Tag 8-Santa Marta- Die Ankunft

Mo., 03.Jul.17, Kolumbien/Santa Marta, Tag 1129, 11.837 sm von HH

Dröhnendes Donnergrollen ersetzt den Wecker.
Um uns herum toben Gewitter und Wetterleuchten. Blitze zucken über Land und auf See. Wir verschieben unsere frühe Abfahrt um eine Stunde. Um 5:15 Uhr ist das Unwetter nach Westen abgezogen. Mit der Morgendämmerung, etwas Sprühregen und bei Windstille laufen wir aus.
Bis Mittag soll Flaute bleiben, sagt die Vorhersage.

Unsere Rechnung geht auf. Wir bleiben landnah und sind somit nur leichtem Schwell ausgesetzt. Viel früher als geplant, erreichen wir den nördlichsten Punkt unserer letzten Etappe. An dieser Stelle ergießt sich der ‚Rio Magdalena‘, Kolumbiens wichtigster Fluss ins Meer. Nicht mit einem riesigen Delta, wie Orinoco oder Amazonas, sondern nur knapp einen Kilometer breit. Durch einen Damm noch künstlich verschmälert.

1500 Kilometer Weg liegen hinter ihm. Genug, um mächtige Baumstämme und Schlamm mitzubringen. Das Meer sieht aus wie Elbwasser. Inseln aus krautigen Uferpflanzen, groß wie Fußballfelder, ziehen an uns vorbei.

Dort wo der Damm endet, können wir, schon Meilen voraus, eine kilometerlange Brandungswelle erkennen. Misstrauisch schippern wir näher. Das Wellenbild wird immer konfuser, die anderthalb Meter hohen Wellen haben Schaumkronen, laufen wirr durcheinander. Alien-Wasser!

Die Strömung des ‚Magdalenas‘ steht hier gegen die Strömung der See und sorgt für diese Turbulenzen. Als wir aus dem Strömungs-Schatten des Dammes heraus kommen schieben uns fünf Knoten Strömung nach Norden. Um uns herum nur noch Kraut, Äste und Stämme. Eine fiese Hacksee stößt uns wie einen Korken hin und her. Spooky.

Nach 30 Minuten ist der Zauber vorbei. Wir sind durch.

Und dann ein Wunder. Eine leichte Brise kommt auf. Aus Norden. Wir setzten Segel und haben den Wind schräg von hinten. Ein Wunder. Ein wunderbares Wunder.
Dazu schieben uns Reste vom ‚Magdalena‘ oder andere Mächte mit über zwei Knoten vorwärts.

Der Wind ist schwächlich. Aus eigener Kraft schaffen wir nur 1,5 Knoten, machen dank der Strömung vier Knoten über Grund. Für die Geschwindigkeit ist es noch zu weit, 30 Meilen. Eine Ankunft im Dunkel ist so garantiert.

Nach 20 Minuten schauen wir uns in die Augen: „Scheiß auf den verbliebenen Diesel, scheiß auf Global Warming ( :oops: ).“

Segel runter, Motor an. :-) Mit sieben Knoten rauschen wir auf Santa Marta zu. Na, bitte. Der Plotter zeigt die neue Ankunftszeit: 17:00. Großartig.

Und exakt so tritt es dann auch ein. Jetzt liegen wir in der Marina und sind glücklich.
Rest Meilen nach Ost: 0

Tag 7-Santa Marta- Weicheirige Buchten-Lieger

So., 02.Jul.17, Kolumbien/Puerto Velero, Tag 1128, 11.778 sm von HH

Natürlich erreichen wir die Bucht erst im Dunkeln.
Das macht aber nichts. Die Bucht ist eine hakenförmige Landzunge, einen knappen Kilometer breit und besteht aus langsam flacher werdendem Sandgrund. Zusätzlich ist der Kolumbianer so nett und hat Tonnen wie auf der Elbe in die Bucht gepflanzt. Grell leuchten die funktionierenden Lampen uns den Weg. Es ist trotzdem aufregend bei Dunkelheit in eine unbekannte Bucht zu fahren.

