Kategoriearchiv: An Land

Covid-19 Maßnahmen in Neuseeland

Fr., 03.Dez.21, Neuseeland/Whangarei, Tag 2743, 24.688 sm von HH

Ab heute gilt in Neuseeland ein Ampelsystem gegen Corona. Und das neu eingeführte Prinzip von „No-Covid“. Diese Ampel kennt allerdings nur zwei Farben. Die Südinsel ist komplett orange (orange ist das neue gelb in NZ) und die Nordinsel ist rot-orange gestreift. Northland, der Distrikt in dem wir uns befinden, wurde auf rot gesetzt. Grün wurde gar nicht vergeben. Bislang gab es ein Drei-Level-System mit diversen Unter-unterstufen und der Grundsatz „Zero-Covid“.
Ob sie es nun Ampel oder Level nennen – uns egal, wir sind ja geimpft. Dachten wir.

Achim, bei uns der Mann für Formulare und Anträge, hat die leidvolle Aufgabe uns für „my-vaccine-pass“ anzumelden. Diesen Impfpass benötigt man mit Einführung der Ampel, wenn man als Geimpfter z.B. ins Restaurant oder zum Friseur gehen möchte. Pflicht-Impfung ist in Neuseeland kein Thema, hier sollen Impfunwille durch Ausschluss und Zutrittsverbote in die Knie gezwungen werden.

Im ersten Schritt wird unsere ausländische Impfung geprüft und im zweiten Schritt werden wir dann ins Gesundheitssystem aufgenommen. Die Anmeldung scheitert schon mal daran, dass wir keine Neuseeländische (oder Australische) Gesundheits-Ident-Nummer nennen können. Eine Führerscheinnummer genügt ebenfalls, haben wir aber auch nicht.
Die Internetseite hilft: „Können Sie sich nicht anmelden, dann wenden Sie sich an eine Apotheke oder Sie stellen einen schriftlichen Antrag – Bearbeitungszeit und Prüfung der ausländischen Impfung mindestens drei Wochen.
Na prima, und dann ist Weihnachten, da arbeitet doch kein Mensch. Ich bekomme eine mittelschwere Zornes-Krise. Für meine Freiheit habe ich mich impfen lassen und nun stecke ich als Geimpfte in einem Lockdown, der Ungeimpfte bestrafen soll! Ahhhrrrggh …

Wir versuchen es erst mit dem Apotheken-Tipp und steigen aufs Rad. In der ersten Apotheke kann uns die junge Dame nicht helfen. Sie kommt gar nicht ins System –auch nicht, wenn wir eine NZ-ID hätten.
Die Kiwis gelten als neugierig. Zum Glück. Die Dame in der Schlange hinter uns, die unser Gespräch mit der Apothekerin belauscht, hat das Wissen, das Ärzte ins System kommen können. Wir bräuchten nur einen Arzt aufsuchen.

In der zweiten Apotheke (mit großem Impfbereich am Eingang) kann uns der freundliche Mann ebenfalls nicht helfen. Achim versucht es mit Trick 17: „Wie wäre es, wenn wir uns Boostern lassen, bekommst du uns dann ins System eingetragen?“ Nein, er schüttelt den Kopf.  Ohne Erstimpfung und Registrierung der entsprechenden Chargen-Nummern sieht er keine Möglichkeit. Achim zieht das volle Register: „Nehmen wir an, wir wären gar nicht geimpft und würden uns jetzt an Ort und Stelle impfen lassen, was wäre dann?“ Diese Dreistigkeit macht den jungen Mann nervös. Dann ginge es, nickt er widerwillig.
Gut, soweit wollen wir nicht gehen. Es brächte uns auch nicht wirklich weiter. Mindestens drei Wochen Abstand zwischen den Impfungen plus zwei Wochen Wartezeit auf die sogenannte Vollimmunisierung, da wären fünf Wochen ins Land gezogen. Da ist ja die Antragsbearbeitung schneller.

