Läuft!

Mi., 09.Okt.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1956, 18.962 sm von HH

Unsere Ersatzteil-Beschaffung klappt besser als wir heimlich befürchtet hatten. Das Radar landet dank eines fähigen Agenten zollfrei bei uns im Cockpit. Ohne Agenten soll es nahezu unmöglich sein, hochpreisige Waren aus dem Zollbereich zu bekommen.
Jetzt hängt das neue Teil an seinem angestammten Platz. Die Gebühren für den Agenten (immerhin 190 USD) bekommen wir ja vielleicht sogar von Raymarine erstattet.

Die Winsch-Lieferung verzögert sich um acht Tage. Normal – willkommen in Tahiti. Man bekommt hier zwar alles, die Frage ist nur wann. Die neue Wisch hat die gleichen Maße wie die alte, somit sollten alle Bohrlöcher und Bolzen passen. Aber die Demontage hat es in sich. Mit Hilfe einer Mastwisch und Fall; und beherzten Schlägen auf den Hinterkopf gibt sie dann doch endlich auf. Die alten Bolzenlöcher passen zwar, aber ein massiver Metall-U-Träger, der unter Deck als Kontersicherung festgeschraubt war, zeigt sich wiederborstig. Korrodiert, wie er ist, braucht er zunächst etwas Pflege. Außerdem sind die Gewinde ausgeschlagen.
Aber zwei Tage später, grad rechtzeitig zum Geburtstag, kann ich mein Geschenk in den Armen halten.

Die alte Winsch wehrt sich noch

Kerze oben drauf – drei, zwei, eins … meins!

Somit sind die großen Projekte nun abgearbeitet. Bleibt noch der Segler-Dreikampf: Großeinkauf, Wäsche waschen und Staulisten anlegen.
Das zieht sich noch ein paar Tage, aber dann geht es weiter. In der Zwischenzeit gehen wir abends hin- und wieder ‚Roulottes‘ essen. Das sind Imbiss-Buden, die allabendlich am Hafen aufgebaut werden. Da Restaurant-Besuche so teuer in Papeete sind, hat sich eine preiswerte rollende Subkultur entwickelt. Neben den umgebauten Bullis köcheln Pötte auf großen Flammen, werden Woks und Grills aufgebaut. Es gibt Burger mit Bergen von Pommes oder pikante China-Pfannen, gegrillter Fisch oder ‚Poison Cru‘.
Zur Touristen-Attraktion aufgestiegen, sind die ‚Roulottes‘ zwar nicht mehr so günstig, wie es mal begonnen hat, aber eine schmackhafte Weise abends Essen zu gehen.
Wenn wir Glück haben und gerade ein Kreuzfahrt-Schiff im Hafen liegt, spielt eine Band Ukulele und anschließend treten die wilden Tänzer von den Marquesas auf.

Roulottes

rollende Imbiss-Buden

Tänzer von den Marquesas – immer wieder nett

Schweißtreibende Tänze

Ein neues Segel-Video

Fr., 04.Okt.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1951, 18.962 sm von HH

Unser bislang längster Törn – von Ecuador auf die Osterinsel: ein Boot, zwei Menschen, 2400 Seemeilen, 24 Tage.

Ist ja schon eine Weile her, aber trotzdem viel Spaß!

Ein Boot, zwei Menschen, 2400 Seemeilen, 24 Tage

Ein Boot, zwei Menschen, 2400 Seemeilen, 24 Tage

TMS – tödlicher Männer-Schnupfen

Sa., 28.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1945, 18.962 sm von HH

Nur, dass es mich erwischt hat. Mit trockenem Husten, der nachts das ganze Schiff wach hält und verstopfter Nase. Macht bei 30 Grad genauso wenig Spaß wie bei 4 Grad Nieselregen. Ich kann bei Erkältung ebenso gut wie ein Mann leiden und erwarte ebenfalls, dass ich daran sterben werde. Den Tiefpunkt habe ich überstanden, es war heute schon besser.
Dem Skipper geht es inzwischen wieder prima: Fuß gut, Zahn gut, Auge gut!