Der Anker hält auf Sand in vier Meter Tiefe. Tiefe Ruhe umfängt uns. Keine Welle, kein Schwell. Ein Hund bellt, das ist alles, was wir hören. Es gibt noch einen Happen zu Essen, ein Bier und um 22:00 Uhr sinken wir tot ins Bett.

Der Morgen zeigt, dass wir in einer dünn besiedelten Bucht gelandet sind, die als Freizeit-Bespaßung für Kolumbianer aus den nahe liegenden Städten Santa Marta und Catagena zu dienen scheint.
Eine Schwimmtruppe zieht schon um 7:00 Uhr durch die Fluten, Gummi-Hüpfburgen warten auf Gäste, Jet-Skis und Kiter, alle nutzen den freien Sonntag.

Wir nutzen das freie Internet, was über die Bucht schallt. Nette Sitten haben die hier in Kolumbien, überall Internet zur Verfügung zu stellen.

Wir lassen das Schiff so schmutzig wie es ist. Das Cockpit wird flüchtig entsalzen und Dreckwäsche wird eingesammelt.
Morgen geht es schon weiter, es wäre verschwendete Lebenszeit die Brotkrümel vom Fußboden zu fegen. :oops:

Achim kümmert sich um das ausgefallene AIS.
Stecker werden gereinigt, Wackelkontakte gesucht. Während einer Versuchsreihe mit diversen Steck-Kombinationen von GPS-Antennen geht es plötzlich wieder. Vielleicht doch Korrosion? Kabelbruch wird ausgeschlossen.

Ich nähe unsere ausgefledderte Gastlandflagge und poliere unseren Wasserkessel.
Mein reden, segeln macht doch ein wenig gaga. :lol:
Wie zum Beweis fängt Achim einen Fender an zu schrubben, der ohne dass wir ihn benutzt hätten, schmierige Ränder aufweist, die unser Dinghy einsauen.

Der Wind vor dem wir geflohen sind pfeift über den Ankerplatz.
Die Wetterbilder zeigen draußen überall orangenen Wind. Dauerhaft 32 Knoten soll das bedeuten. Wir gratulieren uns zu unserer Flucht.

Morgen früh um 4:00 Uhr geht es witer. Vor uns liegen 55 schwierige Meilen.
Erst 20 Meilen Nord-Ost, dann noch mal 35 Meilen Ost. Die Vorhersage bringt grünen Wind, allerdings dürfte draußen noch eine alte Welle stehen, gegen die wir ankämpfen müssen.

Kennen wir ja jetzt schon. Das ist überlebbar, aber man kommt halt nur sehr langsam voran. Und dann die Strömung… :shock:
Der schwache Wind soll mittags auf nördliche Richtungen drehen. Schaun wir mal.
Wir rechnen damit wieder erst im Dunkeln anzukommen. Vor der Marina in Santa Marta soll man ebenfalls einfach ankern können.

Rest Meilen nach Ost: 48

Noch ein paar Fotos der vergangenen Tage.

 