Impfbereich in der Apotheke

Zufällig ist neben der Apotheke ein Ärztezentrum. Wir erinnern uns an den Tipp der Kundin und treten an die Rezeption. Zufällig ist die Dame hinter dem Tresen Deutsche. Sie hätten Patienten-Aufnahme-Stopp :roll: , sie kann uns leider nicht helfen. Aber sie kennt einen Arzt, zufällig Deutscher, der nimmt noch Patienten. Sie gibt uns seine Telefonnummer.

Wir rufen den Arzt an. Wendy, eine freundliche Stimme am anderen Ende hört sich unsere Sorgen an. Ja, sie hat Zugang zum System und sie ist sofort bereit uns zu helfen. Wir sollen ihr unsere Impfausweise und Pässe schicken. Sie will es versuchen. Am Abend kommt eine SMS: heute noch kein Erfolg, sie hat aber eine Anfrage an die zuständige Stelle geschrieben. Sie meldet sich morgen wieder. Parallel schicken wir nun doch den Antrag zum Gesundheits-Ministerium. Besser zwei Eisen im Feuer.

Von unseren neu eingetroffenen Schiffs-Nachbarn, Carla und Alex (Engländerin und Österreicher), die die gleichen Probleme haben, berichten, dass jeder, der bei der Einreise getestet wurde eine Gesundheits-ID angelegt wird. Die bräuchte man nur heraus bekommen. :mrgreen:

Am nächsten Morgen bekommen wir eine Mail vom Gesundheits-Ministerium. Hurra! Angehängt sind unsere vorläufigen „My-vaccine-Pässe“ – gültig bis 14.Dezember. Was danach passiert, wird nicht ausgeführt.
Ob nun unsere eigene Initiative oder die von Wendy zu diesem Erfolg geführt hat, ist nicht heraus zu bekommen. Vielleicht müssen wir noch mal die Idee von Carla und Alex aufgreifen.
Wir nehmen, was wir bekommen. Elf Tage dürfen wir uns jetzt frei bewegen. ;-)

Schon mehrfach in größeren Orten haben wir mobile Impfstationen in Campervans gesehen

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Mit dem Slipwagen aus dem Wasser

Di., 30.Nov.21, Neuseeland/Whangarei, Tag 2740, 24.688 sm von HH

Um 16:00 Uhr schallt ein Pfiff über den Fluss. Hochwasser. David gibt uns ein Zeichen, dass wir in die kleine Bucht mit der Slipanlage einfahren sollen. Wir gehen Anker auf und tuckern zur anderen Seite. An einer provisorischen Peer binden wir Atanga kurz fest, damit unsere Leinen gegen lange Landleinen getauscht werden können. Zwei Männer halten die Landverbindung aufrecht während Achim mit Atanga auf den Slipwagen zusteuert, der mittig vor der Rampe wartet.

Atanga fährt zwischen die Stützen über dem Gestell – der Radlader wartet schon

Zwischen vier langen Stützen kommt Atanga zum Stehen. Die Stützen sind auf ein Eisengestell montiert und können mit Hilfe von Ketten und einem Spannmechanismus an die jeweilige Schiffsbreite angepasst werden. Kevin kommt an Bord und übernimmt die Ausrichtung des Bootes. Das erfordert Feingefühl und die Ausrichtung benötigt seine Zeit. Immer wieder kurbelt er an der einen, dann an einer anderen Stange.
Der Trailer unter dem Eisengestell wird angehoben, Atanga etwas aus dem Wasser gehoben und sorgfältig ausbalanciert. Sogar Achim und ich kommen als Trimmgewichte zum Einsatz. „Stellt euch Backbord, jetzt nach vorne“, lauten die Anweisungen von Kevin. Als alles zu seiner Zufriedenheit ausgerichtet ist, holt uns David mit dem Dinghy ab. Alle müssen runter vom Schiff.