Warum wir trotzdem nicht weiter fahren? Wir warten. Und zwar auf mein Geburtstags-Geschenk. Da freut frau sich aber. :lol: In die Hände klatsch. Das habe ich mir schon immer gewünscht. Es gibt dieses Jahr eine neue Ankerwinsch.
Der Frachter auf dem das gute Stück geliefert wird, wird am 2. Oktober in Tahiti erwartet. Dann muss die Winsch noch durch den Zoll, aber am Freitag, spätestens Montag, können wir sie wahrscheinlich abholen. Die alte Winsch hat es hinter sich. Sie kann den Anker seit geraumer Zeit nur noch hoch ziehen, die Passfeder ist ausgejuckelt und hat auch sonst ihre Mucken. Bei den tiefen Ankerplätzen, die auf uns zu kommen im nächsten halben Jahr brauchen wir eine tüchtige Winsch.

Und wir warten auf ein neues Radar. Beim Einlaufen in Tikehau meldete das Teil unerwartet aus dem Nichts ‚Selbsttest abgebrochen‘. Was soll das nun wieder? Auf eine Nachfrage bei Raymarine erhalten wir ohne Zögern die Auskunft ‚kaputt, Hardware-Fehler‘. Das Radar wurde nach unserem Blitzschlag neu eingebaut, ist also 1,5 Jahre alt und hat noch Garantie.
Zunächst zeigt sich Raymarine etwas spröde: „Im Südpazifik gäbe es keine Händler, wir können nicht helfen, erst wenn Sie sich wieder in der Nähe von autorisiertem Personal befinden.“ Die Nummer eins in Yachtelektronik – Eigenwerbung – kann nicht helfen.
Ein paar Mails später hat Achim Raymarine weich gekocht. Aus Australien liefert man uns nun einen neuen Radar-Dom. Das Tracking sagt, er ist bereits in Neuseeland angekommen und durch die Zollabwicklung durch. Ankunft erwartet: noch diese Woche. Den kaputten Radar müssen wir mit zum Zoll nehmen, der wird vernichtet und wir halten dann einen neuen Radar in den Händen. So die Hoffnung.

Sobald wir mit Warten fertig sind, geht es weiter. Noch sind wir im Zeitplan, spätestens am 15. Oktober wollten wir hier weg. Die Zeit ist nicht verschwendet, sondern die ewigen (und ewig langen) ‚to-do-Listen‘ werden abgearbeitet.

Industrie-Romantik

Und während wir warten, genießen wir den Blick auf Moorea, die schöne Schwester Tahitis.

Ein schöner Morgen auf dem Markt

So., 22.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1939, 18.962 sm von HH

oder ‚Wie ich das teuerste Fleisch meines Lebens kaufte‘. :mrgreen:
Dabei dachte ich, nach über fünf Jahren auf den Welt-Märkten alle Tricks zu kennen.

Unter der Woche ist der Markt in Papeete ganz nett, aber erst am Sonntag tobt dort das Bärchen. Die Händler und Bauern aus den umliegenden Dörfern bieten ihre Produkte an.
Man findet fertig gekochte Gerichte und die Chinesen verkaufen gegrilltes Fleisch. Knusprigen Schweinebraten in kleine Stücke gehackt.
Den will ich haben. Mit einer Preisinformation im Kopf von 1000 Franc (gleich 10 USD) pro Kilo bestelle ich ein halbes Kilo. Regina von der ‚Jasina‘ spricht Französisch und hilft beim Dolmetschen.

Fertig gekochte Mahlzeiten – leider alles in Plastik

Zahlen fliegen durch die Luft, ich verstehe nicht richtig. Der Chinese auch nicht. Er legt ein Kilo Fleisch auf die Waage. Das sagt zumindest die Waage. Der Berg sieht klein aus für ein Kilo. Das registriere ich ohne, dass die Info meinen Verstand erreicht.
Ich soll plötzlich 3000 Franc bezahlen. Hm, warum das denn, wenn ein Kilo doch nur 1000 kostet? Regina übersetzt, dass der Kilopreis 2800 Franc beträgt. Okay, ich möchte noch immer den köstlichen Schweinebraten, der mir das Wasser im Mund zusammen laufen lässt. Ich deute meinem Verkäufer, dass ich aber nur die Hälfte haben will. Wieder fliegen Zahlen durch die Luft. Die 500 Gramm irritieren, da alle anderen Kunden wohl nach einem bestimmten Geldbetrag (meistens 500 Franc) ihr Fleisch ordern, nicht nach Gewicht.
Es wird Fleisch von der Waage genommen. Der verbleibende Rest auf der Waage sieht nun endgültig mickrig aus (wieder erreicht diese Info nicht mein Gehirn).
Ich gebe einen großen 10.000 er Schein zum Bezahlen. Das ist kein Problem. Mein Verkäufer deutet einen Kollegen, den Schein wechseln zu gehen. Es wird weiterhin viel gesprochen. Viele Zahlen schwirren durch die Luft. Ich bin bei Bahnhof angekommen. Mein Fleisch wird in Papier eingeschlagen. Das Wechselgeld wird mir korrekt überreicht: 8.500 Franc.
Regina und ich schlendern weiter über den Markt. In meinem Unterbewusstsein fängt es an zu klingeln -irgendwas stimmt nicht mit dem Fleisch.