Tag 6-Santa Marta- Segel Drückeberger

Sa., 01.Jul.17, Karibisches Meer, Tag 1127, 11.770 sm von HH
Die Ereignisse überschlagen sich. Ich beginne mit meinem persönlichen Waterloo. Ein Freiflug quer durchs Schiff. Von der Pantry bis in die Navi-Ecke. Dort bremst mich Achims Bein aus, sonst wäre ich mit dem Kopf noch aufs Holz geknallt. So ist nur das Steißbein hässlich geprellt. Sitzen ist nicht mehr so toll. Der weise Spruch ‚eine Hand fürs Schiff‘ war beim Abwasch in Vergessenheit geraten. Zum Glück hatte ich nicht noch das Kartoffelschäl-Messer in der Hand, sonst wird man bei solch einem Flug leicht zur Gatten-Mörderin. :mrgreen: Der Tag beginnt, nach der tutti Nacht, mit Flaute. Schon wieder. Ein Hauch von Wind zwingt uns den Jockel anzuschmeißen. Das hält elf Stunden bis zum Nachmittag an. Das Meer liegt glatt vor uns als jemand die Windmaschine anwirft. Innerhalb einer Stunde erst Segel setzten, dann Segel 1. Reff, Segel 2.Reff, Segel 3. Reff. 15 Knoten Wind, dann 20. Zwei Meter Welle stehen auch gleich zur Seite, um zu helfen, es ungemütlich zu machen. Es wird dunkel, wir gehen so in die Nacht. Meine Wache bis 2:00 Uhr ist noch ganz okay. Achim bekommt es dann dick: dauerhaft 25 Knoten, Boen wieder deutlich in den 30ern. Windrichtung 70 Grad, genau da wollen wir hin.
Um 6:00 Uhr, als er mich weckt, sind wir in der Nacht 34 Seemeilen gesegelt und haben 4 (in Worten vier) Meilen in die richtige Richtung gut gemacht. Es ist zum Heulen. Der aktuelle Wetterbericht legt noch einen drauf: der Wind wird zunehmen.
Irgendwann ist mal Schluss. Wir wissen wie Material und Menschen fressend noch mehr Wind sein kann. Wir brauchen einen Plan B. Mit dem Wind ablaufen und zurück segeln kommt nicht in Frage. Aber im Nord-Osten ist das Land nicht weit. Zum Greifen nah. Eine Ankerbucht nur 37 Meilen entfernt. Das klingt verlockend. Das klingt nach dem Paradies. Allerdings bedeutet dies, Segel runter und bei 25 Knoten genau gegen den Wind diese Meilen zu motoren. Wir brauchen fünf Minuten und die Entscheidung ist getroffen. Man darf uns gerne Segel-Drückeber schipfen. Ein Zuckerschlecken wird motoren ebenfalls nicht, aber es ist ein Leiden mit Ende. In zehn, zwölf Stunden sollte das abgearbeitet sein. Die Süd-Ost Strömung, die verhindert hat, dass wir heute Nacht voran gekommen sind, wird uns helfen. Wir nehmen Kurs.
Die ersten zwei Stunden läuft es gut. Der Autopilot kommt gut mit den Wellen klar. Dann nimmt der Wind zu, die Wellen werden höher, wir werden aus dem Ruder geworfen und auf den alten Kurs zurück zu gehen, schafft unser Autopilot nicht. Wir müssen per Hand Ruder gehen. Das ist etwas, was man auch im Stehen machen kann, also muss das Crew-Mitglied mit Sitzfleisch-Problemen ran. :mrgreen:
Atanga macht einen guten Job. Die meisten Wellen durchschneidet sie butterweich. Der Wind legt einen drauf, die Wellen auch. Spaß macht das nicht. Alle fünfzehn Minuten kommt ein besonderes Exemplar auf uns zu gerollt. Steil. Mit weißem, brechenden Kamm. Drei Meter hoch, vielleicht vier. Wie im Film ‚der Sturm‘ steigt Atanga die Welle hoch. Der Bug steht in der Luft. Zwei, drei Meter hängen über dem Wellen-Kamm. Wir scheinen einen Moment schwerelos zu verharren. Dann kommt der Bauchklatscher. Mit einem lauten Knall fallen wir ins Wellental. Die Gischt spritzt Meter hoch. Wir werden auf einen Knoten Speed ausgebremst. Nach sechs Stunden wird es ruhiger. Der Autopilot kann wieder ran. Die Landabdeckung drückt die Wellen auf anderthalb Meter runter. Alles wird erträglicher. Land kommt in Sicht. Jetzt ist es 17:00 Uhr und wir hoffen noch vor dem Dunkelwerden unsere Bucht zu erreichen.
Rest Meilen nach Ost: 57