Atanga ist bereit für den Zug aus dem Wasser

Jetzt zieht ein Radlader langsam den Trailer aus dem Wasser. Atanga taucht auf. Scheckig, nur noch Reste verschiedener Antifoulings der letzten Jahre kleben am Rumpf. Stellenweise ist das Antifouling komplett abgefahren – die letzte Pinselung ist 28 Monaten her. Der Rumpf ist mit grünem Schleim überzogen, gewachsen in der überdüngten Bucht von Opua. Harter Muschelbewuchs ist nicht vorhanden. Achim hat einen guten Putz-Job in Papeete geleistet. Heute kommt die Wahrheit ans Licht.

Kevin ist nicht zufrieden. Skeptisch schaut er auf Atangas Kiel. Der liegt im letzten Drittel nicht wie gewünscht auf den Holzplanken auf. Nein, so geht das nicht, befindet er. Atanga wird zurück ins Wasser geschoben. Die Stützen werden wieder gelöst, Atanga im Gestell etwas nach vorne gezogen, Stützen erneut ausgerichtet und ein zweites Mal zieht der Radlager am Trailer. Diesmal sitzt es.
Es ist spät geworden, alle machen zufrieden Feierabend. Atanga bleibt an der Rampe stehen. Unsere erste Nacht auf dem Trockenen.

Atangas Kiel schwebt im hinteren Drittel in der Luft – das darf nicht sein

Am nächsten Morgen erfolgt eine Hochdruckreinigung. Und dann tauchen auch die Osmose-Blasen deutlich sichtbar auf. Gespannt schauen wir uns die Blasen an, die wir vor zwei Jahren aufgeschnitten und wieder gefüllt haben. Und meine Reparatur nach dem Korallen-Rampler. Die meisten haben gut gehalten. Nur zwei, drei sind erneut aufgequollen. Wir klopfen uns mal auf die Schulter – macht ja sonst keiner. Richtig gut sieht der Rumpf leider nicht aus. Unsere Osmose-Reparaturen

Ein guter Abscheider sorgt dafür dass die Reste vom Antifouling nicht in den Fluss gelangen

Osmose-Schäden

Stellenweise erkennt man einige neue Bläschen

Noch am Nachmittag schaut Lance bei uns vorbei. Lance ist der Supervisor für unsere geplanten Arbeiten. Er wird die Arbeiten koordinieren, zeitnah einen Kostenvoranschlag erstellen und die Arbeit und Arbeiter einteilen. Ein ruhiger, sympathischer Kerl. Wir hoffen, dass wir viel Freude gemeinsam haben werden. :-)

Das Gestell mit den vier Stützen bleibt solange wir an Land stehen

Ein Leben auf der Leiter hat begonnen.

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Mit dem Auto in den Osten

Mi., 24.Nov.21, Neuseeland/Opua, Tag 2734, 24.688 sm von HH

Am letzten Auto-Tag fahren wir nach Kawakawa – aufs Klo.
Friedensreich Hundertwasser, der fast 30 Jahre in Kawakawa lebte, hinterließ dem Ort kurz vor seinem Tod (2000) eine öffentliche Toilette in seinem typischen Stil. Krumme Fugen, bunte Fliesen, integrierte Skulpturen und Wände mit eingemauerten Flaschen. Das Klo ist die Hauptattraktion von Kawakawa. Es wird häufiger zum Fotografieren aufgesucht als zum Pinkeln. Männer auf der Damen-Toilette und umgekehrt, in Kawakawa ist das Normalität.
Das ist ganz witzig, letztendlich bleibt es allerdings ein öffentliches Klo mit dem dazu gehörenden eigentümlichen Geruch. Aber gegen die Toiletten in Neuseeland gibt es nichts zu meckern. An jeder Ecke vorhanden, sauber, und immer mit Toilettenpapier und Seife bestückt. Wobei ich gelesen habe, dass das Reinigungspersonal in Kawakawa über die vielen krunkeligen Fugen beim Saubermachen nicht begeistert sein soll.

