monaten um 4,5 mm abgeschälter (wie alles begann) und dann geschliffener Rumpf  (Rückschlag durch unerwartete Löcher) wird wieder aufgebaut.

Im ersten Schritt werden die tiefsten Löcher mit Vinylester und etwas Matte zugespachtelt bzw. geklebt. Es folgen zwei Lagen Glasfasermatte (chopped strand fibre). Gewicht 450 Gramm pro Quadratmeter. Und zum Schluss eine Schicht Spachtelmasse – ebenfalls  aus Vinylester. Alles wird nass in nass auf den Rumpf aufgebracht.

Zuerst kommen ein paar Glasfasermatten-Pflaster auf die schlimmsten Stellen

Wie selbstverständlich sind Achim und ich als Handlanger eingeteilt. Wir sollen die benötigten Matten zuschneiden, die Harze mischen und den beiden Glasfaser-Experten Peter und Ben zuarbeiten.
Der Anfang ist noch entspannt, wir schneiden vier Meter lange Bahnen für den Bug zurecht. Im Grunde genommen, ist es ein wenig wie Tapezieren. Außer, dass die Matte unglaublich fuselt und man in Null-Komma-Nichts überall juckende Glasfasern kleben hat.

Zuschnitt der Matten an einer Art Tapeziertisch

Peter zeigt uns, was beim Harz mischen verlangt wird. Akribisch wird der Arbeitsplatz vorbereitet. Ist alles da? Handschuhe, Lappen, Eimer, Schüsseln, Farbrollen? Ja, alles liegt bereit. „Ist einmal der Härter im Harz, ist die Verarbeitungszeit kurz. Ich will weder Material noch Zeit verschwenden. Also, wenn ich euch antreibe und das böse F-Wort benutze, dann ist das nichts Persönliches“, grinst er uns an. Peter ist ein Alpha-Mann, ein Macher, ein schneller Arbeiter. Anerkannt als Experte für Glas-Arbeiten. Die Jungs mit denen er zusammen arbeitet stehen stramm – wir ebenfalls. Wir knallen die Hacken zusammen.

Ich werde zum Anrühren eingeteilt, Achim trägt das fertig gemischte Harz zu Peter und Ben, bringt ihnen die Matten und hilft beim Festhalten der langen Bahnen, bevor sie fest am Rumpf kleben.“Alle bereit? Gasmasken auf und los geht’s“. Nein halt, eins fehlt noch – Musik. Peter ist Metal-Fan. Und Peter ist es egal, ob andere seinen Musikgeschmack teilen. Zum Glück können wir beide sehr gut damit leben, dass Metallica, ACDC und Ramstein die Arbeit beschallen. Nur versteht man durch die Gasmasken schon schwer genug, was der anderen von einem will. Aber Peters Anweisungen sind einfach: „More resin – mehr Harz.“

Aus einem 20 Kilo Fass fülle ich in einen Messbecher einen Liter Harz ab. Der wird in eine Plastikschüssel umgefüllt und bekommt 1,5 Prozent Härter dazu. Das sind nur 15 Milliliter. Mit Hilfe einer großen Dosier-Pumpen-Füll-Flasche  ist das mess- und machbar. Dann mit dem Spartel ungefähr 30 Sekunden rühren bis sich die Farbe verändert. Dann reißt Achim mir auch schon die Schüssel aus der Hand. Schnell bereite ich den nächsten Liter vor. Und noch einen in Reserve. Achim bringt die leere Schüssel zurück. Um wenigstens etwas Müll zu sparen, wische ich die schnell sauber, um sie wieder verwenden zu können.
In kürzester Zeit ist alles klebrig und mit Glasfasern übersät. Ich kann den Spatel nicht mehr einfach aus der Hand legen. Er klebt am Handschuh fest. Der Messbecher ebenfalls. Umso länger die Aktion dauert, desto schlimmer wird es. Das erste Harz fängt an anzuziehen. Es klebt wie Sau. Zeit zum Verschnaufen liegt nicht drin. „More resin“, schallt es über Guns N‘ Roses. „One more container.“
Es ist für alle anstrengend, egal welchen Job man hat. Dann endlich sind alle Bahnen verklebt und luftfrei festgestrichen.