Köstliche Braten – dieser Verkaufsstand war es nicht

Zurück an Bord erzähle ich Achim, dass es abends Schweinebraten geben wird. Er nimmt das Paket in die Hand: „Warum hast du kein Fleisch für dich mitgebracht?“ Ich gucke ihn an. „Du willst mir doch nicht erzählen, dass du für das Häufchen 15 USD bezahlt hast?“ Ich nicke unglücklich. Um noch Salz in die Wunde zu streuen, holt Achim eine Waage. Es sind 200 Gramm inklusive Papier. Macht einen Kilopreis von 75 Dollar. Trau, schau, wem. :mrgreen:

Nachtrag zum Geschmack: Natürlich war der Braten vortrefflich. Musste er ja sein, bei so einem Preis.

Viel zu kleine Riff-Fische im Angebot – wie überall auch hier keine Nachhaltigkeit

Blumenkranz-Produktion auf dem Markt

Papeete – eine Wiedergutmachung

Sa., 21.Sep.19, Franz.Polyn./Tahiti/Papeete, Tag 1938, 18.962 sm von HH

„Seelenlose Stadt, im Verkehr erstickender Beton-Klotz, keine besonderen Sehenswürdigkeiten“ … , ich muss schlechte Laune gehabt haben bei meinem ersten Bericht über Papeete. Wen wundert’s, wenn man zweimal durchs Industrie-Gebiet gehetzt wird?
Ich befinde mich in guter Gesellschaft: Paul Gauguin war vor 130 Jahren ebenfalls enttäuscht. Zu europäisch kam ihm Papeete vor. Zuviel der polynesischen Kultur wurde bereits durch westlichen Einfluss verdrängt. Er wechselte frustriert seinen Wohnsitz auf die Marquesas.

So weit wollen wir nicht gehen, denn sooo schlimm ist Papeete nun doch nicht. Die Stadtmarina liegt im Herzen Papeetes. Mitten drin. Mit allen Nachteilen eines ‚mitten drin‘. Wir parken direkt an der vierspurigen Promenadenstraße. Die Autos fahren quasi übers Vorschiff, während am Heck von Atanga dicke Kreuzfahrschiffe fest machen. Den ganzen Tag flanieren Touris und Einheimische am Schiff vorbei. Damit sie gute Sicht auf uns haben, ist das Geländer aus Plexiglas.
An Steuerbord gibt es eine dicke Baustelle, da das Marina-Office umgebaut wird. Das bedeutet keine Duschen, kein Internet, keine Waschmaschine. Das mit der fehlenden Dusche ist das Unerfreulichste. Schließlich fahren wir nur noch wegen der Duschen in eine Marina. Im Schiffsbad zu duschen, bringt Feuchtigkeit bei sowieso schon hoher Luftfeuchtigkeit in die Bude. Auf der Badeplattform ist es peinlich. Den Fußgängern möchten wir den Anblick von unappetitlicher Wühlerei in Bade- und Bikinihose ersparen. Bleibt noch verschämt im Cockpit-Loch hinter dem Ruder in der Hocke eine Dusche zu nehmen. Alles doof – Seglerschiksal.

Dicker Pott im Rücken

Die Vorteile liegen auf der Hand, in fünf Minuten auf dem Markt, in fünfzehn Minuten im Supermarkt. Zahnarzt gleich um die Ecke, frisches Baguette zum Frühstück.
Im Regierungsviertel ist es aufgeräumt und gedämpft. Eine wunderschöne Allee spendet Schatten und Ruhe. In schick restaurierten Kolonialbauten befinden sich diverse Ministerien.

Streetart in Papeete

Regierungsgebäude in Papeete

Es findet sich überall in der Stadt Streetart und Schuhläden zum Stöbern. Macht auch mal wieder Spaß. Und abends geht in der Marina das Unterwasser-Licht an. Dann liegen wir mondäner als in Monaco. Geht doch.

Atanga am Luxus-Steg

Der Abendverkehr rauscht an uns vorbei