So kann ein Eingang einer öffentlichen Toilette auch aussehen – im Hintergrund das Museum

Pinkeln bei den Herren

Das Damenklo

Der ganze Ort befindet sich im Hundertwasser-Rausch. Parkbänke, Hauswände und Parkstreifen sind in gleicher Art gestaltet. Das verleiht dem Ort ein buntes Flair. Das dazu gehörige Museum hat leider geschlossen.
Die zweite Attraktion ist eine alte Eisenbahn, die früher Kohle zum Hafen nach Opua transportiert hat – heute nostalgischer Touristenbummelzug.

Ganz Kawakawa ist bunt

Die alte Bahn in Kawakawa

Wir ziehen weiter. Heute sollen es Nebenstrecken der zerklüfteten Bay of Island sein. Nebenstrecken sind im Autoatlas weiße Linien und nicht asphaltiert. Unsere gewählte Schotterstraße befindet sich in einem Schlagloch freiem Zustand. Die Straßenkarte, die wir gekauft haben, ist gut, aber einen Ort zu finden, gestaltet sich ungewohnt. Unglaublich viele Orte fangen mit „W“ an. Alles Maori Namen, schwer zu merken und auseinander zu halten. Wir finden ‚Taranga‘ und ‚Aranga‘ auf der Karte. Da weiß man gleich, wo Atanga (Maori für „schön“ übrigens) eigentlich her kommt. ;-)

In der Pampa der Bay of Islands

Brücken sind einspurig und asphaltiert – der Rest der Straße besteht aus Schotter

Atanga – Bedeutung aus dem Te Aka Maori Dictionary

Überall auf Wanderwegen finden wir Fallen. Überwiegend Ratten- und Hermelinfallen. Bevor die Menschen Neuseeland betraten, gab es – bis auf eine Fledermausart- keine Säugetiere auf den Inseln. Entsprechend entwickelte die Vogelwelt keine Fluchtinstinkte vor Säugetieren, viele Vogelarten können gar nicht fliegen. Die Maori brachten die pazifische Ratte mit, die Weißen die Hausratte. Siedler setzten Kaninchen für die Jagd aus. Hermeline sollten der anschließenden Kaninchenplage ein Ende bereiten.
Nun setzten die Hermeline den Vögeln zu. Der Bestand der Kiwis, Nationalvogel und flugunfähig, ist in Gefahr. Ratten und Possums dezimieren die Pflanzenwelt, nicht nur Baumfarn und den schönen Pohutukawa. Neuseeland will bis 2050 alle Ratten und Hermeline frei werden. Ein ehrgeiziges Ziel – viel Glück und Erfolg. Erst sollen die vielen Halbinseln der Küste bereinigt werden, dann soll die Front an Fallen ausgedehnt werden und zusätzlich genetische Waffen zum Einsatz kommen.

Die Kiwis lieben ihren Kiwi sehr

Hermelinfalle

Da es uns in Russel so gut gefallen hat, führt unser Weg noch einmal dort hin. Diesmal mit kleiner Wanderung auf den Hausberg zur Rundumsicht auf die schöne Bucht. Dort entdecken wir dann unseren ersten Kiwi. Nein, halt, der Schnabel passt nicht … der Kiwi entpuppt sich als Weka. Ein ebenfalls flugunfähiger Bodenvogel.

Russel von oben

Ein Weka – kein Kiwi

Am Ende der Mietzeit des Wagens, steht natürlich noch ein Großeinkauf an.
Wir haben in den drei Tagen nur eine verhältnismäßig kleine Ecke der Nordinsel erkundet. Macht nichts, für einen ersten Überblick soll es reichen. Wir kommen wieder.