Mein Arbeitsplatz – in der Tonne links ist das Harz – 6 bis 7 Fässer werden wir davon verbrauchen, wenn wir in ein paar Tagen fertig sind – á 20 Kilo

Giftmischer – Foto Credit Alex von der Ari B

Der fertig mit Matte überzogene noch feuchte Bug

„Wir machen dreißig Minuten Mittag. Dann kommt der Spachtel auf das Harz.“ Peter legt die Werkzeuge vor uns hin. „Bitte gut sauber machen, das brauchen wir Morgen alles wieder.“ Achim und ich starren auf die pappigen Scheren und Rollen. Mit Bergen an Aceton und Lappen rücken wir dem klebrigen Überzug auf den buchstäblichen Pelz. Alles ist überzogen mit Glasfasern und Harz. Billige Malerrollen und Plastiktabletts landen gleich im Müll, da lohnt sich die Reinigung nicht.

Nach zwanzig Minuten sind wir fertig. Unsere mitgebrachten Nudeln vom Vorabend sollten eigentlich in der Werftküche in der Mikrowelle  heiß gemacht werden. Keine Zeit. Kalt verschlingen wir sie neben der Halle auf einem Kantstein. Als ich noch schnell zur Toilette gehe, kommt Peter auch schon zurück.

Wertiges Werkzeug muss schnell sauber gemacht werden – alles wir unglaublich rasch hart

Zehn Minuten Mittagspause mit kalten Nudeln – das Leben ist zur Zeit kein Pony-Schlecken ;-)

Es folgt der zweite Streich: es soll Spachtel auf die noch feuchten Matten. Das Anrühren ist aufwendiger. Diesmal mischen Achim und ich gemeinsam. Für die Spachtelmasse kommt ein halber Liter Harz aus dem gleichen Fass in einen Eimer. Zwei Prozent eines Wachs  dazu – aufgezogen aus einer Flasche mit Hilfe einer Spritze. Es folgen zwei Sorten Mirkoballons. Das ist ein federleichter Füllstoff (3,5 Kilo haben das Volumen von einem Viertel Kubikmeter). Diese Mikroballons verändern die Struktur vom Harz, zur besseren Verarbeitung und Schleiffähigkeit der Spachtelmasse.  Die Kunst ist es soviel Ballons hinzuzufügen, dass Peter mit der Konsistenz zufrieden ist. Am Schluss noch einen Schuss Härter in den Eimer. Das Ganze wird mit der Bohrmaschine gerührt, noch einmal die Ränder mit einem Spachtel sauber gemacht und im Schweinsgalopp zu Peter gerannt. „Zu dünn“! Ich renne zu Achim zurück. Mehr Ballons dazu, rühren, Eimerrand säubern und wieder zu Peter bringen. Der ist jetzt zufrieden. Einen bereits leeren Eimer nehme ich mit, sauber machen und sofort die nächste Mischung ansetzen. Bloß keine Zutat vergessen. Schnell entwickeln Achim und ich ein System, wer für was zuständig ist. Aber Peter ist schnell und die Spachtelmasse schnell alle. Wir schwitzen.

Drei Eimer werden vorbereitet – den Vorlauf brauchen wir – sonst kommen wir hinter Peter nicht hinterher

Schließlich ist auch das geschafft. „Gut gemacht, der Spachtel wurde am Schluss immer besser“. Ein Lob von Peter. Wir schauen zufrieden und freuen uns. „Morgen soll es regnen. Bei Regen können wir nicht glasen. Dann ist die Luftfeuchtigkeit zu hoch. Es muss unter 70 Prozent sein, sonst funktioniert es nicht. Wir werden sehen, was Morgen für ein Wetter ist. Tschüüüß.“

Der gespachtelte Bug – alles leicht rosa – eine Sorte Mikroballons ist rot – die andere weiß – ergibt babyrosa

Achim und ich beseitigen noch die Sauerei des zweiten Aktes. Alles was wir in den letzten Jahren an Plastiktüten eingespart haben, ist mit einem Schlag zunichte gemacht. Eine gerammelt volle Mülltonne ist das Endergebnis. Eimer, Container, Handschuhe. Überreste vom Harz. Alles ungesundes Zeug. Und alles wird auf der Müllkippe landen. Sondermüll ist leider eine Fehlanzeige in Neuseeland.

Kaputt fahren wir in unser gemütliches Zuhause mit dem entzückende Leihkater. Viel Energie haben wir nicht mehr, aber für einen Regentanz reicht es noch. Mit Erfolg. Am nächsten Morgen gießt es wie aus Eimern – wir haben einen Tag Pause. :lol:

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