Tag 5-Santa Marta- AIS Ausfall

Fr., 30.Jun.17, Karibisches Meer, Tag 1126, 11.683 sm von HH
Negatives? Wir empfangen keine AIS Signale mehr. Wahrscheinlich ein Ausfall der GPS Antenne. Der Plotter arbeitet noch normal. Jetzt bekommt das Wort ‚Nachtwache‘ wieder eine tiefere Bedeutung. Wir selber senden noch ein AIS Signal, aber das ist nur der halbe Spaß. Wie entspannt ist es, wenn man in stockdunkler oder stressiger Nacht nur auf das kleine Dreieck klicken braucht und alle Informationen sofort vor Augen hat: „Tanker Victoria zieht im Abstand von 3,5 Seemeilen in 30 Minuten vorbei.“ Coole Technik. Nur an Hand der Lichter eines Frachters die Entfernung und genauen Kurs abzuschätzen ist schwierig. Letzte Nacht hatten wir drei Nahbegegnungen. Einen Frachter anzurufen, dessen Namen man nicht kennt und dessen Position man nur schätzen kann, wird alles machen, nur nicht antworten. Erst beim dritten, vierten Mal geht, vielleicht, jemand an die Funke.
Das haben wir bislang noch nicht erlebt. Wenn mein ein Schiff beim Namen ruft, ist direkt beim ersten Funkkontakt jemand am Rohr. AIS – für uns unverzichtbar. Die Vorstellung von unbemannten Ozean-Riesen eine Horror-Vorstellung. Eine Roboter-Stimme krächzt ins Mikro: „Ich habe Sie nicht verstanden. Wenn Sie Fragen zu Ihrem Vertrag haben, wählen Sie bitte die zwei.“ :mgreen: Positives? Bevor ich jetzt als Dauer-Nörglerin abgestempelt werde: zu wenig Wind, zu viel Wind, Wind aus der falschen Richtung…die letzten 24 Stunden waren gut. Wir sind durch Strömung zeitweise mit über sieben Knoten in eine brauchbare Richtung vorwärts getrieben worden. Der Wind war zwischen 16 und 20 Knoten gut erträglich. Also, alles tutti.
Und deswegen – sensationell – nur noch Rest Meilen nach Ost: 108

Tag 4-Santa Marta- Sechs, in Böen sieben

Do., 29.Jun.17, Karibisches Meer, Tag 1125, 11.560 sm von HH
Mein schönes Schiff. Mein schönes, sauberes Schiff. Alles ist salzig, glitschig. Gischt fliegt uns um die Ohren, das Deck ist dauergeflutet, welcome back auf Ihrer Glücksreise hoch am Wind. Atanga nickt sich wie eine Erdölpumpe Richtung Süd-Ost. Uns kommen Wellen von drei Metern entgegen, der Wind heult, es rauscht, lärmt und gurgelt.
Meine Seekrankheit ist auch zurück. Die Pantry ist fürs erste wieder gestorben. Der Nudelkoch macht was mit Eiern. Er sagt es als erster: „Schmeckt wie eingeschlafene Füße.“
Wir fahren dreifach gerefft durch die Nacht. Eine Entscheidung von Achim, somit nicht Haussegen gefährdend. ;-) Heftige Böen und dazu Wetterleuchten. Da meint es jemand etwas zu gut mit uns, hatten wir nicht so bestellt.
Wenn wir den Kurs wechseln wollen, schafft Atanga so stark gerefft keine Wenden, wir müssen dann halsen (mit dem Hintern durch den Wind drehen). Dabei kommen wir einen kurzen Moment den Wind von hinten. Was für ein Unterschied. Nichts mehr los worüber es sich lohnen würde auch nur ein Wort zu verlieren.
Wir haben wieder Wasser im Schiff. Der Dorade-Lüfter im Salon drüppelt ein wenig vor sich hin. Das verwundet uns nicht, außer sauber, haben wir mit dem Ding nichts gemacht. Wir haben auf Selbst-Reparatur gebaut. :mrgreen: Der ‚behandelte‘ Lüfter vorne ist trocken. Na, bitte, geht doch. Die neu abgedichteten Püttinge (Beschläge an Deck für die Wanten, die mit dem Rumpf verbolzt sind) sind dicht. Darf man behaupten, 24 Stunden Dauertest sollten als Beweis genügen.
Hurra. Kein Wasser mehr hinter der Backbord Sitzbank. Dafür jetzt hinter der Steuerbord Bank. Ganz neue Erscheinung. Okay, dann bekommen die Püttinge auf dieser Seite die gleiche Behandlung. Mein schönes sauberes Schiff. Good bye Santa Marta.
Warum noch mal Kolumbien? Doch nicht nur, weil eine Entführung kostenlos wäre.
Auf uns warten ‚verlorene‘ Städte, Unesco Städte, Berge fast 6000 Meter hoch, Dschungel und traumhafte Strände. Und die mausgroßen Kakerlaken. Wehe, wenn der Reiseführer lügt.
Rest Meilen nach Ost: 200