Eine kleine runde in drei Tagen

 

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Mit dem Auto in den Norden

Mo., 22.Nov.21, Neuseeland/Opua, Tag 2732, 24.688 sm von HH

Da Bus fahren nicht funktioniert, leihen wir uns ein Auto für drei Tage. Der Tagespreis beträgt 30 Euro. Das ist okay. Dazu kommt jedoch die optionale Rundum-Sorglos-Versicherung mit 13 Euro. Wir buchen das volle Paket. Besser ist das bei der ungewohnten Links-Fahrerei. Achim muss fahren. Mein letzter Versuch in Thailand vor zwanzig Jahren mit einem Motorroller ist noch unvergessen. „Denk dran, dass du links fahren muss“, erinnert mich Achim bei der Übernahme des Rollers. „Klar, kein Thema.“ Ich sprach‘s, fuhr vom Hof und landete direkt im Gegenverkehr. :mrgreen:
Achim ist allerdings fünf Jahre kein Auto mehr gefahren …

Das Auto ist kleiner als ein Einkaufswagen

Am ersten Tag ist das Wetter okay, aber leider die Sicht total diesig, neblig verhangen. Im Norden der Nordinsel hat die Besiedelung der Weißen von Neuseeland begonnen. Hier trafen sie auf die Ureinwohner, denen hier ebenfalls das sonnenreiche und subtropische Klima gefiel.
Recht schnell kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen, da die Maoris es nicht widerstandlos hinnahmen, dass die Engländer ihre Flagge in den Boden hauten und riefen: „Von nun an europäischer Boden“.

1840, ungefähr fünfzig Jahre später, als bereits 2000 Siedler im Land lebten, wurde der Vertrag von Waitangi aufgesetzt. Der ‚Treaty‘ ist bis heute Gegenstand von Diskussionen bei der Auslegung des Inhaltes. Die Übersetzung der Maori weicht ab von der Interpretation der englischen Version.
Die Stätte und das Gebäude an denen der Vertrag unterzeichnet wurde, ist heute ein Museum. Der Eintrittspreis ist mit 36 Euro pro Person so überzogen, dass wir auf die Besichtigung verzichten. Wir verpassen damit das größte Kriegskanu in Neuseeland – 88 Meter feinste Holzarbeit.

Nächster Stopp ist Kerikeri. Der quirlige Ort mit knapp 6.000 Einwohnern besitzt als Touristen-Attraktion das älteste Steinhaus Neuseelands – malerisch am Flussufer gelegen. Der schmucke Ort sieht nach Wohlstand aus. Das Sortiment an Läden ist weit reichend, deren Auslagen sind chic. Neben Fish-and-Chips-Buden gibt es einen Döner-Laden und richtige Restaurants.

Neuseelands erstes Handelshaus

Hübsch ist es in Kerikeri – immer wieder Baumfarn

Wir ziehen weiter nordwärts. Verlassen den Highway ‚twin-Ocean-Scenic-Route‘ auf Nebenstrecken, um es landschaftlich noch schöner zu haben. Hier wohnt nun kaum noch jemand. Kurvenreiche Straßen führen an die Küste zu Buchten mit Namen wie ‚One Million Dollar View‘.  Wir müssen uns den View mit einem Surfer und seiner ohne Sonne sonnenbadenden Freundin teilen. Ach, wäre doch nur das Wetter besser.

One Million Dollar View – heute müssen wir leider 950.000 Dollar abziehen

Der eine Million Dollar Strand bei Mistwetter

Durch endloses, unberührtes Buschland verlassen wir die ansprechende Küstenregion. Hier scheint die Natur noch in einem ursprünglichen Zustand. Über der Landschaft hängt ein süßlicher Geruch. Immer wieder schwappen betörende Duftwolken ins Auto. Er entströmt der Südsee-Myrte oder Manuka. Manuka-Honig soll bereits von den Maori gesammelt und als antiseptisches Heilmittel verwendet worden sein.

Millionen Blüten der Südsee-Myrte verströmen einen unglaublichen Duft

In der Mitte der Insel, zwischen Ost- und Westküste wird es landwirtschaftlich. Die Hügelketten sind abgeholzt. Kuhwirtschaft überwiegt. Dass Neuseeland vor Schafen überquillt, gehört der Vergangenheit an. Auf ehemals drei Millionen Einwohner kamen in den 80er Jahren 70 Millionen Schafe (so sagt man) – heute zählen auf fünf Millionen Kiwis keine 20 Millionen Schafe mehr.  Mit Kühen kann besseres Geld verdient werden. Die Preise für Wolle liegt am Boden.

Die Rindviecher sehen glücklich aus. Ganzjährig weiden sie auf den Wiesen. Jetzt im Frühling stehen sie knietief im blühenden Wiesenkerbel, zwischen Hahnenfuß und Wilder Möhre. Ein hübscher Anblick. Eine überlastete einseitige Kulturlandschaft, die schöner nicht aussehen könnte. Wildromantisch.
Die eingeschleppten oder bewusst mitgebrachten Pflanzen aus Europa und Amerika sollen bereits dreißig Prozent der nur in Neuseeland vorkommenden Pflanzen verdrängt haben.  Ein nicht umkehrbarer Prozess. Sorgenfalten kann einem der Bambus auf die Stirn einbrennen. Dieser wird als Windbrecher und Heckenersatz gepflanzt. Ein Wuchermonster vom übelsten, der seine Rhizome in alle Richtungen ausstreckt.
So arg  wie die ökologische Katastrophe für Neuseelands endemische Pflanzen auch ist, so ist die Mischung aus bekannten und nie gesehenen Pflanzen ein Augenschmaus.

Früher war Neuseeland komplett bewaldet

Heute ist noch ein Prozent vom ursprünglichen Wald erhalten

Viehwirtschaftlich geprägte liebliche Landschaft

Abseits der Touristen-Orte bekommen die Ansiedlungen ein anderes Gesicht. Das große Geld fehlt augenscheinlich. Eine Hauptstraße mit Tankstelle, ein Mini-Market und eine Kirche. Das war’s. Man muss schnell bremsen, sonst ist man auch schon direkt am Dorfende angekommen. Jobs gibt es nur in der Landwirtschaft. Die Quote der Maoris zu Weißen ist hier am höchsten. Die Arbeitslosenquote auch. Zwischen 30 und 50 Prozent der Einwohner zählen zu den indigenen Ureinwohnern – bei einem landesweiten Anteil von 15 Prozent.
Unser Weg führt weit durch die Agrar-Mitte, bevor wir abends fehlerfrei und noch immer linksseitig in Opua ankommen.

Kaeo – ein typisches Cowboy-Nest in der Mitte – weit weg von den Küsten

Der ernstgemeinte und aktive Friseur in Kaeo

Der zweite – moderne- Friseur – drei Häuser weiter

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Der gescheiterte Versuch Bus zu fahren

Do., 18.Nov.21, Neuseeland/Opua, Tag 2725, 24.688 sm von HH

Mit dem Rad wird das nix. Wir wechseln also das Transportmittel, steigen auf die Autofähre und fahren auf die gegenüberliegende Seite der Bucht. Dort wartet ein Wanderweg nach Russel auf uns, in Russel eine Personenfähre und am Nachmittag der einzige Bus des Tages von Paihia zurück nach Opua.
So der Plan.

Es geht gut los. Der Wanderweg ist abwechslungsreich und führt durch geheimnisvollen Wald mit Baumfarn und anderen Exoten. Unweigerlich muss man an den ‚Herrn der Ringe‘ denken und erwartet jeden Augenblick Elben um die Ecke kommen zu sehen. Wir bleiben aber allein.
Tapfer kraxeln wir bergauf, bergab. Die Strecke wird anstrengend. Nach vier Kilometern erreichen wir eine weitläufige Bucht. Endlich ist es ebenerdig. Über Holzplanken geht es durch die Mangroven, vorbei an Schilf und noch jungen Rohrkolben. Leider ist der Wanderweg dann häufig unterbrochen und wir müssen parallel zur Straße laufen. Es herrscht zwar wenig Verkehr, im Wald war es trotzdem besser.

Unser erster Wald mit Baumfarnen – mystisch

Der Weg verläuft durch Röhrich

und Mangroven

Frühling liegt in der Luft

Nach neun Kilometern erreichen wir Russel. Ein Vorzeige-Touristen-Ort der ersten Güte. Hübsch. Schmucke Holzhäuser mit viktorianischem Flair stehen hinter adretten Staket-Zäunen. Alles ist frisch getüncht, aufgeräumt und akkurat. Außer uns beiden gibt es keine Touristen. Ausländer dürfen ja seit anderthalb Jahren nicht mehr ins Land und Auckland, mit einem Drittel der Einwohner Neuseelands, befindet sich in Level 3 Lockdown. Das bedeutet, die Auckländer dürfen ihren Bezirk nicht verlassen und umgekehrt aus Level 2 darf man nicht in Level 3 Gebiet einreisen. Keine Urlauber, keine Tagesgäste.
Achim fällt es als erstes auf: Russel wirkt wie die Stadt in der Truman Story. „Guten Morgen, und falls wir uns nicht mehr sehen, guten Tag, guten Abend und gute Nacht.“ Wie Schauspieler sitzen die Menschen in den Geschäften und Restaurants und fangen nach Regieanweisung an mit uns zu interagieren. Unheimlich. Zu viele Touristen sind blöd, aber keine Gäste in so einem Ort sind beklemmend.
In der Touristeninformation kaufen wir einen Auto-Atlas. Drei Statisten sitzen in dem menschenleeren Raum hinter ihren Schreibtischen. Dass wir etwas kaufen wollen, darauf hat sie keiner geschult. Die ältere Dame ist überfordert, benötigt die Hilfe eines Kollegen und fünfzehn Minuten Zeit, um uns abzukassieren.  „Guten Morgen, und falls wir uns nicht mehr sehen … „

Russel ist adrett

aber menschenleer

Feige und Häuser stammen aus dem 19ten Jahrhundert

Die Bucht von Russel – die ersten Pōhutukawa Bäume blühen bereits

Neuseelands älteste erhaltene Kirche steht in Russel

Die erste weiße Frau geboren in Neuseeland – eine komische Grabinschrift

Wir verlassen Russel mit der Fähre nach Paihia. Natürlich kaufen wir noch etwas ein. Wenn wir schon am Supermarkt sind, dann soll es sich auch lohnen und der Bus kommt ja in einer Stunde. Gemüse, Fleisch, Obst. Und klar darf es noch ein Kilo Kartoffeln extra sein für den Rucksack. Beim Autoatlas ist noch Platz.

Wir geben dem Bus fünfzehn Minuten Verspätung. Mehr Zeit kann man auf den autoleeren Straßen hier im Norden nicht verlieren. Warum er nicht kommt, können wir nicht klären. Laut Internet-Seite fahren die Busse in Corona-Alarm-Level 2 planmäßig. Egal, er kommt nicht.
Jetzt liegen überraschend weitere sechs Kilometer Fußmarsch vor uns. Nach der Wanderung vom Vormittag und der Russel-Besichtigung muss das nicht wirklich sein. Ich halte den Daumen raus. So lange bis sich der Fußweg nach Opua von der Straße trennt. Liegt es an Corona oder weil man im Ort schlecht anhalten kann? Ich bin jedenfalls erfolglos. Die Strecke am Wasser entlang ist kürzer, also wenden wir uns von der Straße ab und trotten los. Achim bekommt die extra Kartoffeln und den Autoatlas.
Nach zwei Kilometern treffen Wanderweg und Straße erneut aufeinander. Ich versuch es wieder mit dem Daumen. Year! Gleich der zweite Wagen hält an. Ein mittelältlicher Bauarbeiter mit dem totalen Chaos und Dreck im Auto. Ihm ist Corona egal. Er nimmt uns maskenlos und selbstverständlich gerne mit. Er strahlt, dass er uns einen Gefallen erweisen kann. Läuft in Neuseeland.

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